Über die Traditionen, auf denen der eigenwilligste Denker der Neuzeit sein Werk aufgebaut hat
Ein Buch wie aus dem Nichts
Du schlägst das berühmteste Werk, die „Ethik“ des Philosophen Baruch de Spinoza auf und stößt auf Lehrsätze, Beweise und Zusätze wie in einem Geometriebuch. Gott ist dasselbe wie die Natur, die Welt verfolgt keinen Zweck, und der freie Wille ist eine Einbildung. Das wirkt, als wäre es von einem anderen Stern gefallen, fertig und ohne Herkunft.
Hier und heute lieben wir diese Geschichte vom einsamen Genie, das alles allein erfindet, am liebsten der aus der Gemeinde Verstoßene, der Linsen schleift und für sich allein denkt. Spinozas Einflüsse zeigen ein anderes Bild. Sein Werk ist aus vielen alten Fäden gewoben, und sein eigener Beitrag liegt nicht im Rohstoff, sondern darin, wie er jeden Faden auf seine Art verknüpft.
Die Stoa: Gelassenheit, aber nicht durch Willenskraft
Der wichtigste Vorläufer ist wohl die Stoa. Die Stoiker sahen die Welt als lückenlosen, vernünftigen Zusammenhang, in dem alles aus Ursachen folgt. Und sie glaubten, man könne die Affekte durch Einsicht in Schach halten. Beides übernimmt Spinoza. Auch bei ihm ist alles durchgängig verursacht, und auch bei ihm führt der Weg aus dem Leiden über das Verstehen.
An einem Punkt trennt er sich von ihnen. Die Stoiker meinten, man könne einen Affekt einfach durch den Willen unterdrücken, ihn beiseiteschieben wie einen störenden Gedanken. Das hält Spinoza für falsch. Ein Affekt weicht nur einem stärkeren, entgegengesetzten Affekt, oder er verliert seine Macht, sobald wir eine klare Vorstellung von ihm bilden. Was etwas bewegt, ist die Erkenntnis, nicht der bloße Vorsatz. Das ist der Kern seiner ganzen Affektlehre.
Das begriffliche Werkzeug der Scholastik: Substanz, Attribut, Modus
Die Begriffe, mit denen Spinoza sein philosophisches System errichtet, stammen aus einer langen Tradition: der aristotelischen Metaphysik und ihrer scholastischen Weiterentwicklung. Eine universitäre Ausbildung durchlief Spinoza nicht; dennoch setzte er sich intensiv mit den philosophischen Überlieferungen seiner Zeit auseinander. Begriffe wie „Substanz“, „Attribut“ und „Modus“ gehörten zum etablierten Vokabular der Metaphysik. Spinoza übernimmt sie – und verändert ihren Sinn von Grund auf. Wo die traditionelle Philosophie mehrere Substanzen zulässt, erkennt er nur eine einzige an: Gott oder die Natur.
Und einen Gedanken verwirft er ganz: Aristoteles‘ Vorstellung, die Natur verfolge Zwecke. Für Spinoza gibt es in der Natur kein“ Wozu ?“. Eine Eiche wächst nicht, um etwas zu erreichen, und der Mensch ist nicht das Ziel der Schöpfung. Die Annahme, alles sei auf einen Sinn hin eingerichtet, nennt er ein Vorurteil, das aus unserer eigenen Vorstellung eines „Zweckes“ stammt.
Epikur und Lukrez: Natur ohne Furcht
Von den antiken Naturalisten, von Demokrit über Epikur bis zu Lukrez, kommt ein anderer Ton. Ihr Ziel war eine Gelassenheit, die sich nicht von Furcht und Aberglauben regieren lässt, vor allem nicht von der Angst vor zürnenden Göttern und vor dem Tod. Diesen Geist teilt Spinoza. Sein Kampf gegen den Aberglauben, seine Idee, dass der freie Mensch an nichts weniger denkt als an den Tod, stehen in dieser Linie.
Ihre Physik übernimmt er nicht. Die Welt aus winzigen Atomen und leerem Raum lehnt er ab, für ihn ist die Natur ein durchgehender Zusammenhang ohne Lücken. Er nimmt die Haltung, das Naturdenken und die Ruhe vor der Furcht, und lässt die Bausteine liegen.
Die eigenen Lehrer und der Bruch mit dem persönlichen Gott
Spinoza wuchs in der jüdischen Gemeinde Amsterdams auf und las die großen mittelalterlichen Denker seiner Tradition. Maimonides, Gersonides und vor allem Chasdaj Crescas prägten ihn. Von Crescas etwa kommen Anstöße zu seinem Denken über das Unendliche und über die Notwendigkeit, mit der alles geschieht. Auch die Gespräche über die Kabbala in seinem Umfeld gehörten dazu.
Doch an der entscheidenden Stelle bricht er mit dieser Denktradition. Der Gott dieser Tradition ist ein Wesen, das einen Willen hat, gebietet, straft und belohnt. Spinozas Gott tut nichts davon. Er ist kein Gegenüber, das in die Welt eingreift, sondern die Natur selbst, in ihrer ganzen Notwendigkeit. Dieser Bruch hat ihn mit 23 Jahren den Ausschluss aus seiner Gemeinde gekostet.
