Warum moralisch sein? Philippa Foot und die Tugenden, die wir brauchen

Über die Fra­ge, ob Moral zum Men­schen gehört wie Was­ser zur Pflanze


Ist Gut und Böse nur Geschmackssache?

Am Tisch fällt ein Satz, und du kennst ihn: „Wer bin ich, das zu beur­tei­len? Das muss doch jeder für sich ent­schei­den.“ Gemeint ist meist etwas Freund­li­ches, ein Ver­zicht auf Recht­ha­be­rei. Und trotz­dem spürst du oft einen Wider­stand, den du nicht gleich in Wor­te fas­sen kannst. Als ob mit die­sem Satz auch etwas ver­lo­ren ginge.

Genau an die­sem Wider­stand hat die Phi­lo­so­phin Phil­ip­pa Foot ihr Leben lang gear­bei­tet. Ihre Fra­ge lau­te­te: War­um mora­lisch sein? Nicht als rhe­to­ri­sche Flos­kel, son­dern als ech­tes Pro­blem. Hier und heu­te, wo „das ist eben dei­ne Mei­nung“ fast jedes Gespräch über Gut und Böse been­det, ist ihre Ant­wort aktu­el­ler denn je.


Der Einwand, der die Nazis unangreifbar machte

Foot stu­dier­te ab 1939 in Oxford. Die herr­schen­de Leh­re dort trenn­te scharf zwi­schen Tat­sa­chen und Wer­ten. Eine Tat­sa­che beschreibt die Welt: Vier Men­schen sind in die­sem Raum. Das lässt sich prü­fen. Ein mora­li­sches Urteil dage­gen, so die Leh­re, beschreibt nichts. Wenn du sagst „Lügen ist falsch“, drückst du nur dei­ne Miss­bil­li­gung aus. Du sagst im Grun­de: Lügen, igitt. Ein Gefühl, kein Befund.

Dann kamen die Nach­rich­ten vom Holo­caust nach Oxford. Und Foot sah, wohin die­ses Bild führt. Wenn mora­li­sche Urtei­le nur Gefüh­le aus­drü­cken, dann kannst du den Nazis nichts ent­ge­gen­hal­ten als dei­nen eige­nen Geschmack. Du sagst, das war Unrecht, ein ande­rer sagt, das war rich­tig, und bei­de drü­cken bloß ihre Hal­tung aus. Nie­mand hat recht, nie­mand irrt sich. Für Foot war klar: An die­sem Bild stimmt etwas nicht.


Werte stecken schon in den Worten

Ihr ers­ter Schritt war unschein­bar und wir­kungs­voll. Sie schau­te auf Wör­ter, die sich der sau­be­ren Tren­nung wider­set­zen. Nen­ne jeman­den „rück­sichts­los“, „fei­ge“ oder „grau­sam“, und du bewer­test ihn. Aber du kannst das nicht will­kür­lich tun. Nicht alles lässt sich grau­sam nen­nen. Das­sel­be gilt für „gefähr­lich“. Die­ses Mikro­fon hier ist nicht gefähr­lich, nur weil ich es so nen­ne. Damit es gefähr­lich ist, muss es tat­säch­lich Scha­den anrich­ten. Das Wort hängt an den Tat­sa­chen und an den Bedeu­tun­gen, die wir ihm geben.

Damit bricht die sau­be­re Gren­ze zwi­schen Fak­ten und Wer­ten. Vie­le unse­rer Begrif­fe sind bei­des zugleich, beschrei­bend und bewer­tend. Sie sind nicht mei­ner Lau­ne über­las­sen. Aus die­ser Spur ent­wi­ckel­te Foot über Jahr­zehn­te ihre Ethik. Neben­bei stammt von ihr übri­gens das berühm­te „Trol­ley-Pro­blem“, jenes Gedan­ken­spiel mit der außer Kon­trol­le gera­te­nen Bahn, das heu­te in jedem Ethik-Semi­nar auftaucht.


Tugenden sind wie Wasser für die Pflanze

Ihre rei­fe Ant­wort fin­det sich im spä­ten Buch „Natu­ral Good­ness“, auf Deutsch etwa „Natür­li­che Gütig­keit“. Die Grund­idee: Wir bewer­ten Lebe­we­sen stän­dig ganz selbst­ver­ständ­lich. Eine jun­ge Eiche mit dün­nen, küm­mer­li­chen Wur­zeln ist ein schlech­tes Exem­plar ihrer Art. Eine mit kräf­ti­gen Wur­zeln gedeiht. Das ist kein Geschmacks­ur­teil. Es ergibt sich aus der Lebens­form einer Eiche, aus dem, was sie zum Gedei­hen braucht.

