Über einen entzifferten Kriegsbrief – und die Frage, ob man aus einem Text einen Menschen lesen kann
Ein Brief, den niemand allein geschrieben hat
Ende März 1809, ein General in Dalmatien. Er weiß, dass Österreich rüstet. Er weiß nicht, wie stark die eigenen Truppen wirklich sind, wo sie stehen und ob er im Ernstfall allein dasteht. Dann kommt ein verschlüsselter Brief voller Zahlen: vierzigtausend Bayern in München und Passau, dreißigtausend Polen an der Weichsel, achtzigtausend Franzosen bei Bayreuth. Und am Ende der Rat, sich von ein paar Truppen und einer Ansammlung von Gesindel nicht einschüchtern zu lassen.
Dieser Brief aus dem Jahr 1809, im Namen Napoleons verfasst, ist jetzt entziffert worden, laut einem Bericht von einer KI, aus dem Scan einer verschlüsselten Handschrift, nach 217 Jahren. Er ging an General Marmont. Entstanden ist er im Hauptquartier von Eugène de Beauharnais, dem Vizekönig von Italien, und Napoleon hatte angeordnet, Marmont auf diesem Weg zu informieren. Napoleon hat den Brief also nicht selbst geschrieben. Als „Napoleons Brief“ gilt er trotzdem, weil er auf dessen Anweisung entstand und zu Napoleons gedruckter Korrespondenz gehört, in der diese Passage bisher fehlte. Napoleon spricht aus ihm, ohne dass er dasitzt und schreibt.
Mich reizt daran eine Frage: Lässt sich mit dem Philosophen Baruch de Spinoza und dem Psychoanalytiker Jacques Lacan aus einem solchen Text etwas über die Lage Napoleons sagen? Die Antwort beginnt mit einem Nein und wird dann zu einem genaueren Ja. Und sie ist hier und heute nicht nur historisch interessant, wo wieder ständig von Aufrüstung, Bedrohungslagen und Feindbildern die Rede ist. Wer solche Sprache lesen will, muss zuerst wissen, was ein Text hergibt und was nicht.
Was im Brief steht – und wie er klingt
Die erste Hälfte ist Buchhaltung der Macht. Der Brief zählt auf, wer wo mit wie vielen Männern steht. Auffällig ist, dass die meisten Befehlshaber nur mit ihren Titeln auftreten: Herzog von Danzig, Herzog von Auerstedt, Herzog von Rivoli, Prinz von Ponte-Corvo. Titel, die der Kaiser verliehen hat. Selbst die Namen der Männer, auf die er sich stützt, sind Zeichen seiner Macht.

Die zweite Hälfte ist Beruhigung. Österreich werde von allen Seiten sofort angegriffen und eile auf seinen Untergang zu. Und ganz am Schluss kippt der Ton: Es gebe noch nichts Definitives, die Österreicher könnten Truppen nach Galizien schicken, und ob die einberufene Miliz der Armee viel nützt, sei unbewiesen. Wer diesen Brief liest, bekommt Gewissheit und Zweifel in einem Atemzug.
Wer spricht hier? – Lacan
Napoleon kommt im Brief nicht mit Namen vor, nur als „Seine Majestät“. Das ist mehr als eine Höflichkeitsformel. Lacan nennt ein Wort, das ohne Begründung Befehle trägt und an dem sich alle anderen Wörter ausrichten, einen „Herrensignifikanten“. „Seine Majestät“ ist so ein Wort. Der Briefschreiber muss nichts erklären. Er muss nur sagen, dass die Befehle von dort stammen.
