Alte Freundschaften schlafen ein. Mit den Eltern redet man freundlich aneinander vorbei. Und jede Verabredung fühlt sich an wie eine kleine Verhandlung. Man denkt schnell, man habe etwas falsch gemacht. Dabei fällt echte Nähe heute fast allen schwer – und das hat einen Grund, der nicht in dir zu finden ist.
Fang mit einem Anruf an. Du telefonierst mit jemandem, den du seit fünfzehn Jahren kennst. Früher konntet ihr stundenlang reden. Jetzt sind nach zehn Minuten die Neuigkeiten durch, und es kommt dieser Satz. „Wir müssen echt mal wieder.“ Ihr legt auf, freundlich, und ihr wisst beide, dass das „mal wieder“ nicht stattfindet. Nicht aus bösem Willen. Es ist einfach niemand mehr da, der den nächsten Schritt macht.
Oder nimm deine Schwester. Ihr habt euch gern, daran liegt es nicht. Aber wie oft meldet man sich eigentlich? Einmal im Monat, reicht das, ist das schon zu selten? Kann man abends einfach durchklingeln, ohne Grund? Oder stört man dann? Solche Fragen hätte sich vor dreißig Jahren kaum jemand gestellt. Man rief an, man kam vorbei, man wusste ungefähr, was sich gehört. Heute steht das alles zur Debatte. Jedes Mal neu.
Und bevor jetzt der Reflex kommt – ja, das ist nicht nur ein Problem von Tinder und Dating. Es zieht sich durch alles. Durch Freundschaften, die man mal für lebenslang hielt. Durch Familien, in denen sich alle mögen und trotzdem keiner weiß, wie viel Kontakt normal ist. Die Zuneigung ist da. Sie trägt bloß nichts mehr von allein.
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Es gibt ein Wort dafür
Die Soziologin Eva Illouz nennt das die Anomie der intimen Bindungen. Sperriger Begriff, einfache Sache. „Anomie“ kommt vom griechischen nomos, das heißt Gesetz oder Regel. Die Vorsilbe streicht das wieder durch. Anomie ist der Zustand, in dem die Regel fehlt.
Illouz beschreibt damit ein Paradox unserer Zeit. Wir sind erreichbar rund um die Uhr, wir kommen uns in Rekordzeit nah, wir teilen mit halben Fremden Dinge, für die man früher Jahre gebraucht hätte. Und trotzdem hält nichts. Es fehlt der Boden unter den Gefühlen – kein gemeinsames „so macht man das“, an dem man sich festhalten könnte. Für jede Nähe, schreibt sie, muss von Grund auf neu verhandelt werden.
Das ist anstrengend. Nicht weil wir verlernt hätten zu fühlen. Sondern weil wir bei jeder Begegnung von vorne anfangen, alles selbst regeln müssen, was früher einfach vorgegeben war. Stell dir vor, du müsstest bei jedem Schachspiel zuerst mit dem Gegner aushandeln, wie die Figuren ziehen. Ihr kämt nie zum Spielen.
Was Lacan über Nähe wusste
Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat das Problem schon Jahrzehnte früher benannt, nur mit anderen Worten. Er sprach von der symbolischen Ordnung.
Damit meinte er nichts Abgehobenes. Die symbolische Ordnung ist der ganze ungeschriebene Vorrat an Bedeutungen, der da ist, bevor zwei Menschen überhaupt anfangen. Was ein Versprechen wiegt. Wo Freundschaft aufhört und etwas anderes beginnt. Ob ein langes Schweigen am Telefon gemütlich ist oder ein Alarmzeichen. Das steht nirgends geschrieben, und doch wissen es alle – jedenfalls wussten es früher alle. Dieser Vorrat kommt nicht von den zwei Menschen selbst. Er kommt aus der Sprache, aus der Kultur, von außen. Er ist schon da, wenn man geboren wird. Und weil er da ist, muss man nicht alles allein stemmen. Ein Teil des Gewichts liegt woanders.
