Eine Studie zählt die Wörter in den Texten der erfolgreichsten Popsongs aus fünfzig Jahren und zieht daraus ein Urteil über die Kultur: Das „ich“ tritt immer häufiger auf, das „wir“ immer seltener, also werde die Gesellschaft zusehends narzisstischer und selbstbezogener. Die Süddeutsche Zeitung fasst es in drei Wörter: „Ich, ich, ich“. Das klingt sofort plausibel – und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuhören. Die Deutung kippt, sobald man fragt, was dieses „ich“ eigentlich ist. Mit dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan gelesen, verrät das laute „ich“ kein starkes Ich, sondern eines, das sich ständig zeigen muss, weil es sich seiner nicht sicher ist.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Das Ich war schon immer verliebt
- 2 „Ich“ ist kein Inhalt, sondern ein leerer Platz
- 3 Das laute Ich ist das bedürftige
- 4 Das verschwundene „wir“ ist kein Eigennutz
- 5 Die Zahlen widerlegen die Moral, die man aus ihnen zieht
- 6 Ein Befehl, kein Ego
- 7 Spinoza: der Unterschied, den die These übersieht
- 8 Was bleibt
Das Ich war schon immer verliebt
Die These setzt voraus, dass Selbstbezug etwas ist, das zunehmen oder abnehmen kann wie ein Pegelstand. Lacan widerspricht an der Wurzel. Das Ich – er nennt es das moi – entsteht im Spiegelstadium: Das Kleinkind erkennt sich in einem Bild, das ganzer und runder wirkt als das, was es von innen spürt, und verliebt sich in dieses Bild. Das Ich verliebt sich von Anfang an in sich selbst. Es gibt kein nicht-narzisstisches Ich, das später narzisstisch würde.
Wenn das stimmt, kann eine Gesellschaft nicht „immer narzisstischer“ werden. Was sich verschiebt, ist nicht die Menge eines Gefühls, sondern das, was man zeigen darf. Früher verbot eine strengere Ordnung, sich derart in den Vordergrund zu drängen; heute lädt sie geradezu dazu ein. Die Studie misst, dass man sich heute mehr zeigen darf, und liest es als gewachsene Eigenschaft. Das ist der erste Fehlschluss: Wer mehr Sichtbares behauptet, hat noch nichts über das Innere gesagt.
„Ich“ ist kein Inhalt, sondern ein leerer Platz
Hier kommt Lacans schärfster Einwand. Das „Ich“, das in einem Lied vorkommt, ist nicht dasjenige, das spricht. Er trennt das Subjekt der Aussage von dem, der aussagt – wer „ich“ sagt, meint mit demselben Wort jedes Mal jemand anderen. „Ich“ ist ein Zeiger, der bei jedem Sprecher umspringt, ein leerer Platz, kein Charakter. Wer Erstpersonpronomen zählt und daraus auf einen Seelenzustand schließt, behandelt den Liedtext wie ein durchsichtiges Fenster zur Psyche. Das ist er nie. Man hat Wörter gezählt und glaubt, damit Menschen vermessen zu haben.
Das laute Ich ist das bedürftige
Und jetzt die eigentliche Wende. Das narzisstische Ich ist bei Lacan gerade nicht satt und autark. Es lebt im fremden Bild, es hängt am Blick der anderen. Je lauter ein „ich“, desto mehr stellt sich da ein Selbst zur Schau – und zwar für irgendjemanden. Dieses Selbst ist nicht voll, sondern leer: Lacan spricht von einem Seinsmangel, einem Loch, das sich unablässig vorzeigen muss, weil es sich seiner selbst nicht sicher ist. „Sieh mich an – bin ich liebenswert?“ Das ist kein Sieg der Selbstliebe. Das ist die Frage nach dem Begehren des Anderen, in Dauerschleife. Wer mehr „ich“ sagt, wird nicht unabhängiger, sondern hängt stärker am Beifall.
Man sieht es am Stoff selbst. Pop handelt, wie der Artikel einräumt, meist von der Liebe – und die Liebe ist die Stelle, an der der Mangel am offensten liegt. Das „ich“ im Liebeslied ist ein bittendes, an einen anderen gerichtetes Ich, kein selbstgenügsames. Sogar das Beispiel, das die Studie anführt – Beyoncés „Me, Myself and I“ – wendet sich gegen diese Lesart: Der Song zieht sich, nachdem die Liebe zerbrochen ist, auf das eigene Selbst zurück, weil es das Einzige ist, das einen nicht verlässt. Das ist kein Frohlocken, das ist eine Wunde und ihre Abwehr. Wer nur das Pronomen zählt, versteht den Sinn des Liedes nicht.
Das verschwundene „wir“ ist kein Eigennutz
Hier lässt sich die These am stärksten wiederlegen. Dass „wir“ und „uns“ seltener werden, zeigt keine Menschen, die sich mehr lieben. Es zeigt, dass etwas anderes wegbricht: der gemeinsame Boden, auf dem der Einzelne weiß, wo er steht. Jede Gemeinschaft gibt ihren Mitgliedern einen Platz – eine Familie, einen Glauben, eine Zugehörigkeit, ein geteiltes Wir, das einem sagt, wer man ist. Lacan nennt diese gemeinsame Ordnung den „großen Anderen“. Bröckelt sie, steht der Einzelne plötzlich allein da, ohne diesen Rückhalt. Und gerade dann muss er sich lauter behaupten, weil ihm niemand mehr von außen bestätigt, wer er ist. Das viele „ich“ ist also die Folge des fehlenden „wir“, nicht sein Antrieb. Wer mehr Narzissmus darin sieht, verwechselt Ursache und Wirkung: Er hört den Hilferuf und hält ihn für Angeberei.
