Gewalt gegen Frauen – Versuch einer Deutung

Vor­weg, und das steht über allem: Die­ser Text erklärt eine Struk­tur, in der sich ein Täter bewegt – kei­nen Grund, der ihn getrie­ben hät­te, und er rela­ti­viert oder ent­schul­digt nichts. Die Ver­ant­wor­tung für Gewalt gegen Frau­en – manch­mal mit töd­li­chen Fol­gen – liegt allein beim Täter, ohne Abzug. Und die hier her­an­ge­zo­ge­nen The­sen sind nur eine Sicht neben ande­ren und erhe­ben kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit. Am bes­ten belegt ist ein nüch­ter­ner Befund: Gewalt gegen Frau­en dient meist dazu, Macht und Kon­trol­le zu sichern. Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan und der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za tre­ten dane­ben; sie erset­zen die­sen Befund nicht, sie leuch­ten nur die inne­re Logik aus.

Es gibt ein Mus­ter, das auf den ers­ten Blick nicht zusam­men­passt. Das Risi­ko, dass ein Mann sei­ne Part­ne­rin sogar tötet, ist nicht in der Bezie­hung am größ­ten, son­dern in dem Moment, in dem sie sich von ihm ent­fernt oder ihn ver­lässt. Nicht das Zusam­men­sein ist der gefähr­lichs­te Punkt, son­dern ein nahen­des Ende oder das Ende selbst. War­um kippt gera­de die Tren­nung so oft auch in töd­li­che Gewalt?

Zwei Quellen des Werts

Im vor­an­ge­gan­ge­nen Bei­trag, in dem es dar­um ging, war­um älte­re Frau­en här­ter beur­teilt wer­den als Män­ner, ging es um zwei ver­schie­de­ne Quel­len von Wert­zu­mes­sung. Der männ­li­che Wert läuft in der herr­schen­den Ord­nung über Sta­tus und Besitz – über das, was einer hat und dar­stellt. Der weib­li­che wird ans Bild gehef­tet, ans Begehrt­wer­den. Die­sel­be Struk­tur führt hier wei­ter, an eine dunk­le­re Stelle.

Die männ­li­che Posi­ti­on des Habens ist nie gesi­chert. Der Mann gibt vor, das zu besit­zen, was Wert ver­leiht, und muss die­sen Schein stän­dig auf­recht­erhal­ten. Dabei fällt der Frau eine bestimm­te Rol­le zu: Sie soll das Bild sein, das sei­nen Wert ver­bürgt. Solan­ge sie an sei­ner Sei­te steht, stützt sie ihn und bestä­tigt, dass er wirk­lich hat, was er zu haben behaup­tet. Ihr Blei­ben ist der Beweis.

Der Entzug

Des­halb kann ihn ihr Weg­ge­hen – oder sogar schon vor­her die Zei­chen ihrer Auto­no­mie – nicht wie ein Ver­lust unter ande­ren, son­dern beson­ders hart tref­fen. Wenn sie geht, einen ande­ren begehrt oder ein­fach als eige­ner Mensch auf­tritt und nicht län­ger als sein Bild, bricht die Stüt­ze weg. Der Wert, auf den er sein Ich gebaut hat, steht plötz­lich leer da. Lacan nennt die­sen Ein­bruch die Kas­tra­ti­on – gemeint ist nicht der Ver­lust eines Organs, son­dern der Zusam­men­bruch des­sen, wor­auf das Ich sich stützt.

„Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich nie­mand haben.“ Die­ser Satz ist das töd­li­che Ende der Logik des Habens: lie­ber zer­stö­ren, was sich ent­zieht, als den Ver­lust zulas­sen, der die eige­ne Lee­re sicht­bar macht. So wird das grau­sa­me Mus­ter ver­steh­bar, dass die Tren­nung der gefähr­lichs­te Moment ist. Der Mann tötet nicht, weil er zu viel fühlt, son­dern weil er ohne sie nichts mehr zu sein glaubt.

