Werden wir immer narzisstischer? Was Popsongs verraten

Eine Stu­die zählt die Wör­ter in den Tex­ten der erfolg­reichs­ten Pop­songs aus fünf­zig Jah­ren und zieht dar­aus ein Urteil über die Kul­tur: Das „ich“ tritt immer häu­fi­ger auf, das „wir“ immer sel­te­ner, also wer­de die Gesell­schaft zuse­hends nar­ziss­ti­scher und selbst­be­zo­ge­ner. Die Süd­deut­sche Zei­tung fasst es in drei Wör­ter: „Ich, ich, ich“. Das klingt sofort plau­si­bel – und genau des­halb lohnt es sich, genau­er hin­zu­hö­ren. Die Deu­tung kippt, sobald man fragt, was die­ses „ich“ eigent­lich ist. Mit dem fran­zö­si­schen Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan gele­sen, ver­rät das lau­te „ich“ kein star­kes Ich, son­dern eines, das sich stän­dig zei­gen muss, weil es sich sei­ner nicht sicher ist.

Das Ich war schon immer verliebt

Die The­se setzt vor­aus, dass Selbst­be­zug etwas ist, das zuneh­men oder abneh­men kann wie ein Pegel­stand. Lacan wider­spricht an der Wur­zel. Das Ich – er nennt es das moi – ent­steht im Spie­gel­sta­di­um: Das Klein­kind erkennt sich in einem Bild, das gan­zer und run­der wirkt als das, was es von innen spürt, und ver­liebt sich in die­ses Bild. Das Ich ver­liebt sich von Anfang an in sich selbst. Es gibt kein nicht-nar­ziss­ti­sches Ich, das spä­ter nar­ziss­tisch würde.

Wenn das stimmt, kann eine Gesell­schaft nicht „immer nar­ziss­ti­scher“ wer­den. Was sich ver­schiebt, ist nicht die Men­ge eines Gefühls, son­dern das, was man zei­gen darf. Frü­her ver­bot eine stren­ge­re Ord­nung, sich der­art in den Vor­der­grund zu drän­gen; heu­te lädt sie gera­de­zu dazu ein. Die Stu­die misst, dass man sich heu­te mehr zei­gen darf, und liest es als gewach­se­ne Eigen­schaft. Das ist der ers­te Fehl­schluss: Wer mehr Sicht­ba­res behaup­tet, hat noch nichts über das Inne­re gesagt.

„Ich“ ist kein Inhalt, sondern ein leerer Platz

Hier kommt Lacans schärfs­ter Ein­wand. Das „Ich“, das in einem Lied vor­kommt, ist nicht das­je­ni­ge, das spricht. Er trennt das Sub­jekt der Aus­sa­ge von dem, der aus­sagt – wer „ich“ sagt, meint mit dem­sel­ben Wort jedes Mal jemand ande­ren. „Ich“ ist ein Zei­ger, der bei jedem Spre­cher umspringt, ein lee­rer Platz, kein Cha­rak­ter. Wer Erst­per­son­pro­no­men zählt und dar­aus auf einen See­len­zu­stand schließt, behan­delt den Lied­text wie ein durch­sich­ti­ges Fens­ter zur Psy­che. Das ist er nie. Man hat Wör­ter gezählt und glaubt, damit Men­schen ver­mes­sen zu haben.

Das laute Ich ist das bedürftige

Und jetzt die eigent­li­che Wen­de. Das nar­ziss­ti­sche Ich ist bei Lacan gera­de nicht satt und aut­ark. Es lebt im frem­den Bild, es hängt am Blick der ande­ren. Je lau­ter ein „ich“, des­to mehr stellt sich da ein Selbst zur Schau – und zwar für irgend­je­man­den. Die­ses Selbst ist nicht voll, son­dern leer: Lacan spricht von einem Seins­man­gel, einem Loch, das sich unab­läs­sig vor­zei­gen muss, weil es sich sei­ner selbst nicht sicher ist. „Sieh mich an – bin ich lie­bens­wert?“ Das ist kein Sieg der Selbst­lie­be. Das ist die Fra­ge nach dem Begeh­ren des Ande­ren, in Dau­er­schlei­fe. Wer mehr „ich“ sagt, wird nicht unab­hän­gi­ger, son­dern hängt stär­ker am Beifall.

