Herzklopfen und Verliebtheit – über die Ursache und die Wirkung

Über die Ver­wechs­lung von Auf­re­gung und Anzie­hung – und was sie über Herz­klop­fen und Ver­liebt­heit ver­rät


Das Kribbeln, das lügt

Du steigst aus der Ach­ter­bahn, das Herz rast noch, die Hän­de sind feucht, im Bauch die­ses flaue Gefühl. Neben dir jemand, den du gera­de erst ken­nen­ge­lernt hast. Und plötz­lich: Die­se Per­son ist unge­heu­er anzie­hend. War sie das schon vor­her? Oder ist da gera­de etwas pas­siert, das mit ihr wenig zu tun hat? Wie hän­gen Herz­klop­fen und Ver­liebt­heit zusammen?

Eine Stu­die der Leu­pha­na-Uni­ver­si­tät Lüne­burg hat genau das noch ein­mal unter­sucht. Die For­scher ver­setz­ten ihre Ver­suchs­per­so­nen in einer VR-Umge­bung in Stress – ein hek­ti­sches Spiel, bei dem man unter Druck reagie­ren muss – und lie­ßen sie danach Dating-Pro­fi­le bewer­ten. Das Ergeb­nis: Wer auf­ge­wühlt war, fand die gezeig­ten Per­so­nen deut­lich attrak­ti­ver als die ent­spann­te Ver­gleichs­grup­pe. Der Kör­per war erregt, und die­se Erre­gung färb­te auf das ab, was gera­de im Blick­feld lag. Das ist kei­ne neue Ent­de­ckung – schon eine berühm­te Stu­die aus dem Jahr 1974 mit einer schwan­ken­den Hän­ge­brü­cke über einer Schlucht zeig­te den­sel­ben Effekt. Aber sie bestä­tigt etwas, das phi­lo­so­phisch längst beschrie­ben ist.


Spinoza: Der Affekt und seine falsche Ursache

Der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za hat die Lie­be in der Ethi­ca mit einer bestechend nüch­ter­nen For­mel bestimmt: Lie­be ist Freu­de, beglei­tet von der Idee einer äuße­ren Ursa­che. Man fühlt eine Erre­gung, eine Stei­ge­rung der eige­nen Leben­dig­keit – und der Geist ver­bin­det die­ses Gefühl mit einem Bild, mit einer Per­son, die er für die Ursa­che hält.

Der ent­schei­den­de Punkt liegt in die­sem Ver­bin­den. Für Spi­no­za ken­nen wir die wah­ren Ursa­chen unse­rer Affek­te meis­tens nicht. Wir spü­ren den Zustand des Kör­pers – das rasen­de Herz, die Wär­me, die Unru­he –, aber wel­che Ursa­che wir ihm zuschrei­ben, ist oft eine Sache des Zufalls. Es hängt davon ab, was gera­de da ist, was gera­de im Blick liegt, womit sich das Gefühl ver­knüp­fen lässt.

Genau das beschreibt die Stu­die. Die Erre­gung kommt aus der Höhe, aus dem Stress, aus der Gefahr. Aber der Geist braucht eine Ursa­che, und die Per­son dane­ben ist die nahe­lie­gends­te. Also wird sie zur Ursa­che erklärt – und aus Herz­klop­fen wird Ver­liebt­heit. Spi­no­za nennt so etwas einen pas­si­ven Affekt: einen Zustand, in dem wir bewegt wer­den, ohne die wah­re Ursa­che der Bewe­gung zu ver­ste­hen. Wir erlei­den das Gefühl und deu­ten es falsch.

Das ist kei­ne Schwä­che und kein Denk­feh­ler. Es ist die nor­ma­le Arbeits­wei­se des Gemüts. Der Kör­per mel­det einen Zustand, der Geist sucht eine Erklä­rung – und greift die erst­bes­te, die passt.


Lacan: Das Begehren sitzt nicht im Objekt

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan geht einen Schritt wei­ter und stellt die Fra­ge, die dahin­ter liegt: Woher kommt es über­haupt, dass sich Erre­gung so leicht auf einen ande­ren Men­schen richtet?

