Designerbaby: Wessen Wunsch lebt das Kind?

Über gene­ti­sche Pla­nung, das Unbe­wuss­te und die Bedeu­tung für das spä­te­re Kind

Zum ers­ten Mal haben For­schen­de ein­zel­ne Bau­stei­ne im Erb­gut mensch­li­cher Embryo­nen so genau ver­än­dert, dass eine Anwen­dung am Men­schen vor­stell­bar wird. Ein Team an der Colum­bia Uni­ver­si­ty in New York ließ die ver­än­der­ten Embryo­nen eini­ge Tage wach­sen – nur zu For­schungs­zwe­cken, nicht für eine Schwan­ger­schaft. In Deutsch­land ver­bie­tet das Embryo­nen­schutz­ge­setz sol­che Ein­grif­fe wei­ter­hin. Und doch rückt eine Fra­ge näher, die wir gern weg­schie­ben: Was, wenn Eltern eines Tages aus­su­chen, wie ihr Kind wird?Wenn sie ein Desi­gner­ba­by wünschen?

Die Dis­kus­si­on dreht sich fast immer um Tech­nik, Recht und Moral. Eine Fra­ge stellt kaum jemand: Was macht es mit einem Men­schen, wenn er weiß, dass ande­re ihn geplant haben? Was bedeu­tet das für sein Unbewusstes?

Jedes Kind wächst in einen Wunsch hinein

Kein Kind beginnt im luft­lee­ren Raum. Lan­ge bevor es atmet, lebt es schon als Bild in den Köp­fen sei­ner Eltern – als Hoff­nung, als Sor­ge, manch­mal als der stil­le Auf­trag, etwas gut­zu­ma­chen, das die Eltern selbst nicht geschafft haben. Das ist weder neu noch schlimm. Wir alle star­ten als der Wunsch von jeman­dem ande­ren, auch wenn dies oft geleug­net wird.

Nur bleibt die­ser Wunsch nor­ma­ler­wei­se vage, unaus­ge­spro­chen, wider­sprüch­lich. Das Kind kann ihn nie ganz ent­zif­fern. Und genau die­ses Nicht-genau-Wis­sen lässt ihm Luft. Es kann erra­ten, abwei­chen, sich ent­zie­hen. Es muss nie einer fes­ten Vor­ga­be genü­gen, weil es kei­ne fes­te Vor­ga­be gibt.

Lacan: Wir begehren, was der Andere begehrt

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan hat einen Gedan­ken stark gemacht, der hier viel erklärt: Unser Begeh­ren ist das Begeh­ren des Ande­ren. Als Kin­der fra­gen wir, ohne Wor­te: Was will der ande­re von mir? Wer soll ich sein, damit er mich ansieht? Wir wer­den, wer wir sind, als Ant­wort auf einen Wunsch, den wir nie voll­stän­dig fassen.

Einem geplan­ten Kind schreibt man die­sen Wunsch in den Kör­per. Die Hoff­nung „sei gesund, klug, stark“ steht dann nicht mehr nur als Satz „über dem Bett“ – sie sitzt kon­kret im Erb­gut. Das Unaus­ge­spro­che­ne wird greif­bar. Und wenn es greif­ba­rist, dann wird es wirk­lich schwer. Die alte Fra­ge „Was woll­ten mei­ne Eltern von mir?“ treibt sonst ein gan­zes Leben an, gera­de weil sie offen bleibt. Das geplan­te Kind scheint die Ant­wort schon in der Hand zu hal­ten: Ich bin die opti­mier­te Fas­sung. Das kann genau den Raum ver­schlie­ßen, in dem ein Mensch sein eige­nes Begeh­ren erst findet.

Das Ideal, das schon feststand

Lacan beschreibt den Moment vor dem Spie­gel: Das Kind sieht ein gan­zes, run­des Bild von sich – voll­stän­di­ger, als es sich von innen anfühlt. Zwi­schen die­sem Bild und dem geleb­ten Erle­ben öff­net sich ein Abstand. Aus die­sem Abstand kom­men Scham, Erschöp­fung und das Gefühl, nie genug zu sein.

Ein Desi­gner­ba­by wächst auf ein Bild zu, das schon fest­stand, bevor es exis­tier­te. Es soll einem Plan ent­spre­chen. Was aber, wenn es hin­ter dem Plan zurück­bleibt? Ein Kind, das sei­nen eige­nen Ent­wurf ent­täuscht, trägt viel­leicht eine Schuld, die kei­nen Namen hat: Ich habe so viel Hoff­nung gekos­tet – und bin trotz­dem nur ich.

Produkt oder Subjekt?

Wer weiß, dass man ihn nach Maß gefer­tigt hat, kann sich wie ein Pro­dukt füh­len. Jemand hat inves­tiert, aus­ge­wählt, ver­bes­sert – und nun steht eine stil­le Rech­nung im Raum. Wes­sen Wunsch lebe ich hier eigentlich?

Doch an die­ser Stel­le ent­las­tet Lacan auch. Das Sub­jekt ist nicht das Erb­gut. Wir sind, so Lacan, gespal­te­ne Wesen – nie ganz, nie abge­schlos­sen. Kei­ne Opti­mie­rung schließt den Spalt, der uns zu Men­schen macht. Auch das geplan­te Kind bleibt sich selbst eine Fra­ge. Es ist nicht sein Daten­blatt. Es ist das, was es dar­aus macht.

