Körperideal: der perfekte Körper, den es nicht gibt

Über das Ide­al­bild des Kör­pers – war­um wir uns nicht nur mit ihm ver­glei­chen, son­dern uns in in ein Kör­pe­ride­al hineinversenken


Ein Bild, das keinen Menschen zeigt

Du scrollst vor­bei, und da ist er: der makel­lo­se Kör­per. Glat­te Haut, per­fek­te Pro­por­tio­nen, kein Makel, kein Zufall. Du weißt, dass er bear­bei­tet ist, viel­leicht nicht ein­mal echt, womög­lich ganz aus dem Rech­ner. Und trotz­dem pas­siert etwas in dir. Manch­mal ein Ver­gleich, ein lei­ser Stich. Manch­mal aber auch das Gegen­teil: eine Art Sog, ein Wunsch, so zu sein, sich in die­se glat­te Voll­kom­men­heit hin­ein­zu­den­ken. Der Kör­per auf dem Bild zeigt nie­man­den. Und er zieht uns trotz­dem hinein.

Die Künst­le­rin Char­lie Stein hat genau das zum The­ma gemacht. Ihre Arbei­ten zei­gen glat­te, glän­zen­de, künst­li­che Kör­per – schma­le Tail­len, glän­zen­de Lip­pen, schwar­ze Anzü­ge, Mas­ken, etwas von Sex­ro­bo­tern. Aber es geht ihr aus­drück­lich nicht um Ero­tik als eige­nes Erle­ben, son­dern um Ero­tik als kul­tu­rel­len Effekt von Bil­dern. Sie inter­es­siert sich, wie sie sagt, nicht für einen rea­len Kör­per, son­dern für die Idee des Kör­pers an sich. Ihre Hoch­glanz­fi­gu­ren machen sicht­bar, was sonst unsicht­bar bleibt: dass das Ide­al­bild des Kör­pers gar kein Kör­per ist. Es ist ein Bild.

Und Bil­der haben eine Macht, die zwei Den­ker prä­zi­se beschrie­ben haben, lan­ge bevor es Insta­gram-Fil­ter und KI-gene­rier­te Kör­per gab.


Lacan: Der eigene Körper kommt von außen

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan hat in sei­nem berühm­ten Text über das „Spie­gel­sta­di­um“ eine irri­tie­ren­de Beob­ach­tung zum Aus­gangs­punkt gemacht. Ein Klein­kind, das sei­nen Kör­per noch als unko­or­di­nier­tes Bün­del von Emp­fin­dun­gen erlebt, erkennt sich im Spie­gel – und jubelt. Denn im Spie­gel sieht es etwas, das es selbst noch nicht ist: einen gan­zen, geschlos­se­nen, zusam­men­hän­gen­den Kör­per. Ein Bild von Vollständigkeit.

Und jetzt kommt das Ent­schei­den­de, das oft über­se­hen wird: Die ers­te Bewe­gung ist nicht Ver­gleich, son­dern Jubel. Das Kind stellt sich nicht klein­laut neben das Bild und stellt fest, dass es ihm nicht gleicht. Es iden­ti­fi­ziert sich mit ihm. Es sagt gewis­ser­ma­ßen: Das bin ich. Es eig­net sich die Voll­stän­dig­keit an, die es selbst noch gar nicht besitzt. Der Ver­gleich – das schmerz­haf­te Gefühl, dem Bild nicht zu genü­gen – ist erst die Kehr­sei­te, die spä­ter kommt.

Die­ses äuße­re Bild wird zum „Ide­al-Ich“: zu dem, was wir sein möch­ten und zu sein glau­ben. Lacan spricht sogar von einer Art Rüs­tung. Das idea­le Kör­per­bild legt sich wie ein Pan­zer um ein Inne­res, das in Wirk­lich­keit viel weni­ger geord­net ist. Char­lie Steins glän­zen­de Anzü­ge und Mas­ken zei­gen genau die­se Rüs­tung – die glat­te, geschlos­se­ne Ober­flä­che, hin­ter der der wirk­li­che, unge­ord­ne­te Kör­per verschwindet.


