Trauma, Abstraktion und das Nicht-Darstellbare

Das Trau­ma aus­drü­cken – wer ver­sucht hat, etwas wirk­lich Furcht­ba­res in Wor­te zu fas­sen, weiß: Es gelingt nicht voll­stän­dig. Was bleibt, wenn Spra­che und Bild ver­sa­gen? Eine Künst­le­rin und ein Psy­cho­ana­ly­ti­ker geben eine uner­war­te­te gemein­sa­me Antwort.


Der Satz einer Künstlerin nach dem Krieg

Maria Jare­ma war Male­rin und Bild­haue­rin im Polen der Nach­kriegs­zeit. Sie hat­te die deut­sche Besat­zung über­lebt, die Mas­sen­mor­de, den Zer­fall einer gan­zen Welt. Und sie kam zu einem Schluss, der auf den ers­ten Blick wie eine kunst­theo­re­ti­sche Bemer­kung klingt — aber weit tie­fer geht:

„Ohne Ver­zer­rung, Trans­po­si­ti­on, Meta­pher und Abs­trak­ti­on sind wir heu­te nicht in der Lage, die zuneh­men­den Kon­flik­te zwi­schen Gefüh­len und Sach­ver­hal­ten zu erfas­sen und auszudrücken.“

Das ist kein ästhe­ti­sches Mani­fest. Das ist eine psy­cho­lo­gi­sche Aus­sa­ge. Sie sagt nicht: Abs­trak­ti­on ist schö­ner. Sie sagt: Abs­trak­ti­on ist not­wen­dig. Weil etwas pas­siert ist, das sich nicht mehr rea­lis­tisch dar­stel­len lässt — nicht weil es zu kom­plex wäre, son­dern weil rea­lis­ti­sche Dar­stel­lung etwas vor­täuscht, das nicht mehr stimmt: näm­lich dass die Welt ver­steh­bar wäre.


Was Trauma mit dem Erleben macht

Wer ein schwe­res Trau­ma erlebt hat, kennt ein merk­wür­di­ges Aus­ein­an­der­fal­len: Man weiß, was gesche­hen ist, man kann es erzäh­len – und doch gehört die­ses Wis­sen nicht zum eige­nen Erle­ben. Es steht wie ein Fremd­kör­per neben einem, als hand­le es sich um die Geschich­te eines anderen.

Nach einem Trau­ma ver­sagt nicht die Intel­li­genz. Es ist die nor­ma­le Reak­ti­on eines Ner­ven­sys­tems auf etwas, das zu groß war, um inte­griert zu wer­den. Das Gehirn spei­chert Bruch­stü­cke: ein Geräusch, ein Bild, eine Kör­per­emp­fin­dung. Aber es formt dar­aus kei­nen zusam­men­hän­gen­den inne­ren Ver­lauf. Es gelingt nicht – weil Kohä­renz vor­aus­setzt, dass das Gesche­he­ne ver­stan­den wur­de. Und man­ches lässt sich ein­fach nicht verstehen.

Jac­ques Lacan nennt das den Ein­bruch des Rea­len. Das Rea­le ist für ihn nicht ein­fach die Wirk­lich­keit. Es ist das, was sich der Spra­che, dem Bild, der Bedeu­tung wider­setzt. Das, was nicht in eine sym­bo­li­sche Ord­nung passt. Ein Trau­ma ist des­halb trau­ma­tisch, weil es nicht erzählt wer­den kann — nicht voll­stän­dig, nicht in der nor­ma­len Spra­che der Dinge.


Warum realistische Darstellung nach der Katastrophe versagt

Ein rea­lis­ti­sches Bild sagt: So war es. Es zeigt Men­schen, Kör­per, Räu­me — erkenn­bar, ein­ord­bar, kon­su­mier­bar. Und genau dar­in liegt sein Pro­blem nach einer Katastrophe.

Das Ent­setz­li­che war nicht ein­ord­bar. Es hat die vor­han­de­nen Kate­go­rien gesprengt. Eine natu­ra­lis­tisch gemal­te Sze­ne indus­tri­el­len Mor­des erzeugt unwei­ger­lich eine Illu­si­on von Ver­steh­bar­keit — sie legt nahe, dass das Gezeig­te in die­sel­be Welt gehört wie ein Markt­platz oder ein Por­trät. Aber es gehört nicht dazu. Es ist etwas ande­res. Etwas, für das die nor­ma­len For­men nicht vor­ge­se­hen waren.

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan hät­te gesagt: Rea­lis­ti­sche Kunst läuft Gefahr, das Ent­setz­li­che zu domes­ti­zie­ren. Man schaut es an, man ver­steht schein­bar, man geht wei­ter. Das Grau­en wird kon­su­mier­bar. Und genau das ist das Pro­blem — nicht weil man weg­se­hen soll­te, son­dern weil das Weg­se­hen in der Form selbst ein­ge­baut ist.


Was Abstraktion leisten kann

Abs­trak­ti­on zer­stört die Illu­si­on der Kohä­renz. Ein kubis­ti­sches Bild zeigt ein Gesicht — aber frag­men­tiert, aus meh­re­ren Per­spek­ti­ven gleich­zei­tig, ohne sta­bi­le Ganz­heit. Ein Kör­per erscheint, aber er ist nicht heil. Der Raum ist nicht begeh­bar. Die Zeit ist nicht linear.

Das ist kei­ne Will­kür. Das ist eine prä­zi­se Ent­spre­chung zu dem, was Trau­ma im Erle­ben erzeugt: Zer­split­te­rung. Des­ori­en­tie­rung. Das Gefühl, dass die Welt nicht mehr zusammenhält.

