Der Tango der Geschlechter: Wer hat die Macht in der Beziehung?

Das Spiel der Geschlech­ter wird oft erzählt wie ein Krieg: Einer gewinnt, einer ver­liert. Der Tan­go erzählt es anders – aber nicht so, wie man viel­leicht denkt. Die Rol­len sind hier klar, und sie blei­ben es: Einer führt, einer folgt. Und trotz­dem ist der, der folgt, kein Die­ner. Das Fol­gen ist eine eige­ne Kunst und eine eige­ne Macht. Genau das rückt die Fra­ge nach der Macht in der Bezie­hung in ein ande­res Licht.

In einem frü­he­ren Bei­trag wur­de die dun­kels­te Form die­ses Spiels beschrie­ben – die bru­ta­le Gewalt, die in einer Bezie­hung ent­ste­hen kann, meist von Män­nern gegen die Frau ver­übt. Hier geht es um die ande­re Sei­te: wie das­sel­be Spiel aus­sieht, wenn es gelingt.

Folgen ist kein Gehorchen

Im Tan­go führt einer, und einer folgt. Aber Füh­ren heißt nicht kom­man­die­ren – ein guter Füh­ren­der lädt ein, er dik­tiert nicht. Und Fol­gen heißt nicht hin­ter­her­lau­fen. Wer folgt, nimmt den Impuls auf und füllt ihn auf eige­ne Wei­se aus; er deu­tet ihn, setzt Akzen­te, bestimmt oft, wie nah die bei­den sich kom­men. Bei­de gestal­ten den Tanz, nur an ver­schie­de­nen Stel­len. Die Füh­rung gibt die Rich­tung, das Fol­gen gibt ihr Gestalt.

Das sieht man den Paa­ren an. Für Zuschau­er wirkt ein über­zeu­gen­des Paar, als hän­gen bei­de ent­spannt anein­an­der, als umarm­ten sie sich. Nichts dar­an wirkt unter­wor­fen. Eine Tän­ze­rin hat es ein­mal so gesagt: Für die Dau­er eines Lie­des die Füh­rung abzu­ge­ben, sei befrei­end – nicht, weil sie sich ergibt, son­dern weil sie sich ganz ein­las­sen kann. Das ist kein Ver­zicht auf Macht. Es ist eine ande­re Art, sie auszuüben.

Warum die Rollen nicht in Kontrolle kippen

Hier lässt sich der Faden aus dem ers­ten Teil auf­neh­men. Dort ging es um zwei Quel­len von Wert­zu­mes­sung: Der eine tritt auf, als besä­ße er das, was begehrt wird; die ande­re, als wäre sie es. Die­se bei­den Rol­len müs­sen nicht in Herr­schaft umschla­gen. Sie kön­nen eben­bür­tig sein – solan­ge bei­de wis­sen, dass nie­mand wirk­lich besitzt, was da begehrt wird, son­dern dass bei­de nur eine Rol­le spielen.

Die Krän­kung beginnt woan­ders: dort, wo einer die Rol­le für die gan­ze Wahr­heit hält und sei­nen Wert davon abhän­gig macht, dass der ande­re sie ihm bestä­tigt. Dann wird aus dem Spiel Ernst, aus dem Tanz ein Klam­mern. Wer dage­gen durch­schaut, dass alles gespielt ist, kann leicht sein: Er führt, ohne zu drü­cken, und folgt, ohne sich als Ver­lie­rer zu fühlen.

Und die Frau ist in die­sem Spiel alles ande­re als macht­los. Sie hält, was der ande­re zu brau­chen glaubt, und im Tanz ist sie es oft, die über die Nähe ent­schei­det. Das ist eine rea­le Macht, nur anders ver­teilt als sei­ne. Ver­füh­ren, sich zuwen­den, sich zurück­zie­hen – das sind Züge, die bei­de beherr­schen. Eines soll­te man dabei nicht durch­ein­an­der­brin­gen: Die­se Macht bewegt sich auf einer ganz ande­ren Ebe­ne als die kör­per­li­che Gewalt aus dem ers­ten Teil. Wer den ande­ren kränkt oder zurück­weist, macht einen Zug im Spiel. Die töd­li­che Gewalt bricht das Spiel ab.

Spinoza: in der eigenen Achse bleiben

Es gibt im Tan­go einen Aus­druck, der genau bei dem Phi­lo­so­phen Baruch de Spi­no­za lan­det: in der eige­nen Ach­se blei­ben. Gemeint ist, dass jeder Tän­zer in jedem Moment für sich sicher steht, im eige­nen Gleich­ge­wicht – nur so kann er sich ein­las­sen, ohne umzu­fal­len, und jede Bewe­gung jeder­zeit anhal­ten. Wer aus der Ach­se fällt, reißt den ande­ren mit.

Das ist Spi­no­zas Punkt. Das Spiel gelingt, wenn bei­de aus eige­ner Kraft han­deln und nicht aus einem Man­gel her­aus. Wer sei­nen Wert in sich trägt, kann fol­gen, ohne sich zu ver­lie­ren, und füh­ren, ohne den ande­ren klein­zu­ma­chen. Die Freu­de dar­an kommt aus der eige­nen Kraft, nicht aus dem Bei­fall des ande­ren und nicht dar­aus, dass er sich fügt. So kippt das Bild vom Null­sum­men­spiel. Solan­ge ich den­ke, dei­ne Macht sei mein Ver­lust, muss ich fest­hal­ten. Ste­hen dage­gen bei­de in ihrer eige­nen Ach­se, wird aus dem Spiel etwas, an dem bei­de wachsen.

Wo das Spiel abbricht

Damit lässt sich die Fra­ge beant­wor­ten, die den ers­ten Teil mit die­sem ver­bin­det. War­um wird das­sel­be Spiel beim einen zum Tan­go, beim ande­ren zur Gewalt? Weil die Gewalt dort beginnt, wo einer das Fol­gen nur als Unter­wer­fung kennt und nicht als Mit­ge­stal­ten – wo ihm die Sicher­heit fehlt, sich ein­zu­las­sen, ohne den Halt zu ver­lie­ren. Der Tan­go zeigt, was mög­lich ist, solan­ge die Angst nicht regiert.

Das ent­schul­digt die Gewalt nicht, im Gegen­teil. Es benennt genau das, was ihr fehlt. Wer klam­mert und schließ­lich zuschlägt, hat nie gelernt, in der eige­nen Ach­se zu blei­ben, wenn er nicht führt.

Damit das Bild nicht miss­ver­stan­den wird: Der Tan­go meint das ein­ver­nehm­li­che Spiel zwei­er Erwach­se­ner auf Augen­hö­he. Er ist kein Modell für eine Bezie­hung, in der einer den ande­ren beherrscht. Dort wird nicht getanzt.

Was bleibt

Der Tan­go hebt den Unter­schied der Rol­len nicht auf. Er lebt von ihm – und zeigt, dass eine kla­re Rol­le auf bei­den Sei­ten mit Stär­ke gefüllt wer­den kann. Füh­ren ist kei­ne Herr­schaft, und Fol­gen ist kei­ne Schwä­che. Die Kunst ist, in der eige­nen Ach­se zu blei­ben – ob man führt oder folgt.

Die­ser Bei­trag liest das Spiel der Geschlech­ter mit Jac­ques Lacan (die Rol­len von Haben und Sein als eben­bür­ti­ges Spiel, nicht als Herr­schaft) und Baruch de Spi­no­za (aus eige­ner Kraft han­deln statt aus Man­gel). Er ist der zwei­te Teil zu einem Text über die töd­li­che Form des­sel­ben Spiels.

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