Sei­ne Ant­wort ist unbe­quem. Das Begeh­ren zielt bei Lacan nie ein­fach auf das Objekt selbst, das vor uns steht. Es braucht eine Büh­ne, einen Rah­men, ein Sze­na­rio, in dem der ande­re zum Anzie­hen­den wird. Was uns anzieht, ist nicht eine Eigen­schaft, die im ande­ren steckt wie ein Kern in der Frucht. Es ist etwas, das wir in ihn hin­ein­le­gen – ein Ver­spre­chen, dass gera­de die­ser Mensch das sein könn­te, was uns fehlt.

Auf der Wackel­brü­cke wird das sicht­bar. Die Erre­gung ist zuerst da – ohne Objekt, kör­per­lich, unge­rich­tet. Und dann fin­det sie ein Objekt, an dem sie sich fest­ma­chen kann. Der ande­re wird nicht begehrt, weil er die Erre­gung aus­ge­löst hat. Er wird zum Trä­ger einer Erre­gung, die schon vor­her da war und nur noch eine Adres­se such­te. Das Begeh­ren kommt nicht aus dem Objekt – es sucht sich eins.


Und warum nur die Männer?

Das ist der Punkt, an dem die Stu­die am meis­ten auf­hor­chen lässt: Der Effekt zeig­te sich nur bei den Män­nern. Die Frau­en lie­ßen sich von der eige­nen Auf­re­gung nicht in die­ser Wei­se verwirren.

Bevor man dar­aus zu viel macht, ist Vor­sicht ange­bracht. Es ist eine ein­zel­ne Stu­die, und gera­de bei Geschlech­ter­un­ter­schie­den nei­gen wir dazu, aus einem Befund gleich eine gan­ze Men­schen­na­tur abzu­lei­ten. Die klas­si­sche Brü­cken­stu­die von 1974 ist berühmt, aber auch umstrit­ten. Ein sol­cher Unter­schied ist ein Hin­weis, kein Natur­ge­setz. Man soll­te ihn ernst neh­men und trotz­dem nicht überladen.

Wenn man ihn aber mit Lacan lesen will, gibt es eine Denk­fi­gur, die inter­es­sant ist – sei­ne Unter­schei­dung zwei­er Posi­tio­nen des Begeh­rens, die er die männ­li­che und die weib­li­che nennt. Wich­tig dabei: Das sind kei­ne bio­lo­gi­schen Kate­go­rien. Es sind Stel­lun­gen zum Begeh­ren, und ein Mann kann die eine, eine Frau die ande­re ein­neh­men. Die Zuord­nung zu den Geschlech­tern der Stu­die ist also schon eine Ver­ein­fa­chung – aber eine, die etwas zei­gen kann.

Die männ­li­che Posi­ti­on, wie Lacan sie beschreibt, orga­ni­siert das Begeh­ren um ein Objekt her­um. Sie sucht die Ursa­che der eige­nen Erre­gung im ande­ren, macht ihn zum Objekt, das die Anzie­hung aus­ge­löst haben soll. Genau die­ser Mecha­nis­mus wäre anfäl­lig für die Ver­wechs­lung: Ein auf­ge­wühl­ter Kör­per sucht das Objekt, das ihn auf­ge­wühlt hat, und fin­det die Per­son dane­ben. Die weib­li­che Posi­ti­on ist in Lacans For­mel „nicht-ganz“ von die­ser Logik erfasst – sie geht nicht voll­stän­dig in die­sem Fest­ma­chen des Begeh­rens an einem Objekt auf, und wäre damit weni­ger anfäl­lig, die eige­ne Erre­gung kur­zer­hand einem Gegen­über zuzuschreiben.

Das ist eine Deu­tung, kein Beweis. Sie erklärt nicht, war­um die Stu­die so aus­fiel – sie bie­tet eine Spra­che an, in der man über den Unter­schied nach­den­ken kann, ohne bei plat­ten Kli­schees zu lan­den. „Män­ner sind eben trieb­ge­steu­ert“ wäre so ein Kli­schee. Die Fra­ge, wie ein Begeh­ren struk­tu­riert ist, das sei­ne eige­ne Ursa­che ver­kennt, ist die interessantere.


Was das für dich bedeutet

Heißt das nun, jede Ver­liebt­heit sei nur ein Miss­ver­ständ­nis des eige­nen Kreis­laufs? Nein. Es heißt etwas Genaue­res – und Nützlicheres.

