Über das Gefühl, dass nie etwas ganz genügt, und zwei entgegengesetzte Antworten darauf
Kaum hast du es, fehlt das Nächste
Du hast lange auf etwas hingearbeitet. Die Wohnung, die Stelle, der Mensch an deiner Seite. Dann ist es da. Und nach ein paar Wochen, manchmal nach ein paar Tagen, meldet sich leise etwas Neues. Ein nächstes Ziel, ein nächstes „wenn ich erst“. Die Ruhe, die du dir versprochen hattest, bleibt kurz und zieht dann weiter.
Du kennst das, und fast jeder kennt es. Man könnte es für Undankbarkeit halten oder für einen Charakterfehler. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan sieht darin etwas anderes, etwas, das zu jedem Menschen gehört. Hier und heute wird dieses Gefühl noch angeheizt, von einer Welt, die dir ständig das eine Produkt, den einen Körper, das eine Leben verspricht, nach dem angeblich Schluss ist mit dem Fehlen.
Mangel ist kein Defizit
Im Alltag denken wir den „Mangel“ als Loch, das man stopfen sollte. Etwas fehlt, also besorg es dir, dann ist die Lücke zu. Lacan dreht das um. Für ihn ist der Mangel kein Loch in einem sonst vollständigen Menschen. Das Subjekt entsteht überhaupt erst durch diesen Mangel und existiert nur im Verhältnis zu ihm.
Das klingt zunächst fremd. Es wird klarer, wenn man sieht, woher dieser Mangel kommt.
Wie das Subjekt in der Sprache entsteht
Ein Mensch wird zum Subjekt, indem er in die Sprache eintritt. Schon bevor du sprechen konntest, gab es Worte über dich: wie du heißt, was man sich von dir erhofft, wer du sein sollst. Du findest dich in einer Sprache vor, die andere dir gegeben haben.
Die Sprache gibt dir einen Platz, aber zu einem bestimmten Preis. Zwischen dir und den Worten, die dich vertreten, den „Signifikanten“, bleibt immer eine Lücke. Lacans Formel dafür: Ein Signifikant vertritt das Subjekt für einen anderen Signifikanten. In dieser Kette bist du nie voll anwesend, immer entgleitest du ein Stück. Dieses Nie-ganz-da-Sein nennt Lacan den „Mangel an Sein“, den „manque-à-être“. Das Subjekt wird in dieser Lücke geboren, und im Grunde ist es diese Lücke.
Bedürfnis, Anspruch, Begehren
Lacan trennt drei Dinge, die wir gern in einen Topf werfen. Das „Bedürfnis“ zielt auf etwas Konkretes und lässt sich stillen: Hunger, Durst, Wärme. Der „Anspruch“ ist das, was wir an andere richten, wenn wir etwas verlangen, und darin steckt immer mehr als die Sache selbst. Wer um ein Glas Wasser bittet, bittet auch darum, gehört und gemeint zu sein. Kein noch so volles Glas stillt diesen zweiten Aspekt.
Was übrig bleibt, wenn man vom Anspruch das Bedürfnis abzieht, nennt Lacan das „Begehren“. Es zielt nicht auf ein Objekt, das es sättigen könnte, sondern lebt vom Mangel selbst. Das „objet a“ ist dabei der Platzhalter für ein verlorenes Objekt, die Ursache, die das Begehren in Bewegung hält, ohne je mit ihm zusammenzufallen. Deshalb rückt das Ziel immer weiter, sobald du näher kommst. Bekämst du „es“ wirklich, wäre das Begehren am Ende.
Der Mangel, der dich trägt
Jetzt lässt sich ein Satz verstehen, der Lacans Gedanken auf den Punkt bringt: Der Mangel trägt das Subjekt. Er ist keine Schwäche, die man beheben sollte, sondern der Boden, auf dem das Subjekt steht. Nimm den Mangel weg, und das begehrende Subjekt verschwindet mit ihm. Das ist der Grund, warum vollständige Erfüllung kein Paradies wäre, sondern das Ende dessen, was dich lebendig und in Bewegung hält.
Lacan geht noch weiter. Die Angst, sagt er, taucht genau dann auf, wenn der Mangel fehlt. Wenn also die Lücke, die dir Luft zum Begehren lässt, zuzugehen droht. Zu viel Nähe, die keinen Abstand mehr lässt, ein Zuviel an Erfülltsein, ein Leben ohne jede offene Frage: Das beruhigt nicht, es beängstigt. Und viele unserer Manöver sind Abwehren gegen den Mangel. Der ständige Konsum, der die Lücke mit dem nächsten Kauf zuschütten will. Die Sucht. Die Sehnsucht nach Verschmelzung mit einem anderen. Auch die Kontrolle und das Anderen-Angst-Machen, über die ich zuletzt geschrieben habe, gehören dazu: Flucht vor dem eigenen Mangel, indem man ihn beim anderen abzuladen versucht.
Auch der Andere ist nicht vollständig
Ein Trost steckt an einer unerwarteten Stelle. Auch der „große Andere“, die Instanz, von der wir die Antwort erwarten, der Partner, die Eltern, die Institution, ja die Ordnung selbst, ist von diesem Mangel durchzogen. Der Andere hat die Antwort nicht. Niemand hält die fehlende Hälfte für dich bereit.