Das­sel­be, sagt Foot, gilt für den Men­schen. Wir sind sozia­le, ver­letz­li­che, auf Ver­nunft ange­leg­te Wesen. Wir brau­chen ein­an­der, zur Auf­zucht der Kin­der, im Alter, in der Krank­heit. Zu die­ser Lebens­form gehö­ren die Tugen­den: Gerech­tig­keit, Mut, Mäßi­gung, Mit­ge­fühl. Sie sind kein auf­ge­setz­tes Regel­werk und kein Luxus, son­dern das, was ein Mensch zum guten Leben braucht, so wie die Pflan­ze Was­ser und Licht braucht. Wer sagt „Gerech­tig­keit ist mir egal“, ist für Foot kein küh­ner Frei­geist. Er gleicht jeman­dem, der sagt „Mei­ne Gesund­heit ist mir egal“. Er denkt schlech­ter, nicht freier.


Wo Spinoza mitgeht

Hier trifft sich Foot mit dem Phi­lo­so­phen Baruch de Spi­no­za, über drei Jahr­hun­der­te hin­weg. Auch für Spi­no­za ist Gut und Böse kei­ne Sache der Miss­bil­li­gung und kein Gebot von Außen. Gut ist, was einem Lebe­we­sen wirk­lich nützt, was sein Stre­ben stärkt, sich in sei­nem Sein zu ent­wi­ckeln. Die­ses Stre­ben nennt er den „Cona­tus“. Tugend heißt bei ihm, aus der eige­nen Natur und aus Ver­nunft zu han­deln, Auch bei ihm führt das nicht in die Ver­ein­ze­lung, son­dern zu den Mit­men­schen: Dem Men­schen ist nichts nütz­li­cher als der Mensch.

An einer Stel­le gehen die bei­den getrenn­te Wege. Foot denkt von Aris­to­te­les her, von der Lebens­form und dem, wozu ein Wesen da ist. Spi­no­za lehnt genau das ab. Die Natur ver­folgt für ihn kei­ne Zwe­cke, eine Eiche ist nicht „für“ etwas da. Er grün­det das Gute nicht auf den Sinn einer Art, son­dern auf die Kraft, auf das Wach­sen oder Schwin­den des Tätig­keits­ver­mö­gens. Das Ergeb­nis ähnelt sich, der Weg dort­hin ist ein anderer.


Wo Lacan widerspricht

Den schärfs­ten Ein­wand bekä­me Foot von dem Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan. Ihr Bild setzt vor­aus, dass der Mensch im Grun­de ein Wesen ist, das nach sei­ner Natur gedeiht, wenn man es nur lässt. Lacan bestrei­tet das. Der Mensch ist durch die Spra­che aus sei­ner Natur her­aus­ge­fal­len. In ihm wirkt ein „Genie­ßen“, die „Jouis­sance“, ein qual­vol­les Ver­gnü­gen, das sich quer zu sei­nem eige­nen Wohl stellt. Der Mensch ist das Wesen, das durch Rau­chen sei­ne Gesund­heit aufs Spiel setzt, sich aus Angst gegen die Lie­be ent­schei­det, gegen sein eige­nes Glück ankämpft – und all das oft nicht ein­mal bemerkt.

Damit wackelt Foots ruhi­ger Satz, wer sich nicht um Gerech­tig­keit schert, den­ke bloß schlecht. Lacan wür­de ent­geg­nen: Oft weiß der Mensch sehr genau, was ihm gut­tä­te, und tut beharr­lich das Gegen­teil. Eine Ethik, die auf dem Gedei­hen auf­baut, unter­schätzt, wie gründ­lich der Mensch sich sei­nem eige­nen Gedei­hen wider­set­zen kann. Das macht Foot nicht wert­los. Es setzt ihr eine Gren­ze. Und die­ses Her­aus­fal­len aus der Natur hat zwei Gesich­ter: Das eine lässt den Men­schen gegen sein Wohl han­deln, das ande­re lässt ihn für etwas ein­ste­hen, das weit über sein Wohl hinausgeht.


Was bleibt

Am här­tes­ten wird Foots Gedan­ke an einem Bei­spiel, das sie selbst in „Natu­ral Good­ness“ bringt: Men­schen, die aus Hit­lers Gefäng­nis­sen letz­te Brie­fe schrie­ben, bevor man sie hin­rich­te­te. Sie blie­ben gerecht und mutig, und es hat sie das Leben gekos­tet. Wenn die Tugend zum Gedei­hen gehört, wie konn­te das gut für sie sein?

