Ursachen einer Depression

Du hast eine Depres­si­on. Oder: Du bist depres­siv. Oder: Du lei­dest an Depres­sio­nen. Schon die Spra­che zeigt das Pro­blem – sie macht aus einem leben­di­gen, kom­ple­xen Erle­ben ein Ding. Etwas, das du irgend­wie mit dir trägst. Doch was ist Depres­si­on wirk­lich? Und wo fängt sie an?

Warum es keine einfache Antwort gibt

Neu­ro­lo­gen suchen die Depres­si­on im Gehirn. Gene­ti­ker suchen sie in den Genen. Sozio­lo­gen suchen sie in der Gesell­schaft. Alle fin­den etwas – und alle haben recht. Das Pro­blem ist nur: Wer nur auf ein Teil schaut, sieht nie das Ganze.

Was ich dir hier zei­gen möch­te, ist kein Lehr­buch-Über­blick. Es sind fünf Grund­an­nah­men aus mehr als zwan­zig Jah­ren the­ra­peu­ti­scher Arbeit – Din­ge, die sich immer wie­der gezeigt haben, unab­hän­gig davon, wer vor mir saß und was ihn oder sie in die Pra­xis geführt hat.

Spi­no­za hät­te die­sen Ansatz ver­stan­den. Er miss­trau­te Erklä­run­gen, die ein Phä­no­men auf eine ein­zi­ge Ursa­che zurück­füh­ren. Für ihn war alles, was exis­tiert, Teil eines umfas­sen­de­ren Zusam­men­hangs – und nur wer die­sen Zusam­men­hang sieht, ver­steht wirk­lich, was er betrachtet.

Erstens: Nichts existiert für sich allein

Eine Depres­si­on ist nie nur eine Sache dei­nes Gehirns. Sie ist auch nie nur eine Fra­ge der Erzie­hung, der Part­ner­schaft oder der Arbeit. Sie ent­steht dort, wo vie­le Din­ge zusam­men­kom­men – dein Kör­per, dei­ne Geschich­te, dei­ne Bezie­hun­gen, dei­ne Gedan­ken über dich selbst.

Das klingt selbst­ver­ständ­lich. Ist es aber nicht. Denn die Ver­su­chung ist groß, eine ein­zel­ne Ursa­che zu fin­den. Wenn ich nur mei­nen Sero­ton­in­spie­gel regu­lie­ren könn­te. Wenn ich nur aus die­ser Bezie­hung raus wäre. Wenn ich nur nicht so viel grü­beln wür­de. Die­se Gedan­ken ent­las­ten kurz – und füh­ren dann oft wie­der in die Sack­gas­se, weil das eine Pro­blem gelöst ist und die Depres­si­on trotz­dem bleibt.

Was wirk­lich hilft, ist ein Blick auf das Gan­ze. Auf dich als Per­son in dei­ner Welt – nicht auf ein iso­lier­tes Sym­ptom in dei­nem Kopf.

„Die Din­ge konn­ten auf kei­ne ande­re Wei­se und in kei­ner ande­ren Ord­nung von Gott her­vor­ge­bracht wer­den, als sie her­vor­ge­bracht wor­den sind.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik I, Satz 33

Zweitens: Depression ist immer auch eine Beziehungsstörung

Du wirst durch Kon­takt mit ande­ren Men­schen zu dem, was du bist. Das ist kein roman­ti­scher Gedan­ke – das ist Psy­cho­lo­gie. Dein Selbst­bild, dein Sicher­heits­ge­fühl, dei­ne Fähig­keit, Freu­de zu emp­fin­den: all das ent­steht in Bezie­hung. Und wenn Bezie­hun­gen nicht gut lau­fen – wenn Kon­takt abbricht, wenn du dich unver­stan­den fühlst, wenn du immer funk­tio­nierst aber nie wirk­lich gese­hen wirst – dann fängst du an zu leiden.

Das bedeu­tet nicht, dass jemand ande­res Schuld an dei­ner Depres­si­on ist. Es bedeu­tet: Depres­si­on ent­steht sel­ten im luft­lee­ren Raum. Sie ent­steht in einem sozia­len Gefü­ge, das irgend­wo in Unord­nung gera­ten ist. Und sie zeigt sich auch dar­in: im Rück­zug, im Schwei­gen, im Gefühl, ande­ren zur Last zu fallen.

Umge­kehrt gilt: Hei­lung geschieht auch in Bezie­hung. Nicht nur auf der Couch eines The­ra­peu­ten – son­dern über­all dort, wo ech­ter Kon­takt entsteht.