Das klingt hart und ist doch eine Entlastung. Solange du glaubst, irgendwer oder irgendetwas könne die Lücke endgültig füllen, wartest du und machst dich abhängig. In dem Moment, in dem klar wird, dass auch der Andere nicht vollständig ist, wird ein Begehren möglich, das dir gehört. Lacan meint damit keinen Trick, den du an dir selbst vollziehst, und keine Übung in Gelassenheit. Diese Verschiebung geschieht im Sprechen, in der Arbeit einer Analyse, dort, wo nach und nach ein anderes Verhältnis zum eigenen Mangel entsteht.
Spinoza widerspricht: der Mangel ist kein Grund
Und hier wird es spannend, denn der Philosoph Baruch de Spinoza würde diesem ganzen Gebäude an seinem Fundament widersprechen. Für ihn steht am Anfang kein Mangel, sondern eine Fülle. Jedes Ding strebt danach, in seinem Sein zu verharren, und dieses Streben, der „Conatus“, ist nichts Geringeres als sein wirkliches Wesen (Ethica, Teil III, Lehrsätze 6 und 7).
Das kehrt die Richtung um. Du begehrst für Lacan, weil dir etwas fehlt. Du begehrst für Spinoza, weil du eine strebende Kraft bist, die sich ausdrückt und zu wirken sucht. Die Begierde ist bei ihm nicht das Kreisen um ein Loch, sondern der Ausdruck deines Tätigkeitsvermögens. Freude heißt, dass diese Kraft wächst, Traurigkeit, dass sie sinkt. Das Getriebensein, das Lacan aus dem Mangel erklärt, erklärt Spinoza aus einem Mehr, nicht aus einem Weniger.
Dieser Gegensatz ist alt und bis heute lebendig. Denker in der Nachfolge Spinozas, etwa Gilles Deleuze, haben der Psychoanalyse gerade das vorgehalten: dass sie das Begehren vom Mangel her denke und es damit kleinmache. Für sie ist Begehren etwas Hervorbringendes, eine Produktion, keine Not. Man muss sich nicht für eine Seite entscheiden, um zu sehen, dass hier zwei grundverschiedene Bilder vom Menschen gegenüberstehen. Im einen trägt dich die Lücke, im anderen die Kraft.
Was bleibt
Beide erklären dasselbe Gefühl, dass nie etwas ganz genügt, und sie erklären es entgegengesetzt. Vielleicht beschreibt Lacan genauer, warum wir an der Erfüllung so oft vorbeigreifen, und Spinoza genauer, woher die Kraft kommt, überhaupt zu greifen. In der Praxis lässt sich mit beidem arbeiten: den eigenen Mangel nicht länger um jeden Preis stopfen zu wollen, und zugleich das zu stärken, was das eigene Wirken vergrößert.
Wenn dir das nächste Mal etwas fehlt und du schon nach dem Mittel greifst, das die Lücke schließen soll: Fehlt dir wirklich dieses eine Ding, oder ist es die offene Stelle selbst, die dich am Leben hält?
Häufige Fragen
Was meint Lacan mit dem Mangel?
Der Mangel ist bei Lacan kein Defizit, das man beheben könnte. Er ist die Lücke, durch die das Subjekt überhaupt erst entsteht. Weil der Mensch in die Sprache eintritt und sich darin nie „ganz sagen kann“, bleibt ein „Mangel an Sein“, der „manque-à-être“. Dieser Mangel trägt das Subjekt, weil er sein Begehren offen hält. Würde er ganz gefüllt, verschwände das begehrende Subjekt.
Warum fühlt es sich an, als würde uns immer etwas fehlen?
Weil das Begehren nach Lacan vom Mangel selbst lebt und kein Objekt kennt, das es sättigen würde. Das „objet a“, die Ursache des Begehrens, fällt nie mit dem erreichten Ziel zusammen. Deshalb rückt das Ersehnte weiter, sobald man näher kommt. Erfüllung beendet das Begehren nicht, sie verschiebt es.
Wie unterscheidet sich Spinoza von Lacan beim Begehren?
Für Lacan begehrst du, weil dir etwas fehlt. Für Spinoza begehrst du, weil du eine strebende Kraft bist, der „Conatus“, die sich ausdrücken will. Bei Lacan steht am Anfang eine Lücke, bei Spinoza eine Fülle. Beide erklären dieselbe Unruhe, der eine aus einem Weniger, der andere aus einem Mehr.
Bezug: Jacques Lacan, „Die Bedeutung des Phallus“ und „Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens“ (Écrits), Seminar X „Die Angst“ (1962/63) und Seminar XI (1964), zu Mangel, manque-à-être, Begehren und objet a. Baruch de Spinoza, Ethica (1677), Teil III, Lehrsätze 6 und 7 (Conatus) sowie die Definitionen der Affekte (Begierde, Freude, Traurigkeit). Gilles Deleuze und Félix Guattari, zur Kritik am Begehren als Mangel. Die Zuschreibung „der Mangel trägt das Subjekt“ ist eine Verdichtung von Lacans Position, kein wörtliches Zitat.