Neuronen an- und ausschalten: Zur Optogenetik bei Depression

Über einen Schal­ter für die Trau­rig­keit – und die Fra­ge, was dabei ver­lo­ren gehen könnte


Ein Schalter für die Traurigkeit?

Stell dir vor, bei einer Depres­si­on lie­ße sich eines Tages ein Schal­ter umle­gen. Du bist seit Mona­ten wie aus­ge­knipst, mor­gens kommst du kaum hoch, nichts macht Freu­de, und alles, was Men­schen dir raten, prallt ab. Und dann heißt es: bestimm­te Ner­ven­zel­len, Licht an, Licht aus.

Die Metho­de dahin­ter heißt Opto­ge­ne­tik, und am 5.10.2026 hat das Nobel­ko­mi­tee in Stock­holm ihre Ent­de­cker mit dem Medi­zin-Nobel­preis aus­ge­zeich­net: Peter Hege­mann, Georg Nagel und Karl Deiss­eroth. Hege­mann und Nagel ent­deck­ten das Pro­te­in Kanal­rhod­op­sin, das Zel­len emp­find­lich für Licht macht. Deiss­eroth brach­te das Gen dafür in Ner­ven­zel­len von Rat­ten, sodass sich die­se Zel­len mit Licht akti­vie­ren lie­ßen. Die Metho­de ver­bin­det Optik und Gene­tik und erlaubt es, Ner­ven­zel­len in leben­dem Gewe­be gezielt an- oder abzu­schal­ten. Das Komi­tee betont, sie zei­ge, wie Ner­ven­zel­len Erin­ne­run­gen, Gefüh­le und Ver­hal­ten formen.

Hier und heu­te stellt sich damit eine Fra­ge, die über die Tech­nik hin­aus­geht: Was heißt es für das, was wir Trau­rig­keit nen­nen, wenn man sie an einen Schal­ter gekop­pelt den­ken kann?

Vor­weg: Eine Depres­si­on ist eine erns­te Erkran­kung, die behan­delt wer­den kann und soll. Die­ser Bei­trag ist ein Gedan­ken­spiel mit Spi­no­za und Lacan und kei­ne Behandlungsempfehlung.


Was heute zur Depression gesagt wurde

In den Mel­dun­gen taucht die Depres­si­on an einer bestimm­ten Stel­le auf. Mit der Opto­ge­ne­tik wur­den Schalt­krei­se im Gehirn gefun­den, die an Gefüh­len, Erin­ne­run­gen und Ver­hal­ten betei­ligt sind, und auch Mecha­nis­men, die Erkran­kun­gen wie Depres­si­on, Schi­zo­phre­nie, Alz­hei­mer oder Par­kin­son zugrun­de lie­gen. Die Depres­si­on steht dort zuerst als etwas, das sich bes­ser ver­ste­hen lässt.

Von The­ra­pien ist all­ge­mei­ner die Rede: Es gebe ers­te Ver­su­che. Das ein­zi­ge kon­kre­te Bei­spiel kommt aus der Augen­me­di­zin. Ein Pati­ent, der durch eine Netz­haut­er­kran­kung erblin­det war, konn­te nach einer opto­ge­ne­ti­schen Behand­lung wie­der Gegen­stän­de wahr­neh­men und zäh­len, mit einer spe­zi­el­len Bril­le. Eine Behand­lung der Depres­si­on mit Licht habe ich in den Berich­ten, die ich gese­hen habe, nicht gefun­den. Als Per­spek­ti­ve wird auch sie genannt, als gegen­wär­ti­ge Anwen­dung nicht. Ein Bericht fasst es nüch­tern zusam­men: Für die Medi­zin bedeu­tet der Preis zunächst ein genaue­res Ver­ständ­nis von Krank­heits­me­cha­nis­men, nicht auto­ma­tisch eine fer­ti­ge Behandlung.

