Was die Wissenschaft über den Zusammenhang zwischen Gesundheit, Psyche und Alkohol verschweigt – und was Spinoza und Lacan dazu sagen
Diese Warnung gibt es schwarz auf weiß: kein Tropfen Alkohol ist sicher. Die WHO hat es 2023 erklärt, Kanada hat es übernommen, die Medien haben es weitergetragen. Wer jetzt noch ein Glas Wein trinkt, tut das gegen den Rat der Weltgesundheitsorganisation.
Aber wartet mal kurz.
Dieselben Wissenschaftler, die 2018 „kein sicheres Maß“ verkündeten, kamen 2020 auf Basis derselben Daten zu einem anderen Schluss: Für Menschen über 40 kann moderater Alkoholkonsum sogar schützend wirken. Die berühmte J‑Kurve – die zeigt, dass leichter Konsum gesünder sein kann als vollständige Abstinenz – ist nicht verschwunden. Sie wird nur gerade nicht gerne gezeigt.
Aber darum geht es hier eigentlich nicht. Denn in der ganzen Debatte um Leber, Krebs und Herzerkrankungen fehlt etwas Entscheidendes: der Mensch.
Die Griechen wussten es besser
Die alten Griechen hatten keinen Tagesspiegel und keine WHO-Empfehlungen. Aber sie hatten etwas anderes: einen Gott für den Wein. Dionysos – das ist nicht der Gott des Rausches und der Zerstörung, wie man gerne denkt. Es ist der Gott der Auflösung von Grenzen, der Gemeinschaft, des Festes, der Ekstase.
Das Symposion – das griechische Trinkgelage – war kein Besäufnis. Es war eine Kulturtechnik. Männer kamen zusammen, tranken gemeinsam verdünnten Wein, diskutierten über Liebe, Gerechtigkeit, Schönheit. Platon hat seine wichtigsten Dialoge als Symposien gesetzt. Der Wein lockerte nicht die Zunge – er löste die Masken.
Der griechische Begriff dafür war euphrosyne – Heiterkeit, Wohlstimmung, das Leichterwerden des Geistes. Etwas, für das es kein Blutbild gibt.
Was die J‑Kurve nicht misst
Die J‑Kurve zeigt: Wer gar nicht trinkt, ist manchmal weniger gesund als jemand, der wenig trinkt. Das ist das medizinische Argument. Es wird diskutiert, angezweifelt, verteidigt – der Streit läuft.
Aber selbst wenn die J‑Kurve stimmt, misst sie nur das Körperliche. Sie misst Leberwerte, Krebsrisiken, Herzerkrankungen. Sie misst nicht, was ein Feierabendbier mit einer erschöpften Person macht. Sie misst nicht, was ein Glas Wein beim Abendessen mit zwei Menschen tut, die sich endlich wieder etwas zu sagen haben. Sie misst nicht die Entspannung nach einer langen Woche, das Lachen, das leichter kommt, die Hemmung, die fällt.
Das ist kein Plädoyer für Alkohol. Es ist ein Plädoyer für Ehrlichkeit in der Rechnung.
Spinoza: Was den Menschen stärkt – und was ihn schwächt
Der Philosoph Baruch de Spinoza hat in seiner Affektlehre etwas Radikales gesagt: Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Risiko. Gesundheit ist die Fähigkeit, zu handeln. Zu denken, zu fühlen, sich zu entscheiden, in Beziehung zu treten.
Alles, was diese Fähigkeit steigert, ist gut. Alles, was sie verringert, ist schlecht.
Das ist ein anderer Maßstab als der medizinische. Ein Glas Wein, das einem Menschen am Abend ermöglicht, aus der Starre des Tages herauszutreten, ein Gespräch zu führen, das sonst nicht stattgefunden hätte, eine Verbindung herzustellen, die sonst nicht entstanden wäre – dieses Glas steigert, was Spinoza Handlungsvermögen nennt.
Natürlich gilt das nicht unbegrenzt. Wer trinkt, um sich zu betäuben – täglich, allein, gegen die Angst – der verringert sein Handlungsvermögen. Spinoza würde das klar benennen. Aber er würde genauso klar benennen: Die Frage ist nicht, ob Alkohol auf einer Toxizitätsliste steht. Die Frage ist, was er im konkreten Leben mit einem konkreten Menschen macht.
Lacan: Wenn das Trinken zur Falle wird
Der Psychoanalytiker Jacques Lacan geht noch einen Schritt weiter. Er hat einen Begriff für das, was jenseits der normalen Lust operiert – jenseits von Befriedigung, Gleichgewicht, Erholung. Er nennt es Jouissance. Und das ist kein schönes Wort.
