Mick Jagger ist 82. Im neuen Video zu „In the Stars“ ist er Anfang zwanzig. Das fühlt sich nicht einfach nach Nostalgie an. Es fühlt sich seltsam an. Und genau dieses Gefühl hat einen Namen – schon seit über hundert Jahren.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Die Jungbrunnen-Maschine
- 2 Was Freud unter dem Unheimlichen versteht
- 3 Der Doppelgänger – und was Lacan daraus macht
- 4 Wo das Reale durch die Glättung bricht
- 5 Belebt oder unbelebt – die Zone des Unbehagens
- 6 Der Wunsch, der dahinter steckt
- 7 Was wir eigentlich begehren
- 8 Was Spinoza dazu sagen würde
- 9 Eine kulturelle Bewegung, die größer wird
- 10 Was bleibt
Die Jungbrunnen-Maschine
Die Rolling Stones haben für das Video zu ihrer neuen Single „In the Stars“ – dem ersten Vorboten ihres Albums „Foreign Tongues“, das im Juli erscheint – eine KI-Firma namens Deep Voodoo engagiert. Die Spezialität: Deepfake-Technologie, mit der Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood digital in ihre Zwanziger zurückversetzt werden. Dieselbe Firma, gegründet von den South-Park-Machern, hat zuvor schon Kendrick Lamar und Billy Joel auf ähnliche Weise verjüngt.
Das Ergebnis ist technisch beeindruckend. Die jungen Gesichter sind erkennbar die der echten Stones – nicht irgendwelche Schauspieler, sondern digitale Wiedergänger ihrer selbst aus den Siebzigern. Interessant ist ein Detail, das aufmerksamen Betrachtern auffällt: Nie wird ein verjüngtes Gesicht lange in einer Einstellung gehalten. Immer nur kurze Momente. Das wirkt einerseits passend für ein Musikvideo – hat aber auch den praktischen Vorteil, dass der nahtlose Gesichtstransfer nicht anfängt, an den Rändern zu reißen.
Und trotzdem: Wer das Video sieht, hat selten ein einfach nur schönes Gefühl. Eher ein leicht kribbelndes Unbehagen, das sich schwer benennen lässt. Genau dieses Gefühl hat Sigmund Freud 1919 in einem Aufsatz beschrieben – und es trägt einen deutschen Begriff, der seitdem in der ganzen Welt verwendet wird: Das Unheimliche.
Was Freud unter dem Unheimlichen versteht
Sigmund Freud unterscheidet das Unheimliche vom einfachem Gruseln oder Erschrecken. Es geht nicht um das völlig Fremde. Ein Monster, das man noch nie gesehen hat, ist beängstigend – aber nicht unheimlich im Freud‚schen Sinne.
Unheimlich ist etwas anderes: etwas, das eigentlich vertraut ist – und genau dadurch beunruhigend wird, weil es zugleich fremd wirkt. Freuds Kernformel: Das Unheimliche ist das Vertraute, das verdrängt wurde und in entstellter Form zurückkehrt.
Das Wort selbst trägt diesen Doppelsinn bereits in sich. „Heimlich“ bedeutet im älteren Deutsch sowohl „vertraut, zum Haus gehörig“ als auch „geheim, verborgen“. Das Unheimliche ist insofern nicht das schlichte Gegenteil des Heimlichen – es ist das Heimliche, das nicht verborgen geblieben ist. Etwas, das eigentlich zu uns gehört, ans Licht kommt und gerade dadurch fremd wird.
Freud zählt in seinem Aufsatz mehrere typische Auslöser auf: den Doppelgänger. Die Wiederkehr des immer Gleichen. Lebendig werdende Puppen und Automaten. Die Unsicherheit, ob etwas belebt oder unbelebt ist. Spiegelungen und Verdopplungen. Das Stones-Video enthält gleich mehrere dieser Motive auf einmal – fast so, als wäre es zur Illustration des Aufsatzes gedreht worden.
