Ein Hacker öffnet Peter Thiels Geheimzirkel. Was die Mächtigen dort planen, sagt am Ende mehr über uns als über sie – gelesen mit Bataille, Lacan und Spinoza.
Ein Schweizer Hacktivist klopft an eine Tür, die es offiziell nie gab. Zwanzig Jahre lang stritt der Kreis mit dem unscheinbaren Namen „Dialog“ seine eigene Existenz ab. Dann zog maia arson crimew Bruchstücke aus dem Quellcode der Website, das Magazin Wired prüfte sie nach – und plötzlich lag die Gästeliste offen. Minister, Generäle, Investoren, Tech-Chefs. Im August treffen sie sich nahe Dublin. Auf dem Programm stehen Sitzungen mit Titeln wie „Bau dir einen Kult“, „Wie steht’s um dein Liebesleben?“, „Technik fürs Schlachtfeld“. Und mittendrin, fast beiläufig: „Wie können wir den Dritten Weltkrieg überleben?“
Gegründet hat den Kreis Peter Thiel.
Liest man die Berichte genau, dann stockt einem an einer Stelle der Atem. Diese Leute fragen nicht, wie sich der Krieg verhindern lässt. Sie fragen, wie man ihn übersteht – und danach weiterherrscht. In einem Land in abgelegenen Weltgegenden. Mit eigenen Sicherheitsleuten. Der Ausstieg aus der gemeinsamen Welt, bevor sie niederbrennt.
Halten wir kurz inne. Hier sitzen einige der wenigen Menschen, die wirklich am Hebel sitzen – die die relevanten Beziehungen haben, die Märkte bewegen, Regierungen beraten. Und sie setzen sich hin und planen ihr eigenes Davonkommen. Warum?
Die nüchterne Antwort lautet: Risiko abwägen, sich absichern, so wie man eine Versicherung abschließt. Geschenkt. Doch schon die Grammatik der Frage verrät etwas. „Wie überstehen wir das?“ – dieser Satz wohnt bereits im Krieg. Er hat ihn hingenommen. Und, mit Georges Bataille gedacht: vielleicht will er ihn sogar, ein wenig.
Inhaltsverzeichnis
Bataille: der Sog des Untergangs
Bataille dreht die übliche Frage um. Nicht: Was begehrt der Mensch? Und auch nicht, wie bei Freud, ein heimlicher Zug zum Tod mit der Idee des Thanatos. Bataille sagt: Der Mensch sucht die höchste Intensität – und er greift danach, ob sie nun gut ausgeht oder böse.
Dahinter steht ein einfaches, beunruhigendes Bild. Jede Gesellschaft erzeugt mehr Energie, als sie verbrauchen kann. Diesen Überschuss – Bataille nennt ihn den „verfemten Teil“ (la part maudite) – muss sie wieder loswerden. Sie kann ihn vergeuden: in Festen, in der Kunst, im Kulturellen. Oder sie verbrennt ihn: im Krieg.
Lies die Sitzungstitel noch einmal mit diesem Blick. Krieg, Kult, Sex, Schlachtfeld. Das ist keine Liste von Risiken. Das ist eine Speisekarte der Intensitäten. Der Untergang schreckt nicht nur ab – er zieht an. Das Ende der Welt wäre die größte Verschwendung, die sich denken lässt.
Bleiben wir ehrlich: Bataille lässt sich nicht in einen Satz pressen, und ich behaupte nicht, in diese Köpfe zu sehen. Aber als Brennglas taugt der Gedanke. Er zeigt, warum kluge Menschen einen Krieg lieber durchspielen als verhindern – weil das Durchspielen selbst schon „kribbelt“.
Lacan: der Bunker ist eine Fantasie
Hier reichen sich Bataille und Lacan beinahe die Hand – wörtlich. Lacan heiratete Sylvia, die zuvor mit Bataille verheiratet war; sie atmeten dieselbe Pariser Luft. Lacan gibt der Intensität einen Namen: jouissance. Ein Genießen, das über das Angenehme hinausschießt, über das, was uns guttut – ein Genießen, das wehtut. Jenseits der Lust wartet der Todestrieb. Nicht der Wunsch zu sterben, sondern eine Kraft, die kreist, sich wiederholt und über das bloße Überleben hinauszielt.
