Gefühle benennen: Warum ‚Name it to tame it‘ wirkt und wo es endet

Über Wör­ter, die Gefüh­le beru­hi­gen, und über das, was sie nicht erreichen


Ein Satz im Auto

Du sitzt im Auto vor dem Haus dei­ner Eltern, die Hän­de am Lenk­rad, in der Brust ein Druck, den du nicht ein­ord­nen kannst. Dann fragst du dich: „Ist das etwa Angst?“ Der Druck ver­schwin­det nicht. Aber er wird ein wenig klei­ner, und du kannst wie­der bes­ser atmen.

Der Psych­ia­ter Dani­el Sie­gel hat dafür einen Merk­satz ver­brei­tet: „Name it to tame it“, frei über­setzt: Benen­ne es, um es zu zäh­men. Manch­mal heißt der Effekt auch „Rum­pel­stilz­chen-Effekt“. Wie im Mär­chen ver­liert ein Gefühl einen Teil sei­ner Macht, sobald es einen Namen hat. Gefüh­le benen­nen gilt hier und heu­te als ein­fa­cher Griff gegen fast alles, auf Post­kar­ten, in Erzie­hungs­rat­ge­bern und in The­ra­pie-Apps. Wie viel davon hält einer Prü­fung stand? Und war­um sagt Sie­gel den Satz heu­te selbst anders?


Was die Forschung zeigt

Der Fach­be­griff heißt „Affect Labe­l­ing“. Matthew Lie­ber­man und sein Team an der UCLA unter­su­chen ihn seit Jah­ren. In ihren Hirn­scans fährt die Amyg­da­la, eine Art Alarm­an­la­ge für Bedro­hung, weni­ger stark hoch, wenn Ver­suchs­per­so­nen die Gefüh­le auf einem Bild benen­nen, als wenn sie das Bild nur anse­hen. Gleich­zei­tig wird ein Bereich im rech­ten unte­ren Stirn­hirn aktiver.

Jared Tor­re und Lie­ber­man haben die Stu­di­en 2018 in einer Über­sicht zusam­men­ge­tra­gen. Wer Gefüh­le benennt, berich­tet von weni­ger Belas­tung, und der Kör­per reagiert schwä­cher, etwa mit nied­ri­ge­rer Herz­fre­quenz oder weni­ger Schweiß auf der Haut. Das Wirk­mus­ter ähnelt dem einer bewuss­ten Umdeu­tung, obwohl sich Benen­nen gar nicht nach Gefühls­re­gu­la­ti­on anfühlt. Dazu passt ein Befund, der über­rascht: Die meis­ten Men­schen erwar­ten, dass Benen­nen es schlim­mer macht. In einer Stu­die sag­ten die Teil­neh­men­den mehr Belas­tung vor­aus und berich­te­ten dann weniger.

Eine Aus­wer­tung von über einer Mil­li­ar­de Tweets (Fan und Kol­le­gen, 2019) passt eben­falls: Nach Sät­zen wie „Ich füh­le …“ klang die Spra­che der Schrei­ben­den schon nach kur­zer Zeit weni­ger auf­ge­wühlt. Aller­dings fehlt dort eine Ver­gleichs­grup­pe, und wer „Ich füh­le“ twit­tert, stellt sich zugleich dar. Das ist ein Hin­weis, kein Beweis.

Die For­schen­den selbst beto­nen, dass ihr For­schungs­an­satz noch am Anfang steht. War­um Benen­nen wirkt, ist nicht geklärt. Vor­ge­ge­be­ne Wör­ter beru­hi­gen in den Stu­di­en meist sofort. Selbst gefun­de­ne wir­ken oft erst mit Ver­zö­ge­rung und ver­stär­ken die Belas­tung manch­mal zunächst. Und fast alles stammt aus dem Labor: kur­ze Wör­ter, Bil­der, weni­ge Minu­ten. Mit einer The­ra­pie hat das noch wenig zu tun.


Zähmen oder einrahmen?

Sie­gel hat den Satz spä­ter selbst geän­dert. In einem Kon­fe­renz­ge­spräch erzählt er, eine Zuhö­re­rin habe ihm gesagt, das Wort „zäh­men“ sei für sie ver­let­zend, weil ihre Vor­fah­ren ver­sklavt wur­den. Er nahm den Ein­wand ernst und sagt seit­dem „Name it to frame it“: Benen­ne es, um es ein­zu­rah­men. Gemeint ist, ein Erleb­nis wie ein Bild in einen Rah­men zu set­zen, damit du die gan­ze Sze­ne über­bli­cken kannst. Das Gefühl soll ver­ständ­lich wer­den und sich in eine Geschich­te ein­ord­nen las­sen. Es soll stär­ken, statt herabzusetzen.

