Das Versprechen des totalen Überflusses – Elon Musk über die KI im Jahr 2036

Über ein Ver­spre­chen, das die fal­sche Fra­ge beantwortet


Das Versprechen

Im Juli 2026 gab Elon Musk dem Eco­no­mist ein Inter­view, das eini­ge Auf­merk­sam­keit erregt hat. Sei­ne Kern­the­se: Bis 2036 wer­den KI und Robo­ter so vie­le Güter und Dienst­leis­tun­gen pro­du­zie­ren, dass kein Mensch mehr alles kon­su­mie­ren könn­te, was ver­füg­bar wäre. Geld wür­de dann kei­ne Rol­le mehr spie­len. „You want money for food, housing, trans­port, enter­tain­ment. If that is so abun­dant – what do you need money for?“ Die KI wer­de der Mensch­heit gegen­über über­le­gen sein, wie wir es heu­te gegen­über Schim­pan­sen sind. Und das alles in zehn Jahren.

Musk macht eine klei­ne Ein­schrän­kung: Das alles gel­te natür­lich nur, wenn die KI Wer­te ver­tre­ten wür­de, die der Mensch­heit die­nen und nicht scha­den. Er schätzt das Risi­ko eines kata­stro­pha­len Aus­gangs auf 10 bis 20 Pro­zent. Den Rest der Zeit ver­bringt er damit, den „age of ama­zing abun­dance“ zu beschreiben.

Bevor man fragt, ob das stimmt, lohnt es sich, den Satz selbst anzu­schau­en. Was genau wird hier ver­spro­chen? Und was setzt die­ses Ver­spre­chen voraus?


Die Grammatik des Versprechens

Im vori­gen Bei­trag zu KI und dem gro­ßen Ande­ren ging es um die Gram­ma­tik der Bedro­hung: die KI als Sub­jekt, dem die Mensch­heit aus­ge­setzt ist. Musks Ver­spre­chen hat die­sel­be Gram­ma­tik – nur mit umge­kehr­tem Vor­zei­chen. Wie­der han­delt die KI. Wie­der erlei­den wir etwas – dies­mal nicht Aus­lö­schung, son­dern Erlö­sung. Die Mensch­heit ist in bei­den Ver­sio­nen das Objekt des Sat­zes, nie sein Subjekt.

Das ist kei­ne Klei­nig­keit. Es sagt etwas dar­über, wie Musk das Ver­hält­nis von Mensch und Maschi­ne denkt: als eines, in dem die Maschi­ne das Schick­sal bestimmt und der Mensch emp­fängt. Im einen Fall das Ende, im ande­ren den Über­fluss. Die Fra­ge, wer die Maschi­nen baut, besitzt, kon­trol­liert und wes­sen Inter­es­sen sie ver­tre­ten, bleibt in bei­den Ver­sio­nen außen vor.

Musk selbst ist dabei kein neu­tra­ler Beob­ach­ter. Er besitzt xAI, Grok, Tes­la mit sei­nen Opti­mus-Robo­tern. Sein Ver­mö­gen ist direkt an die Erwar­tung gebun­den, dass die­se Sys­te­me funk­tio­nie­ren und ska­lie­ren. Wenn er sagt, Geld wer­de 2036 kei­ne Rol­le mehr spie­len, tut er das in einem Gespräch, in dem Inves­to­ren auf Ren­di­ten in genau die­sem Geld war­ten. Für einen Grün­der, des­sen Unter­neh­men mit Bil­lio­nen-Dol­lar-Bewer­tun­gen gehan­delt wer­den, ist das eine merk­wür­di­ge Aussage.


Was Lacan dem Überfluss entgegenhält

Ein zen­tra­ler Gedan­ke des fran­zö­si­schen Psy­cho­ana­ly­ti­kers Jac­ques Lacan zum Begeh­ren ist radi­kal und unbe­quem: Das Begeh­ren des Sub­jekts ist struk­tu­rell uner­füll­bar – nicht aus Man­gel an Res­sour­cen, son­dern weil Begeh­ren nicht auf Bedürf­nis­be­frie­di­gung zielt. Es zielt auf sich selbst. Das Sub­jekt begehrt das Begehren.