Wie eine sol­che Behand­lung aus­se­hen müss­te, ist abseh­bar. Ein Gen müss­te in bestimm­te Ner­ven­zel­len gebracht und Licht ins Gehirn gelei­tet wer­den. Die Berich­te spre­chen von hohen Hür­den. Schon heu­te gibt es Ver­fah­ren, die Hirn­ak­ti­vi­tät gezielt beein­flus­sen, bei schwe­ren Ver­läu­fen etwa die trans­kra­ni­elle Magnet­sti­mu­la­ti­on oder die Elek­tro­krampf­the­ra­pie. Die Opto­ge­ne­tik könn­te das eines Tages prä­zi­ser machen: ein­zel­ne Zell­ty­pen statt gan­zer Hirnregionen.

Deiss­eroth selbst ist Pro­fes­sor für Bio­en­gi­nee­ring und für Psych­ia­trie in Stan­ford. Schon 2014 sag­te er, er erwar­te von der Metho­de vor allem Ein­sich­ten in Bio­lo­gie und Ver­hal­ten und wohl auch medi­zi­ni­sche Fort­schrit­te. In die­ser Reihenfolge.

Eine gehö­ri­ge Por­ti­on Genau­ig­keit gehört noch dazu. Eine Depres­si­on im Maus­mo­dell wird über Ver­hal­ten gemes­sen, etwa dar­über, ob Tie­re noch gesüß­tes Was­ser bevor­zu­gen oder Art­ge­nos­sen mei­den. Was ein Tier dabei erlebt, bleibt offen. Das liegt an der Sache: Erle­ben lässt sich schlecht mes­sen. An die­ser Stel­le set­zen Spi­no­za und Lacan an.


Spinoza: Körper und Geist sind ein Vorgang

Für den Phi­lo­so­phen Baruch de Spi­no­za sind Geist und Kör­per ein und das­sel­be, ein­mal als Den­ken beschrie­ben, ein­mal als Aus­deh­nung. Sie sto­ßen sich nicht gegen­sei­tig an. Was im Gehirn geschieht und was gefühlt wird, ist ein Vor­gang in zwei Spra­chen. Ein Ein­griff in Ner­ven­zel­len ist des­halb kei­ne Atta­cke von außen auf die See­le. Ver­än­dert sich der Kör­per, ver­än­dert sich im sel­ben Zug der Geist.

Dazu passt, wie nüch­tern er über Trau­rig­keit denkt. In der Ethi­ca heißt es, dass die Hei­ter­keit nie über­mä­ßig sein kann, die Schwer­mut dage­gen immer schlecht ist. Und alles, was den Kör­per für mehr Affek­tio­nen taug­lich macht, nennt er nütz­lich. Spi­no­za ist kein Pre­di­ger des Lei­dens: Wer eine Trau­er lin­dert, tut etwas Gutes.

Auch der Ein­wand, Licht sei eine Fremd­steue­rung, trifft ihn nicht. Unse­re Gefüh­le kom­men ohne­hin von außen: von Men­schen, vom Wet­ter, vom Essen, von Medi­ka­men­ten. Ob etwas natür­lich oder künst­lich ist, spielt für ihn kei­ne Rol­le. Sei­ne Trenn­li­nie ver­läuft zwi­schen ver­stan­den und unverstanden.

Und hier kommt sein Vor­be­halt. Eine Freu­de, die von außen kommt, bleibt eine pas­si­ve Freu­de. Sie stei­gert dein Ver­mö­gen, aber sie hängt an dem, was sie aus­löst. Was von außen ein­ge­schal­tet wird, kann von außen auch wie­der aus­ge­schal­tet wer­den. Aktiv wird die Freu­de erst durch Ver­ste­hen: wenn du erkennst, woher dei­ne Trau­er kommt und was sie mit dei­nem Leben zu tun hat. Der Schal­ter ersetzt die­ses Ver­ste­hen nicht.

Die heu­ti­ge Nach­rich­ten­la­ge passt dazu. Sie betont zuerst das Ver­ste­hen: Schalt­krei­se, Mecha­nis­men, Ursa­chen. Für Spi­no­za ist Erkennt­nis der Ursa­chen der Weg aus der Ohn­macht, und die Schalt­kreis­for­schung lie­fert Wis­sen über Ursa­chen im Kör­per. Das ist die eine Spra­che des Vor­gangs. Die ande­re ist das Erle­ben, und die­ses Ver­ste­hen kann nur der Betrof­fe­ne selbst vollziehen.