Das ist mehr als eine ande­re Wort­wahl. „Zäh­men“ klingt nach Kon­trol­le über etwas Wil­des, „ein­rah­men“ nach Ver­ste­hen. Damit rückt Sie­gel näher an den Phi­lo­so­phen Baruch de Spi­no­za als an die Regu­la­ti­ons­for­schung, mit der sein Satz berühmt wur­de. Und er stellt eine Fra­ge, die den Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan inter­es­siert: Wer legt den Rah­men fest? Lacan zufol­ge stützt das „Phan­tas­ma“, also eine unbe­wuss­te Grund­sze­ne, unse­re Wirk­lich­keit und gibt ihr einen fes­ten Zuschnitt; Žižek hat dar­aus das Bild vom Rah­men gemacht, durch den wir auf sie bli­cken. Ein Rah­men kann Halt geben, und er kann den Blick auf einen Aus­schnitt begren­zen. Vor allem ver­deckt er bei Lacan einen Man­gel, das Begeh­ren des Anderen.


Spinoza wusste das schon

In der Ethi­ca, Teil V, Lehr­satz 3, schreibt Spi­no­za: Ein Affekt, der uns zum Lei­den­den macht, hört auf, Lei­den zu sein, sobald wir uns eine kla­re und deut­li­che Vor­stel­lung von ihm bil­den. Für ihn ist ein Gefühl, das uns über­rollt, ein ver­wor­re­nes Bild. Wir spü­ren den Druck, aber wir wis­sen nicht, woher er kommt. Ein Wort kann der ers­te Schritt sein, die­ses Bild zu schärfen.

Zugleich geht er wei­ter als die For­schung. „Angst“ zu sagen genügt ihm nicht. Er will wis­sen, woher die Angst kommt und wor­an sie sich fest­ge­macht hat: an den Eltern, an einer Erin­ne­rung, an einem Satz von ges­tern. Das Benen­nen ist bei ihm der Anfang von Erkennt­nis und kein Abschluss. Die Stu­di­en mes­sen, ob es dir hin­ter­her bes­ser geht. Spi­no­za fragt, ob du hin­ter­her mehr verstehst.


Wo Lacan mitgeht

Lie­ber­man nennt als einen mög­li­chen Mecha­nis­mus die „sym­bo­li­sche Umwand­lung“: Ein Gefühl, das im Kör­per sitzt, wird in Spra­che über­setzt. Das ist Lacans Gebiet. Wo die Wör­ter feh­len, rückt für ihn das „Rea­le“ nah, und Angst ist der Affekt, der das anzeigt. Im Bei­trag zum Sinn des Lebens habe ich das an Lacans Les­art des klei­nen Hans gezeigt: Das Pferd gibt einer Angst einen Gegen­stand. Auch die „Rede­kur“, die Freud begrün­det hat und Lacan ver­tief­te, lebt von die­ser Wir­kung. Wer spricht, ist dem, was ihn bedrängt, nicht mehr nur ausgeliefert.

Auch im Mär­chen liegt der Name nicht bei der Köni­gin bereit. Er kommt von außen, über einen Boten, der im Wald ein Lied belauscht. Bei Lacan gilt das für jedes Wort: Die Wör­ter, mit denen wir uns benen­nen, haben wir nicht erfun­den. Sie stam­men aus der Spra­che, die ande­re uns gege­ben haben.


Wo Lacan widerspricht

Der ers­te Ein­wand: Beru­hi­gen ist nicht Ver­än­dern. Dass der Kör­per ruhi­ger wird, ist ein Gewinn, den nie­mand klein­re­den soll­te. Lacan geht es aber um das Sym­ptom, das sich wie­der­holt und gegen jede Ver­än­de­rung wehrt, weil es einen ver­bor­ge­nen Zweck erfüllt. Wer „Ich bin wütend“ sagt, bekommt ein ruhi­ge­res Ich, und das Sym­ptom bleibt, wo es war. Ver­än­dern kann sich bei Lacan etwas erst im frei­en Spre­chen in der Analyse.

Der zwei­te Ein­wand: Ein Wort ver­weist auf das nächs­te. „Wut“ ist für Lacan kein End­punkt, denn ein „Signi­fi­kant“, also ein sprach­li­ches Zei­chen, bedeu­tet nur in Ver­bin­dung mit ande­ren Zei­chen etwas. In der Ana­ly­se folgt auf das ers­te Wort ein zwei­tes, das das ers­te ver­schiebt. Manch­mal kommt das Wort, das etwas bewegt, als Ver­spre­cher, den du gar nicht beab­sich­tigt hast. Das Ich, das sich beob­ach­tet und ein Eti­kett ver­gibt, kennt sich für Lacan nur im trü­ben Bild und ver­kennt dabei vie­les. Wenn Benen­nen das Ich beru­higt, kann es also zugleich dafür sor­gen, dass du auf­hörst zu fragen.