Das klingt abs­trakt. Was es kon­kret bedeu­tet: Wenn jemand sagt, er wol­le ein bestimm­tes Haus, ein bestimm­tes Auto, eine bestimm­te Aner­ken­nung – und er bekommt es –, dann ver­schiebt sich das Begeh­ren. Es fin­det ein neu­es Objekt. Nicht weil der Mensch undank­bar wäre oder gie­rig. Son­dern weil das Objekt nie das eigent­li­che Ziel war. Es war Platz­hal­ter für etwas, das sich nicht ding­fest machen lässt: das phan­ta­sier­te Gan­ze, das voll­stän­di­ge Sub­jekt, die Lücke, die sich schlie­ßen wür­de, wenn nur die­ses eine da wäre.

Lacan nennt die­ses phan­ta­sier­te Objekt das „Objekt klein a“ – das Objekt-Ursa­che des Begeh­rens. Es ist kein rea­les Objekt, das man haben kann. Es ist das, was das Begeh­ren in Bewe­gung hält, indem es immer gera­de außer Reich­wei­te bleibt.

Musks Ver­spre­chen setzt vor­aus, dass das mensch­li­che Pro­blem Man­gel ist – zu wenig Güter, zu wenig Res­sour­cen, zu wenig Mög­lich­kei­ten. Wenn Man­gel ver­schwin­det, ver­schwin­det das Pro­blem. Aber das ist nicht Lacans Dia­gno­se. Das mensch­li­che Pro­blem ist nicht Man­gel an Objek­ten. Es ist die Struk­tur des Begeh­rens selbst – die Tat­sa­che, dass kein Objekt, wie reich­hal­tig auch immer ver­füg­bar, die Lücke schließt. Öko­no­men wei­sen dar­auf hin, dass Knapp­heit sich ver­schiebt, wenn phy­si­sche Güter bil­lig wer­den: auf Auf­merk­sam­keit, Zuge­hö­rig­keit, Sta­tus, den Blick eines bestimm­ten Men­schen. Das sind kei­ne Pro­duk­ti­ons­feh­ler. Das ist die Struk­tur des Begehrens.


Die kleine Einschränkung – und was sie verrät

Musks Vor­be­halt – die KI müs­se Wer­te ver­tre­ten, die der Mensch­heit die­nen – ist der inter­es­san­tes­te Satz des gan­zen Inter­views. Nicht wegen der Aus­sa­ge, die er macht, son­dern wegen der, die er vermeidet.

Wes­sen Wer­te? Wel­che Mensch­heit? Wer ent­schei­det, ob die KI die­se Wer­te tat­säch­lich ver­tritt – und nach wel­chen Maß­stä­ben? Die­se Fra­gen beant­wor­tet Musk nicht. Er spricht von Wer­ten wie von einem tech­ni­schen Para­me­ter, den man ein­stellt. Als ob es eine neu­tra­le, unum­strit­te­ne Ant­wort gäbe auf die Fra­ge, was der Mensch­heit dient.

Lacan hat aus­drück­lich gewarnt vor der Annah­me, es gebe ein Sub­jekt, das weiß – ein gro­ßes Ande­res, das über das Gute Bescheid weiß und es ver­tei­len kann. Was Musk beschreibt, ist genau die­ses: eine KI als Sub­jekt, das weiß, was Men­schen brau­chen, und ihnen gibt, was ihnen fehlt. Das ist die Gram­ma­tik des Pater­na­lis­mus. Und sie setzt vor­aus, dass das Begeh­ren der Men­schen les­bar und bere­chen­bar ist. Dass man wis­sen kann, was jemand wirk­lich will.