Was sich entzieht

Eine Schicht dar­un­ter liegt noch etwas. Lacan sagt, es gebe kei­nen fes­ten Begriff für „die Frau“ – etwas am Weib­li­chen ent­zie­he sich der männ­li­chen Ord­nung, las­se sich nicht ganz erfas­sen und nicht besit­zen. Für einen Halt, der auf Besitz und Kon­trol­le gebaut ist, ist gera­de die­ser Rest uner­träg­lich: der Teil der Frau, der ihm nie gehört hat und über ihn hin­aus­geht. Die Gewalt rich­tet sich dann gegen das, was sich nicht beherr­schen lässt – und trifft am Ende doch die Person.

Warum die Struktur allein nichts erklärt

An die­sem Punkt braucht es die Gegen­pro­be, sonst kippt das Gan­ze ins Schick­sal­haf­te. Die­se Struk­tur tei­len sehr vie­le Män­ner, und fast kei­ner wird zum Täter. Sie ist eine Bedin­gung, nie ein Aus­lö­ser. Was den Unter­schied macht, liegt woan­ders: in einer Kul­tur, die Gewalt gegen Frau­en lan­ge gedeckt und ver­harm­lost hat, im leich­ten Zugang zu Waf­fen, dar­in, dass vie­le Täter unge­straft davon­kom­men – und dar­in, wie jeder Ein­zel­ne sich ent­schei­det, was ihm nie­mand abnimmt. Die Struk­tur erklärt die Form, nicht die Tat.

Spinoza: die falsche Stärke

Spi­no­za sieht in die­ser Stär­ke etwas ande­res. Ein Mann, der besit­zen und kon­trol­lie­ren muss, han­delt nicht aus Kraft, son­dern aus Angst – aus Furcht vor dem Ver­lust, vor der eige­nen Lee­re. Furcht, Hass und Eifer­sucht zählt Spi­no­za zu den „trau­ri­gen“ Affek­ten: zu den Regun­gen, die einen Men­schen klei­ner machen und sei­ne Kraft zu han­deln sen­ken, statt sie zu heben. Der kon­trol­lie­ren­de Mann beherrscht nichts; er wird beherrscht – von der Angst, die ihn treibt. Und wer eine Frau mit Zwang hält, hat sie in dem Sinn, auf den es ankommt, längst verloren.

Spi­no­za stellt dem ein ande­res Bild gegen­über: Men­schen gewinnt man nicht mit Gewalt, son­dern indem man auf sie zugeht und groß­zü­gig mit ihnen umgeht. An die­sem Maß­stab ist der Mann, der zuschlägt, der Schwächs­te im Raum. Die Gewalt gibt offen zu, dass da nichts mehr zu gewin­nen ist.

Was bleibt

Am Ende zer­stört die Gewalt genau das, wor­auf sie sich stüt­zen woll­te. Was wie Macht aus­sieht, ist Ohn­macht in der Mas­ke der Macht. Der Mann, der die Frau nicht gehen las­sen kann, beweist mit der Tat nur, wie wenig er je besaß.

Und das letz­te Wort gehört nicht der Deu­tung, son­dern der Ver­ant­wor­tung. Zu erklä­ren, war­um die Gewalt die­se Form annimmt, nimmt kei­nem Täter die Schuld. Es macht nur sicht­bar, was sich hin­ter der Fas­sa­de der Stär­ke ver­birgt – und viel­leicht hilft die­ses Sehen, frü­her hin­zu­schau­en, wo ein „Er lässt sie ein­fach nicht los“ längst warnt.

Die­ser Bei­trag denkt männ­li­che Gewalt gegen Frau­en mit Jac­ques Lacan (die Posi­ti­on des Habens, die Kas­tra­ti­on als Ein­bruch, der Rest, der sich ent­zieht) und Baruch de Spi­no­za (Furcht und Eifer­sucht als trau­ri­ge Affek­te, der drit­te und vier­te Teil der Ethik). Er ver­steht sich als Deu­tung, nicht als Rela­ti­vie­rung der Tat.

Wenn du selbst von Gewalt betrof­fen bist oder jeman­den kennst, der es ist: Das Hil­fe­te­le­fon „Gewalt gegen Frau­en“ berät rund um die Uhr, kos­ten­los und anonym unter 116 016 und über hilfetelefon.de.

Schreibe einen Kommentar

TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste
Unser Chatbot-Duo:
Mentara ist fürsorglich – Lac rüttelt auf.
Was brauchst du gerade?
Mentara begleitet dich
Lac fordert dich heraus
Mentara ×