Die geborgte Macht der Vollkommenheit

Hier liegt der Punkt, an dem das Ide­al­bild sei­ne eigent­li­che Macht ent­fal­tet. Wir ver­glei­chen uns nicht nur mit ihm – wir ver­sen­ken uns in es hin­ein. Und wir bezie­hen etwas daraus.

Der per­fek­te, geschlos­se­ne Kör­per strahlt etwas aus: Unver­letz­lich­keit, Sou­ve­rä­ni­tät, eine schein­ba­re Voll­kom­men­heit, die auf nie­man­den ange­wie­sen ist. Er wirkt aut­ark – aus sich her­aus voll­stän­dig, unab­hän­gig, unbe­rühr­bar. Wer sich mit ihm iden­ti­fi­ziert, borgt sich die­se Aus­strah­lung. Man trägt die Rüs­tung und fühlt sich für einen Moment selbst unver­letz­lich. Kei­ne Scham mehr, kei­ne Bedürf­tig­keit, kein Ange­wie­sen­sein auf den Blick ande­rer. Das ist die Ver­lo­ckung: Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem per­fek­ten Kör­per ist auch ein Flucht­ver­such aus der eige­nen Verletzlichkeit.

Und genau hier steckt die Täu­schung. Die Voll­kom­men­heit gau­kelt Unab­hän­gig­keit vor – aber es ist eine geborg­te, kei­ne eige­ne. Man wird abhän­gig von einem Bild, um sich unab­hän­gig zu füh­len. Die Sou­ve­rä­ni­tät, die man sich aneig­net, gehört nicht einem selbst; sie stammt aus einer Rüs­tung, die man nur so lan­ge trägt, wie man dem Bild ähn­lich bleibt. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Voll­kom­men­heit, die Frei­heit ver­spricht, ist selbst eine Unter­wer­fung. Man begibt sich frei­wil­lig in eine Abhän­gig­keit und hält sie für das Gegen­teil – für Selbstbestimmung.

Das ist die Bewe­gung, die Steins Sex­ro­bo­ter und Mas­ken so tref­fend zei­gen: die Sehn­sucht, ein geschlos­se­ner, unver­letz­li­cher, aut­ar­ker Kör­per zu sein – und der Preis, dafür zu einem Bild wer­den zu müs­sen, das nicht real ist.


Warum das Perfekte unheimlich wird

Steins Figu­ren wir­ken zunächst unheim­lich, dann anzie­hend – oder bei­des zugleich. Das ist kein Zufall, und es führt zu einem wei­te­ren Gedanken.

Sig­mund Freud hat in sei­nem Auf­satz über „das Unheim­li­che“ beschrie­ben, war­um uns Pup­pen, Auto­ma­ten und lebens­ech­te Figu­ren in uns ein Schau­dern her­vor­ru­fen kön­nen. Etwas, das fast leben­dig wirkt, aber eben nur fast, ver­setzt uns in Unru­he. Der zu per­fek­te Kör­per gehört hier­her – der Sex­ro­bo­ter, die makel­lo­se Sil­hou­et­te ohne jede Regung. Er ist zu glatt, zu voll­stän­dig, zu sehr geschlos­sen. Ihm fehlt der Riss, die Lücke, das Unfer­ti­ge, das leben­di­ge Kör­per haben.

Mit Lacan lässt sich das schär­fer fas­sen. Das Begeh­ren braucht einen Man­gel, eine offe­ne Stel­le, an der etwas fehlt. Der per­fek­te Bild­kör­per aber zeigt kei­nen Man­gel – er ist die rei­ne, geschlos­se­ne Ober­flä­che. Und gera­de weil er nichts offen­lässt, kippt die Fas­zi­na­ti­on ins Unbe­ha­gen. Es ist die­sel­be geschlos­se­ne Voll­kom­men­heit, die uns anzieht und beun­ru­higt: Wir wol­len in ihr auf­ge­hen und spü­ren zugleich, dass in ihr kein Platz für ein leben­di­ges Inne­res bleibt – auch nicht für unseres.

