Das erinnernde und das erlebende Selbst

Was ist mit erin­nen­dem und erle­ben­den Selbst gemeint? Du erin­nerst dich an einen Urlaub als schön – aber wenn du ehr­lich bist, warst du die meis­te Zeit gestresst. Du erin­nerst dich an ein Gespräch als ange­nehm – aber im Moment hat es dich erschöpft. Und umge­kehrt: Du weißt, dass du gera­de etwas Schö­nes erlebst – aber die Erin­ne­rung dar­an wird ver­blas­sen. Wer bist du eigent­lich – der­je­ni­ge, der erlebt? Oder der­je­ni­ge, der sich erinnert?

Zwei mal Selbst in einem Kopf

Der Psy­cho­lo­ge und Nobel­preis­trä­ger Dani­el Kah­ne­mann hat eine Unter­schei­dung ein­ge­führt, die ver­blüf­fend ein­fach ist und gleich­zei­tig weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen hat: Wir haben nicht ein Selbst, son­dern zwei – und sie wol­len nicht immer dasselbe.

Das erle­ben­de Selbst ist im Jetzt. Es nimmt wahr, was gera­de pas­siert. Es spürt, ob ein Moment ange­nehm oder unan­ge­nehm ist – Sekun­de für Sekun­de, ohne Zusam­men­fas­sung, ohne Erzäh­lung. Es ist das Selbst, das dich beglei­tet, wenn du im Kon­zert sitzt, wenn du ein Gespräch führst, wenn du schläfst oder aufwachst.

Das erin­nern­de Selbst ist der Autor dei­ner Lebens­ge­schich­te. Es wer­tet aus, ord­net ein, zieht Schlüs­se. Wenn du gefragt wirst, ob ein Urlaub schön war – ant­wor­tet das erin­nern­de Selbst. Es ent­schei­det, ob eine Erfah­rung als gut oder schlecht abge­legt wird. Und es ist das Selbst, das Ent­schei­dun­gen trifft: Was will ich wie­der erle­ben? Was soll sich wiederholen?

Das Problem: Beide irren sich – auf verschiedene Weise

Das erle­ben­de Selbst kennt nur den Moment. Es hat kein Gedächt­nis – jede Sekun­de beginnt neu. Wenn du eine lan­ge, müh­sa­me Prü­fung hin­ter dir hast und am Ende plötz­lich weißt: Ich habe bestan­den – ver­än­dert die­ser letz­te Moment die gesam­te Erfah­rung rück­wir­kend. Aber das erle­ben­de Selbst, das die Stun­den des Ler­nens durch­ge­hal­ten hat, regis­triert davon nichts.

Das erin­nern­de Selbst hin­ge­gen ver­fälscht sys­te­ma­tisch. Es gewich­tet das Ende einer Erfah­rung über­pro­por­tio­nal stark – was Kah­ne­mann den Peak-End-Effekt nennt. Ein schmerz­haf­ter medi­zi­ni­scher Ein­griff, der sanft endet, wird als weni­ger schlimm erin­nert als ein kür­ze­rer, der abrupt stoppt – obwohl der län­ge­re objek­tiv mehr Schmerz ent­hielt. Das erin­nern­de Selbst lügt nicht absicht­lich. Es vereinfacht.

„Wir lei­den nicht an den Din­gen, son­dern an unse­rer Vor­stel­lung von ihnen.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik III (sinn­ge­mäß)

Warum das wichtiger ist als es klingt

Wir leben, als wäre das erin­nern­de Selbst das eigent­li­che Selbst. Wir tref­fen Ent­schei­dun­gen auf der Basis von Erin­ne­run­gen – und ver­ges­sen dabei, was das erle­ben­de Selbst wirk­lich woll­te. Wir wäh­len den Beruf, der gut klingt in der Erzäh­lung. Die Bezie­hung, die gut aus­sieht im Rück­blick. Den Urlaub, der schö­ne Fotos ergibt.

Das führt zu einer selt­sa­men Dis­kre­panz: Wir opti­mie­ren für die Erin­ne­rung statt für das Erle­ben. Wir wäh­len das Erleb­nis, das wir spä­ter gut erzäh­len kön­nen – nicht das, das uns im Moment gut tut. Und wir wun­dern uns dann, war­um das Leben sich sel­ten so anfühlt wie erwartet.

Ein klas­si­sches Bei­spiel: Zwei Wochen Strand­ur­laub mit vie­len gleich­för­mi­gen Tagen füh­len sich im Moment oft län­ger und rei­cher an als zwei Wochen vol­ler Akti­vi­tä­ten. Aber in der Erin­ne­rung dreht sich das um: Der ereig­nis­rei­che Urlaub wird als inten­si­ver und schö­ner abge­legt – weil das erin­nern­de Selbst Höhe­punk­te und Abwechs­lung gewich­tet, nicht Stun­den der stil­len Zufriedenheit.

Was Spinoza dazu sagen würde

Spi­no­za kann­te Kah­ne­mann nicht – aber er kann­te das Pro­blem. Für ihn war es eine der zen­tra­len Quel­len mensch­li­chen Lei­dens: dass wir nicht nach dem han­deln, was wirk­lich ist, son­dern nach unse­rer Vor­stel­lung davon. Das erin­nern­de Selbst ist im Spi­no­za­ni­schen Sin­ne ein pas­si­ver Affekt – es bewegt uns, ohne dass wir es verstehen.

Was Spi­no­za als akti­ves Sein beschreibt – aus sich her­aus han­deln, im Kon­takt mit dem, was wirk­lich ist –, das ist dem erle­ben­den Selbst viel näher. Der Cona­tus, das Stre­ben in der eige­nen Natur zu behar­ren, fin­det im Moment statt. Nicht in der Erzäh­lung davon.

Das bedeu­tet nicht, dass Erin­ne­run­gen wert­los sind. Bedeu­tung ent­steht oft erst im Rück­blick. Aber wer nur für die Erin­ne­rung lebt, ver­passt das Ein­zi­ge, das wirk­lich exis­tiert: den Moment, in dem er gera­de ist.

„Der freie Mensch denkt an nichts weni­ger als an den Tod, und sei­ne Weis­heit ist eine Betrach­tung nicht des Todes, son­dern des Lebens.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik IV, Satz 67

Was das für dich bedeutet

Es lohnt sich, gele­gent­lich inne­zu­hal­ten und zu fra­gen: Lebe ich gera­de – oder erzäh­le ich mir schon, wie es war? Tue ich das, weil es sich jetzt gut anfühlt – oder weil es sich spä­ter gut anhört?

Das erin­nern­de Selbst ist nicht der Feind. Es gibt unse­rem Leben Zusam­men­hang und Bedeu­tung. Aber es braucht ein Gegen­ge­wicht: die Bereit­schaft, dem erle­ben­den Selbst zuzu­hö­ren. Dem, was gera­de wirk­lich da ist – nicht dem, was davon übrig bleibt, wenn die Geschich­te erzählt ist.

Manch­mal sind das die­sel­ben Din­ge. Oft nicht. Und der Unter­schied ist grö­ßer, als wir denken.

Hier gibt es mehr zum The­ma Carl Gus­tav Jung und das Unbewusste“

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