Lacans Gedanke, der wehtut: Echte Nähe hält nur, wenn etwas dazwischen steht. Zwei Menschen allein, Auge in Auge, ohne alles Dritte – das kippt. Es braucht eine Regel, ein Wort, eine Form, die zwischen die beiden tritt und sie genau dadurch zusammenhält. Nimm dieses Dritte weg, und die Nähe wird sofort zu viel. Sie klebt. Oder sie macht Angst. Wer schon mal eine Beziehung erlebt hat, in der es kein Außen gab, keine Freunde, keine Arbeit, keinen Rahmen, nur noch die zwei – der weiß, wie schnell aus Verschmelzung Ersticken wird.
Ein Handy sagt mehr als tausend Worte
In dem Roman „Anton und Alma“ von Dana Vowinckel steht eine Szene, die das auf den Punkt bringt. Erstes Date. Anton gibt Alma sein Handy, sie soll Musik aussuchen. Nette Geste, mehr nicht. Alma aber denkt sich:
„Merkwürdig intim … er könnte mir auch gleich einfach seine Unterhose und seinen Reisepass geben oder eine Geschlechtskrankheit.“
Woher die Panik, bei einem Handy? Weil es keine Regel mehr gibt, die dieser Geste ihren Platz zuweist. Ein Handy ist heute Tagebuch, Fotoalbum, Postfach, Beichtstuhl. Es herzugeben kann alles heißen – großes Vertrauen oder gar nichts. Und weil Alma nicht weiß, was es heißt, muss sie es in Echtzeit selbst deuten, ohne Geländer. Prompt kippt die kleine Nähe ins Bedrohliche, sie denkt an Reisepässe und Krankheiten. So sieht Intimität ohne Rahmen aus: Jede Geste wird zum Rätsel, das man allein lösen muss.
Wie geht die Szene aus? Die beiden suchen nach einem Song, den sie zusammen hören können. Ein einziger. Und das ist genau die Arbeit, die früher der Rahmen erledigt hat, unsichtbar und umsonst. Heute machen wir sie mit der Hand. Lied für Lied, Geste für Geste, tasten wir uns zu dem kleinsten gemeinsamen Ding vor, das für einen Moment trägt.
Ein Satz von Spinoza
Noch ein Gedanke, aus einer ganz anderen Ecke. Baruch de Spinoza, dreihundert Jahre her, meinte sinngemäß: Solange unsere Gefühle uns herumschubsen und wir nicht wissen, woher sie kommen, sind wir nicht frei. Frei werden wir nicht, indem wir cooler werden oder weniger empfinden. Sondern indem wir kapieren, in welchen Zusammenhängen wir überhaupt miteiander stecken.
Das trifft die Sache. Wer glaubt, an seiner Erschöpfung mit Freunden und Familie sei er selbst schuld, bleibt in der Mühle. Wer merkt, dass hier ein Rahmen fehlt und nicht ein Charakter versagt, hat schon etwas gewonnen. Nicht die Lösung. Aber den richtigen Gegner.
Und jetzt?
Ich habe keine fünf Tipps für dich. Die wären auch gelogen. Wenn das Problem daher rührt, dass ein gemeinsamer Rahmen fehlt, dann kann kein Ratgeber ihn dir zurückgeben, schon gar keine Liste.
Was bleibt, ist eine andere Frage. Nicht mehr „Was stimmt nicht mit mir, dass mir echte Nähe so schwerfällt?“ – sondern „Woran merken wir zwei, dass wir dazugehören, wo uns keiner mehr sagt, wie das geht?“ Vielleicht ist es dieser eine Song. Vielleicht der Anruf jeden Sonntag, auch wenn es nichts zu erzählen gibt. Vielleicht die Verabredung, die man einfach stehen lässt, ohne sie jedes Mal neu zu begründen. Kleine selbstgebaute Regeln, mitten in einer Welt, die keine mehr mitliefert.
Das ist mühsam, und es ist nicht viel. Aber es ist ehrlicher als das Versprechen, dass Nähe von allein gelingt. Das hat sie nämlich nie.