„Das Zusammenspiel von Geist und Körper. #Spinoza 1“

Geist und Körper

In sei­nem ers­ten Lehr­satz ent­wi­ckelt Baruch de Spi­no­za eine Theo­rie zum Zusam­men­wir­ken zwi­schen Geist und Kör­per und behan­delt damit das uralte Leib-Seele-Phänomen.

Fort­set­zung des Kapitels:

Über die Macht der Erkennt­nis, oder die mensch­li­che Freiheit

Ers­ter Lehrsatz

So wie die Gedan­ken und die Ideen der Din­ge im Geis­te sich ord­nen und ver­ket­ten, genau eben­so ord­nen und ver­ket­ten sich die Erre­gun­gen des Kör­pers oder die Vor­stel­lun­gen der Din­ge im Körper.

Ein 350 Jah­re alter Gedan­ke, der erstaun­lich modern klingt


Der Lehrsatz, der alles zusammenhält

Es gibt Sät­ze in der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te, die so dicht sind, dass man sie ein dut­zend Mal lesen muss, bevor ihre eigent­li­che Spreng­kraft sicht­bar wird. Der ers­te Lehr­satz des fünf­ten Teils der Ethi­ca von Baruch de Spi­no­za gehört dazu:

Die­ser Satz ist kein poe­ti­sches Bild und kei­ne Meta­pher. Er ist ein bewie­se­ner Lehr­satz – ein Ergeb­nis, das Spi­no­za aus sei­nen Axio­men und Defi­ni­tio­nen logisch her­lei­tet. Und er ist einer der fol­gen­reichs­ten Sät­ze, die je über das Ver­hält­nis von Geist und Kör­per geschrie­ben wurden.


Was Spinoza wirklich sagt

Der Satz klingt zunächst sym­me­trisch – und das ist er auch, aber in einer sehr bestimm­ten, fast pro­vo­kan­ten Wei­se. Spi­no­za behaup­tet nicht nur, dass Geist und Kör­per mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Er behaup­tet etwas Schär­fe­res: Die Ord­nung und Ver­knüp­fung der Ideen ist die­sel­be wie die Ord­nung und Ver­knüp­fung der kör­per­li­chen Zustän­de. Nicht ähn­lich. Nicht par­al­lel. Dieselbe.

Das bedeu­tet: Wenn du einen Gedan­ken hast, der dich in einen ande­ren führt – wenn die Erin­ne­rung an ein Gespräch die Erin­ne­rung an einen Ort weckt, der die Erin­ne­rung an eine Per­son her­vor­ruft –, dann folgt dein Kör­per exakt der­sel­ben Ver­ket­tung. Nicht als Echo, nicht als Reak­ti­on. Als das­sel­be Gesche­hen, aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve betrachtet.


Der philosophische Hintergrund: Attributenlehre

Um zu ver­ste­hen, was Spi­no­za hier meint, muss man kurz in sein Sys­tem ein­stei­gen. Für Spi­no­za gibt es nur eine ein­zi­ge Sub­stanz – Gott oder Natur. Die­se eine Sub­stanz hat unend­lich vie­le Attri­bu­te, aber der mensch­li­che Geist kann nur zwei davon erfas­sen: Den­ken (Cogi­ta­tio) und Aus­deh­nung (Exten­sio). Alles Geis­ti­ge ist ein Modus des Den­kens, alles Kör­per­li­che ein Modus der Ausdehnung.

Das Ent­schei­den­de: Bei­de Attri­bu­te drü­cken die­sel­be Sub­stanz aus. Sie sind kei­ne zwei ver­schie­de­nen Din­ge, die kau­sal auf­ein­an­der wir­ken. Sie sind zwei Beschrei­bungs­wei­sen des­sel­ben Gesche­hens. Geist und Kör­per sind nicht zwei Sub­stan­zen, die irgend­wie ver­bun­den wer­den müs­sen – sie sind von Anfang an eins, gese­hen durch zwei ver­schie­de­ne Linsen.