Man sieht es am Stoff selbst. Pop han­delt, wie der Arti­kel ein­räumt, meist von der Lie­be – und die Lie­be ist die Stel­le, an der der Man­gel am offens­ten liegt. Das „ich“ im Lie­bes­lied ist ein bit­ten­des, an einen ande­ren gerich­te­tes Ich, kein selbst­ge­nüg­sa­mes. Sogar das Bei­spiel, das die Stu­die anführt – Bey­on­cés „Me, Mys­elf and I“ – wen­det sich gegen die­se Les­art: Der Song zieht sich, nach­dem die Lie­be zer­bro­chen ist, auf das eige­ne Selbst zurück, weil es das Ein­zi­ge ist, das einen nicht ver­lässt. Das ist kein Froh­lo­cken, das ist eine Wun­de und ihre Abwehr. Wer nur das Pro­no­men zählt, ver­steht den Sinn des Lie­des nicht.

Das verschwundene „wir“ ist kein Eigennutz

Hier lässt sich die The­se am stärks­ten wie­der­le­gen. Dass „wir“ und „uns“ sel­te­ner wer­den, zeigt kei­ne Men­schen, die sich mehr lie­ben. Es zeigt, dass etwas ande­res weg­bricht: der gemein­sa­me Boden, auf dem der Ein­zel­ne weiß, wo er steht. Jede Gemein­schaft gibt ihren Mit­glie­dern einen Platz – eine Fami­lie, einen Glau­ben, eine Zuge­hö­rig­keit, ein geteil­tes Wir, das einem sagt, wer man ist. Lacan nennt die­se gemein­sa­me Ord­nung den „gro­ßen Ande­ren“. Brö­ckelt sie, steht der Ein­zel­ne plötz­lich allein da, ohne die­sen Rück­halt. Und gera­de dann muss er sich lau­ter behaup­ten, weil ihm nie­mand mehr von außen bestä­tigt, wer er ist. Das vie­le „ich“ ist also die Fol­ge des feh­len­den „wir“, nicht sein Antrieb. Wer mehr Nar­ziss­mus dar­in sieht, ver­wech­selt Ursa­che und Wir­kung: Er hört den Hil­fe­ruf und hält ihn für Angeberei.

Die Zahlen widerlegen die Moral, die man aus ihnen zieht

Das Auf­schluss­rei­che steht in der Stu­die selbst. Der Trend tritt nicht über­all auf – stark in den indi­vi­dua­lis­tisch gepräg­ten west­li­chen Län­dern, anders in Hong­kong und Japan. Genau das spricht gegen die Nar­zß­mus Deu­tung. Wäre „ich“ ein Maß für Selbst­lie­be, müss­te es über­all gleich stei­gen. Dass sein Gewicht von Land zu Land kippt, zeigt: „ich“ ist ein Signi­fi­kant, des­sen Wert die jewei­li­ge Ord­nung fest­legt, nicht ein Ther­mo­me­ter der See­le. Wie einer sich zu sich selbst ver­hält, kommt nicht von innen – der kul­tu­rel­le Ande­re teilt es zu. Die Zah­len spre­chen dafür, dass das „Ich“ von der jewei­li­gen Kul­tur abhängt – nicht von einer wach­sen­den Selbst­ver­liebt­heit der Men­schen. Nur zieht der Arti­kel die­sen Schluss nicht.

Aller­dings – auch inner­halb der Psy­cho­lo­gie ist die The­se einer „Nar­ziss­mus-Epi­de­mie“, die vor allem mit Jean Twen­ge ver­bun­den ist, umstrit­ten. Meh­re­re spä­te­re Gene­ra­tio­nen­stu­di­en fan­den kei­nen ver­läss­li­chen Anstieg. „Zu ober­fläch­lich“ ist also kein bloß laca­nia­ni­scher Ver­dacht, son­dern auch ein empi­ri­scher Einwand.

