Es gibt keine Wirkung ohne Ursache – und keine Ursache, die sich dem Verstehen grundsätzlich entzieht. Warum reagiere ich auf bestimmte Menschen immer gleich? Warum kommt die Erschöpfung immer genau dann, wenn ich sie am wenigsten gebrauchen kann? Wir neigen dazu, solche Fragen mit Schulterzucken zu beantworten.
Baruch de Spinoza beschäftigt sich in seiner zweiten Grundthese mit dem Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung. Seine erste Grundannahme findet ihr hier.
Inhaltsverzeichnis
Die Qualität und Intensität einer Wirkung ergibt sich aus der Qualität und Intensität ihrer Ursache.
Spinozas zweiter Grundsatz und die Logik des Determinismus
Baruch de Spinoza beginnt seine Ethica ordine geometrico demonstrata nicht mit einer Bitte um Glauben, sondern mit einer Forderung an die Vernunft. Wer sein System verstehen will, muss bereit sein, Schritt für Schritt zu folgen – von den Definitionen zu den Axiomen, von den Axiomen zu den Propositionen, unerbittlich wie ein geometrischer Beweis.
Über die Macht der Erkenntnis, oder die menschliche Freiheit
Ein 350 Jahre alter Gedanke, der erstaunlich modern klingt
Axiom 2
Sein zweites Axiom klingt zunächst wie eine schlichte Selbstverständlichkeit:
„Das Vermögen der Wirkung wird durch das Vermögen der Ursache selbst bestimmt, sofern ihr Wesen durch das Wesen der Ursache selbst erklärt oder bestimmt wird.“
Doch hinter dieser nüchternen Formulierung verbirgt sich einer der radikalsten Gedanken der Philosophiegeschichte.
Die Ursache als Maß aller Dinge
Was Spinoza hier formuliert, ist zunächst eine Behauptung, die das Sein selbst betrifft: Eine Wirkung kann niemals mehr sein als ihre Ursache. Ihr Vermögen – ihre Kraft, ihre Reichweite, ihr Wesen – ist vollständig durch die Ursache bestimmt, die sie hervorbringt. Nichts entsteht aus dem Nichts, und nichts übertrifft seinen Ursprung.
Das klingt nach Physik, und tatsächlich ist es auch das. Aber Spinoza meint mehr. Er meint es absolut, ohne Ausnahme, ohne Lücke. Nicht nur Steine und Planeten gehorchen diesem Axiom. Auch Gedanken, Gefühle, Entscheidungen, Charaktere, Lebensläufe – alles, was ist, ist so, wie es ist, weil seine Ursache so war, wie sie war.
Damit ist das zweite Axiom der Schlüsselsatz von Spinozas Determinismus. Es ist nicht bloß eine Aussage über die Natur, sondern über die Struktur der Wirklichkeit als solcher.
Die Natur – die eine Ursache von allem
Um die Tragweite dieser Grundannahme zu verstehen, muss man es in Spinozas Gesamtsystem einbetten. Für Spinoza gibt es nur eine einzige Substanz: Gott, oder – was für ihn dasselbe ist – die Natur (Deus sive Natura). Alles andere, was wir als einzelne Dinge wahrnehmen – Menschen, Tiere, Gedanken, Steine –, sind keine selbstständigen Substanzen, sondern Modi, Ausdrucksformen dieser einen, unendlichen Substanz.
Wenn seine zweite Grundannahme nun besagt, dass das Vermögen der Wirkung durch das Vermögen der Ursache bestimmt wird, dann bedeutet das in letzter Konsequenz: Alle Dinge tragen in sich die Signatur ihrer letzten Ursache. Und diese letzte Ursache ist die eine Substanz selbst – unendlich, notwendig, unveränderlich.
Spinoza nennt diese eine Substanz auch die causa sui, die Ursache ihrer selbst. Sie ist das einzige, was keiner äußeren Ursache bedarf. Alles andere ist durch sie bestimmt, restlos und ohne Ausnahme. Diese Grundannahme beschreibt also nicht nur eine Beziehung zwischen zwei beliebigen Dingen. Es beschreibt die fundamentale Abhängigkeitsstruktur der gesamten Wirklichkeit von ihrem einzigen, selbstbegründeten Ursprung.
Was dieser Grundsatz für den Menschen bedeutet
Hier wird der Gedanke unbequem. Wenn das Vermögen jeder Wirkung durch ihre Ursache bestimmt ist – vollständig, ohne Rest –, dann gilt das auch für den Menschen. Auch unsere Gedanken, unsere Entscheidungen, unser Charakter sind Wirkungen einer Kette von Ursachen, die wir nicht gewählt haben und nicht kontrollieren.