Der ers­te Lehr­satz des fünf­ten Teils ist die direk­te Kon­se­quenz die­ser Onto­lo­gie: Weil Geist und Kör­per Aus­drucks­for­men der­sel­ben Sub­stanz sind, muss ihre inne­re Ord­nung iden­tisch sein. Die Rei­hen­fol­ge, in der sich Gedan­ken ver­ket­ten, und die Rei­hen­fol­ge, in der sich kör­per­li­che Zustän­de ver­ket­ten, sind struk­tu­rell gleich – weil sie das­sel­be sind.


Was das für unser Leben bedeutet

Hier wird der Satz prak­tisch – und auf eine Wei­se, die uns heu­te viel­leicht über­rascht. Wenn die Ver­ket­tung der Gedan­ken und die Ver­ket­tung der kör­per­li­chen Zustän­de die­sel­be Struk­tur haben, dann folgt dar­aus etwas Wich­ti­ges: Man kann über den Geist in den Kör­per wir­ken – und über den Kör­per in den Geist.

Wer sei­ne Gedan­ken ord­net, ord­net sei­nen Kör­per. Wer lernt, Ideen in einer ande­ren Rei­hen­fol­ge zu ver­knüp­fen – wer alte Asso­zia­ti­ons­ket­ten auf­löst und neue bil­det –, ver­än­dert damit buch­stäb­lich, wie sein Kör­per reagiert. Die Angst, die sich kör­per­lich mani­fes­tiert – der enge Atem, die ange­spann­ten Schul­tern –, ist die­sel­be Ver­ket­tung wie die Angst, die sich als Gedan­ken­spi­ra­le zeigt. Sie sind nicht zwei Pro­ble­me. Sie sind eins.

Und umge­kehrt: Wer sei­nen Kör­per in einen ande­ren Zustand ver­setzt – durch Bewe­gung, durch Atmung, durch Hal­tung –, ver­än­dert damit die Bedin­gun­gen, unter denen sich Gedan­ken ver­ket­ten. Das ist kei­ne mys­ti­sche Behaup­tung. Das ist, für Spi­no­za, stren­ge Logik.


Ein Gedanke, der die Moderne vorwegnimmt

Was Spi­no­za hier for­mu­liert, klingt für heu­ti­ge Ohren erstaun­lich ver­traut. Die Neu­ro­wis­sen­schaft (sie­he unten) spricht von der Ein­heit von Kogni­ti­on und Kör­per – vom embo­di­ed cogni­ti­on, vom soma­ti­schen Mar­ker, vom poly­va­ga­len Ner­ven­sys­tem. Die Psy­cho­the­ra­pie weiß seit Jahr­zehn­ten, dass trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen sich im Kör­per spei­chern – nicht nur als Erin­ne­run­gen, son­dern als kör­per­li­che Reak­ti­ons­mus­ter, die den­sel­ben Ver­knüp­fun­gen fol­gen wie die Gedanken.

Spi­no­za hat­te kei­ne Neu­ro­nen, kei­ne Hirn­scans, kei­ne Cor­ti­sol-Mes­sun­gen. Er hat­te nur die Geo­me­trie sei­nes Den­kens – und kam zu einem Schluss, den die Wis­sen­schaft drei­hun­dert Jah­re spä­ter empi­risch zu bestä­ti­gen beginnt.


Freiheit als Umordnung

Das alles hat eine ent­schei­den­de ethi­sche Kon­se­quenz – und dar­um steht die­ser Satz am Anfang des letz­ten Teils der Ethi­ca, der von der mensch­li­chen Frei­heit han­delt. Wenn die Ord­nung der Gedan­ken und die Ord­nung des Kör­pers die­sel­be sind, dann bedeu­tet Frei­heit nicht, den Kör­per zu beherr­schen oder die Gefüh­le zu unter­drü­cken. Frei­heit bedeu­tet: die Ver­ket­tung zu ver­ste­hen und zu verändern.