Etikett oder eigenes Wort?

In mei­nem Bei­trag über den guten Gesprächs­part­ner steht, dass ein schnel­les Eti­kett meist eine Tür zumacht. Die Stu­di­en zei­gen ein gemisch­tes Bild: Ein vor­ge­ge­be­nes Wort beru­higt rasch. Ein selbst gefun­de­nes braucht län­ger und tut manch­mal zuerst weh. Ich ver­mu­te, dass im zwei­ten Fall mehr pas­siert, weil du dabei etwas von dir erfährst. Das ist eine Ver­mu­tung und kein Befund.


Was bleibt

„Name it to tame it“ ist ein brauch­ba­rer Griff für den Moment, „Name it to frame it“ die genaue­re Ver­si­on. Das Wort bremst den Kör­per. Ob es dir auch etwas über dich erzählt, hängt davon ab, was du danach tust. Bleibst du beim ers­ten Wort ste­hen, oder fragst du: Woher ken­ne ich das?


Wenn du das nächs­te Mal dei­ne Gefüh­le benennst: Beru­higt dich das Wort, oder beru­higt es dich gera­de so weit, dass du auf­hörst zu fragen?


Häufige Fragen

Was bedeutet „Name it to tame it“?

Der Satz stammt vom Psych­ia­ter Dani­el Sie­gel, der ihn unter ande­rem in „The Who­le-Brain Child“ (2011) ver­brei­tet hat, und heißt frei über­setzt: Benen­ne es, um es zu zäh­men. Gemeint ist, dass ein Gefühl an Wucht ver­liert, wenn du es in Wor­te fasst. In der For­schung heißt das „Affect Labe­l­ing“, im Netz auch „Rum­pel­stilz­chen-Effekt“. Sie­gel selbst bevor­zugt inzwi­schen „Name it to frame it“: Benen­ne es, um es einzuordnen.

Hilft es wirklich, Gefühle zu benennen?

Die Stu­di­en­la­ge spricht dafür: Wer Gefüh­le benennt, berich­tet von weni­ger Belas­tung, der Kör­per reagiert schwä­cher, und die Amyg­da­la wird in Hirn­scans ruhi­ger. Die For­schung steht aber noch am Anfang. Fast alle Stu­di­en stam­men aus dem Labor und prü­fen kur­ze Wör­ter und Bil­der. War­um der Effekt ent­steht, ist nicht geklärt, und mit einer The­ra­pie lässt er sich nicht gleichsetzen.

Was sagen Spinoza und Lacan dazu?

Spi­no­za hat den Gedan­ken vor­weg­ge­nom­men: Ein leid­vol­ler Affekt ver­liert sei­ne Macht, wenn wir eine kla­re und deut­li­che Vor­stel­lung von ihm bil­den. Für ihn ist Benen­nen der Anfang von Erkennt­nis. Lacan stimmt zu, dass Spra­che Gefüh­le bin­det, bezwei­felt aber, dass ein Eti­kett das Sym­ptom erreicht. Ver­än­dern kann sich bei ihm etwas erst im frei­en Spre­chen, in dem ein Wort auf das nächs­te verweist.


Bezug: Dani­el J. Sie­gel und Tina Pay­ne Bry­son, The Who­le-Brain Child (2011). Dani­el Sie­gel zu „Name it to frame it“ in einem Kon­fe­renz­ge­spräch (Tran­skript, 2021). Matthew D. Lie­ber­man u. a., „Put­ting Fee­lings Into Words“, Psy­cho­lo­gi­cal Sci­ence (2007). Jared B. Tor­re und Matthew D. Lie­ber­man, „Put­ting Fee­lings Into Words: Affect Labe­l­ing as Impli­cit Emo­ti­on Regu­la­ti­on“, Emo­ti­on Review 10(2), 2018. Rui Fan u. a., Natu­re Human Beha­viour (2019), zur Aus­wer­tung von „Ich fühle“-Tweets. Brü­der Grimm, Rum­pel­stilz­chen (KHM 55). Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca (1677), Teil V, Lehr­satz 3. Jac­ques Lacan, „Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se“ (1953), Semi­nar IV (1956/57) und Semi­nar X (1962/63).

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