Im Zusammenhang mit der Angst vor der KI werdem immer wieder Schreckensszenarien in die Welt gesetzt. Aber wer wird hier eigentlich adressiert?
Inhaltsverzeichnis
- 1 Ein Satz, der etwas versteckt
- 2 Warum die Maschine auf den Platz des Anderen rückt
- 3 Das Wohlgefühl am Untergang – und wo der Begriff nicht hingehört
- 4 Der Automatismus sitzt nicht in der Maschine
- 5 Was Spinoza dazu sagt: passive Affekte und die Frage der Urheberschaft
- 6 Der Einwand, den man sich selbst machen muss
- 7 Was es hieße, die Sache ins Symbolische zu holen
- 8 Häufige Fragen
Ein Satz, der etwas versteckt
„In den nächsten Jahren könnte eine KI die gesamte Menschheit auslöschen.“ Solche Inhalte werden inzwischen nicht mehr nur in Science-Fiction Filmen verbreitet. Sie stehen in Zeitungsinterviews, in Anhörungen vor Parlamenten, in offenen Briefen von Leuten, die selbst an diesen Systemen bauen.
Bevor du dich fragst, ob der Satz stimmt, schau dir seinen Bau an. Wer handelt darin? Die KI. Sie ist das Subjekt, sie hat das Verb. Und die Menschheit? Ihr geschieht etwas. In einem einzigen Nebensatz sind alle Menschen verschwunden, die diese Systeme entwickeln, verkaufen, kaufen, einsetzen und bislang kaum regulieren. Übrig bleibt ein Gegenüber, das über uns kommt wie früher die Pest.
Das halte ich nicht für einen Sprachfehler. Das ist die eigentliche Aussage. Und sie sagt mehr über uns hier und heute als über die Maschine.
Warum die Maschine auf den Platz des Anderen rückt
Der Psychoanalytiker Jacques Lacan nennt „den großen Anderen“ keinen Menschen, sondern einen Ort. Es ist der Ort der Sprache, der Regeln, des Gesetzes, dem wir uns unterstellen, ohne ihn je zu Gesicht zu bekommen. Wir behandeln diesen Ort so, als wüsste er etwas über uns, was wir selbst nicht wissen. Für diese Unterstellung hat Lacan eine Formel: „das Subjekt, von dem man annimmt, dass es weiß“.
Genau dorthin rückt die KI in der öffentlichen Rede. Sie kennt uns angeblich besser als wir uns selbst. Sie durchschaut uns. Sie hat Ziele, die wir nicht verstehen. Sie wird „uns“ etwas antun. Das ist die Grammatik, mit der man über ein Schicksal spricht – nicht über ein Produkt.
Dabei sind diese Systeme Produkte. Sie haben Eigentümer, Vorstände, Rechenzentren, Stromrechnungen, Umsatzerwartungen und Aufsichtsbehörden, die man mit Personal und Befugnissen ausstatten könnte – oder eben nicht. An dieser Aufzählung ist nichts geheimnisvoll. Sie ist nur ziemlich unspektakulär.
Und darin liegt der Gewinn der Untergangsrede. Ein fremdes Wesen, das über uns kommt, verlangt Ehrfurcht. Eine Firma mit einem Rechtsform-Kürzel verlangt einen Gesetzentwurf.
Das Wohlgefühl am Untergang – und wo der Begriff nicht hingehört
Wer den Untergang ankündigt, steht außerhalb des Untergangs. Er ist der, der es kommen sah. Die Vorstellung vom Ende der Welt schließt immer stillschweigend einen Zuschauerplatz ein, und dieser Platz schmeichelt. Er verleiht Bedeutung, Dringlichkeit, sogar eine Art Größe: Wir leben nicht in irgendeinem Jahrzehnt, wir leben in dem Jahrzehnt, in dem sich alles entscheidet.
Den Begriff „Jouissance“ sollte man hier trotzdem vorsichtig setzen. Lacans „Jouissance“ ist strukturell unbewusst – man kann sie nicht an sich beobachten und nicht dosieren. Wer sagt, er ertappe sich beim Genießen der Apokalypse, beschreibt etwas anderes: ein Bild, in dem er selbst vorkommt, und zwar in guter Position. Das gehört ins Imaginäre, ins Phantasma.
