Mick Jagger sitzt in einer Londoner Hotelsuite, ganz in Schwarz, bald 83, und spricht über ein neues Album. „Foreign Tongues“ heißt es. Man erwartet Sätze über das Älterwerden, über Routine, über die ewige Frage, wie lange das noch so weitergehen soll. Das Bemerkenswerteste aber sagt Jagger fast nebenbei, kurz vor dem Schluss. Er erzählt, dass er auf seinen Streifzügen durch fremde Städte nach den Stellen sucht, an denen das Schöne kippt: Hinter der prächtigen Straße liegt plötzlich eine Müllhalde, überall Schrott. Solche Gegensätze mag er. Was hinter der schönen Fassade liegt, „die Kehrseite einer Stadt“, nennt er großartig.
Dieser eine Satz öffnet eine Tür – und dahinter steht Jacques Lacan.
Inhaltsverzeichnis
Drei Register, eine glänzende Wand
Lacan ordnet das, was wir erleben, drei Registern zu. Das Imaginäre ist das Reich der schönen, ganzen Bilder: die Postkartenansicht, das Gesicht im Spiegel, die Fassade, die alles zusammenhält und uns spüren lässt, hier sei nichts beschädigt. Das Symbolische ist das Netz der Wörter, Gesetze und Regeln, in das wir hineingeboren werden. Und das Reale ist das, was sich diesem Netz entzieht – das, was kein Bild ergibt, keinen Namen findet und doch in uns bohrt: der Rest, der Schrott, die Stelle, an der das glatte Bild reißt.
Jaggers Müllhalde ist genau dieser dritte Ort. Sie ist nicht einfach hässlich. Sie ist das, was die glänzende Wand der Stadt verschweigt, damit die Wand glänzen kann.
Das Schöne ist der letzte Schleier
Warum aber zieht das einen Mann an, der alles haben kann? Lacan gibt in seinem Seminar über die Ethik der Psychoanalyse eine verblüffende Antwort. Das Schöne, sagt er, ist der letzte Schleier vor dem, was er „das Ding“ nennt – jener leere, glühende Kern, um den unser Begehren kreist und den wir nie direkt erreichen. Das Schöne lockt uns zu diesem Kern hin und hält uns zugleich auf Abstand. Es lädt ein und wehrt ab zugleich.
Wer wie Jagger die Straße sucht, die hinter der prächtigen Gegend zur Müllhalde führt, der spielt mit diesem Schleier. Er hebt ihn ein Stück an, ohne ihn ganz wegzureißen. Genau das ist die Lust an der Kehrseite: ein vorsichtiges Schielen hinter den Vorhang, dorthin, wo das Schöne aufhört und das Reale beginnt.
Der Abfall ist nicht zufällig
Dass ausgerechnet Müll Jagger reizt, passt nahezu unheimlich gut zu Lacan. Beim Eintritt ins Sprechen, in die Welt der Wörter, fällt immer etwas heraus, das sich nicht sagen lässt. Diesen Rest nennt Lacan das objet petit a – das kleine Objekt, das unser Begehren in Gang hält, gerade weil es sich entzieht. Es ist kein schönes Objekt. In Lacans Beispielen ist es oft das Ausgeschiedene, das Abgefallene, der Abfall im Wortsinn.
Die Müllhalde hinter der Postkartenstraße ist ein Bild für dieses objet a: der Ort, an dem das landet, was die schöne Ansicht nicht zeigen darf. Jagger fühlt sich dorthin gezogen, weil dort – und nicht in der makellosen Fassade – das Begehren wohnt.
Die Gottesanbeterin: Was will der Andere von mir?
Noch deutlicher wird die Spur, wenn Jagger erzählt, wie eines seiner neuen Lieder entstand. Es handelt von Eifersucht, einem zeitlosen Stoff. Er habe mit der Farbe Grün gearbeitet, mit Smaragden, mit Liebe und Hoffnung – und sei dabei irgendwann bei der weiblichen Gottesanbeterin gelandet, die das Männchen frisst und ebenfalls grün ist.
