Inhaltsverzeichnis
- 1 Vom Taugenichts zu Wim Wenders – wie drei Texte zeigen, was mit uns passiert ist
- 2 Der Taugenichts: Das Subjekt, das nicht weiß, dass es auf der Suche ist
- 3 Wilhelm Meister: Das Subjekt, das an sich arbeiten muss
- 4 Falsche Bewegung: Das Subjekt, das es weiß
- 5 Der alte Nazi als Symptom
- 6 Mignon: Das Reale, das bleibt
- 7 Was die drei Texte zusammen sagen
Vom Taugenichts zu Wim Wenders – wie drei Texte zeigen, was mit uns passiert ist
Wilhelm steht allein auf dem Zugspitz-Plateau im Schneesturm. Er hat Deutschland durchquert, Menschen getroffen, geliebt, wieder verlassen. Und jetzt dieser eine Satz, der alles zusammenfasst:
„Es kam mir vor, als hätte ich etwas versäumt. Als versäumte ich immer noch etwas, mit jeder neuen Bewegung.“
Das ist der Schluss von Falsche Bewegung, dem Film, den Wim Wenders 1975 nach einem Drehbuch von Peter Handke gedreht hat. Handke hatte sich Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre vorgenommen und daraus etwas gemacht, das formal noch Ähnlichkeit mit dem Original hat – aber innerlich das genaue Gegenteil ist.
Und wenn du noch weiter zurückgehst, landest du bei Eichendorff und seinem Roman „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Bei einem jungen Mann, der einfach losläuft und am Ende alles bekommt.
Drei Texte, die eigentlich gar nicht zusammengehören – und doch dieselbe Wunde berühren. Was ist mit dem Subjekt passiert, das sich auf den Weg macht?
Der Taugenichts: Das Subjekt, das nicht weiß, dass es auf der Suche ist
Eichendorffs Roman erscheint 1826. Der Held – namenlos, das macht ihn schon zu einem Typ, nicht zu einer Person – wird von seinem Vater rausgeworfen. Kein Drama. Er nimmt seine Geige, setzt sich auf einen Karren und fährt einfach los.
Er sucht nichts. Er will nichts. Er hat kein Ziel. Heute würden wir sagen: er hat keine Agenda.
Und trotzdem passiert ihm alles Gute. Er kommt an Schlössern an, wird aufgenommen, verliebt sich in eine rätselhafte junge Frau, verliert sie, findet sie wieder. Am Ende ist sie eine Adelige, die Heirat ist möglich, das Leben öffnet sich.
Für den Psychoanalytiker Jacques Lacan ist das kein Märchen, sondern eine Ideologie. Die Welt ist so gebaut, dass sie das unschuldige Subjekt trägt. Es muss nichts leisten, nichts begreifen, nichts durcharbeiten. Gott, die Natur, die romantische Ordnung der Dinge – das alles legt dem Taugenichts genau das hin, was er braucht, ohne dass er je danach greifen muss.
Der Mangel existiert in dieser Welt nicht wirklich. Er ist eine vorübergehende Störung, die sich auflöst.
Und Mignon? Die gibt es auch bei Eichendorff – nicht namentlich, aber strukturell. Das rätselhafte Mädchen, das sich nicht einordnen lässt, stumm und fremd wirkt. Aber bei Eichendorff wird das Rätsel gelöst. Das Mädchen entpuppt sich als Adelige. Das Fremde wird heimisch. Das Reale – das, was sich dem Symbolischen entzieht – wird am Ende integriert. Gezähmt. Eingebettet.
Das ist die romantische Bewegung: Sie macht aus dem Offenen ein Geschlossenes.
Wilhelm Meister: Das Subjekt, das an sich arbeiten muss
Goethe schreibt die Lehrjahre zwischen 1777 und 1796. Wilhelm Meister ist kein Taugenichts. Er hat Ambitionen. Er will Theater machen, Schauspieler werden, das Leben wirklich erfassen. Er irrt, macht Fehler, verliert sich in Illusionen, liebt die Falsche, vernachlässigt sein Kind.