Drittens: Depression ist kein Ding – sie ist ein Prozess

„Ich habe eine Depres­si­on“ – die­ser Satz ist pro­ble­ma­tisch. Er sug­ge­riert etwas Sta­ti­sches, etwas, das man hat wie einen gebro­che­nen Arm. Aber Depres­si­on ist kein Objekt. Sie ist ein Pro­zess – etwas, das sich bewegt, das sich ver­än­dert, das Pha­sen hat.

Wer das ver­steht, schaut anders auf sich. Nicht: Ich bin depres­siv, das ist jetzt mein Zustand. Son­dern: Ich befin­de mich gera­de in einem Pro­zess, der sich so anfühlt. Und Pro­zes­se kön­nen sich verändern.

Es gibt Men­schen, die seit Jah­ren mit dem Satz leben: „Ich bin depres­siv.“ Die­ser Satz ist zu einem Teil ihrer Iden­ti­tät gewor­den. Das ist mensch­lich ver­ständ­lich – und gleich­zei­tig einer der här­tes­ten Rie­gel vor der Tür zur Ver­än­de­rung. Wer du bist, ist nicht das, was gera­de mit dir passiert.

Viertens: Hinter jeder Depression steckt ein Konflikt

Das ist viel­leicht die Beob­ach­tung, die mich am meis­ten beschäf­tigt. Denn sie ist fast immer da – bei nahe­zu jedem Men­schen, der mit einer Depres­si­on zu kämp­fen hat.

Der Kon­flikt sieht meis­tens so aus: Ande­re erwar­ten etwas von dir. Du erwar­test etwas von ande­ren. Irgend­wo zwi­schen die­sen Erwar­tun­gen klafft eine Lücke – und du fin­dest kei­nen Weg, mit die­ser Lücke umzu­ge­hen. Also hältst du durch. Funk­tio­nierst. Schluckst. Bis irgend­wann nichts mehr geht.

Spi­no­za wür­de sagen: Du wirst von einem Affekt getrie­ben, den du nicht ver­stehst. Du weißt, dass etwas nicht stimmt – aber du weißt nicht, was. Und was du nicht ver­stehst, kann dich trei­ben, bis du erschöpft bist.

Der Kon­flikt muss nicht gelöst wer­den, um bes­ser zu wer­den. Aber er muss gese­hen wer­den. Benannt. Aus dem Dun­keln geholt, wo er dich im Ver­bor­ge­nen zermürbt.

Fünftens: Unterdrückte Gefühle spielen fast immer eine Rolle

Wut und Depres­si­on sind alte Bekann­te. Das ist in der Fach­li­te­ra­tur gut beschrie­ben – wird aber in der Pra­xis noch immer zu wenig ernst genom­men. Wer sei­nen Ärger nicht zei­gen darf oder kann, wer gelernt hat, Emo­tio­nen weg­zu­ste­cken, wer Trau­er nicht zulässt oder Scham nicht benen­nen kann – der trägt das irgend­wo in sich. Und irgend­wann drückt es dich nach unten.

Depres­si­on ist oft Wut ohne Adres­se. Trau­er ohne Aus­druck. Scham, die sich selbst ver­steckt. Das klingt hart – und ist gleich­zei­tig eine gute Nach­richt. Denn was unter­drückt ist, kann auch wie­der ans Licht gebracht wer­den. Was kei­nen Aus­druck hat, kann einen finden.

Das ist kei­ne schnel­le Lösung. Aber es ist ein ech­ter Ansatz. Und er erklärt, war­um rein medi­ka­men­tö­se Behand­lung allein so oft nicht reicht: Tablet­ten kön­nen die Neu­ro­che­mie sta­bi­li­sie­ren. Aber sie kön­nen nicht sagen, was du seit Jah­ren nicht sagen durftest.

„Ein Affekt kann nur durch einen ande­ren, stär­ke­ren Affekt gehemmt oder auf­ge­ho­ben werden.“

Baruch de Spi­no­za, Ethik IV, Satz 7

Was das bedeutet – für dich

Die­se fünf Punk­te sind kein The­ra­pie­pro­gramm. Sie sind eine Ein­la­dung, anders auf das zu schau­en, was du mit „Depres­si­on“ meinst. Nicht als Defekt. Nicht als Schick­sal. Son­dern als Signal – laut, unbe­quem, aber nicht sinnlos.

Wenn du ver­stehst, was in dir vor­geht, ver­liert das, was dich treibt, ein Stück sei­ner blin­den Macht. Das ist der Kern­ge­dan­ke Spi­no­zas. Und er gilt hier genau­so wie über­all sonst.

Lesen Sie hier mehr zum The­ma „Sym­pto­me und Behand­lung einer Depression“

 

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