Und der Bunker? Der Bunker ist kein Beton mit Konservendosen. Der Bunker ist eine Fantasie. Die Fantasie, der Eine zu sein, der aus dem gemeinsamen Schicksal heraustritt. Alle gehen unter – ich nicht. Das Rettungsboot, in dem zufällig nur ich sitze. So ein Genießen teilt man nicht; es bleibt einsam. Genau das meint der „Ausstieg“: Ich mache mich frei vom zugeteilten Los. Dabei geht es längst nicht mehr ums Überleben. Es geht darum, die Ausnahme zu sein.
Spinoza: Wer plant zu überleben, handelt aus Angst
Jetzt der Philosoph Baruch de Spinoza – und der scheint die Sache zunächst zu segnen. Jedes Ding strebt danach, in seinem Sein zu beharren; conatus heißt das. Ist „überleben wollen“ also nicht einfach gesund?
Nein. Spinoza geht von zwei verschiedenen Richtungen aus. Es gibt ein Streben, das aus dem Verstehen heraus kommt – da handeln wir, da zeigt sich unsere Kraft. Und es gibt ein Streben, das uns von Leidenschaften aus trüben Vorstellungen forttreibt – da erleiden wir, da zeigt sich unsere Schwäche. Wohin gehört die Angst?
Spinoza wird an dieser Stelle deutlich. Die Furcht, schreibt er, entspringt der Schwäche der Seele und hat mit der Vernunft nichts zu tun. Und weiter: Wer sich von der Furcht leiten lässt und nur deshalb Gutes tut, um Schlimmes zu vermeiden, den leitet eben nicht die Vernunft.
Damit kippt das ganze Bild. Das Überlebens-Seminar ist keine Stärke. Es ist ein Denkmal der Angst, das sich als Weitsicht verkleidet. Im vierten Teil seiner Ethik sagt Spinoza es noch klarer: Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod; seine Weisheit ist ein Nachdenken über das Leben, nicht über das Sterben. Der Bunker, das Land am Ende der Welt, die Privatarmee – all das ist ein langes, kunstvolles Nachdenken über den eigenen Tod. Das genaue Gegenteil von Freiheit.
Und der conatus? Spinoza setzt einen Satz dagegen, den der Bunkerbauer vergisst: Nichts nützt einem Menschen mehr als ein anderer Mensch, der sich von der Vernunft leiten lässt. Mein Beharren ist mit deinem verflochten. Der „Ausstieg“ – sich aus dem Gemeinsamen ausklinken – ist deshalb kein schlauer Eigennutz. Er liest das eigene Streben falsch. Ich wachse nicht im Bunker, sondern im Miteinander. Herzen, fügt Spinoza hinzu, gewinnt man nicht mit Waffen, sondern indem man auf Menschen zugeht und großzügig mit ihnen umgeht.
Spinozas Maß für Kraft heißt potentia: das Vermögen zu wirken. Es steigt in der Freude, im Verstehen, im Miteinander. Es sinkt, sobald Angst regiert und einer sich abschottet. Gemessen daran ist der Milliardär im Bunker schwächer als zwei Nachbarn, die einander vertrauen.
Unsere kleinen Überlebens-Seminare
Es ist leicht, mit dem Finger auf Thiels Zirkel zu zeigen. Nur halten wir selbst ständig solche Seminare ab. Die Hecke, die ein Stück höher wächst. Das „Ich kümmere mich um meine Leute“. Der leise Ausstieg – aus dem Viertel, aus der Schulgemeinschaft, aus dem gemeinsamen Projekt, aus den Sorgen des Landes – hinein in ein privates, sichereres Gehege.
Jedes Mal, wenn wir fragen „Wie komme ich da durch?“ statt „Wie stoppen wir das?“, machen wir denselben kleinen Schritt. Wir steigen aus, bevor es brennt.
„Wie können wir den Dritten Weltkrieg überleben?“ Die ehrliche Antwort: Das ist die falsche Frage. Nicht, weil Überleben nicht zählt – sondern weil die Frage längst kapituliert hat. Sie wohnt im Krieg, sie atmet Angst, sie träumt von der einsamen Ausnahme.
Der freie Mensch fragt anders. Er bleibt in der Frage, die die Mächtigen offenbar still für sich ausgeschlossen haben: Wie verhindern wir, dass es überhaupt so weit kommt?
Wer fragt, wie er den Untergang übersteht, hat ihn innerlich schon zugelassen.
Quellen & zum Weiterlesen. Spinoza, Ethik (Übers. Berthold Auerbach), Teil IV (Anhang) und Teil V – Projekt Gutenberg. — Georges Bataille, La Part maudite / Der verfemte Teil. — Jacques Lacan, jouissance und Todestrieb (Die Seminare). — Zum Leak: Recherche von Wired; Daten von maia arson crimew (Juni 2026).