Aber er lernt.
Das ist der entscheidende Unterschied zur Romantik. Die Welt ist kein Geschenk – sie ist ein Lehrmeister. Wilhelm wird am Ende in die Turmgesellschaft aufgenommen, eine geheime Gemeinschaft vernünftiger Männer, die die Welt im Verborgenen lenken. Er findet seinen Platz. Er bekommt seinen Sohn zurück.
Wer sich anstrengt, kommt durch. Wer durchhält, bekommt seinen Platz. Das ist das Versprechen des Bürgertums – und Goethe glaubt noch daran.
Der Philosoph Baruch de Spinoza hätte diesem Versprechen fast zugestimmt: Sein Conatus – das Streben nach Wachstum und Erkenntnis – klingt ähnlich. Wer seine Affekte versteht, wird freier.
Lacan liest das anders: Das Subjekt spürt den Mangel sehr wohl – aber es hält ihn für reparierbar. Es arbeitet, reift, entwickelt sich. Und irgendwann, so die Hoffnung, wird das Loch kleiner. Spoiler: Es wird nicht kleiner. Aber Goethe lässt Wilhelm trotzdem ankommen, weil er 1796 noch die Kraft hat, diese Lüge zu erzählen.
Und Mignon? Die stirbt. Sie lässt sich nicht integrieren, nicht domestizieren, nicht in die bürgerliche Ordnung einpassen. Ihr Tod ist bei Goethe eine art stille Notwendigkeit. Das Reale, das nicht gesprochen werden kann, verschwindet – damit der Rest weitergeht.
Falsche Bewegung: Das Subjekt, das es weiß
Handke und Wenders, 1975. Auch hier ein Wilhelm. Auch hier eine Reise durch Deutschland. Auch hier eine Mignon-Figur – gespielt von der damals 13-jährigen Nastassja Kinski, stumm, rätselhaft, ungreifbar.
Aber dieser Wilhelm kommt nicht an. Er lernt nichts, das ihn weiterbringt. Er trifft Menschen – eine Schauspielerin, einen alten Nazi, ein Arbeiterkind, die stumme Mignon – und zieht weiter. Nicht weil er etwas gefunden hat. Sondern weil er es nicht findet.
Der Schneesturm auf der Zugspitze am Ende ist kein dramatischer Höhepunkt. Er ist die schlichte Wahrheit: Es gibt kein Ankommen. Jede neue Bewegung ist die falsche Bewegung.
Lacan würde das nicht als Scheitern lesen. Er würde sagen: Das ist das ehrlichste Bild des Subjekts, das es gibt. Das Subjekt ist grundlegend gespalten – barré, durchgestrichen. Es gibt kein Objekt, das den Mangel wirklich füllt. Man begehrt, weil man begehrt – nicht weil das Objekt wirklich dort ist.
Was Eichendorff verdeckt und Goethe noch halbwegs zusammenhält, das zeigen Handke und Wenders offen: Das Große Andere gibt es nicht mehr. Die Geschichte trägt das Subjekt nicht. Die Reise führt nirgendwo hin.
Der alte Nazi als Symptom
Es gibt eine Figur im Film, die das konkret macht. Der alte Mann, der mit Mignon unterwegs ist, hat in der Nazi-Zeit einen Juden getötet. Jetzt hofft er, das durch Naturbetrachtung vergessen zu machen – durch Schweigen, durch Stille, durch das Draußen-Sein.
Es funktioniert nicht.
Was wiederholt sich hier? Die Tat lässt sich nicht in eine Erzählung einbauen, die sie integriert, erklärt, verarbeitet. Das Symbolische hat versagt – nicht nur bei diesem Mann, sondern bei der ganzen Gesellschaft. Die Bundesrepublik 1975 ist ein Land, das die eigene Geschichte nicht wirklich sprechen kann.
Die Schuld, die Tat, die Toten – das kehrt wieder. Nicht als Erinnerung, sondern als Störung, als Unfähigkeit zur Beziehung, als der alltägliche Wahnsinn, den der Film zeigt.