Die Zahlen widerlegen die Moral, die man aus ihnen zieht
Das Aufschlussreiche steht in der Studie selbst. Der Trend tritt nicht überall auf – stark in den individualistisch geprägten westlichen Ländern, anders in Hongkong und Japan. Genau das spricht gegen die Narzßmus Deutung. Wäre „ich“ ein Maß für Selbstliebe, müsste es überall gleich steigen. Dass sein Gewicht von Land zu Land kippt, zeigt: „ich“ ist ein Signifikant, dessen Wert die jeweilige Ordnung festlegt, nicht ein Thermometer der Seele. Wie einer sich zu sich selbst verhält, kommt nicht von innen – der kulturelle Andere teilt es zu. Die Zahlen sprechen dafür, dass das „Ich“ von der jeweiligen Kultur abhängt – nicht von einer wachsenden Selbstverliebtheit der Menschen. Nur zieht der Artikel diesen Schluss nicht.
Allerdings – auch innerhalb der Psychologie ist die These einer „Narzissmus-Epidemie“, die vor allem mit Jean Twenge verbunden ist, umstritten. Mehrere spätere Generationenstudien fanden keinen verlässlichen Anstieg. „Zu oberflächlich“ ist also kein bloß lacanianischer Verdacht, sondern auch ein empirischer Einwand.
Ein Befehl, kein Ego
Bleibt die Frage, woher der Druck zum „ich“ dann kommt, wenn nicht aus wachsender Selbstbezogenheit. Die Antwort ist unbequem: aus einem Befehl. „Sei du selbst, zeig dich, verwirkliche dich“ klingt frei, ist aber ein Befehl – die Spätmoderne verlangt vom Einzelnen, sich zu vermarkten, ein Profil zu sein, sichtbar zu bleiben. Lacan hört im modernen Über-Ich nicht das alte „du sollst nicht“, sondern ein „genieße!“. Das Subjekt, das „ich“ singt, ist nicht ausgebrochen. Es gehorcht. Nicht die Menschen verfallen ihrem Ego – der Andere kommandiert, und das Lied führt den Befehl aus.
Spinoza: der Unterschied, den die These übersieht
Damit lässt sich der Artikel an einer Stelle fassen, an der er selbst nicht hinschaut. Was er „Narzissmus“ nennt, hat der Philosoph Baruch de Spinoza viel genauer beschrieben – und in zwei Dinge getrennt, die der Begriff miteinander vermengt.
Das eine nennt Spinoza Ruhm: eine Freude, die sich daran entzündet, dass andere mein Tun loben. Sie hängt ganz am Urteil der anderen. Steigt das Lob, steige ich; bleibt es aus, falle ich. Das ist ein trauriger, fremdbestimmter Zustand, auch wenn er sich wie Stolz anfühlt – mein Selbstgefühl liegt dann nicht bei mir, sondern in der Hand jedes Beliebigen, der klatscht oder schweigt. Das „ich, ich, ich“ der Popsongs ist diese Sorte Selbstbezug: ein Ich, das sich am Beifall wärmt und friert, sobald er ausbleibt.
Dem stellt Spinoza etwas anderes gegenüber, für das es im Deutschen keinen klaren Begriff gibt: eine Zufriedenheit mit sich, die aus dem eigenen Verstehen kommt, nicht aus dem fremden Blick. Wer aus klaren Ideen heraus handelt und spürt, was er zu wirken vermag, ruht in diesem Tun – ob jemand zusieht oder nicht. Das ist kein Rückzug ins Private und kein Achselzucken. Es ist das Gegenteil des lauten Ich: ein Verhältnis zu sich, das man nicht ständig vorzeigen muss, weil es sich die Energie nicht vom Applaus borgt.
Hier treffen sich Lacan und Spinoza auf überraschende Weise. Beide sagen: Das laute, sich vorzeigende Ich ist das schwache. Lacan, weil es vom Begehren des Anderen lebt; Spinoza, weil es seine Freude aus fremdem Lob zieht. Und beide kennen einen anderen Weg – nicht sich noch mehr zu zeigen, sondern weniger am Blick zu hängen. Bei Lacan heißt er, das leere Phantasma zu durchqueren und das eigene Begehren zu übernehmen; bei Spinoza, die eigene Kraft zu verstehen, statt sie am Urteil der Menge zu messen.
Was bleibt
„Ich, ich, ich“ ist also keine Diagnose von zu viel Selbstliebe. Sie ist, genau besehen, die Diagnose von zu wenig. Ein Subjekt, dem das gemeinsame „Wir“ entzogen wurde und das zugleich verpflichtet ist, sich zu zeigen, muss ein Ich endlos vorführen, das es gar nicht sicher besitzt. Das laute Selbst ist nicht das starke. Es ist das, dem der Boden fehlt – und das deshalb nicht aufhören kann, nach sich selbst zu rufen.