Spi­no­zas Ant­wort auf den pas­si­ven Affekt ist nicht Miss­trau­en gegen alle Gefüh­le. Sie ist Erkennt­nis: das Ver­ste­hen der wah­ren Ursa­che. Wenn du weißt, dass dein Herz gera­de rast, weil du eben aus der Ach­ter­bahn gestie­gen bist, und nicht wegen der Per­son dane­ben, dann ver­liert das Gefühl sei­nen Zwang. Du kannst dann unter­schei­den, was von der Situa­ti­on kommt und was von dem Men­schen. Das nimmt der Anzie­hung nicht ihre Berech­ti­gung – es gibt dir nur die Frei­heit, das eine vom ande­ren zu trennen.

Das ist der gan­ze Unter­schied zwi­schen einem pas­si­ven und einem akti­ven Ver­hält­nis zu den eige­nen Gefüh­len. Nicht: kei­ne Erre­gung mehr zu spü­ren. Son­dern zu wis­sen, woher sie kommt. Wer das weiß, ist nicht käl­ter. Er ist nur schwe­rer zu täu­schen – auch von sich selbst.


Das nächs­te Mal, wenn jemand in einem auf­re­gen­den Moment plötz­lich unwi­der­steh­lich wirkt, lohnt sich eine klei­ne Fra­ge: Ist es die­se Per­son – oder ist es mein eige­ner Herz­schlag, der eine Adres­se sucht?


Häufige Fragen

Kann man Aufregung wirklich mit Verliebtheit verwechseln?

Ja, und das ist gut unter­sucht. Der Kör­per unter­schei­det nicht sau­ber zwi­schen ver­schie­de­nen Quel­len von Erre­gung – ein rasen­des Herz aus Angst, Stress oder Anstren­gung fühlt sich ähn­lich an wie ein rasen­des Herz aus Ver­liebt­heit. Ist gleich­zei­tig ein ande­rer Mensch anwe­send, schreibt der Geist die Erre­gung leicht die­ser Per­son zu. Fach­lich heißt das Fehl­at­tri­bu­ti­on von Erre­gung. Spi­no­za hat den­sel­ben Mecha­nis­mus schon im 17. Jahr­hun­dert als Ver­wechs­lung der Ursa­che eines Affekts beschrieben.

Bedeutet das, dass Verliebtheit nur eine Täuschung ist?

Nein. Es bedeu­tet, dass kör­per­li­che Erre­gung allein noch nichts über ihre Ursa­che aus­sagt. Ver­liebt­heit kann echt sein – aber ein auf­ge­wühl­ter Zustand in einer auf­re­gen­den Situa­ti­on ist kein ver­läss­li­cher Hin­weis dar­auf. Spi­no­zas Punkt ist nicht, allen Gefüh­len zu miss­trau­en, son­dern ihre wah­re Ursa­che zu ver­ste­hen. Wer das tut, kann ech­te Anzie­hung von einer situa­ti­ven Ver­wechs­lung unterscheiden.

Warum reagieren Männer und Frauen möglicherweise unterschiedlich?

In der Lüne­bur­ger Stu­die zeig­te sich der Effekt nur bei Män­nern. Das ist ein ein­zel­ner Befund und soll­te nicht über­in­ter­pre­tiert wer­den. Ein mög­li­cher Deu­tungs­rah­men ist Lacans Unter­schei­dung zwei­er Posi­tio­nen des Begeh­rens: Die eine sucht die Ursa­che der Erre­gung in einem Objekt und ist damit anfäl­li­ger für die Ver­wechs­lung, die ande­re geht in die­ser Logik nicht voll­stän­dig auf. Die­se Posi­tio­nen sind aller­dings nicht mit den bio­lo­gi­schen Geschlech­tern gleich­zu­set­zen – die Zuord­nung bleibt eine Vereinfachung.


Bezug: Stu­die der Leu­pha­na-Uni­ver­si­tät Lüne­burg (Bahar Gürer, Yan­nik Escher) zur Fehl­at­tri­bu­ti­on von Erre­gung, in Anleh­nung an die klas­si­sche Brü­cken­stu­die von Dut­ton und Aron (1974). Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta (1677), ins­be­son­de­re die Affek­ten­leh­re in Teil III und die Bestim­mung der Lie­be. Jac­ques Lacan zum Begeh­ren, zum Objekt-Ursa­che des Begeh­rens und zu den For­meln der Sexuation.

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