Lacan unterscheidet außerdem zwischen dem „Subjekt der Aussage“, dem Ich, das im Satz vorkommt, und dem „Subjekt der Äußerung“, dem, von dem das Gesagte tatsächlich ausgeht. Meistens fallen beide zusammen, ohne dass wir es merken. In diesem Brief liegen sie sichtbar auseinander. Das Ich, das sich beeilt, Marmont zu informieren, ist ein Bote. Gesprochen wird von einem anderen Ort aus, dem des Kaisers. Der Brief spricht wie ein Gesetz. Er muss nicht überzeugen, weil er von dem Ort kommt, an dem die Befehle entstehen.
Marmont, weit weg in Dalmatien, kennt den Gesamtplan nicht. Er nimmt aber an, dass es einen gibt und dass jemand ihn kennt. Das erinnert an das, was Lacan in der Analyse das „Subjekt, dem Wissen unterstellt wird“ nennt: die Position, in der man jemandem zutraut, das Wissen zu besitzen, das einem selbst fehlt. Das ist eine Analogie, keine Gleichung. Was Marmont tatsächlich dachte, wissen wir nicht. Der Brief gibt es nicht her.
Und noch etwas geschieht. Am Ende gibt der Brief zu, dass auch der Ort, von dem aus gesprochen wird, nicht alles weiß. Der Plan der Österreicher ist unklar, die Miliz ein unbekannter Faktor. Für Lacan ist der große Andere genau das: ein Ort, von dem man Vollständigkeit erwartet und der sie nie liefert. Was sich an einem Krieg nicht planen lässt, was Lacan das Reale nennt, bricht in den letzten Zeilen in den Brief ein und lässt sich nicht in Zahlen auflösen.
Zahlen als Beruhigung – Spinoza
Mit Spinoza liest man den Brief als Mittel, Affekte zu steuern. Dass er überhaupt davor warnt, sich einschüchtern zu lassen, zeigt, dass sein Schreiber mit Furcht rechnet.
Spinoza beschreibt Hoffnung und Furcht als zwei Seiten derselben Sache. Beide entstehen aus dem Zweifel über den Ausgang einer Sache, beide sind unbeständig, und es gibt keine Hoffnung ohne Furcht. Nimmt man den Zweifel weg, wird aus Hoffnung Zuversicht und aus Furcht Verzweiflung. Der Brief ist darauf gebaut, bei Marmont den Zweifel zu tilgen, aber nur auf einer Seite. Die Zahlen sollen zeigen, dass Österreich verloren hat, noch ehe es angefangen hat. Das Gesindel, das man nicht fürchten soll, ist Geringschätzung als Technik: Wer den Gegner kleinredet, macht ihn weniger furchterregend, aber nicht schwächer.
Im Vorwort seines Theologisch-politischen Traktats beschreibt Spinoza Menschen, die zwischen Hoffnung und Furcht hin- und hergerissen werden und deshalb leicht zu lenken sind. Diese Mechanik erkennt man im Brief wieder. Er behauptet Gewissheit und liefert den Zweifel gleich mit. Der Schluss ist kein Ausrutscher. Er ist der Rest, den auch der kräftigste Ton nicht tilgt.
Auch die Zahlen selbst gehören zu dieser Wirkung. Spätere Nachschlagewerke nennen für April 1809 teils deutlich niedrigere Stärken für dieselben Korps, rund 50.000 Mann für Davout, wo der Brief 80.000 angibt. Ob das Schönfärberei ist oder nur verschiedene Zählweisen und Zeitpunkte spiegelt, lässt sich aus dem Brief nicht entscheiden. Das ist eine Frage für Historiker.
Und Napoleon selbst? Was sich nicht sagen lässt
Bis hierher habe ich den Brief gelesen, nicht den Mann. Der Schritt vom Text zur Person ist der, an dem psychologische Geschichtsdeutung gern entgleist. Aus dem beruhigenden Ton wird dann schnell ein Napoleon, der seine eigene Angst überspielt, oder einer im Größenwahn. Dafür gibt der Brief nichts her. Er stammt aus einem Stab, entstand im Auftrag, ist verschlüsselt, wurde nach über zwei Jahrhunderten von einer KI entziffert und ins Deutsche übersetzt. Zwischen dem Kaiser und uns liegen mindestens vier Vermittlungen.