Steins eige­ne Fra­ge trifft den Kern: Was sagt die­se Les­art über die Betrach­ten­den aus? Denn was wir in dem glat­ten Kör­per sehen – Ero­tik, Bedro­hung, Macht, Sehn­sucht, Scham –, steckt nicht in ihm. Er ist eine glän­zen­de Flä­che. Was wir sehen, ist unser eige­ner Blick, der auf uns zurück­fällt. Das Bild sagt nichts über den Kör­per. Es sagt etwas über den, der hin­schaut – und über das, was er sein möchte.


Spinoza: Wenn geborgte Kraft für eigene gehalten wird

Der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za nähert sich dem­sel­ben Pro­blem von einer ande­ren Sei­te und lie­fert die Erklä­rung dafür, war­um die­se geborg­te Macht sich wie eige­ne anfühlt.

In der Ethi­ca unter­schei­det er ver­schie­de­ne Arten des Erken­nens. Die unters­te nennt er die Ein­bil­dung – ein Erken­nen durch Bil­der, das nicht die wah­ren Ursa­chen begreift. Wir haben ein Bild vor Augen, es wirkt auf uns, es bewegt uns – aber wir ver­ste­hen nicht, woher es kommt und war­um es uns bewegt. Das Ide­al­bild des Kör­pers ist Ein­bil­dung in genau die­sem Sin­ne. Es wirkt, ohne durch­schaut zu werden.

Und es erzeugt Affek­te, die Spi­no­za „pas­siv“ nennt – Zustän­de, in denen wir bewegt wer­den, ohne Urhe­ber zu sein. Das gilt für die schmerz­haf­te Sei­te: Scham über den eige­nen Kör­per, Neid auf die glat­te Erschei­nung, das Gefühl, nicht zu genü­gen. Es gilt aber genau­so für die ver­lo­cken­de Sei­te, und das ist Spi­no­zas eigent­li­che Schär­fe: Auch das Hoch­ge­fühl, das aus der Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem per­fek­ten Kör­per kommt – die­ses Gefühl von Stär­ke, Sou­ve­rä­ni­tät, Unab­hän­gig­keit –, ist ein pas­si­ver Affekt. Es fühlt sich an wie eige­ne Kraft. In Wirk­lich­keit wer­den wir von außen bewegt, von einem Bild, des­sen Wir­kung wir nicht durch­schau­en. Wir hal­ten geborg­te Macht für eige­ne und nen­nen Unter­wer­fung Freiheit.

Das ist die tie­fe­re Fal­le des Kör­pe­ride­als: Es fes­selt nicht nur durch die Scham derer, die schei­tern, son­dern gera­de durch das Hoch­ge­fühl derer, die sich ihm anglei­chen. Bei­des – das Unge­nü­gen und der Tri­umph – ist Wir­kung des­sel­ben Bil­des, des­sen kul­tu­rel­le Her­kunft ver­bor­gen bleibt.


Was uns aus der Falle hilft

Spi­no­zas Ant­wort auf den pas­si­ven Affekt ist immer die­sel­be, und sie gilt für bei­de Sei­ten: Erkennt­nis. Nicht Wil­lens­kraft, nicht das Vor­ha­ben, sich ein­fach bes­ser zu füh­len. Das Ver­ste­hen der wah­ren Ursa­che.

Wenn du begreifst, dass das per­fek­te Bild ein Bild ist – her­ge­stellt, kul­tu­rell geformt, ohne wirk­li­chen Kör­per dahin­ter –, ver­liert es einen Teil sei­ner Macht. Über bei­de Wege: Die Scham ver­liert ihren Boden, weil der Maß­stab kein Maß­stab ist. Und die geborg­te Sou­ve­rä­ni­tät ver­liert ihren Reiz, weil sicht­bar wird, dass sie geborgt ist – eine Abhän­gig­keit, die sich als Unab­hän­gig­keit aus­gibt. Wirk­li­che Unab­hän­gig­keit, wür­de Spi­no­za sagen, kommt nicht daher, dass man sich in ein Bild hin­ein­ver­senkt, son­dern daher, dass man aus eige­nem Ver­ste­hen her­aus handelt.

