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Baruch de Spinoza hat eine logisch aufgebaute Theorie menschlicher Affekte, des Geistes (also des Denkens), der Körperempfindungen und des daraus resultierenden Handelns entwickelt. Diese logisch aufgebauten Thesen möchte ich heranziehen, um eine bessere Einsicht in die eigene, seelische Verfassung bzw. das eigene psychische Leiden zu ermöglichen.
Spinozas Theorie (Ethik) folgt dabei einem logischen Aufbau von Axiomen, Lehrsätzen und Beweisführungen. Unter einem Axiom versteht man dabei eine Grundvoraussetzung für die eigene Theorie, die aus sich selbst heraus existiert und selbst keiner Beweisführung unterliegt.
Ich werde die Leitsätze zunächst zitieren und sie dann auf ihren Gehalt ihrer Nützlichkeit für unseren Zweck – das heißt die Selbsterkenntnis vor dem Hintergrund des Wunsches, sich selbst zu helfen und sein Leiden zu verringern – untersuchen und verständlich machen.
Beginnen wir mit dem Kapitel:
Über die Macht der Erkenntnis, oder die menschliche Freiheit
Axiom I
Wenn in demselben Subjekt zwei entgegengesetzte Tätigkeiten angeregt werden, so wird notwendig entweder in beiden oder in einer allein eine Veränderung geschehen, bis sie aufhören, entgegengesetzt zu sein.
Inhaltsverzeichnis
Wenn zwei Kräfte in dir kämpfen – Spinoza über innere Konflikte
Ein 350 Jahre alter Gedanke, der erstaunlich modern klingt
Das Axiom, das alles erklärt
Baruch de Spinoza, einer der radikalsten Denker der Philosophiegeschichte, beginnt den letzten Teil seiner Ethik – den Teil über menschliche Freiheit – mit einem scheinbar schlichten Satz:
„Wenn in demselben Subjekt zwei entgegengesetzte Tätigkeiten angeregt werden, so wird notwendig entweder in beiden oder in einer allein eine Veränderung geschehen, bis sie aufhören, entgegengesetzt zu sein.“
Klingt abstrakt? Ist es nicht. Spinoza beschreibt hier etwas, das jeder kennt – das innere Zerreißen zwischen zwei Impulsen, die gleichzeitig in uns wirken und sich gegenseitig blockieren.
Das Prinzip in einfachen Worten
Stell dir vor, du ziehst an einem Seil – und jemand anderes zieht gleichzeitig von der anderen Seite. Solange beide gleich stark ziehen, bewegt sich nichts. Aber dieser Zustand ist instabil. Er muss sich auflösen. Entweder gibt eine Seite nach, oder beide verändern sich, bis der Konflikt endet.
Genau das sagt Spinoza: Zwei entgegengesetzte Kräfte im selben System können nicht dauerhaft nebeneinander bestehen. Irgendetwas verändert sich – immer.
Was das mit inneren Konflikten zu tun hat
Du kennst diese Situationen:
- Du willst ehrlich sein – aber du willst auch nicht verletzen.
- Du sehnst dich nach Veränderung – aber du fürchtest das Unbekannte.
- Du liebst jemanden – und bist gleichzeitig wütend auf dieselbe Person.
- Du willst mehr arbeiten – und gleichzeitig endlich abschalten.
In jedem dieser Fälle befinden sich zwei entgegengesetzte „Tätigkeiten“ – Spinoza meint damit innere Bewegungen, Impulse, Affekte – im selben Subjekt. Also in dir.
Und Spinoza sagt: Das kann nicht so bleiben. Der Zustand der reinen Zerrissenheit ist kein Dauerzustand – er ist ein Übergangszustand.
Drei Wege, wie sich der Konflikt auflöst
Spinoza beschreibt, dass die Veränderung „entweder in beiden oder in einer allein“ geschieht. Das bedeutet in der Praxis:
1. Eine Kraft setzt sich durch. Du entscheidest dich. Der eine Impuls „gewinnt“ – die Ehrlichkeit siegt über die Rücksicht, oder umgekehrt. Die unterdrückte Kraft verschwindet nicht einfach, aber sie verliert an Intensität.
2. Beide Kräfte verwandeln sich. Das ist der interessanteste Fall. Manchmal löst sich ein innerer Konflikt nicht dadurch, dass eine Seite verliert – sondern dadurch, dass beide Seiten sich verändern und eine neue, dritte Position entsteht. Du findest einen Weg, ehrlich und rücksichtsvoll zu sein – nicht als Kompromiss, sondern als echte Synthese.