Der Doppelgänger – und was Lacan daraus macht
Beginnen wir beim Doppelgänger. Die digital verjüngten Stones sind weder die realen heutigen Stones noch einfache Archivaufnahmen aus den Siebzigern. Sie sind etwas Drittes: eine künstlich hergestellte Zweitgestalt. Das Subjekt begegnet einer anderen Version seiner selbst – das ist fast die Definition des Doppelgängers.
Hier wird der Psychoanalytiker Jacques Lacan interessant. Denn Lacan hat dem Doppelgänger-Motiv eine ganze Theorie gewidmet, die er das Spiegelstadium nennt. Sie besagt: Schon das kleine Kind identifiziert sich mit seinem Spiegelbild – einem Bild, das vollständiger, geordneter, kohärenter wirkt als das innere Erleben. Dieses Bild wird zum Ich-Ideal: zu dem, was man sein möchte, woran man sich misst, dem man nie ganz entspricht.
Im Stones-Video kehrt dieses Verhältnis in zugespitzter Form wieder. Die jungen, digital perfekten Gesichter sind das Ideal-Bild – makellos, vital, ungealtert. Die realen Körper dahinter sind über achtzig. Zwischen beiden klafft ein Abstand, und dieser Abstand ist nicht nur biologisch. Er ist die Grundstruktur des Subjekts überhaupt: die Differenz zwischen dem Bild, das man von sich hat oder haben möchte, und dem, was man tatsächlich ist.
Das Unbehagen, das man beim Anschauen spürt, ist insofern keine bloße Reaktion auf eine etwa unperfekte Technik. Es ist die Konfrontation mit einer Spaltung, die jeder kennt – nur dass sie hier ungewöhnlich grell sichtbar wird.
Wo das Reale durch die Glättung bricht
Lacan hat neben dem Imaginären – dem Reich der Bilder und Identifikationen – einen weiteren Begriff, der hier entscheidend ist: das Reale. Das Reale ist das, was sich der Symbolisierung entzieht. Das, was sich nicht vollständig in Sprache, Bild oder Bedeutung einfangen lässt. Es ist kein höheres Geheimnis, sondern eher ein harter Rest: das, woran jeder Versuch der Darstellung abprallt.
Das Altern ist genau so etwas Reales. Man kann es beschreiben, beklagen, kulturell verarbeiten, mit Cremes und Operationen bekämpfen – aber man kann es nicht aufheben. Es ist eine Tatsache, die bleibt, was immer man über sie sagt oder gegen sie tut.
Was macht das KI-Video? Es versucht, genau diese reale Tatsache bildlich zu überschreiben. Es sagt, in der Sprache der bewegten Bilder: Die Zeit ist aufgehoben. Schaut her, hier sind die jungen Stones, so lebendig wie damals.
Aber genau im Versuch der Aufhebung wird das Reale erst recht spürbar. Weil jeder Betrachter weiß, dass es nicht stimmt. Die Perfektion der Verjüngung erinnert gerade dadurch an das, was sie verdecken soll. Es ist wie bei einer zu glatten Lüge: Je makelloser sie vorgetragen wird, desto mehr spürt man, dass da etwas übertüncht wird. Das Reale des Alterns bricht durch die digitale Glättung – nicht trotz der Technik, sondern gerade wegen ihr.
Belebt oder unbelebt – die Zone des Unbehagens
Freud war fasziniert von einer bestimmten Unsicherheit: der Frage, ob etwas lebendig ist oder nicht. Puppen, die zu atmen scheinen. Automaten, die sich bewegen wie Menschen. Wachsfiguren, bei denen man kurz zögert.
Das Stones-Video trifft genau diese Zone. Man sieht ein Gesicht, das menschlich aussieht, vertraut aussieht, emotional lesbar ist – und spürt zugleich: Da stimmt etwas nicht. Es ist nicht ganz lebendig. Nicht ganz real. Aber auch nicht einfach künstlich. Die jungen Stones sind zu vertraut, um bloß Animation zu sein, und zu künstlich, um vertraut zu bleiben.