Die Renaissance: Gott ist die Natur
Dass Gott und Natur eins sein könnten, hatte vor ihm schon die Naturphilosophie der Renaissance gedacht. Giordano Bruno, wenige Jahrzehnte zuvor als Ketzer verbrannt, hatte ein unendliches Weltall und eine göttliche Natur entworfen. Hier liegt ein deutlicher Vorläufer von Spinozas „Deus sive Natura“, Gott oder die Natur.
Auch ein älterer Gedanke klingt an, der neuplatonische: dass alles aus einem göttlichen Ursprung hervorgeht. Bei Spinoza fehlt allerdings die Stufenleiter, die vom höchsten Einen bis hinab zur Materie führt. Sein Gott steht nicht über den Dingen, aus denen die Welt herabfließt. Er ist in allem, was ist, unmittelbar gegenwärtig.
Machiavelli und Hobbes: die Politik
Seine politische Philosophie hat zwei nähere Quellen. Von Niccolò Machiavelli kommt der nüchterne Blick auf die Macht, der nicht fragt, wie Menschen sein sollten, sondern wie sie wirklich handeln. Spinoza nennt ihn bewundernd einen sehr scharfsinnigen Kopf. Von Thomas Hobbes stammt der Gedanke, den Staat aus dem Selbsterhaltungstrieb der Einzelnen zu erklären, aus ihrem natürlichen Recht, sich zu schützen.
Auch hier geht Spinoza eigene Wege. Bei Hobbes geben die Menschen ihr natürliches Recht fast vollständig an den Herrscher ab. Spinoza hält dagegen: Niemand gibt seine Kraft je ganz aus der Hand, und der Staat zielt auf Freiheit, nicht auf Unterwerfung. Die Demokratie ist für ihn die natürlichste Staatsform, weil in ihr die Menschen am meisten sie selbst bleiben.
Was daraus wurde
So gesehen hat Spinoza wenig aus dem Nichts geschaffen. Fast jeder Baustein hat eine Herkunft. Das Eigene liegt im Umbau: Er nimmt die stoische Ordnung, das Werkzeug der Scholastik, die Ruhe der Naturalisten, den Gott seiner Väter, die Naturphilosophie der Renaissance und die nüchternen Politikvorstellungen seiner Zeit, und biegt alles auf einen einzigen Gedanken hin, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, in der Gott und Natur dasselbe sind.
Was ihn mit all seinen Quellen verbindet, ist am Ende eine Haltung, die er selbst in einem Satz zusammengefasst hat:
„Nicht verlachen, nicht beklagen, nicht verwünschen, sondern verstehen.“
Vielleicht ist das die interessanteste Lehre aus Spinozas Einflüssen: Wer wirklich Neues denkt, erfindet selten aus dem Nichts. Welche alten Fäden hast du in dem, was du für deine eigensten Gedanken hältst?
Häufige Fragen
Woher stammt Spinozas Philosophie?
Spinoza steht in mehreren älteren Traditionen, die er jeweils eigenwillig umformt. Am wichtigsten ist die Stoa mit ihrem Determinismus und ihrer Affektlehre. Dazu kommen die aristotelisch-scholastischen Begriffe, der Naturalismus Epikurs und Lukrezens, die jüdisch-mittelalterliche Philosophie, die Naturphilosophie der Renaissance sowie Machiavelli und Hobbes für die Politik. Sein Eigenes liegt im Umbau dieser Quellen.
War Spinoza ein Stoiker?
Er teilt wichtige Grundgedanken der Stoa: dass alles aus Ursachen folgt und dass der Weg aus dem Leiden über die Einsicht führt. Er widerspricht den Stoikern aber dort, wo sie meinen, man könne Affekte allein durch den Willen unterdrücken. Für Spinoza weicht ein Affekt nur einem stärkeren, entgegengesetzten Affekt oder der klaren Erkenntnis seiner Ursache.
Wie verhält sich Spinoza zu Hobbes?
Von Hobbes übernimmt Spinoza die Idee, den Staat aus dem Selbsterhaltungstrieb und dem natürlichen Recht der Menschen zu erklären. Er zieht daraus jedoch andere Schlüsse. Bei Hobbes übertragen die Menschen ihr Recht fast ganz an den Herrscher, bei Spinoza behalten sie es weitgehend, und das Ziel des Staates ist die Freiheit. Die Demokratie gilt ihm als die natürlichste Staatsform.
Bezug: Baruch de Spinoza, Ethica (1677), insbesondere Teil I (eine Substanz, Gott oder Natur, Anhang gegen die Zwecke in der Natur), Teil IV und V (Affektlehre, Kritik an den Stoikern im Vorwort zu Teil V), sowie der Theologisch-politische Traktat (1670) und der unvollendete Politische Traktat (Lob Machiavellis). Zu den Traditionen: Stoa (Seneca, Epiktet, Chrysipp); Aristoteles und die Scholastik; Demokrit, Epikur und Lukrez; Maimonides, Gersonides und Hasdai Crescas; Giordano Bruno und der Neuplatonismus; Niccolò Machiavelli und Thomas Hobbes. Das Schlusszitat stammt aus dem Politischen Traktat (Kapitel 1, Absatz 4). Die Gewichtung einzelner Einflüsse ist in der Forschung umstritten.