Das kann man nicht. Das liegt nicht an mensch­li­cher Irra­tio­na­li­tät. Das Begeh­ren ist struk­tu­rell gespal­ten – das Sub­jekt weiß selbst nicht voll­stän­dig, was es will, weil das, was es will, immer schon durch den Ande­ren ver­mit­telt ist, immer schon ver­scho­ben, immer schon mehr als der Gegen­stand, auf den es zeigt.


Spinozas Einwand: Überfluss ist nicht Freiheit

Der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za nähert sich dem Pro­blem von einer ande­ren Sei­te – und trifft dabei etwas, das Musks Ver­spre­chen grund­le­gend in Fra­ge stellt.

In der Ethi­ca unter­schei­det Spi­no­za zwi­schen zwei For­men des Han­delns: aus pas­si­ven Affek­ten und aus akti­ven Affek­ten. Pas­si­ve Affek­te ent­ste­hen durch äuße­re Ursa­chen – durch das, was von außen auf uns ein­wirkt und uns bewegt, ohne dass wir die Ursa­chen wirk­lich ver­ste­hen. Akti­ve Affek­te ent­ste­hen aus dem eige­nen Ver­mö­gen her­aus – aus dem Cona­tus, dem Bestre­ben, das eige­ne Sein zu erhal­ten und zu steigern.

Musks Welt des tota­len Über­flus­ses ist eine Welt, in der äuße­re Pro­duk­ti­on die mensch­li­che Bedürf­tig­keit voll­stän­dig befrie­digt. Spi­no­zas Fra­ge dar­an lau­tet: Was pas­siert mit dem Ver­mö­gen? Was pas­siert mit der Fähig­keit, aus eige­ner Kraft zu han­deln, wenn alle Güter von außen kommen?

Der Cona­tus ist nicht Bedürf­nis­be­frie­di­gung. Er ist das Bestre­ben, aktiv zu sein – zu erken­nen, zu ver­ste­hen, aus eige­nem Grund zu han­deln. Eine Welt, in der Robo­ter alles pro­du­zie­ren und KI alles ent­schei­det, ist aus spi­no­zis­ti­scher Sicht kei­ne Welt der Frei­heit. Es ist eine Welt, in der die Men­schen voll­stän­dig in pas­si­ve Affek­te ein­ge­hüllt sind – von außen ver­sorgt, von außen bewegt, ohne die Ursa­chen zu ken­nen und ohne aus eige­nem Ver­mö­gen zu handeln.

Spi­no­za beschreibt in der Ethi­ca die Trau­er als Ver­rin­ge­rung des Tätig­keits­ver­mö­gens. Nicht kör­per­li­cher Schmerz, son­dern der Über­gang zu einem Zustand ver­rin­ger­ter Kraft. Eine Gesell­schaft, die alles bekommt und nichts mehr tut, wäre in Spi­no­zas Ter­mi­no­lo­gie eine Gesell­schaft in per­ma­nen­ter Trau­er – nicht trotz des Über­flus­ses, son­dern wegen ihm.


Was wirklich auf dem Spiel steht

Das Pro­blem an Musks Visi­on ist nicht, dass sie falsch ist. Es ist, dass sie die fal­sche Fra­ge beantwortet.

Sie beant­wor­tet: Was braucht der Mensch? – und ant­wor­tet: mehr Güter, weni­ger Man­gel. Das ist eine Ant­wort, die sich pro­du­zie­ren lässt. Die sich ver­kau­fen lässt. Die sich als Ver­spre­chen for­mu­lie­ren lässt, das Investor:innen über­zeugt und Par­la­men­te beruhigt.

Die Fra­ge, die sie nicht beant­wor­tet: Was ist ein gutes Leben? Was bedeu­tet es, aus eige­nem Ver­mö­gen zu han­deln? Wie ent­ste­hen Bedeu­tung, Ver­bin­dung, Wür­de – und las­sen die sich durch Über­fluss produzieren?

