„Schöpferische Indifferenz: Kontaktaufnahme zur Umgebung – Diskussion „Unentschlossenheit“#6“

Kreative Indifferenz


Das schöpferische Noch-nicht-entschieden-sein

Zwischen kreativer Offenheit und missverstandener Unentschlossenheit

In einer Kul­tur, die Ent­schei­dun­gen, Ziel­klar­heit und Hand­lungs­schnel­lig­keit hoch bewer­tet, wirkt das Noch-nicht-ent­schie­den-sein schnell ver­däch­tig. Es wird nicht sel­ten als Aus­druck chro­ni­scher Unent­schlos­sen­heit, als Ver­mei­dung oder gar als per­sön­li­ches Defi­zit inter­pre­tiert. Dabei gerät aus dem Blick, dass es For­men des Nicht-Ent­schie­dens­eins gibt, die nicht nur funk­tio­nal, son­dern zutiefst schöp­fe­risch sind.

Gera­de aus gestalt­the­ra­peu­ti­scher Per­spek­ti­ve ist das Noch-nicht-Ent­schie­den­s­ein kein Man­gel­zu­stand, son­dern eine Ori­en­tie­rungs­pha­se, die einen unver­zicht­ba­ren Abschnitt im Pro­zess leben­di­ger Selbst­re­gu­la­ti­on darstellt.


Orientierung statt Lähmung – das Noch-nicht im Gestaltprozess

Die soge­nann­te Gestalt­kur­ve bzw. der Kon­takt­zy­klus beschreibt den natür­li­chen Ver­lauf von Bedürf­nis­ent­ste­hung, Wahr­neh­mung, Hand­lung und Rück­zug. Bevor es zur kla­ren Figur, zur Ent­schei­dung und zur Hand­lung kommt, steht die Pha­se der Ori­en­tie­rung: ein tas­ten­des, suchen­des Innehalten.

In die­ser Pha­se ist noch offen, was eigent­lich rele­vant ist. Das Sub­jekt befin­det sich zwi­schen Reiz und Reak­ti­on, zwi­schen Impuls und Ent­schei­dung. Die­ses Dazwi­schen ist kein Leer­lauf, son­dern ein Raum erhöh­ter Sen­si­bi­li­tät. Erst hier kön­nen Alter­na­ti­ven über­haupt wahr­ge­nom­men werden.

Wird die­se Pha­se vor­schnell abge­bro­chen – etwa durch Aktio­nis­mus oder rigi­de Ziel­ori­en­tie­rung –, besteht die Gefahr, dass Ent­schei­dun­gen zwar schnell, aber nicht stim­mig getrof­fen werden.


Der heimliche Wunsch, unbeteiligt zu sein

Unent­schlos­sen­heit ist jedoch nicht immer schöp­fe­risch. Hin­ter ihr kann sich auch ein weni­ger offen­sicht­li­ches Motiv ver­ber­gen: der Wunsch nach Unbe­tei­ligt­sein.

Sich nicht zu ent­schei­den bedeu­tet dann, sich der Ver­ant­wor­tung zu ent­zie­hen, sich nicht fest­le­gen zu müs­sen, weder zu ver­lie­ren noch zu gewin­nen. Die­se Form der Unent­schlos­sen­heit schützt vor Ent­täu­schung, Schuld oder Kon­flikt – aller­dings um den Preis inne­rer Leblosigkeit.

Ent­schei­dend ist also nicht ob jemand unent­schlos­sen ist, son­dern aus wel­cher inne­ren Posi­ti­on her­aus. Das schöp­fe­ri­sche Noch-nicht ist wach, neu­gie­rig und risi­ko­be­reit. Das ver­mei­den­de Noch-nicht hin­ge­gen ist oft von Angst, Rück­zug oder emo­tio­na­ler Abschot­tung begleitet.


Träume und Tagträume als Verkehrungsexperimente

Beson­ders auf­schluss­reich sind in die­sem Zusam­men­hang Träu­me und Tag­träu­me. In der Gestalt­the­ra­pie wer­den sie nicht pri­mär als sym­bo­li­sche Rät­sel ver­stan­den, son­dern als spon­tan aus­ge­führ­te Ver­keh­rungs­expe­ri­men­te.

In ihnen erhält häu­fig der inne­re Wider­sa­cher, der Under­dog, die unter­drück­te Sei­te der Per­sön­lich­keit eine Stim­me.
Der Zurück­hal­ten­de wird domi­nant.
Die Anpas­sungs­be­rei­te rebel­lisch.
Der Ent­täusch­te triumphierend.

