Über einen winzigen Punkt im Dunkel und das, was wir daraus machen
Kleiner als ein Pixel
Im Februar 1990 dreht die Raumsonde Voyager 1 ihre Kamera um und fotografiert die Erde aus rund sechs Milliarden Kilometern Entfernung. Auf dem Bild ist unser Planet ein blassblauer Punkt, kleiner als ein Pixel, getroffen von einem schmalen Streifen Sonnenlicht. Dort wohnen alle, die du kennst. Dort findet jede Hochzeit, jeder Krieg, jeder Streit ums Erbe statt.
Schau dir das Bild eine Weile an und achte darauf, was in dir passiert. Bei vielen meldet sich ein Ziehen im Magen. Pascal hat es vor über dreihundert Jahren so beschrieben: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich.“ Hier und heute, mit Klimadebatte, Kriegsmeldungen und Maschinen, die uns klüger zu werden scheinen als wir selbst, sucht dieses Ziehen sich Namen und Gesichter.
Eine These über den Sinn des Lebens
Ich stelle dazu eine These auf: Der Sinn des Lebens besteht darin, die „Urangst“ des Menschen einzugrenzen, sie einzufrieden. Mit „Urangst“ meine ich das Wissen, ein winziger, verletzlicher Fleck im unendlichen Universum zu sein, den nichts und niemand hält. Diese Angst braucht keinen Anlass. Sie ist da, bevor irgendetwas passiert, und sie färbt alles, was wir tun.
Manchmal flackert in der Ferne ein kleines Licht auf: ein Glaube, eine Hoffnung, ein Mensch. Es tröstet. Verlassen kannst du dich darauf nicht. Was bleibt dir dann? Du kannst der Angst eine Form geben. Du kannst sie umgrenzen, damit sie einen Ort hat und nicht mehr überall ist. Zwei Beispiele machen das greifbar.
Erstes Beispiel: Unser Planet
Die Erde braucht dich nicht. Sie hat kein Bewusstsein und keine Interessen. In Milliarden Jahren macht die Sonne sie unbewohnbar, und irgendwo entstehen neue Welten, ohne dass jemand die alte vermisst. Wenn du sie schützt, tust du es aus Eigeninteresse: Sie ist der einzige Boden, den du hast, der Ort, an dem man dich im schwarzen Raum überhaupt finden kann. Dieses Interesse darf egoistisch sein. Das reicht.
Die Sorge ums Klima verwandelt dann ein Grauen ohne Gesicht in ein Vorhaben: Zahlen, Handgriffe, Verabredungen mit anderen. Die Angst verschwindet dadurch nicht. Aber sie sitzt jetzt an einem Platz, an dem du etwas tun kannst.
Zweites Beispiel: Das Zerstörerische in uns
Du kennst den Moment, in dem ein einziger Satz genügt und in dir geht etwas hoch. Neid, Wut, Häme, die Lust, den anderen kleinzumachen. Das gehört zum Menschen, bei dir und bei mir, und es gehört auch zu Gesellschaften und ganzen Völkern. Wir müssen diese zerstörerischen Anteile erkennen, im Einzelnen wie im Kollektiv. Auch das hilft, die Angst einzugrenzen: Sicher fühlst du dich nur unter Menschen, mit denen ein Miteinander trägt.
Was Spinoza dazu sagt
Dem winzigen Punkt stimmt der Philosoph Baruch de Spinoza zu. Die Kraft, mit der ein Mensch in seinem Dasein beharrt, ist begrenzt, und die Macht äußerer Ursachen übertrifft sie unendlich (Ethica, Teil IV, Lehrsatz 3). Du bist Teil der Natur und bleibst es. Das heißt: Dich bewegen Dinge, die du nicht in der Hand hast.
Auch beim Planeten liegt er auf deiner Linie. Die Natur verfolgt für ihn keine Absichten, sie hat sich kein Ziel gesetzt und sorgt sich um niemanden. Die Vorstellung, alles sei auf den Menschen hin eingerichtet, nennt er ein Vorurteil. Und dein Eigeninteresse? Für Spinoza ist es der Kern der Tugend. Wer sein Dasein erhalten will, sucht, was ihm nützt, und stößt dabei auf andere Menschen: „Dem Menschen ist nichts nützlicher als der Mensch“ (Teil IV, Lehrsatz 18, Anmerkung). Gerade dieser „positive“ Egoismus führt also ins Miteinander.
Dein kleines Licht in der Ferne kennt Spinoza ebenfalls. Hoffnung ist für ihn eine unbeständige Freude, die aus dem Bild einer ungewissen Sache entsteht, und Furcht ihr Gegenstück, eine unbeständige Traurigkeit. Beide gehören zusammen. Wer hofft, fürchtet auch, und auf keines von beiden kann er sich verlassen.
Beim Zerstörerischen wird er deutlich: Menschen, die von ihren Affekten gepackt sind, können einander feindlich entgegenstehen (Teil IV, Lehrsatz 34). Sein Mittel dagegen heißt Erkennen. Sobald du dir eine klare und deutliche Vorstellung von einem leidvollen Affekt bildest, hört er auf, dich nur zu quälen (Teil V, Lehrsatz 3).
An einer Stelle widerspricht er dir. Am Anfang steht bei ihm ein Streben, der „Conatus“, das Bestreben jedes Dings, zu bestehen. Die Angst kommt später dazu, wenn wir Ungewisses vor uns sehen. Und wer aus Angst handelt, lässt sich treiben: Furcht und Hoffnung sind nach Spinoza nicht an sich gut (Teil IV, Lehrsatz 47). Seine Antwort auf die Angst heißt deshalb Verstehen. Verstehen ist die Form, die er ihr gibt.