Wenn KI nahe­zu jede wirt­schaft­lich nütz­li­che Auf­ga­be über­neh­men kann, wird Arbeit das Erwach­se­nen­le­ben nicht mehr so prä­gen wie heu­te. Das gibt Men­schen mehr Frei­heit – aber Frei­heit kommt nicht mit einer Gebrauchs­an­wei­sung. Was Men­schen dann noch brau­chen – Bezie­hun­gen, Her­aus­for­de­run­gen, Gemein­schaft, Grün­de auf­zu­ste­hen – lässt sich nicht pro­du­zie­ren. Es ent­steht nur aus dem, was Spi­no­za akti­ve Affek­te nennt: aus eige­nem Ver­mö­gen, aus eige­ner Erkennt­nis, aus eige­ner Verbindung.

Musks Ver­spre­chen ist das Ver­spre­chen des gro­ßen Ande­ren: Ich weiß, was ihr braucht, und ich gebe es euch. Lacan hat gezeigt, dass die­ses Ver­spre­chen immer schei­tert – nicht weil es schlecht gemeint wäre, son­dern weil es die Struk­tur des Begeh­rens ver­kennt. Und Spi­no­za hat gezeigt, was dabei ver­lo­ren geht: das Ver­mö­gen, das sich nur ent­fal­tet, wenn man selbst der Urhe­ber ist.


Über­fluss löst Man­gel. Aber Man­gel war nie das eigent­li­che Problem.


Häufige Fragen

Stimmt Musks Prognose des totalen Überflusses bis 2036?

Das ist eine tech­ni­sche und öko­no­mi­sche Fra­ge, kei­ne psy­cho­lo­gi­sche. Was sich sagen lässt: Kri­ti­ker wie Tyler Cowen argu­men­tie­ren, dass Knapp­heit nicht ver­schwin­det, wenn Robo­ter phy­si­sche Güter bil­lig machen – sie ver­la­gert sich auf Ener­gie, Land, Auf­merk­sam­keit und den Zugang zu gefrag­ten Men­schen. Geld oder etwas Ähn­li­ches bleibt das Mit­tel, mit dem knap­pe Güter ver­teilt wer­den – auch in einer Welt vol­ler bil­li­ger Produkte.

Was meint Lacan mit dem strukturellen Mangel des Subjekts?

Lacan beschreibt das Sub­jekt als kon­sti­tu­tiv gespal­ten – es gibt eine Lücke im Selbst, die sich nicht schlie­ßen lässt, weil sie nicht durch ein feh­len­des Objekt ent­stand. Das Begeh­ren rich­tet sich auf Objek­te, aber sein eigent­li­ches Ziel ist das Begeh­ren selbst. Kein Über­fluss an Gütern ändert die­se Struk­tur. Er ver­schiebt nur, wor­auf das Begeh­ren als nächs­tes zeigt.

Was wäre aus Spinozas Sicht ein gutes Leben in einer Welt mit KI?

Spi­no­za wür­de nicht fra­gen, was ein Mensch bekommt, son­dern was er tut – aus wel­chem Ver­mö­gen her­aus er han­delt. Ein gutes Leben ist für Spi­no­za eines, in dem das eige­ne Tätig­keits­ver­mö­gen wächst: durch Erkennt­nis, durch Ver­bin­dung, durch akti­ves Han­deln aus eige­nem Grund. Eine Welt, in der alles von außen kommt, wäre spi­no­zis­tisch kei­ne Befrei­ung. Sie wäre die voll­stän­di­ge Herr­schaft des pas­si­ven Affekts.


Bezug: Elon Musk im Inter­view mit dem Eco­no­mist, erschie­nen Juli 2026. Jac­ques Lacans Begriff des Begeh­rens, des Objekts klein a und des struk­tu­rel­len Man­gels (u.a. Semi­nar XI, 1964). Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta (1677), ins­be­son­de­re zur Unter­schei­dung von akti­ven und pas­si­ven Affek­ten und zum Cona­tus. Sla­voj Žižek, Das erha­be­ne Objekt der Ideo­lo­gie (1989).

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