Die Angst vor der KI. Wer löscht hier eigentlich wen aus?

Im Zusam­men­hang mit der Angst vor der KI wer­dem immer wie­der Schre­ckens­sze­na­ri­en in die Welt gesetzt. Aber wer wird hier eigent­lich adressiert?


Ein Satz, der etwas versteckt

„In den nächs­ten Jah­ren könn­te eine KI die gesam­te Mensch­heit aus­lö­schen.“ Sol­che Inhal­te wer­den inzwi­schen nicht mehr nur in Sci­ence-Fic­tion Fil­men ver­brei­tet. Sie ste­hen in Zei­tungs­in­ter­views, in Anhö­run­gen vor Par­la­men­ten, in offe­nen Brie­fen von Leu­ten, die selbst an die­sen Sys­te­men bauen.

Bevor du dich fragst, ob der Satz stimmt, schau dir sei­nen Bau an. Wer han­delt dar­in? Die KI. Sie ist das Sub­jekt, sie hat das Verb. Und die Mensch­heit? Ihr geschieht etwas. In einem ein­zi­gen Neben­satz sind alle Men­schen ver­schwun­den, die die­se Sys­te­me ent­wi­ckeln, ver­kau­fen, kau­fen, ein­set­zen und bis­lang kaum regu­lie­ren. Übrig bleibt ein Gegen­über, das über uns kommt wie frü­her die Pest.

Das hal­te ich nicht für einen Sprach­feh­ler. Das ist die eigent­li­che Aus­sa­ge. Und sie sagt mehr über uns hier und heu­te als über die Maschine.


Warum die Maschine auf den Platz des Anderen rückt

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan nennt „den gro­ßen Ande­ren“ kei­nen Men­schen, son­dern einen Ort. Es ist der Ort der Spra­che, der Regeln, des Geset­zes, dem wir uns unter­stel­len, ohne ihn je zu Gesicht zu bekom­men. Wir behan­deln die­sen Ort so, als wüss­te er etwas über uns, was wir selbst nicht wis­sen. Für die­se Unter­stel­lung hat Lacan eine For­mel: „das Sub­jekt, von dem man annimmt, dass es weiß“.

Genau dort­hin rückt die KI in der öffent­li­chen Rede. Sie kennt uns angeb­lich bes­ser als wir uns selbst. Sie durch­schaut uns. Sie hat Zie­le, die wir nicht ver­ste­hen. Sie wird „uns“ etwas antun. Das ist die Gram­ma­tik, mit der man über ein Schick­sal spricht – nicht über ein Produkt.

Dabei sind die­se Sys­te­me Pro­duk­te. Sie haben Eigen­tü­mer, Vor­stän­de, Rechen­zen­tren, Strom­rech­nun­gen, Umsatz­er­war­tun­gen und Auf­sichts­be­hör­den, die man mit Per­so­nal und Befug­nis­sen aus­stat­ten könn­te – oder eben nicht. An die­ser Auf­zäh­lung ist nichts geheim­nis­voll. Sie ist nur ziem­lich unspektakulär.

Und dar­in liegt der Gewinn der Unter­gangs­re­de. Ein frem­des Wesen, das über uns kommt, ver­langt Ehr­furcht. Eine Fir­ma mit einem Rechts­form-Kür­zel ver­langt einen Gesetzentwurf.


Das Wohlgefühl am Untergang – und wo der Begriff nicht hingehört

Wer den Unter­gang ankün­digt, steht außer­halb des Unter­gangs. Er ist der, der es kom­men sah. Die Vor­stel­lung vom Ende der Welt schließt immer still­schwei­gend einen Zuschau­er­platz ein, und die­ser Platz schmei­chelt. Er ver­leiht Bedeu­tung, Dring­lich­keit, sogar eine Art Grö­ße: Wir leben nicht in irgend­ei­nem Jahr­zehnt, wir leben in dem Jahr­zehnt, in dem sich alles entscheidet.

Den Begriff „Jouis­sance“ soll­te man hier trotz­dem vor­sich­tig set­zen. Lacans „Jouis­sance“ ist struk­tu­rell unbe­wusst – man kann sie nicht an sich beob­ach­ten und nicht dosie­ren. Wer sagt, er ertap­pe sich beim Genie­ßen der Apo­ka­lyp­se, beschreibt etwas ande­res: ein Bild, in dem er selbst vor­kommt, und zwar in guter Posi­ti­on. Das gehört ins Ima­gi­nä­re, ins Phantasma.

Näher dran ist Sla­voj Žižeks Denk­fi­gur des gestoh­le­nen Genus­ses. Gemeint ist die tief­sit­zen­de Neid-Vor­stel­lung, ein Ande­rer neh­me uns etwas weg, das unser Leben aus­macht. Genau so wird über KI gere­det: Sie nimmt die Arbeit, die Spra­che, das Schrei­ben, die Kunst, am Ende das Mensch­sein selbst. Nicht jemand ver­kauft etwas, das Arbeits­plät­ze ersetzt. Ein Wesen ent­wen­det uns unse­re Sub­stanz. Das ist ein Phan­tas­ma, und es funk­tio­niert seit Jahr­hun­der­ten mit wech­seln­den Besetzungen.