Näher dran ist Slavoj Žižeks Denkfigur des gestohlenen Genusses. Gemeint ist die tiefsitzende Neid-Vorstellung, ein Anderer nehme uns etwas weg, das unser Leben ausmacht. Genau so wird über KI geredet: Sie nimmt die Arbeit, die Sprache, das Schreiben, die Kunst, am Ende das Menschsein selbst. Nicht jemand verkauft etwas, das Arbeitsplätze ersetzt. Ein Wesen entwendet uns unsere Substanz. Das ist ein Phantasma, und es funktioniert seit Jahrhunderten mit wechselnden Besetzungen.
Der Automatismus sitzt nicht in der Maschine
Lacan liest Freuds Todestrieb nicht biologisch, also nicht als Drang zurück ins Anorganische. Er liest ihn als Wiederholungszwang: ein Weiterlaufen, das sich durchsetzt, ohne dass jemand es will. Ein Ablauf, der niemandem gehört und den trotzdem alle bedienen.
In der KI-Debatte findest du diesen Ablauf nicht im Rechenzentrum. Du findest ihn im Wettlauf. Jede Firma und jede Regierung sagt denselben Satz: Wenn wir langsamer machen, machen die anderen weiter. Das Ergebnis will keiner der Beteiligten. Alle halten es am Laufen. Und es läuft durch Sprache, durch den immer gleichen Satz, der jede Bremsung im Voraus als Selbstschädigung ausweist.
KI ist kein Selbstläufer. Der Selbstläufer wird hergestellt – jedes Mal neu, wenn jemand sagt, es gebe keine Wahl.
Was Spinoza dazu sagt: passive Affekte und die Frage der Urheberschaft
An dieser Debatte wäre dem Philosophen Baruch de Spinoza etwas anderes aufgefallen als die Frage, ob KI gefährlich ist. Ihn hätte das Verhältnis der Menschen zu ihren eigenen Affekten interessiert – und was es bedeutet, wenn ein Kollektiv behauptet, keine Wahl zu haben.
Spinoza unterscheidet zwischen aktiven und passiven Affekten. Passive Affekte – Furcht, Neid, Scham, Ohnmacht – entstehen nicht aus dem eigenen Vermögen heraus. Sie werden durch äußere Ursachen ausgelöst und bewegen das Subjekt, ohne dass es die Ursachen wirklich versteht. Wer von passiven Affekten bewegt wird, handelt nicht aus sich heraus. Er reagiert.
Die kollektive Angst vor der KI trägt alle Merkmale eines passiven Affekts. Das Subjekt – hier: die Gesellschaft – erlebt sich als dem Geschehen ausgesetzt, nicht als dessen Urheber. Die Sprache bestätigt das: Die KI handelt, wir erleiden. Das ist nicht nur eine rhetorische Figur. Es ist eine Beschreibung des tatsächlichen psychischen Zustands vieler Menschen in dieser Debatte.
Spinozas Gegenbewegung ist nicht Optimismus. Es ist Erkenntnis – das Verstehen der Ursachen, die einen bewegen. Wer versteht, dass die KI kein Schicksal ist, sondern ein Produkt von Entscheidungen, die Menschen getroffen haben und weiter treffen, hat eine Distanz zu dem Affekt. Keine Immunität. Aber eine Distanz, die Handeln ermöglicht.
Und hier liegt das eigentliche Problem der Untergangsrede: Sie verstärkt den passiven Affekt, statt ihn aufzulösen. Sie erzeugt Furcht vor einem Anderen, der über uns verfügt – und macht damit genau das unmöglich, was nötig wäre: die Rückkehr zur Frage, wer hier eigentlich handelt.
Der Einwand, den man sich selbst machen muss
Hier muss man die eigene These bremsen, sonst wird sie zu bequem.
Wenn man zeigt, welche Lust in einer Rede steckt, hat man noch nicht gezeigt, dass sie falsch ist. Eine Analyse des Sprechens ersetzt keine Prüfung der Sache. Auch wer aus zweifelhaften Motiven warnt, kann am Ende recht behalten. Die Psychoanalyse taugt schlecht als Abkürzung um eine Sachfrage herum – Lacan hat ausdrücklich davor gewarnt, das Reden eines Menschen zu deuten, um seinen Inhalt nicht hören zu müssen.
