Ewig jung – und warum das die Jugend zerstört

Robert Pogue Har­ri­son hat einen Satz geprägt, der erst para­dox klingt und einen dann nicht mehr los­lässt: Wer das Alter abschafft, schafft auch die Jugend ab. Er meint die Span­nung zwi­schen Alt und Jung, aus der her­aus erst Neu­es erwach­sen kann. Der Satz trifft etwas – nur reicht er nicht weit genug. Mit Lacan und Spi­no­za gele­sen ver­lie­ren wir mit dem Alter nicht bloß die Jugend. Wir ver­lie­ren das Begeh­ren selbst.

Was Harrison behauptet

Jung sein heißt bei Har­ri­son: das Alte ableh­nen, weil es alt ist, das Neue her­bei­seh­nen, weil es neu ist und dabei das Über­lie­fer­te ver­wer­fen. Alt sein heißt das Gegen­teil: Erfah­rung, Erin­ne­rung, ein Wis­sen dar­um, wer wir sind und woher wir kom­men – und eine Skep­sis, ob das Aller­neu­es­te wirk­lich so neu ist. Erst aus die­sem Gegen­satz ent­steht kul­tu­rel­le Ener­gie. Ohne die Alten, die das Neue ein­bin­den und mit dem Gewach­se­nen ver­söh­nen, blie­be von lau­ter Jugend nur Leer­lauf. Die erzwun­ge­ne Dau­er­ju­gend, so ver­mu­tet er zuge­spitzt, könn­te des­halb mit zum Still­stand bei­tra­gen, den die west­li­che Welt gera­de erlebt. Jean Amé­ry hat 1968 das­sel­be von der ande­ren Sei­te gefasst: Wür­de heißt, alt wer­den zu ver­ste­hen – und die Gefahr liegt dar­in, so lan­ge jung blei­ben zu wol­len, bis man zu alt ist, um eben das noch zu lernen.

Wo Harrison recht hat: das Spiel der Differenz

Der fran­zö­si­sche Psy­chon­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan lie­fert den tiefs­ten Grund, war­um das Para­dox stimmt. Ein Wort erhält sei­nen Wert nur durch den Unter­schied zu ande­ren Wör­tern. „jung“ bedeu­tet nichts an sich; es bedeu­tet etwas allein im Gegen­satz zu „alt“. Nimm den einen Pol weg, und der ande­re läuft leer. Genau das sagt Har­ri­sons Satz, nur ohne den Begriff: Jugend ist kei­ne Sub­stanz, die man kon­ser­vie­ren könn­te, son­dern eine Stel­le in einem Unter­schied. Löscht man das Alter, löscht man die Dif­fe­renz – und mit ihr das, was „jung“ über­haupt hei­ßen könnte.

Dazu kommt, was hin­ter dem Wunsch nach ewi­ger Jugend steht. Das Altern ist bei Lacan ein Stück des Rea­len: beschreib­bar, bekämpf­bar, aber nicht auf­heb­bar. Der Traum, jung zu blei­ben, ver­wei­gert die­sen har­ten Rest – den Schnitt, den Man­gel, die End­lich­keit. Er will ein Sub­jekt ohne Bruch, eines, dem nichts fehlt. Und gera­de an die­ser Stel­le wird die Sache heik­ler, als Har­ri­son sie fasst.

Wo Harrison recht hat: die Angst

Der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za fragt nüch­ter­ner: Ist der Kampf gegen das Altern nicht ein­fach gesun­des Stre­ben: das Behar­ren jedes Din­ges in sei­nem Sein? Nein – und hier trennt Spi­no­za scharf. Es gibt ein Stre­ben, das aus dem Ver­ste­hen kommt, da han­deln wir und zei­gen unse­re Kraft. Und es gibt ein Stre­ben, das uns die Angst ein­trägt: da erlei­den wir und zei­gen unse­re Schwä­che. Wohin gehört der Jugend­kult? Er wird von der Furcht vor dem Ver­fall getrie­ben.

„Der freie Mensch denkt an nichts weni­ger als an den Tod; sei­ne Weis­heit ist ein Nach­den­ken über das Leben, nicht über das Ster­ben.“

Aber der, der jeden Mor­gen im Spie­gel gegen die Zeit kämpft, tut nichts ande­res, als an den Tod zu den­ken – die gan­ze Anti-Aging-Welt ist ein lan­ges, kunst­vol­les Nach­den­ken über den eige­nen Ver­fall, ver­klei­det als Vita­li­tät. Gemes­sen an Spi­no­za ist sie das genaue Gegen­teil von Frei­heit: ein trau­ri­ger Affekt, der die Kraft zu wir­ken senkt, statt sie zu heben.