Jare­mas Satz wird hier sehr prä­zi­se: Sie spricht von Kon­flik­ten zwi­schen Gefüh­len und Tat­sa­chen. Das ist genau das, was Trau­ma erzeugt. Die Tat­sa­che: Es ist pas­siert. Das Gefühl: Das kann nicht wahr sein. Die Tat­sa­che: Men­schen wur­den sys­te­ma­tisch ver­nich­tet. Das Gefühl: Die Welt dürf­te so nicht sein. Die­se bei­den Ebe­nen — Wis­sen und Nicht-Wis­sen-Wol­len — las­sen sich nicht in einem kohä­ren­ten rea­lis­ti­schen Bild ver­ei­nen. Abs­trak­ti­on kann die­sen Wider­spruch zei­gen, ohne ihn aufzulösen.


Kunst, die die Wunde offenhält

Lacan hat­te eine unbe­que­me Über­zeu­gung: Glaub­wür­di­ge Kunst heilt das Trau­ma nicht. Sie hält es offen. Sie macht sicht­bar, dass etwas nicht sicht­bar gemacht wer­den kann. Sie umkreist das Undar­stell­ba­re, ohne vor­zu­täu­schen, es dar­stel­len zu können.

Das klingt viel­leicht pes­s­si­mis­tisch. Aber es ist das Gegen­teil von fal­scher Beru­hi­gung. Kunst, die Trau­ma­ta zu lösen vor­gibt, lügt. Kunst, die die Unlös­bar­keit zeigt — die die Form des Zer­falls hat, ohne Zer­fall zu illus­trie­ren —, ist ehr­li­cher. Und die­se Ehr­lich­keit kann etwas bewir­ken, was Erklä­rung nicht kann: Sie gibt dem Erle­ben eine Form, ohne es zu verraten.

Das ist der ent­schei­den­de Unter­schied, den Jare­ma meint. Nicht Abbil­den. Son­dern Form fin­den für das, was kei­ne Form hat.


Was das im Alltag bedeutet

Jare­ma spricht über Kunst nach his­to­ri­scher Kata­stro­phe. Aber der Mecha­nis­mus, den sie beschreibt, gilt auch für per­sön­li­che Erschütterungen.

Wer ver­sucht hat, einen schwe­ren Ver­lust, eine tie­fe Krän­kung oder ein per­sön­li­ches Trau­ma in voll­stän­di­ge Sät­ze zu fas­sen, kennt das Gefühl: Die Wor­te stim­men nicht. Sie sind zu glatt, zu fer­tig, zu kohä­rent. Das Eigent­li­che entgleitet.

Das erklärt, war­um man­che Men­schen nach Erschüt­te­run­gen anfan­gen zu malen, Musik zu machen oder zu schrei­ben — nicht um zu erklä­ren, son­dern um eine Form zu fin­den, die den Bruch zeigt, ohne ihn zu glät­ten. The­ra­pie arbei­tet oft mit dem­sel­ben Prin­zip: Nicht die Geschich­te mög­lichst voll­stän­dig erzäh­len, son­dern lang­sam eine Form fin­den, in der das Unaus­sprech­li­che einen Platz bekommt.

Lacan wür­de sagen: Das ist kei­ne Hei­lung im Sin­ne des Ver­schwin­dens. Es ist die Mög­lich­keit, mit dem Nicht-Dar­stell­ba­ren zu leben, ohne davon über­wäl­tigt zu werden.


Die offene Frage

Lacan stell­te am Ende immer eine unbe­que­me Gegen­fra­ge: Wann dient Abs­trak­ti­on dem Aus­druck des Unaus­sprech­li­chen — und wann wird sie zur Abwehr davon?

Denn nicht jede abs­trak­te Form ist ehr­li­cher als Rea­lis­mus. Manch­mal schützt Abs­trak­ti­on vor dem Rea­len, statt es zu berüh­ren. Manch­mal ist das Orna­men­ta­le, das Deko­ra­ti­ve, das „schö­ne“ Unge­gen­ständ­li­che eine Flucht — genau­so wie ein zu glat­tes rea­lis­ti­sches Bild eine Flucht sein kann.

Die ent­schei­den­de Fra­ge — für Kunst wie für per­sön­li­che Aus­drucks­ver­su­che — ist immer die­sel­be: Öff­net die­se Form eine Begeg­nung mit dem, was nicht inte­griert wer­den kann? Oder ver­schließt sie sie?


Das ist kei­ne Fra­ge mit einer ein­fa­chen Ant­wort. Aber sie zu stel­len, ist bereits ein Schritt — weg von der Illu­si­on, dass das Schlimms­te sich voll­stän­dig sagen lässt, und hin zu einer Auf­merk­sam­keit für das, was in jeder Form bleibt: der Rest, der sich nicht dar­stel­len lässt, und der viel­leicht gera­de des­halb der wich­tigs­te Teil ist.


Maria Jare­ma (1908–1958) war eine pol­ni­sche Male­rin und Bild­haue­rin, die zu den bedeu­tends­ten Ver­tre­te­rin­nen der abs­trak­ten Kunst in Polen nach dem Zwei­ten Welt­krieg gehört. Das Zitat ent­stammt ihrer künst­le­ri­schen Pra­xis der frü­hen 1950er Jah­re. Die psy­cho­ana­ly­ti­sche Deu­tung folgt Jac­ques Lacans Kon­zept des Rea­len und der sym­bo­li­schen Ordnung.

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