Was Lacan dazu sagt
Der Psychoanalytiker Jacques Lacan trennt Furcht und Angst. Die Furcht hat einen Gegenstand, zum Beispiel den knurrenden Hund. Die Angst scheint keinen zu haben, und doch nennt Lacan sie im Seminar zur Angst (1962/63) den Affekt, der nicht täuscht. Wenn sie auftaucht, macht das einen Unterschied.
Wie schwer eine Angst ohne Namen auszuhalten ist, zeigt Lacans Lesart des kleinen Hans (Seminar IV, 1956/57). Der Junge bekommt Angst vor Pferden. Für Lacan ist diese Phobie eine Lösung: Das Pferd gibt einer Angst, die sonst nirgends hingehört, einen Gegenstand, vor dem man weglaufen kann. Das ist Formgebung in ihrer einfachsten Gestalt. Auch Symptome und Phantasien lassen sich so lesen, als Formen, in die ein Mensch fasst, was sich nicht fassen lässt.
Und das Zerstörerische? Die „Aggressivität“ sitzt für Lacan im Bild, das wir von uns haben (1948). Das Ich entsteht im Spiegel, als Bild eines Anderen. Darum steht dort immer ein Rivale, und was an ihm uns an die eigene Brüchigkeit erinnert, ertragen wir schlecht. Zerstörerische Anteile sind demnach kein böser Kern. Sie gehören zur Struktur des Ichs.
Erkennen heißt bei Lacan allerdings nicht, dass du es im Griff hast. Wir wiederholen vieles, gerade das Zerstörerische, auch wenn wir es durchschauen. Verändern kann sich etwas meist erst im Sprechen mit einem Gegenüber, das zuhört, in der Analyse.
Und der Sinn? Das Unendliche selbst hat für Lacan keinen. Das „Reale“, wie er es nennt, entzieht sich jeder Bedeutung. Sinn entsteht erst, wo wir ihm Bilder und Worte geben. Das ist dein Gedanke in anderer Sprache: Der Sinn wartet nicht im Dunkel auf uns. Wir stellen ihn her.
Wo ich selbst zweifle
Eine Form kann tragen, und sie kann einsperren. Wer Sicherheit zum Maß macht, zieht leicht Mauern hoch, kontrolliert zu viel oder sucht einen Schuldigen für das Dunkel. Angst heftet sich gern an Feindbilder, weil die einfacher zu hassen sind als ein Universum. Dann wächst auf der einen Seite die Sicherheit und auf der anderen die Zerstörung. Es kommt also darauf an, welche Form die Angst bekommt: eine, die Menschen verbindet, oder eine, die sie trennt.
Und eine Frage bleibt offen. Reicht es, der Angst Formen zu geben? Oder gehört zu einem Leben auch, sie manchmal ohne jede Form auszuhalten, vor dem Foto mit dem blassen Punkt, und zu merken, dass man trotzdem da ist? Ich weiß es nicht.
Wenn der Sinn des Lebens tatsächlich darin liegt, der Angst eine Form zu geben: Welche Form hast du gewählt, und wer steht darin neben dir?
Häufige Fragen
Was ist der Sinn des Lebens aus psychologischer Sicht?
Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Die Psychologie und die Psychoanalyse beschreiben eher, wie Menschen Sinn herstellen: durch Beziehungen, Aufgaben und Deutungen. Die These dieses Beitrags lautet, dass der Sinn des Lebens darin besteht, der Urangst eine Form zu geben, etwa in der Sorge um den Planeten oder im Umgang mit den eigenen zerstörerischen Anteilen. Das ist eine Deutung und kein Messbefund.
Was ist mit „Urangst“ gemeint?
„Urangst“ ist kein fest umrissener Fachbegriff. Hier steht er für das Wissen, ein winziger und verletzlicher Teil eines unendlichen Universums zu sein, ohne dass etwas Verlässliches hält. Lacan unterscheidet davon die Furcht, die einen bestimmten Gegenstand hat. Bei Spinoza taucht Angst als Furcht auf, eine unbeständige Traurigkeit angesichts von Ungewissem.
Worin unterscheiden sich Spinoza und Lacan beim Thema Angst?
Spinoza sieht am Anfang das Streben, im Dasein zu bleiben (den „Conatus“), und beantwortet die Angst mit Verstehen. Lacan sieht die Angst als Affekt, der nicht täuscht, und liest Phobie und Symptom als Formen, die ihr einen Ort geben. Beide stimmen darin überein, dass Menschen den Mächten um sie herum nicht entkommen. Bei Lacan führt Erkennen allein jedoch selten zu einer Veränderung, bei Spinoza ist es der zentrale Weg.
Bezug: Voyager 1, Aufnahme „Pale Blue Dot“ vom 14. Februar 1990 aus rund sechs Milliarden Kilometern Entfernung. Blaise Pascal, Pensées (Fragment über das Schweigen der unendlichen Räume). Baruch de Spinoza, Ethica (1677): Teil I, Anhang (Kritik der Zweckursachen); Teil III, Definitionen der Affekte 12 und 13 (Hoffnung und Furcht); Teil IV, Lehrsätze 3, 18 (Anmerkung), 34 und 47; Teil V, Lehrsatz 3. Jacques Lacan, Seminar IV „Die Objektbeziehung“ (1956/57), Seminar X „Die Angst“ (1962/63), „Die Aggressivität in der Psychoanalyse“ (1948).