Bei­des lässt sich bei Spi­no­za zusam­men­den­ken: erst Ent­las­tung, dann Ver­ste­hen. Wer vor lau­ter Schwer­mut nicht mehr den­ken kann, kann auch nicht ver­ste­hen. Das ist mei­ne Les­art. Im Text steht sie so nicht.


Lacan: Das Subjekt sitzt nicht im Neuron

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan setzt woan­ders an. In sei­nem Auf­satz „Die Wis­sen­schaft und die Wahr­heit“ beschreibt er, dass die moder­ne Wis­sen­schaft auf dem Aus­schluss des Sub­jekts beruht. Gemeint ist das Sub­jekt, das spricht und im Spre­chen etwas von sich nicht weiß. Ein gemes­se­ner Orga­nis­mus ist es nicht. Die Opto­ge­ne­tik kann zei­gen, wel­che Schalt­krei­se an einem Gefühl betei­ligt sind. Was die­ses Gefühl für den bedeu­tet, der es hat, liegt außer­halb ihres Gegen­stands. Das ist kei­ne Kri­tik an der Metho­de, eher eine Ortsbeschreibung.

Das Maus­mo­dell zeigt es im Klei­nen. Gemes­sen wird Ver­hal­ten, und das Sub­jekt, von dem Lacan spricht, kommt in die­sem Mes­sen nicht vor. Das ist die Kon­se­quenz des Ver­fah­rens und kein Fehler.

In der Psy­cho­ana­ly­se erfüllt ein Sym­ptom für den Men­schen eine Funk­ti­on, die ihm nicht bewusst ist. Mit Lacan lässt sich des­halb fra­gen, was mit die­ser Funk­ti­on geschieht, wenn man das Sym­ptom abschal­tet. Es kann sein, dass sie nicht mehr gebraucht wird. Es kann sein, dass etwas ande­res ihren Platz ein­nimmt. Das ist eine Fra­ge, kei­ne Prognose.

Eine unbe­que­me Stel­le gehört dazu. In dem Gespräch „Télé­vi­si­on“ (1973) nennt Lacan die Trau­rig­keit kei­nen See­len­zu­stand, son­dern eine mora­li­sche Ver­feh­lung, in einer Linie mit Dan­te und, wie er sagt, auch Spi­no­za. Er spricht von einer Art Feig­heit, die mit der Pflicht zum „gay savoir“ („fröh­li­ches Wis­sen“) zu tun hat, also damit, sich im Unbe­wuss­ten zu ori­en­tie­ren. Das ist kei­ne Schuld­zu­wei­sung an Kran­ke. Lacan meint eine Hal­tung zum eige­nen Spre­chen und zum Unbe­wuss­ten. Das passt zur „Ethik der Psy­cho­ana­ly­se“ (Semi­nar VII). Dort ist das Sub­jekt schul­dig, wenn es sein Begeh­ren ver­ra­ten hat. Spi­no­za dage­gen kennt ohne­hin kei­ne Sün­de: Bei ihm ist Trau­er schlecht, weil sie das Ver­mö­gen ver­rin­gert. Mit Schuld hat das nichts zu tun.

Für Lacan ver­än­dert sich im Behand­lungs­raum etwas nur durch das freie Spre­chen. Ein Schal­ter kann das nicht erset­zen. Wer aber so erschöpft ist, dass Spre­chen nicht mehr geht, braucht womög­lich zuerst Ent­las­tung. Auch das ist wie­der mei­ne Lesart.


Wer hält den Schalter?