Ein Befehl, kein Ego

Bleibt die Fra­ge, woher der Druck zum „ich“ dann kommt, wenn nicht aus wach­sen­der Selbst­be­zo­gen­heit. Die Ant­wort ist unbe­quem: aus einem Befehl. „Sei du selbst, zeig dich, ver­wirk­li­che dich“ klingt frei, ist aber ein Befehl – die Spät­mo­der­ne ver­langt vom Ein­zel­nen, sich zu ver­mark­ten, ein Pro­fil zu sein, sicht­bar zu blei­ben. Lacan hört im moder­nen Über-Ich nicht das alte „du sollst nicht“, son­dern ein „genie­ße!“. Das Sub­jekt, das „ich“ singt, ist nicht aus­ge­bro­chen. Es gehorcht. Nicht die Men­schen ver­fal­len ihrem Ego – der Ande­re kom­man­diert, und das Lied führt den Befehl aus.

Spinoza: der Unterschied, den die These übersieht

Damit lässt sich der Arti­kel an einer Stel­le fas­sen, an der er selbst nicht hin­schaut. Was er „Nar­ziss­mus“ nennt, hat der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za viel genau­er beschrie­ben – und in zwei Din­ge getrennt, die der Begriff mit­ein­an­der vermengt.

Das eine nennt Spi­no­za Ruhm: eine Freu­de, die sich dar­an ent­zün­det, dass ande­re mein Tun loben. Sie hängt ganz am Urteil der ande­ren. Steigt das Lob, stei­ge ich; bleibt es aus, fal­le ich. Das ist ein trau­ri­ger, fremd­be­stimm­ter Zustand, auch wenn er sich wie Stolz anfühlt – mein Selbst­ge­fühl liegt dann nicht bei mir, son­dern in der Hand jedes Belie­bi­gen, der klatscht oder schweigt. Das „ich, ich, ich“ der Pop­songs ist die­se Sor­te Selbst­be­zug: ein Ich, das sich am Bei­fall wärmt und friert, sobald er ausbleibt.

Dem stellt Spi­no­za etwas ande­res gegen­über, für das es im Deut­schen kei­nen kla­ren Begriff gibt: eine Zufrie­den­heit mit sich, die aus dem eige­nen Ver­ste­hen kommt, nicht aus dem frem­den Blick. Wer aus kla­ren Ideen her­aus han­delt und spürt, was er zu wir­ken ver­mag, ruht in die­sem Tun – ob jemand zusieht oder nicht. Das ist kein Rück­zug ins Pri­va­te und kein Ach­sel­zu­cken. Es ist das Gegen­teil des lau­ten Ich: ein Ver­hält­nis zu sich, das man nicht stän­dig vor­zei­gen muss, weil es sich die Ener­gie nicht vom Applaus borgt.

Hier tref­fen sich Lacan und Spi­no­za auf über­ra­schen­de Wei­se. Bei­de sagen: Das lau­te, sich vor­zei­gen­de Ich ist das schwa­che. Lacan, weil es vom Begeh­ren des Ande­ren lebt; Spi­no­za, weil es sei­ne Freu­de aus frem­dem Lob zieht. Und bei­de ken­nen einen ande­ren Weg – nicht sich noch mehr zu zei­gen, son­dern weni­ger am Blick zu hän­gen. Bei Lacan heißt er, das lee­re Phan­tas­ma zu durch­que­ren und das eige­ne Begeh­ren zu über­neh­men; bei Spi­no­za, die eige­ne Kraft zu ver­ste­hen, statt sie am Urteil der Men­ge zu messen.

Was bleibt

„Ich, ich, ich“ ist also kei­ne Dia­gno­se von zu viel Selbst­lie­be. Sie ist, genau bese­hen, die Dia­gno­se von zu wenig. Ein Sub­jekt, dem das gemein­sa­me „Wir“ ent­zo­gen wur­de und das zugleich ver­pflich­tet ist, sich zu zei­gen, muss ein Ich end­los vor­füh­ren, das es gar nicht sicher besitzt. Das lau­te Selbst ist nicht das star­ke. Es ist das, dem der Boden fehlt – und das des­halb nicht auf­hö­ren kann, nach sich selbst zu rufen.

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