Der Automatismus sitzt nicht in der Maschine

Lacan liest Freuds Todes­trieb nicht bio­lo­gisch, also nicht als Drang zurück ins Anor­ga­ni­sche. Er liest ihn als Wie­der­ho­lungs­zwang: ein Wei­ter­lau­fen, das sich durch­setzt, ohne dass jemand es will. Ein Ablauf, der nie­man­dem gehört und den trotz­dem alle bedienen.

In der KI-Debat­te fin­dest du die­sen Ablauf nicht im Rechen­zen­trum. Du fin­dest ihn im Wett­lauf. Jede Fir­ma und jede Regie­rung sagt den­sel­ben Satz: Wenn wir lang­sa­mer machen, machen die ande­ren wei­ter. Das Ergeb­nis will kei­ner der Betei­lig­ten. Alle hal­ten es am Lau­fen. Und es läuft durch Spra­che, durch den immer glei­chen Satz, der jede Brem­sung im Vor­aus als Selbst­schä­di­gung ausweist.

KI ist kein Selbst­läu­fer. Der Selbst­läu­fer wird her­ge­stellt – jedes Mal neu, wenn jemand sagt, es gebe kei­ne Wahl.


Was Spinoza dazu sagt: passive Affekte und die Frage der Urheberschaft

An die­ser Debat­te wäre dem Phi­lo­so­phen Baruch de Spi­no­za etwas ande­res auf­ge­fal­len als die Fra­ge, ob KI gefähr­lich ist. Ihn hät­te das Ver­hält­nis der Men­schen zu ihren eige­nen Affek­ten inter­es­siert – und was es bedeu­tet, wenn ein Kol­lek­tiv behaup­tet, kei­ne Wahl zu haben.

Spi­no­za unter­schei­det zwi­schen akti­ven und pas­si­ven Affek­ten. Pas­si­ve Affek­te – Furcht, Neid, Scham, Ohn­macht – ent­ste­hen nicht aus dem eige­nen Ver­mö­gen her­aus. Sie wer­den durch äuße­re Ursa­chen aus­ge­löst und bewe­gen das Sub­jekt, ohne dass es die Ursa­chen wirk­lich ver­steht. Wer von pas­si­ven Affek­ten bewegt wird, han­delt nicht aus sich her­aus. Er reagiert.

Die kol­lek­ti­ve Angst vor der KI trägt alle Merk­ma­le eines pas­si­ven Affekts. Das Sub­jekt – hier: die Gesell­schaft – erlebt sich als dem Gesche­hen aus­ge­setzt, nicht als des­sen Urhe­ber. Die Spra­che bestä­tigt das: Die KI han­delt, wir erlei­den. Das ist nicht nur eine rhe­to­ri­sche Figur. Es ist eine Beschrei­bung des tat­säch­li­chen psy­chi­schen Zustands vie­ler Men­schen in die­ser Debatte.

Spi­no­zas Gegen­be­we­gung ist nicht Opti­mis­mus. Es ist Erkennt­nis – das Ver­ste­hen der Ursa­chen, die einen bewe­gen. Wer ver­steht, dass die KI kein Schick­sal ist, son­dern ein Pro­dukt von Ent­schei­dun­gen, die Men­schen getrof­fen haben und wei­ter tref­fen, hat eine Distanz zu dem Affekt. Kei­ne Immu­ni­tät. Aber eine Distanz, die Han­deln ermöglicht.

Und hier liegt das eigent­li­che Pro­blem der Unter­gangs­re­de: Sie ver­stärkt den pas­si­ven Affekt, statt ihn auf­zu­lö­sen. Sie erzeugt Furcht vor einem Ande­ren, der über uns ver­fügt – und macht damit genau das unmög­lich, was nötig wäre: die Rück­kehr zur Fra­ge, wer hier eigent­lich handelt.


Der Einwand, den man sich selbst machen muss

Hier muss man die eige­ne The­se brem­sen, sonst wird sie zu bequem.

Wenn man zeigt, wel­che Lust in einer Rede steckt, hat man noch nicht gezeigt, dass sie falsch ist. Eine Ana­ly­se des Spre­chens ersetzt kei­ne Prü­fung der Sache. Auch wer aus zwei­fel­haf­ten Moti­ven warnt, kann am Ende recht behal­ten. Die Psy­cho­ana­ly­se taugt schlecht als Abkür­zung um eine Sach­fra­ge her­um – Lacan hat aus­drück­lich davor gewarnt, das Reden eines Men­schen zu deu­ten, um sei­nen Inhalt nicht hören zu müssen.