Inter­es­san­ter­wei­se ist das genau die Bewe­gung, die Char­lie Steins Kunst voll­zieht. Indem sie das Ide­al­bild über­zeich­net, glän­zend und künst­lich macht, zeigt sie es als das, was es ist: eine Kon­struk­ti­on, ein Effekt von Bil­dern. Und in dem Moment, in dem man die Kon­struk­ti­on sieht, hört man auf, ihr zu glau­ben – und hört auf, sich die eige­ne Kraft von ihr bor­gen zu wollen.


Das nächs­te makel­lo­se Bild, das dich streift, ist eine gute Gele­gen­heit für eine dop­pel­te Fra­ge: Ver­glei­che ich mich gera­de mit einer Rüs­tung, die kei­ner trägt – oder will ich sie selbst anle­gen, um mich für einen Moment unver­letz­lich zu fühlen?


Häufige Fragen

Vergleichen wir uns mit Körperidealen oder identifizieren wir uns mit ihnen?

Bei­des, und die Iden­ti­fi­ka­ti­on ist oft das Stär­ke­re. Lacans Spie­gel­sta­di­um zeigt, dass die ers­te Bewe­gung nicht der Ver­gleich ist, son­dern die Aneig­nung: Wir machen uns die Voll­kom­men­heit des Bil­des zu eigen und bor­gen uns ihre Aus­strah­lung – Sou­ve­rä­ni­tät, Unver­letz­lich­keit, schein­ba­re Unab­hän­gig­keit. Der schmerz­haf­te Ver­gleich, das Gefühl, nicht zu genü­gen, ist erst die Kehr­sei­te. Bei­de Bewe­gun­gen ent­sprin­gen dem­sel­ben Bild.

Warum täuscht ein perfekter Körper Unabhängigkeit vor?

Weil der glat­te, geschlos­se­ne Kör­per aut­ark wirkt – auf nie­man­den ange­wie­sen, aus sich her­aus voll­stän­dig. Wer sich mit ihm iden­ti­fi­ziert, über­nimmt die­ses Gefühl von Unab­hän­gig­keit. Der Haken: Es ist geborgt. Man wird abhän­gig von einem Bild, um sich unab­hän­gig zu füh­len. Spi­no­za wür­de sagen, dass hier ein pas­si­ver Affekt – ein Bewegt­wer­den von außen – für eige­ne Kraft gehal­ten wird. Die Frei­heit, die das Ide­al ver­spricht, ist in Wahr­heit eine Unter­wer­fung unter das Bild.

Was hilft gegen die Macht von Körperidealen?

Nach Spi­no­za nicht Wil­lens­kraft, son­dern Erkennt­nis: das Ver­ste­hen, dass das Ide­al ein kul­tu­rell her­ge­stell­tes Bild ist und kein Maß­stab und kei­ne ech­te Quel­le von Stär­ke. Wer das begreift, ver­liert die Scham über das eige­ne Unge­nü­gen eben­so wie den Reiz, sich die Sou­ve­rä­ni­tät des Bil­des zu bor­gen. Char­lie Steins Kunst leis­tet genau das, indem sie das Ide­al als Kon­struk­ti­on sicht­bar macht – und man einem sicht­bar gemach­ten Bild schwe­rer glaubt.


Bezug: Inter­view von Laris­sa Kikol mit der Künst­le­rin Char­lie Stein in KUNSTFORUM. Jac­ques Lacan, Das Spie­gel­sta­di­um als Bild­ner der Ich­funk­ti­on (1949). Sig­mund Freud, Das Unheim­li­che (1919). Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta (1677), ins­be­son­de­re zur Ein­bil­dung als ers­ter Erkennt­nis­art und zu den pas­si­ven Affekten.

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