In der Medienpsychologie gibt es dafür einen eigenen Begriff: das „uncanny valley“, das unheimliche Tal. Die Beobachtung dahinter: Je menschlicher eine künstliche Figur wirkt, desto sympathischer empfinden wir sie – bis zu einem Punkt kurz vor der vollständigen Ähnlichkeit. Dort kippt die Reaktion plötzlich in Unbehagen. Erst wenn die Figur absolut perfekt – also nicht mehr unterscheidbar – wäre, verschwände das Unbehagen wieder.
Freuds Unheimliches und das uncanny valley sind nicht dasselbe. Das eine ist ein psychoanalytischer Begriff über die Rückkehr des Verdrängten, das andere eine wahrnehmungspsychologische Beobachtung über fast-menschliche Figuren. Aber im Stones-Video überschneiden sich beide Ebenen fast ideal: Die technische Fast-Perfektion erzeugt das wahrnehmungspsychologische Unbehagen – und dieses Unbehagen öffnet die Tür für die tiefere, psychoanalytische Beunruhigung über Zeit, Alter und Tod.
Der Wunsch, der dahinter steckt
Was hier sichtbar wird, ist mehr als eine technische Spielerei. Es ist eine sehr alte, sehr menschliche Phantasie: dass die Jugend nicht wirklich verloren ist. Dass der begehrte, vitale Körper zurückkehren kann. Dass das Bild – die Ikone, die kulturelle Erinnerung – stärker ist als der biologische Zerfall.
Diese Phantasie ist nicht neu. Sie ist so alt wie der Jungbrunnen-Mythos, so alt wie jedes Porträt, das den Auftraggeber jünger malt als er war. Neu ist nur die technische Präzision, mit der sie heute umgesetzt werden kann – fotorealistisch, bewegt, fast nicht von echten Aufnahmen zu unterscheiden.
Und genau diese Präzision macht den Unterschied. Ein gemaltes, idealisiertes Porträt bleibt sichtbar ein Bild – man weiß, dass es eine Deutung ist, kein Beweis. Das KI-Video aber beansprucht, fast Wirklichkeit zu sein. Es bewegt sich, es agiert, es behauptet Lebendigkeit. Damit verschiebt es etwas: Die alte Phantasie der ewigen Jugend war früher als Wunsch erkennbar. Jetzt tritt sie als scheinbare Tatsache auf. Und das ist deutlich schwerer auszuhalten.
Was wir eigentlich begehren
Lacan würde noch eine Frage stellen, die unbequemer ist: Was begehren wir eigentlich, wenn wir die jungen Stones sehen wollen?
Seine Antwort wäre vermutlich: nicht die Stones. Sondern etwas, das wir auf sie projizieren. Lacan nennt das Objekt des Begehrens das „objet petit a“ – das verlorene Objekt, das das Begehren antreibt, ohne je gefunden zu werden. Es hat keinen festen Inhalt. Es ist das, was wir in den Dingen und Menschen suchen und nie ganz finden.
Die jungen Stones sind ein perfekter Platzhalter dafür. Sie verkörpern etwas, das wir mit unserer eigenen verlorenen Jugend, mit Vitalität, mit einer Zeit, in der noch alles offen schien, verbinden. Wir sehen nicht eigentlich Mick Jagger mit zwanzig. Wir sehen ein Bild unseres eigenen Verlustes – und die Phantasie, dass dieser Verlust rückgängig gemacht werden könnte.
Deshalb berührt das Video Menschen so eigentümlich, die mit den Stones gar nichts am Hut haben. Es geht nicht um die Band. Es geht um die Zeit, die an einem selbst vergeht.
Was Spinoza dazu sagen würde
Der Philosoph Baruch de Spinoza würde die Frage ganz anders stellen, nüchterner: Steigert dieses Video die Handlungsfähigkeit der Betrachter – oder vermindert es sie?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort positiv. Das Video erzeugt Freude, Faszination, vielleicht Bewunderung für die technische Leistung. Das sind Affekte, die nach Spinoza das Tätigkeitsvermögen erhöhen.