3. Der Konflikt erschöpft sich. Manchmal hören beide Impulse einfach auf, weil äußere Umstände sich ändern oder weil die emotionale Energie nachlässt. Keine bewusste Entscheidung – einfach ein natürliches Abklingen.
Warum dieser Gedanke so wichtig ist
Was Spinoza hier formuliert, ist eigentlich eine Theorie der psychischen Dynamik – Jahrhunderte vor Freud, vor der Konfliktpsychologie, vor der Psychotherapie.
Der entscheidende Punkt ist: Spinoza wertet den inneren Konflikt nicht als Schwäche oder Versagen. Er ist kein moralisches Problem. Er ist ein mechanisches Phänomen – eine Naturnotwendigkeit. Wo zwei gegensätzliche Kräfte aufeinandertreffen, muss Bewegung entstehen.
Das hat eine entlastende Konsequenz: Du musst den Konflikt nicht auflösen wollen. Er löst sich, wenn du die darin wirkenden Kräfte wirklich verstehst. Das ist der spinozistische Weg zur Freiheit – nicht durch Willensanstrengung, sondern durch Erkenntnis.
Erkenntnis als Befreiung – der spinozistische Kern
Hier liegt Spinozas eigentliche Botschaft, die weit über das Axiom hinausgeht:
Wir leiden an inneren Konflikten vor allem deshalb, weil wir sie nicht verstehen. Wir wissen nicht, woher die gegensätzlichen Impulse kommen. Wir halten einen für „uns“ und den anderen für eine störende Kraft. Wir kämpfen gegen uns selbst.
Spinoza sagt: Wenn du wirklich verstehst, was in dir vorgeht – woher die Angst kommt, warum du gleichzeitig Nähe und Distanz willst, was der Wunsch nach Veränderung eigentlich bedeutet – dann verliert der Konflikt seine passive, lähmende Kraft. Du bist nicht mehr sein Opfer. Du bist sein Beobachter.
Und aus dem Beobachter wird, langsam, ein freier Mensch.
Ein Gedanke für heute
Das nächste Mal, wenn du dich innerlich zerrissen fühlst – zwischen zwei Wünschen, zwei Ängsten, zwei Rollen – erinnere dich an Spinozas Axiom:
Dieser Zustand wird sich verändern. Das ist keine Hoffnung. Das ist Naturgesetz.
Die Frage ist nur: Willst du passiv warten, bis eine Kraft die andere überwältigt? Oder willst du verstehen, was da in dir kämpft – und damit anfangen, frei zu werden?
Baruch de Spinoza (1632–1677) veröffentlichte die Ethica posthum im Jahr 1677. Das besprochene Axiom findet sich zu Beginn des fünften Teils: „De Potentia Intellectus, seu de Libertate Humana“ – Über die Macht des Verstandes oder die menschliche Freiheit.
Übung
Versetze dich sich bitte wieder in einer meditativen Entspanntheitszustand (so gut dies geht) und denke dann an dein „Problem“ (oder Unglück, oder Schmerz, oder Unwohlsein). Beobachte deine Gedanken und versuche die Position eines neutralen Beobachters einzunehmen. Untersuche dann die „Zutaten“ deines Problems: wie fühlt es sich an, wann tritt es auf, wie verändert es sich, welche Konsequenzen hat es usw.. Nun mache dir klar, dass dein Leiden Ausdruck eines Konfliktes ist. Sage dir z.B.: „Mein Schmerz (meine Angst, meine Depression) ist nicht nur in mir als ein Fremdkörper, sondern ist Ausdruck eines inneren oder äußeren (oder beides) Konfliktes. Diesen Konflikt kann ich versuchen zu beschreiben, indem ich mir vorstelle, welche entgegengesetzten Wünsche damit verbunden sind.“
Mache dir dann deutlich klar, welches diese entgegengesetzten Wünsche sein könnten (z.B. der „Wunsch nach Nähe und der Wunsch nach Unabhängigkeit“ oder „der Wunsch zu gehen und der Wunsch zu bleiben“ oder „der Wunsch nach Versöhnung und der Wunsch nach Rache“). Wenn dir dies nicht sogleich gelingt oder es für dich sogar unangenehm wird, so ist das normal, denn es gibt einen natürlichen Widerstand gegen den angestrebten Erkenntnisgewinn. Das solltest du dir also nicht vorhalten.
Vielmehr kannst du die Übung sogar noch erweitern, indem du dir den zweiten, von Spinoza gemeinten Aspekt vor Augen hältst: Lobe dich dafür, dass du überhaupt begonnen hast, dich mit einer neuen Sichtweise zu konfrontieren, und erkenne, dass du damit dem natürlichen Prozess der Lösung der Gegensätze schon allein durch das Üben einen Schritt näher gekommen bist.