Das ist kein bloßes Bild. Die Gottesanbeterin gehört zu den eindringlichsten Figuren in Lacans Seminar über die Angst. Dort entwirft er eine Szene: Er stelle sich vor, er trage eine Tiermaske und stehe einer riesigen Gottesanbeterin gegenüber – und wisse nicht, welche Maske er trägt. Die Angst kommt nicht daher, dass das Tier gefährlich aussieht. Sie kommt daher, dass er nicht weiß, was er für dieses andere Wesen ist. Erscheint er als das Männchen, das gleich verschlungen wird?
Das ist die Frage, die Lacan ins Zentrum rückt: Che vuoi? – Was willst du von mir? Was bin ich in deinem Begehren? Die Gottesanbeterin, bei der Liebe und Verschlingen, Lust und Tod zusammenfallen, ist das schärfste Bild für jenen Punkt, an dem das Begehren in eine grenzenlose, gefährliche Lust umkippt, die Lacan jouissance nennt – ein Genießen, das längst über jedes heilsame Maß hinausschießt. Dass Jagger dieses Tier aus einem Liebeslied heraus findet, sagt alles: Im Begehren steckt immer die Angst, vom Anderen verschlungen zu werden.
Grün ist die Farbe des Blicks
Und das Grün? Es ist die Farbe der Eifersucht – und die führt zurück ins Imaginäre. Eifersucht dreht sich nie nur um den Rivalen. Sie dreht sich um den Blick: um das, was der andere im geliebten Menschen sieht und was ich selbst nicht zu besitzen fürchte. Schon das Kind beneidet nicht wirklich den Gegenstand, den der Bruder bekommt, sondern den Blick der Mutter, der auf den Bruder fällt. Die imaginäre Rivalität ist ein Kampf um diesen Blick. Jaggers „grünes Lied“ legt also genau das frei, was hinter der schönen Geste der Liebe lauert.
Jagger predigt nicht – ein Wort zu Spinoza
Bleibt der Satz, der das Gespräch zusammenhält: Man wolle den Leuten keine Moralpredigten halten. Jagger singt über Autokraten, über eine Krankheit im Land, über den vergifteten Ton im Netz – aber er will niemanden bekehren, sondern hinschauen.
Diese Geste kennt die Philosophie unter einem Namen: Spinoza. Spinoza wollte die menschlichen Handlungen nicht verlachen, nicht beweinen, nicht verabscheuen, sondern verstehen. Im fünften Teil seiner „Ethik“ steht der Gedanke dazu:
„Ein Affekt, der uns beherrscht, hört auf, uns zu beherrschen, sobald wir uns eine klare und deutliche Idee von ihm bilden.“
Für Spinoza sind Wut, Hass und Neid traurige Affekte – Gefühle, die einen klein halten. Ein Prediger prangert so etwas an. Jagger nicht: Er heizt die Eifersucht nicht weiter an, sondern bringt sie zur Sprache und macht ein Lied daraus. Und das ist mehr als eine hübsche Geste. Solange die Eifersucht einen von innen auffrisst, sitzt sie am längeren Hebel. Schreibt man sie sich dagegen vom Leib, in eine Strophe, einen Refrain, dann kippt das Kräfteverhältnis: Das blinde Gefühl, das einen eben noch herumgestoßen hat, lässt sich jetzt von außen betrachten – und verliert damit etwas von seiner Macht.
Die andere Seite derselben Stadt
Am Ende fügt sich beides zusammen. Lacan erklärt, warum es uns hinter der schönen Fassade ungemütlich wird: Dort, im Realen, im Abfall, im Blick des Anderen, sitzt das Begehren. Spinoza erklärt, wie man diesem Zug folgen kann, ohne zu erschrecken und ohne zu predigen – indem man hinschaut und versteht. Vielleicht liegt darin die eigentliche Kunst des alten Jagger: nicht im Falsett und nicht in der Disziplin im Studio, sondern in diesem Blick, der die glänzende Wand nicht für das Ganze hält. Das Hässliche ist kein Feind. Es ist nur die andere Seite derselben Stadt – und großartig ist sie, weil dort das Leben pocht. Und was die Fassade versucht zu verbergen.