Dazu kommt ein schlichter Befund: Die Leute, die am lautesten vor der Auslöschung warnen, fordern in großer Zahl strenge Gesetze. Die Untergangsrede und die Weigerung zu regulieren kommen also nicht aus derselben Ecke. Dass wenig geschieht, hat mit Konkurrenz und Geld zu tun, nicht mit Apokalyptik.
Die These überlebt das trotzdem – nur in schärferer Form. Es geht nicht darum, wer warnt. Es geht um die Form, in der gewarnt wird. Wenn die Gefahr von einem fremden Wesen ausgeht, bleibt nur Beschwörung – oder die Hoffnung, ein besseres fremdes Wesen dagegenzusetzen. Wenn sie von Unternehmen und Staaten ausgeht, kann man Zulassungen verlangen, Haftung festschreiben, Nachweise fordern, Namen nennen. Dieselbe Gefahr, ein völlig anderer Adressat.
Was es hieße, die Sache ins Symbolische zu holen
„Ins Symbolische holen“ klingt abstrakt, meint aber etwas sehr Praktisches. Es heißt: einen Namen geben, einen Besitzer benennen, eine Zuständigkeit festlegen, eine Regel formulieren, an der sich etwas messen lässt. Es heißt, aus einem Wesen eine Sache zu machen, für die jemand geradesteht.
Solange die KI „Der große Andere“ bleibt, bleibt sie außerhalb dieser Ordnung. Man kann sie anbeten oder fürchten. Verhandeln kann man mit ihr nicht. Und wer in Ehrfurcht erstarrt, stellt eben keine Fragen nach Haftungsgrenzen, Prüfverfahren und Rechenschaft.
Was ich nicht beantworten kann, ist die Sachfrage selbst. Ob diese Systeme in zehn Jahren gefährlich sind, weiß ich nicht – und Lacan hilft mir dabei kein Stück. Was mir auffällt, ist die Frage, die selten gestellt wird. Nicht: Was wird die KI mit uns machen? Sondern: Wer macht hier eigentlich was zu welchem Zweck – und wer hat die Verantwortung?
Häufige Fragen
Ist die Angst vor KI unbegründet?
Darum geht es in diesem Beitrag nicht. Ob und wie gefährlich diese Systeme sind, ist eine Sachfrage, die sich mit psychoanalytischen Mitteln nicht entscheiden lässt. Untersuchen lässt sich die Form der Rede: Sie macht aus einem Produkt ein Schicksal. Diese Form ist unabhängig davon problematisch, ob die Warnung inhaltlich zutrifft – denn sie verschiebt die Aufmerksamkeit weg von denen, die entscheiden.
Was meint Lacan mit dem großen Anderen – und was hat das mit KI zu tun?
Der „große Andere“ ist bei Lacan kein Mensch, sondern ein Ort: die Ordnung der Sprache und der Regeln, der wir uns unterstellen. Wir behandeln diesen Ort so, als wüsste er etwas über uns, was wir selbst nicht wissen. Genau diese Zuschreibung trifft heute die KI: Sie soll uns durchschauen, Absichten haben, über uns verfügen. Damit rutscht sie aus dem Bereich dessen heraus, was man besitzt, prüft und reguliert.
Was hat Spinoza mit der KI-Debatte zu tun?
Spinoza beschreibt passive Affekte als Zustände, in denen das Subjekt von äußeren Ursachen bewegt wird, ohne diese zu verstehen. Die kollektive Angst vor der KI trägt genau diesen Charakter: Das Kollektiv erlebt sich als dem Geschehen ausgesetzt, nicht als dessen Urheber. Spinozas Gegenbewegung ist Erkenntnis – das Verstehen der tatsächlichen Ursachen. Wer begreift, dass KI ein Produkt menschlicher Entscheidungen ist, gewinnt die Distanz zurück, die Handeln erst möglich macht.
Dieser Beitrag bezieht sich auf Jacques Lacans Begriff des großen Anderen und des Subjekts, von dem man annimmt, dass es weiß, auf seine Lektüre des Freudschen Todestriebs als Wiederholungszwang, auf Slavoj Žižeks Denkfigur des gestohlenen Genusses sowie auf Baruch de Spinozas Theorie der passiven Affekte (Ethica, 1677).