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Inhaltsverzeichnis
- 1 Das schöpferische Noch-nicht-entschieden-sein
- 2 Orientierung statt Lähmung – das Noch-nicht im Gestaltprozess
- 3 Der heimliche Wunsch, unbeteiligt zu sein
- 4 Träume und Tagträume als Verkehrungsexperimente
- 5 Von grandiosen Phantasien zu realistischen Möglichkeiten
- 6 Der Kontext entscheidet: Gegensätze sind nicht absolut
- 7 Das Experiment und die Grenze des Vorstellbaren
- 8 Fazit: Die produktive Kraft des Dazwischen
- 9 Quellen und weiterführende Literatur
Das schöpferische Noch-nicht-entschieden-sein
Zwischen kreativer Offenheit und missverstandener Unentschlossenheit
In einer Kultur, die Entscheidungen, Zielklarheit und Handlungsschnelligkeit hoch bewertet, wirkt das Noch-nicht-entschieden-sein schnell verdächtig. Es wird nicht selten als Ausdruck chronischer Unentschlossenheit, als Vermeidung oder gar als persönliches Defizit interpretiert. Dabei gerät aus dem Blick, dass es Formen des Nicht-Entschiedenseins gibt, die nicht nur funktional, sondern zutiefst schöpferisch sind.
Gerade aus gestalttherapeutischer Perspektive ist das Noch-nicht-Entschiedensein kein Mangelzustand, sondern eine Orientierungsphase, die einen unverzichtbaren Abschnitt im Prozess lebendiger Selbstregulation darstellt.
Orientierung statt Lähmung – das Noch-nicht im Gestaltprozess
Die sogenannte Gestaltkurve bzw. der Kontaktzyklus beschreibt den natürlichen Verlauf von Bedürfnisentstehung, Wahrnehmung, Handlung und Rückzug. Bevor es zur klaren Figur, zur Entscheidung und zur Handlung kommt, steht die Phase der Orientierung: ein tastendes, suchendes Innehalten.
In dieser Phase ist noch offen, was eigentlich relevant ist. Das Subjekt befindet sich zwischen Reiz und Reaktion, zwischen Impuls und Entscheidung. Dieses Dazwischen ist kein Leerlauf, sondern ein Raum erhöhter Sensibilität. Erst hier können Alternativen überhaupt wahrgenommen werden.
Wird diese Phase vorschnell abgebrochen – etwa durch Aktionismus oder rigide Zielorientierung –, besteht die Gefahr, dass Entscheidungen zwar schnell, aber nicht stimmig getroffen werden.
Der heimliche Wunsch, unbeteiligt zu sein
Unentschlossenheit ist jedoch nicht immer schöpferisch. Hinter ihr kann sich auch ein weniger offensichtliches Motiv verbergen: der Wunsch nach Unbeteiligtsein.
Sich nicht zu entscheiden bedeutet dann, sich der Verantwortung zu entziehen, sich nicht festlegen zu müssen, weder zu verlieren noch zu gewinnen. Diese Form der Unentschlossenheit schützt vor Enttäuschung, Schuld oder Konflikt – allerdings um den Preis innerer Leblosigkeit.
Entscheidend ist also nicht ob jemand unentschlossen ist, sondern aus welcher inneren Position heraus. Das schöpferische Noch-nicht ist wach, neugierig und risikobereit. Das vermeidende Noch-nicht hingegen ist oft von Angst, Rückzug oder emotionaler Abschottung begleitet.
Träume und Tagträume als Verkehrungsexperimente
Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Träume und Tagträume. In der Gestalttherapie werden sie nicht primär als symbolische Rätsel verstanden, sondern als spontan ausgeführte Verkehrungsexperimente.
In ihnen erhält häufig der innere Widersacher, der Underdog, die unterdrückte Seite der Persönlichkeit eine Stimme.
Der Zurückhaltende wird dominant.
Die Anpassungsbereite rebellisch.
Der Enttäuschte triumphierend.
Oft stellen diese inneren Bilder eine Verkehrung gegenwärtiger Frustrationen dar. Wer sich im Alltag ohnmächtig erlebt, träumt von grandioser Wirksamkeit. Wer sich übergangen fühlt, imaginiert Anerkennung oder Überlegenheit.