Jouissance ist nicht Genuss im Alltagssinn. Es ist ein Genießen, das das Subjekt bindet statt zu befreien. Das zwanghaft ist, repetitiv, das sich gegen das eigene Wohlbefinden richtet. Der Alkohol, der jeden Abend kommen muss. Der Schluck, den man nicht lässt, obwohl man es will. Das ist Jouissance – und das ist das Gegenteil von Lust.
Was bedeutet das für die Debatte? Zweierlei.
Erstens: Wer maßvoll trinkt, weil ihm ein Glas Wein beim Abendessen gut tut – der genießt im ganz normalen Sinne. Das hat mit Lacans Jouissance wenig zu tun. Es ist Befriedigung, Ritual, Entspannung. Lacan würde das nicht dramatisieren.
Zweitens: Wer nicht aufhören kann, obwohl er es will – der hat ein Jouissance-Problem. Nicht weil er schwach ist, sondern weil etwas in ihm wiederholt, was sich der Kontrolle entzieht. Da hilft kein Risikorechner und kein WHO-Grenzwert. Da braucht es eine andere Art von Aufmerksamkeit.
Genau darin liegt Lacans eigentliche Pointe für diese Debatte: Die WHO behandelt jeden Trinker als potentiellen Jouissance-Fall. Lacan würde sagen – das ist die falsche Gleichsetzung. Der Unterschied zwischen dem Glas Wein und dem Zwang ist strukturell, nicht graduell. Und wer beides in eine Risikokategorie wirft, versteht weder das eine noch das andere.
Der soziale Körper trinkt mit
Es gibt noch eine Dimension, die in der medizinischen Debatte vollständig fehlt: die soziale.
Menschen trinken nicht allein – meistens. Sie trinken auf Hochzeiten und bei Beerdigungen, beim ersten Date und beim letzten Abend vor dem Umzug. Der Wein beim Abendessen ist nicht nur Alkohol – er ist ein Ritual der Gemeinschaft. Das Bier nach dem Sport ist nicht nur Flüssigkeit – es ist der Übergang vom Wettkampf zum Miteinander.
Was passiert in einer Gesellschaft, die diesen Dimensionen keinen Wert mehr beimisst? Die nur noch in Risikoeinheiten denkt? Die das Glas Wein aus dem Abendessen herausrechnet und den Rest stehen lässt?
Spinoza würde sagen: Sie versteht den Menschen nicht. Sie versteht nur den Körper – und auch den nur halb.
Was die ehrliche Rechnung ergibt
Kein Alkohol ist kein Risiko – das stimmt. Viel Alkohol ist ein großes Risiko – das stimmt auch. Aber wenig Alkohol, im richtigen Moment, im richtigen Rahmen, mit den richtigen Menschen – das ist eine andere Geschichte. Eine, die sich nicht in einem Laborwert ausdrücken lässt.
Die Griechen hatten einen Gott dafür. Nicht weil sie leichtsinnig waren. Sondern weil sie wussten: Manche Dinge im Leben lassen sich nicht wegoptimieren. Der Rausch gehört dazu. Das Fest. Das Lachen, das lauter wird. Die Wahrheit, die leichter kommt.
Nicht die Leber trinkt. Der Mensch trinkt. Und der Mensch ist mehr als seine Laborwerte.
Häufig gestellte Fragen
Ist moderater Alkoholkonsum wirklich schädlich?
Die Wissenschaft ist gespalten. Die WHO warnt vor jedem Tropfen, andere Studien zeigen schützende Effekte bei moderatem Konsum. Was in der Debatte fehlt: der psychische und soziale Nutzen, den kein Laborwert erfasst.
Was ist der Unterschied zwischen Genuss und Alkoholproblem?
Der Unterschied ist strukturell, nicht graduell. Wer trinkt weil es gut tut und aufhören kann wenn er will – genießt. Wer trinkt weil er nicht anders kann – hat ein Zwangsproblem. Beide in dieselbe Risikokategorie zu werfen ist falsch.
Warum trinken Menschen Alkohol trotz bekannter Risiken?
Weil Trinken mehr ist als Risikoabwägung. Es ist Ritual, Gemeinschaft, Entspannung – und manchmal Zwang. Spinoza würde fragen: Steigert es die Handlungsfähigkeit oder verringert sie sie? Das ist die ehrlichere Frage als jede Risikostatistik.
Dieser Artikel stellt medizinische Risikodebatten zum Alkohol Spinozas Affektlehre und Lacans Begriff der Jouissance gegenüber – und fragt, was in der Gleichung fehlt, wenn man den Menschen vergisst.