Wut im Netz und wer von ihr lebt

Eine Zei­tung schreibt, die Algo­rith­men der Tech­kon­zer­ne hät­ten durch das Beloh­nen von Wut im Netz das Kli­ma geschaf­fen, in dem Donald Trump Prä­si­dent wer­den konn­te. Der span­nen­de Begriff dar­in ist nicht „Trump“. Es ist „Wut“. Denn Wut lässt sich nicht aus dem Nichts erzeu­gen. Eine Maschi­ne kann sie nur dort abru­fen, wo schon ein Riss ist – und die­se Ris­se kennt die Psy­cho­ana­ly­se seit hun­dert Jahren.

Das Idealbild – und der Riss

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jacques Lacan beschreibt früh ein Bild, das uns prägt, bevor wir spre­chen kön­nen: das Ide­al­bild. Im Spie­gel sieht das Klein­kind eine Gestalt, die gan­zer und hei­ler wirkt als das, was es von innen spürt. Es ver­liebt sich in die­ses Bild und macht es zum Maß­stab. Von da an trägt jeder Mensch eine Idee mit sich, wie er sein soll­te: unver­sehrt, aner­kannt, im Recht.

Wut flammt auf, wenn die­ses Bild Ris­se bekommt. Nicht der nüch­ter­ne Moment, in dem jemand einen Feh­ler zugibt – son­dern der Moment, in dem ein ande­rer das Bild der eige­nen Ganz­heit angreift. Die Kraft, die dann hoch­schießt, ist für Lacan Aggres­si­vi­tät, und er bin­det sie genau an die­ses Idealbild.

Die Wut im Netz – Wenn die Welt ihr Versprechen bricht

Das lässt sich noch schär­fen. Lacan sieht die Wut auch dort, wo die Regeln ver­sa­gen, auf die wir gezählt haben – wenn die Welt sich nicht an die Regeln hält, die sie uns ver­spro­chen hat. „Ich habe alles rich­tig gemacht, und trotz­dem …“ Damit hat die Wut zwei Quel­len, die zusam­men­flie­ßen: das Ver­spre­chen, ganz zu sein, und das Ver­spre­chen, dass es gerecht zugeht. Wo bei­de bre­chen, lodert es auf.

Die Maschine hat keine Seite

Hier setzt die Maschi­ne an. Ein Algo­rith­mus hat kei­ne Sei­te und kein Ziel im Kopf. Er hat eine Kenn­zahl: Wie lan­ge bleibst du? Ruhe hält nie­man­den. Ein gekränk­tes Ide­al­bild dage­gen scrollt wei­ter und wei­ter und sucht den nächs­ten Beleg, dass man ihm Unrecht tut. Die Maschi­ne erzeugt die Wut nicht. Sie fin­det die Ris­se und gießt nach. Das geht quer durch alle Lager. Wer glaubt, nur die ande­re Sei­te wer­de auf­ge­hetzt, sitzt der­sel­ben Masche auf. Zorn ver­kauft sich über­all gleich gut.

Älter als jeder Kandidat

Was ist dann mit dem Satz aus der Zei­tung? Er greift zu kurz und trifft zugleich etwas. Zu kurz, weil Tech­nik allein kei­nen Prä­si­den­ten macht. Aber er trifft, weil eine Poli­tik des gekränk­ten „Man hat uns etwas weg­ge­nom­men“ und eine Tech­nik, die genau die­ses Gefühl belohnt, per­fekt inein­an­der­pas­sen. Die Maschi­ne ist älter als jeder Kan­di­dat. Sie dient dem, der vom Gefühl der geraub­ten Ganz­heit lebt – gleich, wel­che Fah­ne er trägt.

Spinoza: der nüchterne Ausweg

Bleibt die Fra­ge, wie man da wie­der her­aus­kommt. Dazu kann uns der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za etwas sagen. Für ihn ist der Zorn kein Rät­sel: ein Ver­lan­gen, dem zu scha­den, den wir has­sen, gebo­ren aus dem Hass. Er zählt ihn zu den trau­ri­gen Affek­ten – zu den Regun­gen, die uns klei­ner machen, die unse­re Kraft zu han­deln sen­ken, statt sie zu ver­stär­ken. Wer wütend scrollt, fühlt sich stark und wird aber schwächer.

Spi­no­za nennt auch den Aus­weg, und er ist über­ra­schend nüch­tern. Im fünf­ten Teil der Ethik steht der Satz:

Ein Affekt, der uns beherrscht, hört auf, uns zu beherr­schen, sobald wir uns eine kla­re und deut­li­che Idee von ihm bil­den.

Über­setzt: nicht die Wut weg­drü­cken, nicht sie aus­le­ben – sie durch­schau­en. Je ver­ste­he ich bes­ser, was mei­ne Wut aus­löst und wer von ihr lebt. Je grö­ßer und tie­fer mein Ver­ste­hen, des­to weni­ger hat sie mich in der Hand.

Hinschauen, statt sich zu empören

Damit schließt sich der Kreis. Die Maschi­ne nutzt mei­ne blin­de Wut und mei­ne Ver­wir­rung als dunk­les Gefühl mit einem schnel­len äuße­ren Schul­di­gen. Spi­no­za setzt das eine dage­gen, was die Maschi­ne aus­he­belt: die kla­re Idee. In dem Moment, in dem ich sehe, an wel­chem Riss man mich packt, packt es mich weniger.

Das heißt nicht: beru­hi­ge dich. Es ist die schwe­re­re Arbeit: hin­schau­en, statt in Rage gera­ten. Her­zen, schreibt Spi­no­za an ande­rer Stel­le, gewinnt man nicht mit Gewalt, son­dern indem man auf Men­schen zugeht und groß­zü­gig mit ihnen umgeht. Das ist der genaue Gegen­zug zur Wut-Maschi­ne – und ver­mut­lich der ein­zi­ge, der trägt.

Die­ser Bei­trag liest die Wut mit Jac­ques Lacan (Ide­al­bild, Aggres­si­vi­tät) und Baruch de Spi­no­za (trau­ri­ge Affek­te, fünf­ter Teil der Ethik).

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