Oft stel­len die­se inne­ren Bil­der eine Ver­keh­rung gegen­wär­ti­ger Frus­tra­tio­nen dar. Wer sich im All­tag ohn­mäch­tig erlebt, träumt von gran­dio­ser Wirk­sam­keit. Wer sich über­gan­gen fühlt, ima­gi­niert Aner­ken­nung oder Überlegenheit.

Die­se Phan­ta­sien sind nicht bloß kom­pen­sa­to­ri­sche Wunsch­bil­der. Sie ent­hal­ten Hin­wei­se auf nicht geleb­te Mög­lich­kei­ten, auf Ent­wick­lungs­rich­tun­gen, die im Wach­zu­stand blo­ckiert sind.


Von grandiosen Phantasien zu realistischen Möglichkeiten

Ein häu­fi­ger Feh­ler besteht dar­in, gran­dio­se Phan­ta­sien ent­we­der wört­lich neh­men oder voll­stän­dig abwer­ten zu wol­len. Bei­des greift zu kurz.

Pro­duk­ti­ver ist es, sie als Roh­ma­te­ri­al zu betrach­ten. Nicht die kon­kre­te Vor­stel­lung ist ent­schei­dend, son­dern die in ihr ent­hal­te­ne Qua­li­tät:
Mehr Auto­no­mie.
Mehr Sicht­bar­keit.
Mehr Ein­fluss.
Mehr Leben­dig­keit.

Die the­ra­peu­ti­sche und per­sön­li­che Auf­ga­be besteht dar­in, die­se Qua­li­tä­ten in rea­lis­ti­sche, all­tags­taug­li­che Mög­lich­kei­ten zu über­set­zen. So wer­den Phan­ta­sien zu Weg­wei­sern statt zu Fluchtor­ten. Die­ses Vor­ge­hen ist auch unter dem Begriff „Pro­be­han­deln“ bekannt.


Der Kontext entscheidet: Gegensätze sind nicht absolut

Ein zen­tra­les Miss­ver­ständ­nis ent­steht, wenn inne­re Gegen­sät­ze iso­liert betrach­tet wer­den. Eigen­schaf­ten wie „faul“ und „flei­ßig“ erschei­nen dann als mora­li­sche Gegen­sät­ze. Im rich­ti­gen Kon­text jedoch kann sich „faul“ als Aus­druck von Rege­ne­ra­ti­on, Fri­sche oder Wider­stand gegen Über­for­de­rung zeigen.

Gestalt­the­ra­peu­tisch gilt:
Ein Ver­hal­ten ist nie an sich patho­lo­gisch oder gesund. Ent­schei­dend ist der Kon­text, in dem es auf­taucht, und die Funk­ti­on, die es erfüllt.

Erst die­se Kon­text­sen­si­bi­li­tät erlaubt es, inne­re Pola­ri­tä­ten nicht zu bekämp­fen, son­dern zu integrieren.


Das Experiment und die Grenze des Vorstellbaren

Beson­ders auf­schluss­reich sind jene Situa­tio­nen, für die wir uns das Gegen­teil nicht vor­stel­len kön­nen. Dort, wo Gedan­ken an Alter­na­ti­ven sofort Angst, Besorg­nis oder Ekel her­vor­ru­fen, zei­gen sich oft tief ver­an­ker­te Gewohn­hei­ten und Fixierungen.

Genau hier setzt das gestalt­the­ra­peu­ti­sche Expe­ri­ment an: nicht als pro­vo­ka­ti­ve Tech­nik, son­dern als Ein­la­dung zu gestei­ger­tem Gewahr­sein. Das Ziel ist nicht, etwas sofort zu ver­än­dern, son­dern die eige­ne Fixie­rung über­haupt erst erfahr­bar zu machen.

Das schöp­fe­ri­sche Noch-nicht-ent­schie­den-sein braucht die­sen Mut zur inne­ren Unsi­cher­heit. Es lebt davon, Gewohn­hei­ten nicht sofort zu bestä­ti­gen, son­dern für einen Moment in der Schwe­be zu halten.


Fazit: Die produktive Kraft des Dazwischen

Das Noch-nicht-ent­schie­den-sein ist kein Zustand, der über­wun­den wer­den muss, son­dern ein Raum, der gehal­ten wer­den will. Rich­tig ver­stan­den, ist er der Ort, an dem neue Gestal­ten ent­ste­hen kön­nen – jen­seits von blo­ßer Anpas­sung oder vor­schnel­ler Entscheidung.

Die Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, die­sen Raum weder mit Ver­mei­dung noch mit Aktio­nis­mus zu ver­wech­seln. Wo dies gelingt, wird Unent­schlos­sen­heit nicht zum Still­stand, son­dern zur Quel­le von Bewegung.


Quellen und weiterführende Literatur

Lesen Sie hier mehr zum The­ma „Krea­ti­vi­tät“

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