Diese Phantasien sind nicht bloß kompensatorische Wunschbilder. Sie enthalten Hinweise auf nicht gelebte Möglichkeiten, auf Entwicklungsrichtungen, die im Wachzustand blockiert sind.
Von grandiosen Phantasien zu realistischen Möglichkeiten
Ein häufiger Fehler besteht darin, grandiose Phantasien entweder wörtlich nehmen oder vollständig abwerten zu wollen. Beides greift zu kurz.
Produktiver ist es, sie als Rohmaterial zu betrachten. Nicht die konkrete Vorstellung ist entscheidend, sondern die in ihr enthaltene Qualität:
Mehr Autonomie.
Mehr Sichtbarkeit.
Mehr Einfluss.
Mehr Lebendigkeit.
Die therapeutische und persönliche Aufgabe besteht darin, diese Qualitäten in realistische, alltagstaugliche Möglichkeiten zu übersetzen. So werden Phantasien zu Wegweisern statt zu Fluchtorten. Dieses Vorgehen ist auch unter dem Begriff „Probehandeln“ bekannt.
Der Kontext entscheidet: Gegensätze sind nicht absolut
Ein zentrales Missverständnis entsteht, wenn innere Gegensätze isoliert betrachtet werden. Eigenschaften wie „faul“ und „fleißig“ erscheinen dann als moralische Gegensätze. Im richtigen Kontext jedoch kann sich „faul“ als Ausdruck von Regeneration, Frische oder Widerstand gegen Überforderung zeigen.
Gestalttherapeutisch gilt:
Ein Verhalten ist nie an sich pathologisch oder gesund. Entscheidend ist der Kontext, in dem es auftaucht, und die Funktion, die es erfüllt.
Erst diese Kontextsensibilität erlaubt es, innere Polaritäten nicht zu bekämpfen, sondern zu integrieren.
Das Experiment und die Grenze des Vorstellbaren
Besonders aufschlussreich sind jene Situationen, für die wir uns das Gegenteil nicht vorstellen können. Dort, wo Gedanken an Alternativen sofort Angst, Besorgnis oder Ekel hervorrufen, zeigen sich oft tief verankerte Gewohnheiten und Fixierungen.
Genau hier setzt das gestalttherapeutische Experiment an: nicht als provokative Technik, sondern als Einladung zu gesteigertem Gewahrsein. Das Ziel ist nicht, etwas sofort zu verändern, sondern die eigene Fixierung überhaupt erst erfahrbar zu machen.
Das schöpferische Noch-nicht-entschieden-sein braucht diesen Mut zur inneren Unsicherheit. Es lebt davon, Gewohnheiten nicht sofort zu bestätigen, sondern für einen Moment in der Schwebe zu halten.
Fazit: Die produktive Kraft des Dazwischen
Das Noch-nicht-entschieden-sein ist kein Zustand, der überwunden werden muss, sondern ein Raum, der gehalten werden will. Richtig verstanden, ist er der Ort, an dem neue Gestalten entstehen können – jenseits von bloßer Anpassung oder vorschneller Entscheidung.
Die Herausforderung besteht darin, diesen Raum weder mit Vermeidung noch mit Aktionismus zu verwechseln. Wo dies gelingt, wird Unentschlossenheit nicht zum Stillstand, sondern zur Quelle von Bewegung.
Quellen und weiterführende Literatur
- Perls, F., Hefferline, R., Goodman, P. (1951): Gestalt Therapy: Excitement and Growth in the Human Personality
https://archive.org/details/gestalttherapye00perl - Perls, F. (1969): Gestalt Therapy Verbatim
https://gestalttherapy.org/gestalt-therapy-verbatim/ - Clarkson, P., Mackewn, J. (1993): Fritz Perls
https://www.routledge.com/Fritz-Perls/Clarkson-Mackewn/p/book/9780803985308 - Wheeler, G. (1991): Gestalt Reconsidered
https://gestalttherapy.org/gestalt-reconsidered/ - Staemmler, F.-M. (2009): Aggression, Time and Understanding
https://www.gestalttherapy.org/fmstaemmler/
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