Foot trennt hier zwei Din­ge, die wir oft ver­wech­seln. Ein Leben, in dem alles glatt­läuft, ist nicht das­sel­be wie ein Leben, das man ach­ten wür­de, wenn man dar­auf zurück­blickt. Die Brie­fe­schrei­ber hat­ten das zwei­te. In die­sem Sinn war es kein schlech­tes Leben, auch wenn es übel endete.

Und an die­ser Stel­le tref­fen sich Foot und Lacan von zwei Sei­ten. Was Foot ein ehren­wer­tes Leben nennt, wür­de Lacan als Treue zum eige­nen Begeh­ren beschrei­ben, als ein Nicht-Nach­ge­ben, das sich nicht ein­mal von der Selbst­er­hal­tung auf­hal­ten lässt. Die­sel­be Struk­tur, die den Men­schen gegen sein Wohl rau­chen lässt, lässt ihn auch für etwas ein­ste­hen, das über sein Wohl hin­aus­geht. Bei­de ver­las­sen damit den Boden der blo­ßen Nütz­lich­keit, auf dem die Fra­ge „war­um mora­lisch sein?“ zuerst gestellt wurde.


Wenn das nächs­te Mal jemand sagt, Gut und Böse sei eben Geschmacks­sa­che: Frag dich, ob du die Fra­ge „war­um mora­lisch sein?“ wirk­lich mit dei­nem blo­ßen Gefühl beant­wor­ten willst, oder ob die Tugen­den nicht doch zu dir gehö­ren wie die Wur­zeln zur Pflanze.


Häufige Fragen

Wer war Philippa Foot?

Phil­ip­pa Foot (1920 bis 2010) war eine bri­ti­sche Moral­phi­lo­so­phin, die in Oxford lehr­te. Zusam­men mit Eliza­beth Ans­com­be, Iris Mur­doch und Mary Mid­gley gehör­te sie zu einer Grup­pe von Den­ke­rin­nen, die der Vor­stel­lung wider­spra­chen, Moral sei bloß sub­jek­tiv. Von ihr stam­men das Trol­ley-Pro­blem und das Buch „Natu­ral Good­ness“, in dem sie Moral als Teil des mensch­li­chen Gedei­hens begrün­det. Sie bezeich­ne­te sich zeit­le­bens als über­zeug­te Atheistin.

Was war ihre Antwort auf die Frage „Warum moralisch sein?“

Foot ver­an­kert die Moral in der mensch­li­chen Lebens­form. So wie eine Eiche kräf­ti­ge Wur­zeln braucht, um zu gedei­hen, braucht der Mensch die Tugen­den wie Gerech­tig­keit, Mut und Mit­ge­fühl, weil er ein sozia­les und ver­letz­li­ches Wesen ist. Mora­lisch zu sein ist damit kein auf­ge­setz­tes Regel­werk, son­dern gehört zu einem gelin­gen­den mensch­li­chen Leben. Wer das miss­ach­tet, denkt nach Foot unan­ge­mes­sen, nicht wirk­lich frei.

Ist Moral objektiv oder nur Geschmackssache?

Foot argu­men­tiert gegen die rei­ne Geschmacks­sa­che. Vie­le Begrif­fe wie „grau­sam“ oder „gefähr­lich“ bewer­ten und beschrei­ben zugleich und las­sen sich nicht will­kür­lich anwen­den. Spi­no­za stützt die­se Rich­tung: Gut ist für ihn, was das Stre­ben eines Wesens stärkt, nicht was jemand gut­heißt. Lacan setzt einen Vor­be­halt dage­gen, weil der Mensch sich durch ein unbe­wuss­tes, „qual­vol­les“ Genie­ßen oft gegen sein eige­nes Wohl richtet.


Bezug: BBC Radio 4, „In Our Time“ (Mel­vyn Bragg) zur Phi­lo­so­phin Phil­ip­pa Foot, mit Anil Gomes, Sophie Grace Chap­pell und Rachel Wise­man. Phil­ip­pa Foot: „Moral Beliefs“ und „Moral Argu­ments“ (1958/59), „The Pro­blem of Abor­ti­on and the Doc­tri­ne of Dou­ble Effect“ (1967, Ursprung des Trol­ley-Pro­blems), „Mora­li­ty as a Sys­tem of Hypo­the­ti­cal Impe­ra­ti­ves“ (1972, spä­ter von ihr wider­ru­fen), „Vir­tu­es and Vices“ (1978), „Natu­ral Good­ness“ (2001). Aris­to­te­les und Tho­mas von Aquin zur Tugend­leh­re. Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca (1677), Teil III (Cona­tus), Teil IV (Tugend und Nut­zen) und Teil I, Anhang (gegen Zwe­cke in der Natur). Jac­ques Lacan zur Jouis­sance und zur Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, im Anschluss an Freuds „Jen­seits des Lustprinzips“.

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