Was würde Spinoza sagen?

Baruch de Spi­no­za bestrei­tet den frei­en Wil­len voll­stän­dig. Nie­mand wählt sei­ne Natur. Gene, Fami­lie, Zeit, Ort – Ursa­chen, die wir nie aus­ge­sucht haben, for­men uns alle. In die­sem Licht ist das Desi­gner­ba­by kein neu­es Wesen. An ihm wird nur offen geplant, was die Natur ohne­hin mit jedem von uns tut. Das macht die Sache nicht harm­los. Aber es nimmt ihr den Schre­cken, das geplan­te Kind sei „unfrei­er“ als der Rest. Frei begon­nen hat kei­ner von uns.

Spi­no­za setzt dem aber eine zwei­te Über­le­gung ent­ge­gen. Jedes Wesen strebt danach, in sei­nem Dasein zu blei­ben und sei­ne Kraft zu ent­fal­ten – er nennt die­ses Stre­ben den Cona­tus. Die­ses Stre­ben gehört dem Kind, nicht dem Plan der Eltern. Wie auch immer man es gemacht hat: Es lebt sein eige­nes Leben von innen her­aus. Kein Ent­wurf über­nimmt das für ein Kind.

Und hier liegt Spi­no­zas über­ra­schen­der Trost. Frei sein heißt für ihn nicht, ohne Ursa­che zu sein. Frei sein heißt, sei­ne Ursa­chen zu ver­ste­hen. Wer klar begreift, war­um und wie man ihn gemacht hat – wel­che Hoff­nun­gen, wel­che Ängs­te die Eltern trie­ben –, gewinnt gera­de durch die­ses Ver­ste­hen an Frei­heit. Spi­no­za zeigt im fünf­ten Teil sei­ner „Ethik“: Ein Gefühl, das wir klar erken­nen, ver­liert sei­ne Macht über uns. Wer den Wunsch durch­schaut, der ihn geformt hat, gehorcht ihm nicht mehr einfach.

Spi­no­za wür­de auch auf die Eltern schau­en. Der Drang, ein Kind zu opti­mie­ren, ent­springt oft der Angst – Angst vor Krank­heit, vor Kon­troll­ver­lust, vor einem Kind, das nicht passt. Angst ist für Spi­no­za ein schwa­ches, pas­si­ves Gefühl, das aus unkla­ren Vor­stel­lun­gen wächst. Eine Lie­be, die aus Ein­sicht han­delt, will die Lebens­kraft des Kin­des – nicht ein fes­tes Bild von ihm.

Die eigentliche Frage

Bei­de Den­ker zer­le­gen die­sel­be Fan­ta­sie: dass wir einen fer­ti­gen, man­gel­lo­sen Men­schen her­stel­len könn­ten. Lacan sagt: Das Sub­jekt ist der Spalt – kein Erb­gut schließt ihn. Spi­no­za sagt: Wir sind alle bestimmt, und Frei­heit wächst aus dem Ver­ste­hen, nicht aus opti­mier­ten Genen.

Für das Kind heißt das: Auch geplant muss es noch fin­den, wo sein eige­nes Begeh­ren anfängt. Für die Eltern heißt es: Kön­nen wir ein Kind lie­ben, das wir nicht opti­miert haben? Und kann das opti­mier­te Kind den schma­len Spalt fin­den, in dem sein eige­nes Leben beginnt – nicht das geplante?

Viel­leicht lau­tet die eigent­li­che Fra­ge nicht, ob wir Gene ver­än­dern dür­fen. Viel­leicht lau­tet sie, ob wir es aus­hal­ten, dass ein Mensch nie ganz unse­rem Wunsch ent­spricht – und dass er genau dort, im Nicht-Ent­spre­chen, zu sich selbst wird.

Zwei Gesprächspartner für die großen Fragen

Auf beratung-therapie.de ste­hen zwei KI-Chat­bots bereit, die mit sol­chen Fra­gen anders umge­hen als gewohnt. Men­ta­ra beglei­tet – sie beschreibt, was eine Fra­ge wie die­se inner­lich aus­löst, ohne sie vor­schnell weg­zu­er­klä­ren. Lac fragt zurück – direkt, manch­mal unbe­quem, immer mit genau einer Fra­ge, die nachhallt.

Bei­de stel­len kei­ne Dia­gno­sen und geben kei­ne Rat­schlä­ge. Aber bei­de neh­men ernst, was zwi­schen Erb­gut und Lebens­lauf liegt: der Mensch, der sich zu dem ver­hält, was man ihm mit­ge­ge­ben hat.

Hin­weis: Men­ta­ra und Lac sind edu­ka­ti­ve Ange­bo­te und kein Ersatz für psy­cho­the­ra­peu­ti­sche oder medi­zi­ni­sche Behandlung.

Schreibe einen Kommentar

TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste
Unser Chatbot-Duo:
Mentara ist fürsorglich – Lac rüttelt auf.
Was brauchst du gerade?
Mentara begleitet dich
Lac fordert dich heraus
Mentara ×