Über den Traum als Text und die Frage, wer der Verfolger darin wirklich ist
Der Verfolger im Traum
Du wachst auf, das Herz klopft. Im Traum hat dich jemand verfolgt, bedroht, in die Enge getrieben. Das Gesicht war fremd und zugleich seltsam vertraut. Und während der Schreck langsam nachlässt, meldet sich die Frage: Was sollte das heißen? Und wer war dieser Mensch?
Hier und heute bekommst du auf diese Frage schnelle Antworten. Traum-Apps und Symbollexika stehen bereit: Ein verlorener Zahn bedeutet dies, Wasser bedeutet jenes, der Verfolger steht für die verdrängte Angst. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hält von solchen Übersetzungen nichts. Träume sind für ihn keineswegs bedeutungslos. Sie arbeiten nur ganz anders, als ein Lexikon unterstellt.
Kein Wörterbuch der Symbole
Ein Symbollexikon behauptet, ein Bild habe eine feste Bedeutung, für alle gleich. Lacan schließt sich hier Freud an, der genau das bestritten hat. Dasselbe Bild kann bei zwei Menschen das Gegenteil meinen, und bei demselben Menschen von Nacht zu Nacht etwas anderes. Entscheidend ist nicht, was ein Bild angeblich „bedeutet“, sondern was dem Träumer dazu einfällt, wenn er den Traum erzählt.
Damit verschiebt sich alles. Die Deutung sitzt nicht im Traumbuch und nicht im Kopf des Deuters. Sie liegt in dem, was der Träumende spricht.
Der Traum funktioniert wie eine Sprache
Lacans berühmter Satz lautet: Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert. Das klingt abstrakt, meint aber etwas Konkretes. Freud hatte zwei Grundvorgänge des Traums beschrieben. In der „Verdichtung“ fallen mehrere Gedanken in ein einziges Bild zusammen. In der „Verschiebung“ wandert die Bedeutung von einem wichtigen Element auf ein nebensächliches, das dann im Traum groß erscheint.
Lacan erkennt darin zwei Bewegungen der Sprache wieder. Die Verdichtung arbeitet wie die „Metapher“, bei der ein Wort für ein anderes einsteht. Die Verschiebung arbeitet wie die „Metonymie“, bei der die Bedeutung von einem Wort zum nächsten weiterrückt. Der Traum ist damit kein Bilderrätsel mit fester Lösung, sondern ein Text, der nach den Gesetzen der Sprache gebaut ist. Und der Schlüssel zu diesem Text sind die „Signifikanten“, die sprachlichen Zeichen, die der Träumende beim Erzählen aneinanderreiht.
Die falsche Frage: echte Person oder Teil von mir?
Zurück zum Verfolger. Eine verbreitete Deutung sagt: Jede Figur im Traum ist ein Teil des Träumers. Der Angreifer wäre dann deine eigene abgespaltene Aggression, die dir im Traum gegenübertritt. Diese Lesart ist nicht falsch, aber sie stammt nicht aus der Psychoanalyse Freuds oder Lacans. Sie kommt aus der Gestalttherapie von Fritz Perls und zum Teil aus der Tradition C. G. Jungs. Sie ist eine mögliche Lesart, kein Naturgesetz.
Bei Freud und Lacan gilt etwas anderes, und das macht die Sache reicher. Ein Traumelement ist „überdeterminiert“. Es hat nicht eine Ursache, sondern mehrere zugleich. Der Verfolger kann eine wirkliche Person meinen, den Chef, den Vater, einen alten Freund. Er kann einen abgewehrten Anteil von dir selbst meinen. Und er kann eine Position in einer Beziehung meinen, die Stelle dessen, der Macht über dich hat. Oft meint er mehrere davon in einem. Die Frage „wirkliche Person oder Teil von mir?“ ist deshalb eine falsche Alternative. Sie zwingt dich zu einer Wahl, die der Traum gar nicht verlangt.
Im Traum siehst du nie den anderen selbst
Eine Beobachtung bleibt trotzdem wichtig. Selbst wenn der Verfolger eine wirkliche Person meint, siehst du im Traum nie diese Person selbst. Du siehst deine Version von ihr, zusammengesetzt aus deinen Erinnerungen, deinen Zuschreibungen, deinem Begehren. Der Mensch im Traum ist immer ein Bild, das du gebaut hast.
Das heißt aber nicht, dass der Traum nur um dich kreist. Ob dein Bild des Verfolgers vor allem den anderen Menschen meint oder vor allem etwas in dir, entscheidet keine allgemeine Regel. Es entscheidet sich im Einzelfall, an dem, was dir zu dieser Figur einfällt. Beim Erzählen taucht vielleicht eine Geste auf, ein Satz, den du schon einmal gehört hast, ein Name. Aus dieser Spur ergibt sich, wen oder was der Verfolger vertritt.