Wilhelm begegnet diesem Mann und zieht weiter. Er kann ihn nicht retten, nicht anklagen, nicht einordnen. Die Begegnung hinterlässt eine Leerstelle. Das ist die Deutschland-Diagnose des Films: Ein Land, das nicht weiß, wie es mit sich selbst sprechen soll.
Mignon: Das Reale, das bleibt
Und dann ist da Mignon.
Bei Eichendorff wird das Rätsel gelöst. Bei Goethe stirbt es. Bei Handke/Wenders bleibt es – stumm, nackt, unintegrierbar.
Die Szene, die 2026 einen Skandal ausgelöst hat – die 13-jährige Kinski mit nacktem Oberkörper, ein Mann schlägt sie, streichelt ihr Gesicht – war 1975 im Autorenkino-Kontext gedacht als Bild für genau das: das Schutzlose, das Vor-Sprachliche, das, was die Gesellschaft nicht aufnehmen kann.
Das Reale hat keinen Ort im Symbolischen. Es taucht auf als Loch, als Störung, als das, was nicht aufgeht. Mignon ist dieses Loch im Film – der Körper, der keine Sprache hat, der berührt und verletzt wird, ohne dass jemand eingreift.
Wer benutzt das Reale, und zu welchem Preis? Der Regisseur, der Autor bleibt dabei immer auf der sicheren Seite. Nur das Mädchen nicht.
Ich finde das schwer zu trennen. Die ästhetische Absicht war real – und der Schaden auch. Jemand macht Kunst über das Schutzlose mit dem Schutzlosen. 1975 hat das kaum jemanden gestört. Das war Konsens im europäischen Autorenkino. Heute stört es. Nastassja Kinski hat Wenders seit 15 Jahren gebeten, die Szene zu entfernen. Erst 2026 hat er den Film zurückgezogen und sich entschuldigt.
Was sagt das über uns? Das Symbolische hat sich verändert. Das Symbolische hat neue Signifikanten für etwas entwickelt, das immer schon real war. Das Reale des Kindes — das Trauma, die Verletzbarkeit, die Erschütterung — war 1975 genauso real wie heute. Neu ist, dass die symbolische Ordnung nun Schutzfunktionen bereitstellt, die sie damals verweigert hat.
Mignon ist das verlorene Objekt, das das Begehren des Films antreibt — die Schutzlosigkeit als ästhetisches Objekt. Das Kind ist das Objekt; der Regisseur ist das Subjekt des Begehrens. Diese Asymmetrie ist keine Frage von Absicht oder Zeitgeist — sie ist strukturell.
Dass Kinski 50 Jahre später sagt: Das hat mir geschadet — das ist das Reale, das zurückkehrt. Nicht weil es neu entstanden wäre, sondern weil die Wiederholung die Eigenschaft des Realen ist: Es kehrt immer an dieselbe Stelle zurück.
Was die drei Texte zusammen sagen
Eichendorff glaubt noch daran, dass die Welt gut ist. Dass ein Subjekt, das sich treiben lässt, getragen wird. Goethe glaubt daran, dass Arbeit und Wachstum irgendwo hinführen. Handke und Wenders glauben an nichts davon mehr – nicht aus Nihilismus, sondern weil nach Auschwitz die Erzählung, dass die Geschichte das Subjekt trägt, nicht mehr ehrlich zu sagen ist.
Der Taugenichts wird getragen, ohne es zu merken. Wilhelm Meister kämpft sich durch und kommt an. Wenders‘ Wilhelm läuft und läuft – und das Plateau am Ende ist keine Ankunft, sondern einfach: das Ende des Films.
Was mich daran nicht loslässt: Vielleicht ist Wenders‘ Version die ehrlichste – aber sie ist auch die kälteste. Der Taugenichts mag eine Fantasie sein. Trotzdem möchte man manchmal lieber in ihr leben.
Projekt Spinoza bringt Lacan und Spinoza dorthin, wo das Leben wirklich passiert. Nicht in den Seminarsaal – sondern in den Alltag.