Ein Schal­ter für Gefüh­le setzt ein Wis­sen dar­über vor­aus, wel­che Gefüh­le abge­schal­tet wer­den sol­len. Wer ent­schei­det das? Spi­no­za hat gese­hen, wie leicht sich Men­schen über Hoff­nung und Furcht len­ken las­sen. Ein Instru­ment, das Affek­te direkt ver­än­dert, ver­schärft die­se Fra­ge. Bei einer Depres­si­on ist die Ant­wort klar: Der Lei­den­de will Lin­de­rung. Bei ande­ren Gefüh­len ist sie es nicht, etwa bei Wut, Neid oder der Trau­er um einen Men­schen, der gestor­ben ist. Die gehört nicht aus­ge­schal­tet. Sie sagt etwas über das, was man ver­lo­ren hat.


Ich hal­te bei­des für denk­bar und für ver­ein­bar: den Schal­ter und das Ver­ste­hen. Ob in die­ser Rei­hen­fol­ge, weiß ich nicht. Und falls die Opto­ge­ne­tik eines Tages eine Depres­si­on lin­dern kann, bleibt eine Fra­ge, die kein Licht beant­wor­tet: Was hat sich da eigent­lich gemeldet?


Häufige Fragen

Wofür wurde der Medizin-Nobelpreis 2026 vergeben?

Peter Hege­mann, Georg Nagel und Karl Deiss­eroth erhal­ten ihn für ihre Ent­de­ckun­gen zu licht­ge­steu­er­ten Ionen­ka­nä­len und zur Opto­ge­ne­tik. Hege­mann und Nagel ent­deck­ten das Pro­te­in Kanal­rhod­op­sin, das Zel­len licht­emp­find­lich macht, Deiss­eroth setz­te das Gen dafür in Ner­ven­zel­len ein, sodass sie sich mit Licht akti­vie­ren las­sen. Die Metho­de ist ein eta­blier­tes For­schungs­in­stru­ment und wird erst in ers­ten Anwen­dun­gen, etwa in der Augen­me­di­zin, erprobt.

Wird eine Depression heute schon mit Optogenetik behandelt?

Nein. In den Berich­ten zum Nobel­preis erscheint die Depres­si­on als Erkran­kung, deren Schalt­krei­se und Mecha­nis­men mit der Metho­de erforscht wer­den. Eine Behand­lung für Men­schen ist bis­her nur in der Augen­me­di­zin beschrie­ben, und die Berich­te beto­nen die hohen Hür­den. Wer heu­te unter einer Depres­si­on lei­det, kann mit eta­blier­ten Ver­fah­ren wie Psy­cho­the­ra­pie und Medi­ka­men­ten wirk­sam behan­delt wer­den. Ers­te Anlauf­stel­le ist die Hausarztpraxis.

Was sagen Spinoza und Lacan zur Behandlung von Trauer?

Spi­no­za sieht Geist und Kör­per als einen Vor­gang und hält Schwer­mut für immer schlecht. Lin­de­rung ist für ihn gut, auch durch äuße­re Mit­tel. Eine von außen erzeug­te Freu­de bleibt aber pas­siv und wird erst durch Ver­ste­hen aktiv. Lacan ver­or­tet das Sub­jekt jen­seits des­sen, was die Wis­sen­schaft misst: Ein Sym­ptom erfüllt eine unbe­wuss­te Funk­ti­on, und ver­än­dern lässt sich etwas im Behand­lungs­raum durch das freie Spre­chen. Zusam­men las­sen sich bei­de so lesen, dass Ent­las­tung und Ver­ste­hen ein­an­der nicht ausschließen.


Bezug: Mel­dun­gen zum Nobel­preis für Phy­sio­lo­gie oder Medi­zin 2026 vom 5. Okto­ber 2026 (Karo­lins­ka-Insti­tut; u. a. Deut­sches Ärz­te­blatt, science.ORF.at, SRF, wissenschaft.de, Stutt­gar­ter Zei­tung). Stan­ford Medi­ci­ne zu Karl Deiss­eroth (2014, 2018). Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca (1677): Teil II (Lehr­satz 7, Anmer­kung), Teil III (Lehr­satz 2), Teil IV (Lehr­sät­ze 4, 38, 41 und 42). Jac­ques Lacan, Die Wis­sen­schaft und die Wahr­heit (1965); Télé­vi­si­on (1973).

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