Dazu kommt ein schlich­ter Befund: Die Leu­te, die am lau­tes­ten vor der Aus­lö­schung war­nen, for­dern in gro­ßer Zahl stren­ge Geset­ze. Die Unter­gangs­re­de und die Wei­ge­rung zu regu­lie­ren kom­men also nicht aus der­sel­ben Ecke. Dass wenig geschieht, hat mit Kon­kur­renz und Geld zu tun, nicht mit Apokalyptik.

Die The­se über­lebt das trotz­dem – nur in schär­fe­rer Form. Es geht nicht dar­um, wer warnt. Es geht um die Form, in der gewarnt wird. Wenn die Gefahr von einem frem­den Wesen aus­geht, bleibt nur Beschwö­rung – oder die Hoff­nung, ein bes­se­res frem­des Wesen dage­gen­zu­set­zen. Wenn sie von Unter­neh­men und Staa­ten aus­geht, kann man Zulas­sun­gen ver­lan­gen, Haf­tung fest­schrei­ben, Nach­wei­se for­dern, Namen nen­nen. Die­sel­be Gefahr, ein völ­lig ande­rer Adressat.


Was es hieße, die Sache ins Symbolische zu holen

„Ins Sym­bo­li­sche holen“ klingt abs­trakt, meint aber etwas sehr Prak­ti­sches. Es heißt: einen Namen geben, einen Besit­zer benen­nen, eine Zustän­dig­keit fest­le­gen, eine Regel for­mu­lie­ren, an der sich etwas mes­sen lässt. Es heißt, aus einem Wesen eine Sache zu machen, für die jemand geradesteht.

Solan­ge die KI „Der gro­ße Ande­re“ bleibt, bleibt sie außer­halb die­ser Ord­nung. Man kann sie anbe­ten oder fürch­ten. Ver­han­deln kann man mit ihr nicht. Und wer in Ehr­furcht erstarrt, stellt eben kei­ne Fra­gen nach Haf­tungs­gren­zen, Prüf­ver­fah­ren und Rechenschaft.

Was ich nicht beant­wor­ten kann, ist die Sach­fra­ge selbst. Ob die­se Sys­te­me in zehn Jah­ren gefähr­lich sind, weiß ich nicht – und Lacan hilft mir dabei kein Stück. Was mir auf­fällt, ist die Fra­ge, die sel­ten gestellt wird. Nicht: Was wird die KI mit uns machen? Son­dern: Wer macht hier eigent­lich was zu wel­chem Zweck – und wer hat die Verantwortung?


Häufige Fragen

Ist die Angst vor KI unbegründet?

Dar­um geht es in die­sem Bei­trag nicht. Ob und wie gefähr­lich die­se Sys­te­me sind, ist eine Sach­fra­ge, die sich mit psy­cho­ana­ly­ti­schen Mit­teln nicht ent­schei­den lässt. Unter­su­chen lässt sich die Form der Rede: Sie macht aus einem Pro­dukt ein Schick­sal. Die­se Form ist unab­hän­gig davon pro­ble­ma­tisch, ob die War­nung inhalt­lich zutrifft – denn sie ver­schiebt die Auf­merk­sam­keit weg von denen, die entscheiden.

Was meint Lacan mit dem großen Anderen – und was hat das mit KI zu tun?

Der „gro­ße Ande­re“ ist bei Lacan kein Mensch, son­dern ein Ort: die Ord­nung der Spra­che und der Regeln, der wir uns unter­stel­len. Wir behan­deln die­sen Ort so, als wüss­te er etwas über uns, was wir selbst nicht wis­sen. Genau die­se Zuschrei­bung trifft heu­te die KI: Sie soll uns durch­schau­en, Absich­ten haben, über uns ver­fü­gen. Damit rutscht sie aus dem Bereich des­sen her­aus, was man besitzt, prüft und reguliert.

Was hat Spinoza mit der KI-Debatte zu tun?

Spi­no­za beschreibt pas­si­ve Affek­te als Zustän­de, in denen das Sub­jekt von äuße­ren Ursa­chen bewegt wird, ohne die­se zu ver­ste­hen. Die kol­lek­ti­ve Angst vor der KI trägt genau die­sen Cha­rak­ter: Das Kol­lek­tiv erlebt sich als dem Gesche­hen aus­ge­setzt, nicht als des­sen Urhe­ber. Spi­no­zas Gegen­be­we­gung ist Erkennt­nis – das Ver­ste­hen der tat­säch­li­chen Ursa­chen. Wer begreift, dass KI ein Pro­dukt mensch­li­cher Ent­schei­dun­gen ist, gewinnt die Distanz zurück, die Han­deln erst mög­lich macht.


Die­ser Bei­trag bezieht sich auf Jac­ques Lacans Begriff des gro­ßen Ande­ren und des Sub­jekts, von dem man annimmt, dass es weiß, auf sei­ne Lek­tü­re des Freud­schen Todes­triebs als Wie­der­ho­lungs­zwang, auf Sla­voj Žižeks Denk­fi­gur des gestoh­le­nen Genus­ses sowie auf Baruch de Spi­no­zas Theo­rie der pas­si­ven Affek­te (Ethi­ca, 1677).

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