Wer nur weiß, dass er Angst hat, ist ihr aus­ge­lie­fert. Wer ver­steht, wel­chen Gedan­ken die Angst folgt, wel­che Idee sie aus­löst, mit wel­cher ande­ren Vor­stel­lung sie ver­knüpft ist – der kann begin­nen, die Ket­te umzu­ord­nen. Nicht durch Wil­lens­kraft. Nicht durch Unter­drü­ckung. Son­dern durch Erkenntnis.

Das ist der spi­no­zis­ti­sche Kern: Frei­heit ist kei­ne Eigen­schaft des Wil­lens. Sie ist eine Eigen­schaft des Ver­ste­hens. Und weil Geist und Kör­per die­sel­be Ord­nung tei­len, ist jede ech­te Erkennt­nis zugleich eine kör­per­li­che Transformation.


Das nächs­te Mal, wenn sich ein Gedan­ke in dei­nem Kör­per fest­setzt – wenn Grü­beln zu Enge wird, wenn Erin­ne­rung zu Span­nung wird –, erin­ne­re dich an die­sen Satz:

„So wie die Gedan­ken sich ord­nen und ver­ket­ten, so ord­nen und ver­ket­ten sich die Erre­gun­gen des Körpers.“

Es ist kein Trost. Es ist ein Werk­zeug. Wenn du die Ket­te ver­stehst, kannst du sie umschreiben.


Moderne Hirnforschung

Die­se knap­pe aber nichts­des­to­we­ni­ger fast revo­lu­tio­nä­re The­se nimmt neue­re Erkennt­nis­se aus der Hirn­for­schung vor­weg. Hier wird das uralte Leib-See­le-Pro­blem ange­spro­chen. Wie kann man die Tren­nung zwi­schen Geist und Kör­per auf­he­ben bzw. die­se bei­den Berei­che inte­grie­ren und eine ein­heit­li­che Theo­rie dazu entwickeln?

Der por­tu­gie­si­sche Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Anto­nio Dama­sio (geb. am 25.2.1944 in Lis­sa­bon) hat als ein her­aus­ra­gen­der Ver­tre­ter sei­ner Wis­sen­schaft das Zusam­men­spiel zwi­schen Geist und Kör­per als eine Ein­heit beschrie­ben, und dar­über hin­aus ein neu­es Ver­ständ­nis zur Bedeu­tung der Gefüh­le (bzw. der Kör­per­emp­fin­dun­gen) entwickelt.

Zitat (aus einem Vor­trag wäh­rend des San Die­go Pain Sum­mit 2019):

„Es ist wich­tig, sich des Zusam­men­spiels zwi­schen dem, was Sie Geist nen­nen bzw. dem, was Sie als Bewusst­sein bezeich­nen und dem, was Sie unter Phy­sio­lo­gie ver­ste­hen, klar zu machen. Der Geist ist Teil des Kör­per­li­chen. Geist und Kör­per sind nicht zwei getrenn­te Wel­ten, bzw. ist das Geis­ti­ge nur ein Teil der all­ge­mei­nen Phy­sio­lo­gie des Kör­per­li­chen, was uns ermög­licht, men­ta­le Reprä­sen­ta­tio­nen zu bil­den. Wir beschäf­ti­gen uns eben NICHT mit zwei ver­schie­de­nen Werk­zeu­gen – Geist und Kör­per – was einer tra­di­tio­nel­len Sicht­wei­se ent­spricht. Son­dern mit einer neu­en, inte­gra­ti­ven Sicht­wei­se, die wahr­schein­lich bald Stan­dard wer­den wird, es aber eben momen­tan noch nicht ist.“

Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta, Teil V, Lehr­satz 1. Post­hum ver­öf­fent­licht 1677. Teil V trägt den Titel: „De Poten­tia Intellec­tus, seu de Liber­ta­te Huma­na“ – Über die Macht des Ver­stan­des oder die mensch­li­che Freiheit.

Hier fin­den Sie eine Übung zur Selbst­hil­fe, unser Anti-Stress­trai­ning bei psy­cho­so­ma­ti­schen Beschwer­den, ein aus­führ­li­ches Lern­pro­gramm mit fer­ti­gen Übungsbögen. 

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