Warum keine Regel hilft
Genau das ist Lacans Punkt. Die Deutung entsteht nicht durch eine Regel wie „alle Figuren sind Ich-Anteile“ und nicht durch ein Lexikon. Sie entsteht im Sprechen des Träumers, Einfall für Einfall. Eine pauschale Regel würde das Unbewusste vorab schließen, bevor es überhaupt gesprochen hat. Sie gäbe dir eine fertige Antwort und nähme dir die eine Spur, die zu deiner Antwort führt.
Und wohin führt diese Spur? Für Lacan verweist der Traum am Ende auf das Begehren des Träumers. Dieses Begehren ist nie ganz privat. Es ist immer ein Begehren im Feld des „Anderen“, geprägt von den Menschen, den Worten und den Erwartungen, in die du hineingewachsen bist. Der Verfolger im Traum hat also vielleicht weniger mit einer verborgenen Bedeutung zu tun als mit einer Frage: Was willst du eigentlich, und wessen Stimme redet darin mit?
Und Spinoza?
Der Philosoph Baruch de Spinoza würde den Traum ganz woanders einordnen. Für ihn gehört er zur „Einbildung“, zur untersten Art, etwas zu erkennen, in der der Geist der Ordnung der Körperzustände folgt und nicht der Ordnung der Vernunft. Träume sind für Spinoza verworrene Vorstellungen, und er ist skeptisch gegenüber dem Versuch, Vorzeichen oder feste Bedeutungen aus ihnen zu lesen.
Darin liegt ein feiner Gegensatz zu Lacan. Lacan hört dem Traum in seiner eigenen Logik zu und sucht die Wahrheit im Sprechen des Träumers. Spinoza würde eher vom verworrenen Bild weg und hin zur klaren Einsicht in seine Ursachen gehen. Eine Methode der Traumdeutung hat er nicht hinterlassen. Aber in einem treffen sich beide: Ein vorgefertigtes Deutungsbuch, das jedem Bild seine feste Bedeutung zuteilt, wäre für keinen von ihnen ein Weg zur Erkenntnis.
Was bleibt
Der Traum ist kein verschlossener Tresor mit einer richtigen Kombination. Er ist eher ein Gespräch, das noch nicht zu Ende geführt ist. Das nimmt dir die schnelle Antwort, und es gibt dir etwas Besseres zurück: deinen eigenen Faden.
Wenn dich das nächste Mal ein Traum nicht loslässt und du schon zum Symbollexikon greifst: Was würde dir einfallen, wenn du ihn einfach jemandem erzählst und dem ersten Wort folgst, das dich selbst überrascht?
Häufige Fragen
Was bedeutet es, wenn man im Traum verfolgt wird?
Darauf gibt es keine feste Antwort, die für alle gilt. Nach Lacan kommt es nicht darauf an, was „Verfolgung“ angeblich bedeutet, sondern darauf, was dem Träumer dazu einfällt. Der Verfolger kann eine wirkliche Person meinen, einen abgewehrten Anteil von einem selbst oder eine Position in einer Beziehung, oft mehreres zugleich. Welche Spur stimmt, zeigt sich erst im Erzählen des Traums.
Kann man Träume mit einem Symbollexikon deuten?
Aus Sicht der Psychoanalyse nicht. Schon Freud hat bestritten, dass ein Bild eine feste, für alle gleiche Bedeutung hat. Dasselbe Bild kann bei verschiedenen Menschen Verschiedenes meinen. Ein Lexikon gibt eine fertige Antwort und übergeht genau das, worauf es ankommt: die Einfälle des Träumers und die Signifikanten, die er beim Erzählen aneinanderreiht.
Sind Traumfiguren Teile von einem selbst?
Das ist eine mögliche Lesart, die aus der Gestalttherapie und zum Teil von C. G. Jung stammt, nicht aus der Psychoanalyse Freuds oder Lacans. Dort gilt ein Traumelement als überdeterminiert: Es kann zugleich eine wirkliche Person, einen eigenen Anteil und eine Beziehungsposition meinen. Ob eine Figur eher den anderen oder eher einen selbst meint, entscheidet keine Regel, sondern die Assoziation im Einzelfall.
Bezug: Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), zu Verdichtung und Verschiebung. Jacques Lacan, „Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten“ (Écrits) und Seminar V „Die Bildungen des Unbewussten“ (1957/58), zu Metapher und Metonymie, zum Unbewussten als Sprache und zum Begehren im Feld des Anderen. Zur Deutung aller Figuren als Ich-Anteile: Fritz Perls (Gestalttherapie) und die Tradition C. G. Jungs. Baruch de Spinoza, Ethica (1677), Teil II zur Einbildung als erster Erkenntnisart, sowie der Brief an Peter Balling (1664) zu Träumen.