Der freie Wille, wie die Alltagssprache ihn versteht – die Fähigkeit, bei gleichen Umständen auch anders zu handeln –, existiert für Spinoza schlicht nicht. Er ist eine Illusion, die aus Unwissenheit entsteht. Wir kennen unsere Handlungen, aber wir kennen die Ursachen nicht, die sie hervorbringen. Also glauben wir, frei zu sein.
Spinoza vergleicht diesen Irrtum einmal mit einem Stein, der, wenn er Bewusstsein hätte, beim Fallen glauben würde, er falle freiwillig. Die Absurdität ist dieselbe.
Erkenntnis als einzige Freiheit
Und dennoch – und hier liegt das Paradoxon, das Spinoza auflösen will – ist das nicht das Ende der menschlichen Freiheit, sondern gerade ihr Anfang.
Denn das Axiom sagt nicht nur: Du bist bestimmt. Es sagt: Die Art, wie du bestimmt bist, hängt von der Art deiner Ursache ab. Und der Mensch hat die einzigartige Möglichkeit, seine eigene Ursachenstruktur durch Erkenntnis zu verändern – nicht im Sinne eines Ausbruchs aus der Kausalität, sondern im Sinne einer Verschiebung der wirkenden Kräfte.
Wer versteht, warum er Angst hat, ist nicht mehr passives Opfer dieser Angst. Wer erkennt, welche Ursachen ihn antreiben, beginnt, aus seiner eigenen Natur heraus zu handeln, statt aus blinder Reaktion. Das ist Spinozas Begriff von Freiheit: nicht Willkürfreiheit, sondern Selbstbestimmung – Handeln, dessen Ursache vollständig in der eigenen Natur liegt.
Das zweite Axiom ist damit nicht nur eine Beschreibung der Unfreiheit. Es ist zugleich das Fundament der einzigen Freiheit, die Spinoza für möglich hält: die Freiheit des Verstehens.
Eine Grundannahme, das heute noch aufwühlt
Drei Jahrhunderte nach Spinoza haben Neurowissenschaft, Psychologie und Verhaltensforschung viele seiner Intuitionen empirisch untermauert. Die Frage nach dem freien Willen ist heute lebhafter denn je – und die Antworten, die Wissenschaftler wie Benjamin Libet oder Philosophen wie Daniel Dennett geben, klingen oft erstaunlich spinozistisch.
Doch Spinoza geht weiter als die Wissenschaft allein. Er fragt nicht nur: Gibt es den freien Willen? Er fragt: Was folgt daraus für unser Leben, wenn es ihn nicht gibt?
Seine Antwort ist keine Resignation. Sie ist eine Einladung zur Erkenntnis. Das Vermögen der Wirkung wird durch das Vermögen der Ursache bestimmt – und wer seine Ursachen versteht, verändert damit, was er ist. Nicht durch Wunder, sondern durch das langsamste und beständigste aller Mittel: das Denken selbst.
Baruch de Spinoza (1632–1677), Ethica ordine geometrico demonstrata, Teil I, Axiom 2. Posthum veröffentlicht 1677.
Ziehen wir zur Verdeutlichung seiner These ein praktisches Beispiel heran:
Ein Kind ist in der Obhut seiner Eltern (oder eines Elternteiles) und wird wegen einer Handlung, die den Eltern nicht gefällt oder die negative Gefühle in ihnen hervorruft, gedemütigt oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben. Vielleicht weist das Kind stolz und laut darauf hin, was ihm gerade gelungen ist. Nun wird das Kind von der Bezugsperson nicht gelobt oder ermuntert sondern zurechtgewiesen oder sogar beschämt. Dies erlebt das Kind als Kleingemachtwerden oder Demütigung. Es entwickelt von sich selbst ein Bild einer beschämten Person. Dies ist aber nicht sein eigenes Bild, sondern das der Bezugsperson, die das Kind ablehnend angeschaut und behandelt hat.
Wenn wir diese Szene nun auf Ursache und Wirkung hin untersuchen, dann besteht das Wesen der Ursache in der Demütigung. Das Wesen der Wirkung ist das negative Bild, dass das Kind von sich selbst nun in sich trägt. Das Wesen dieses Selbstbildes kann also aus dem Wesen der Ursache (der Beschämung) erklärt werden. Beide hängen unmittelbar zusammen. Das Entscheidende für unsere Praxis ist nun, dass diese Verbindung zwischen Ursache und Wirkung für das spätere Leben des Kindes beibehalten wird. Wenn also später ein ähnlicher Ursache-Wirkungs-Zusammenhang auftritt, dann wiederholt sich der anfängliche Prozeß: eine Beschämung führt wieder zu einem negativen Selbstbild. Die Person hat dann große Schwierigkeiten, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln (denn dazu bräuchte es ein positives, ermutigendes Bild seiner selbst).