Dazu kommt, was Lacan für seine Arbeit voraussetzt. Am Subjekt arbeitet man bei ihm nur in der analytischen Situation, in der jemand spricht, frei assoziiert und ein anderer zuhört. Ein Archivstück ist kein Analysand. Und Spinoza, der Affekte so untersuchen wollte, als wären sie Linien, Flächen und Körper, gibt uns zwar Werkzeug, um Wirkungen zu beschreiben, aber keinen Blick in die Brust des Absenders.
Was sich sagen lässt: von welchem Ort aus der Brief spricht, welche Affekte er erzeugen soll, mit welchen Mitteln und wo er sich selbst widerspricht. Das ist Textanalyse mit Begriffen aus der Psychoanalyse und der Affektenlehre. Sie sagt nichts darüber, ob Napoleon an diesem Tag Angst, Zuversicht oder Langeweile spürte.
Eine Frage hinterlässt dieser Napoleon-Brief, und sie bleibt offen. Wer jemandem so nachdrücklich zuredet, sich nicht einschüchtern zu lassen, rechnet mit Furcht. Ob er dabei auch an die eigene denkt, steht nirgends im Brief. Deshalb bleibt es eine Frage und wird keine Diagnose.
Häufige Fragen
Hat Napoleon diesen Brief selbst geschrieben?
Nach dem, was bisher berichtet wird, nein. Der Brief entstand Ende März 1809 im Hauptquartier von Eugène de Beauharnais, dem Vizekönig von Italien, und ging an General Marmont. Napoleon hatte angeordnet, dass Marmont auf diesem Weg über die französischen und verbündeten Armeen informiert wird. Er ist also der Auftraggeber, nicht der Schreiber, und im Brief selbst tritt er nur als „Seine Majestät“ auf. Als „Napoleons Brief“ läuft das Schreiben, weil es zu dessen gedruckter Korrespondenz gehört.
Kann man historische Personen aus Quellen psychoanalytisch deuten?
Nur sehr begrenzt. Psychoanalyse arbeitet mit der Rede eines Menschen in der analytischen Situation, nicht mit Archivstücken. Wer klinische Etiketten auf Quellen klebt, betreibt das, was man Psychohistorie nennt, und überschreitet leicht die Grenzen dessen, was ein Text hergibt. Möglich ist etwas Bescheideneres: einen Text daraufhin zu lesen, von wo aus er spricht, welche Affekte er auslösen will und wo er sich widerspricht.
Was sagt Spinoza über Hoffnung und Furcht?
Spinoza versteht beide als unbeständige Affekte, die aus dem Zweifel über den Ausgang einer Sache entstehen. Es gibt keine Hoffnung ohne Furcht und keine Furcht ohne Hoffnung. Entfällt der Zweifel, wird aus Hoffnung Zuversicht und aus Furcht Verzweiflung. Menschen, die zwischen beiden schwanken, sind nach Spinoza leicht zu lenken, weil sie von Kräften bewegt werden, die sie nicht durchschauen.
Bezug: Bericht über die Entzifferung des Briefs (all-ai.de, 2026), der sich auf den Aufsatz „Breaking the Marmont Cipher“ von Carter Church stützt.. Jacques Lacan zum Herrensignifikanten, zur Unterscheidung von Subjekt der Aussage und Subjekt der Äußerung und zum Subjekt, dem Wissen unterstellt wird. Baruch de Spinoza, Ethica (1677), Teil III (Lehrsatz 18, Anmerkung 2; Definitionen der Affekte), sowie Vorwort zum Theologisch-politischen Traktat (1670). Textgrundlage ist eine deutsche Fassung des entzifferten Briefs, die offenbar maschinell übersetzt wurde. Das Lagebild wurde mithilfe einer KI erstellt.