Aber Spinoza unterscheidet genauer. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Freude, die aus adäquater Erkenntnis entsteht – aus einem klaren Verstehen dessen, was ist – und einer Freude, die auf einer inadäquaten Idee beruht, einem Bild, das die Wirklichkeit verzerrt. Wer sich von der Vorstellung mitreißen lässt, dass die Zeit aufgehoben werden könnte, gibt sich einem Affekt hin, der auf einer Täuschung gründet. Das mag im Moment angenehm sein. Aber es führt nicht zu größerer Freiheit – es bindet den Geist an eine Fiktion.
Die unheimliche Irritation, die viele beim Anschauen empfinden, wäre aus dieser Perspektive fast etwas Gutes: ein Teil des Verstandes, der sich weigert, die inadäquate Idee zu schlucken. Das Unbehagen ist der Moment, in dem die adäquate Erkenntnis – das Wissen um die reale Vergänglichkeit – sich gegen die verführerische Illusion behauptet. Wer das Unbehagen spürt, ist Spinoza näher als wer sich nur bezaubern lässt.
Und hier treffen sich Spinoza und Lacan an einem überraschenden Punkt. Beide würden sagen: Die Illusion, der Mangel ließe sich schließen, die Zeit ließe sich aufheben, das Verlorene ließe sich zurückholen – diese Illusion ist nicht harmlos. Sie hält das Subjekt in einer Abhängigkeit. Reifer wird man nicht, indem man die Vergänglichkeit überspielt, sondern indem man sie anerkennt.
Eine kulturelle Bewegung, die größer wird
Das Stones-Video ist kein Einzelfall. Es ist ein frühes, prominentes Beispiel für etwas, das in den kommenden Jahren häufiger werden wird: digitale Verjüngung, digitale Auferstehung, digitale Fortschreibung von Karrieren über biologische Grenzen hinaus. ABBA treten als verjüngte Avatare auf. Verstorbene Schauspieler werden für neue Filme rekonstruiert. Die Grenze zwischen lebendiger Gegenwart und technischer Reproduktion wird durchlässiger.
Man kann das feiern als Triumph der Kreativität. Man kann es fürchten als Verlust des Authentischen. Spinoza würde nicht zu schnellen Urteilen in beide Richtungen raten. Er würde fragen: Was tut diese Technik mit unserem Verständnis von uns selbst? Bringt sie uns näher an ein klares Verstehen unserer Lage – oder weiter weg?
Die ehrlichste Antwort lautet wohl: beides ist möglich. Es kommt darauf an, ob wir das Unheimliche als Störung behandeln, die man wegretuschieren muss – oder als Hinweis, den es ernst zu nehmen gilt.
Was bleibt
Das Unheimliche, das viele beim Stones-Video spüren, verschwindet vermutlich nicht mit besserer Software. Es liegt nicht an der Qualität der Animation. Es liegt daran, dass hier zwei Dinge gleichzeitig wahr sind, die nicht zusammenpassen: der Wunsch, die Zeit zu besiegen, und das Wissen, dass das nicht geht.
Freud hat genau diesen Mechanismus beschrieben – lange bevor es Deepfakes gab. Lacan hat gezeigt, warum das Bild, mit dem wir uns identifizieren, uns immer auch fremd bleibt. Und Spinoza hätte uns daran erinnert, dass die Freiheit nicht darin liegt, die Vergänglichkeit zu überspielen, sondern sie zu verstehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Videos – eine, die seine Macher gar nicht beabsichtigt haben. Es zeigt uns nicht, dass die Zeit aufhebbar ist. Es zeigt uns, wie sehr wir uns das wünschen – und wie genau wir zugleich wissen, dass es nicht stimmt.
Dieser Artikel bezieht sich auf Sigmund Freuds Aufsatz „Das Unheimliche“ (1919), Jacques Lacans Konzepte des Spiegelstadiums, des Realen und des objet petit a sowie Spinozas Lehre der adäquaten und inadäquaten Affekte. Das besprochene Musikvideo „In the Stars“ der Rolling Stones, produziert mit Deepfake-Technologie der Firma Deep Voodoo, erschien im Mai 2026 als Vorbote des Albums „Foreign Tongues“.