Wo man Harrison widersprechen muss

So weit geben ihm bei­de Argu­men­te recht. Doch Har­ri­son hält an einem zu schö­nen Sche­ma fest: Jugend sei gleich schöp­fe­ri­scher Auf­bruch, Alter sei gleich Weis­heit und Gedächt­nis. Bei­de Den­ker machen ihm das strei­tig. Lacan: Der jugend­li­che Auf­stand ist oft gar nicht schöp­fe­risch, son­dern ima­gi­nä­re Riva­li­tät – der Kampf mit dem Vor­gän­ger ums eige­ne Bild, nicht das Neue. Und das Alter ver­bürgt kei­ne Weis­heit; es kann eben­so erstar­ren, die­sel­be Kla­ge, nur lau­ter. Spi­no­za: Weder Jugend noch Alter sind an sich aktiv oder frei. Es zählt allein, ob jemand aus kla­ren Ideen her­aus han­delt – und das kann mit zwan­zig miss­lin­gen und mit acht­zig gelin­gen, oder umge­kehrt. Die kul­tu­rel­le Ener­gie sitzt also nicht im Lebens­al­ter, son­dern im Ver­hält­nis zur eige­nen End­lich­keit, das ein Mensch in jedem Alter haben oder ver­feh­len kann.

Und ein ehr­li­cher Vor­be­halt: Dass die erzwun­ge­ne Dau­er­ju­gend den Still­stand des Wes­tens ver­ur­sacht, ist ein küh­ner Satz mit dün­nem Beleg. Dafür gibt es vie­le Grün­de, und der Pfeil könn­te eben­so anders­her­um zei­gen – eine erschöpf­te Kul­tur klam­mert sich an die Jugend, nicht umge­kehrt. Har­ri­sons Dia­gno­se ist anre­gend, nicht bewiesen.

Was die These übersieht

Hier liegt, was die The­se über­sieht. Der tiefs­te Ver­lust beim Abschaf­fen des Alters ist weder die Jugend noch die kul­tu­rel­le Dyna­mik. Es ist das Begeh­ren selbst – und mit ihm der Sinn. Das Begeh­ren lebt bei Lacan vom Man­gel. Es bewegt sich, weil etwas fehlt, sich ent­zieht, ver­lo­ren ist. Ein Leben ohne Ver­lust wäre ein Leben ohne Begeh­ren: nichts mehr zu wol­len, weil nichts mehr feh­len kann. Der Traum der ewi­gen Jugend ist der Traum eines Lebens ohne Man­gel – und das ist kein vol­le­res Leben, son­dern ein leeres.

Spi­no­za führt zum sel­ben Punkt. Die täti­ge Freu­de wächst aus dem Ver­ste­hen, und das Tiefs­te, das es zu ver­ste­hen gibt, ist die eige­ne end­li­che, abhän­gi­ge Exis­tenz. Wer ver­sucht, das Wis­sen um die End­lich­keit aus­zu­trei­ben, treibt den Boden die­ser Freu­de mit aus. Har­ri­sons Para­dox reicht also wei­ter, als er es zieht: Wer das Alter abschafft, schafft nicht nur die Jugend ab, son­dern das Begeh­ren und den Sinn. Ewi­ge Jugend ist kein vom Tod befrei­tes Leben. Sie ist ein leb­lo­ses Leben.

Würde heißt verstehen, nicht jung bleiben

Damit lässt sich Amé­rys „alt wer­den ler­nen“ neu fas­sen. Wür­de heißt nicht, jung zu blei­ben, und auch nicht, den Ver­fall ver­bis­sen hin­zu­neh­men. Mit Spinoza:

Ein Affekt, der uns beherrscht, hört auf, uns zu beherr­schen, sobald wir uns eine kla­re Idee von ihm bilden.

Wür­de im Altern heißt also, eine kla­re Idee davon zu fas­sen, dass man ster­ben wird – das nimmt ihr die Macht. Mit Lacan: den eige­nen Man­gel und das eige­ne Begeh­ren als die eige­nen zu über­neh­men, statt dem Bild hin­ter­her­zu­lau­fen, das Ganz­heit verspricht.

Spi­no­za trennt zwei Din­ge, die der Wunsch nach ewi­ger Jugend gleich­setzt: Ewig­keit und end­lo­se Dau­er. Wer ewig jung blei­ben möch­te, will mehr Zeit – Dau­er ohne Ende. Spi­no­zas Ewig­keit aber meint gar kei­ne Zeit. Sie ist eine Art, zum eige­nen Dasein zu ste­hen, die nicht davon abhängt, wie lan­ge es noch dau­ert, und die man jetzt schon haben kann. Der freie Mensch jagt des­halb nicht der Dau­er hin­ter­her. Er ver­steht sich unter dem Gesichts­punkt der Ewig­keit – und das bleibt, wäh­rend der Kör­per altert.

Was bleibt

Har­ri­son hat recht, dass mit dem Alter auch die Jugend ver­lo­ren geht. Doch der eigent­li­che Ver­lust sitzt tie­fer. Das Altern ist die Form, in der sich unse­re End­lich­keit zeigt, und die End­lich­keit ist der Boden des Begeh­rens, des Sinns, jeder Freu­de, die aus dem Ver­ste­hen wächst. Der Traum der ewi­gen Jugend ist nicht der Traum von mehr Leben. Er ist der lei­se Wunsch, den Man­gel igno­roe­ren zu kön­nen – und ein Wesen ohne Man­gel hät­te nichts mehr zu wol­len, nichts mehr zu ler­nen, nichts mehr zu lie­ben. Alt wer­den zu ler­nen heißt zu begrei­fen, dass der Schnitt, der uns altern lässt, der­sel­be ist, der uns über­haupt begeh­ren lässt.

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