Selbstsabotage – wer kennt das nicht. Man weiß genau, was man tun sollte. Und tut es trotzdem nicht. Oder tut das, was man lassen sollte, immer wieder. Das hat einen Namen – und eine Erklärung, die tiefer geht als Willensschwäche.
Inhaltsverzeichnis
Das Muster, das sich wiederholt
Du nimmst dir vor, früher schlafen zu gehen. Und scrollst wieder bis Mitternacht. Du weißt, dass diese Beziehung dir nicht guttut. Und rufst trotzdem an. Du hast aufgehört zu trinken, zu rauchen, zu viel zu essen – und fängst wieder an. Nicht aus Dummheit. Nicht aus Schwäche. Sondern weil da etwas mitläuft, das stärker ist als der gute Vorsatz.
Dahinter steckt etwas, das mit Charakter wenig zu tun hat.
Lust ist nicht das Ziel
Die meisten Menschen gehen davon aus, dass wir Lust suchen und Unlust vermeiden. Das klingt einleuchtend. Und es stimmt – aber nur zum Teil.
Sigmund Freud hat als einer der ersten bemerkt, dass das menschliche Unbewusste nicht einfach nach Lust strebt. Es gibt Momente, in denen Menschen sich Situationen aussetzen, die ihnen schaden – immer wieder, als würden sie von etwas angezogen, das sie gleichzeitig abstößt. Er nannte das den Wiederholungszwang: die rätselhafte Tendenz, dasselbe noch einmal zu erleben, auch wenn es wehtut.
Jacques Lacan hat diesen Gedanken weitergeführt. Er nennt es Jouissance – ein Begriff, der sich kaum übersetzen lässt. Es ist eine Intensität jenseits der normalen Lust. Ein Erleben, das zieht, reißt, verausgabt. Das Körperliche daran, das Exzessive, das Zwanghafte. Und das Entscheidende: Es operiert im Unbewussten. Man spürt seine Wirkung – aber man weiß nicht, woher sie kommt.
„Jouissance“ – das Genießen, das nie satt wird
Das Unbewusste arbeitet nicht für normale Lust. Es arbeitet für „Jouissance“ – und „Jouissance“ kann strukturell nie vollständig erreicht werden. Das ist kein Zufall und kein Defekt. Es ist die Logik des Wiederholungszwangs: Man sucht eine Intensität, die man immer verfehlt – und sucht sie deshalb erneut.
Das erklärt, warum die zweite Zigarette so viel weniger befriedigt als die erste – und man trotzdem zur dritten greift. Warum manche Beziehungen dieselbe schmerzhafte Dynamik haben wie die vorherige. Das Unbewusste sucht nicht nach Glück, sondern nach der vertrauten Intensität, die es kennt – auch wenn sie schadet.
Und hier liegt der entscheidende Punkt: Man weiß das nicht. Man kann es nicht wissen – weil es sich im Unbewussten abspielt, das sich dem bewussten Zugriff strukturell entzieht. Wer meint, sein Muster zu „erkennen“ und daraufhin zu unterbrechen, bewegt sich in einem anderen Rahmen – dem der Achtsamkeit, der Verhaltenstherapie, der Selbstbeobachtung. Das sind keine falschen Herangehensweisen. Aber sie weisen eben nicht darauf hin was Lacan als wesentlich erkannt und beschrieben hat.
Warum Vernunft hier nicht weiterhilft
Baruch de Spinoza würde sagen: Ein Affekt kann nur durch einen stärkeren, entgegengesetzten Affekt überwunden werden. Wissen allein ändert nichts. Wer weiß, dass etwas falsch ist, handelt deshalb nicht automatisch anders – weil das Wissen kein Affekt ist, sondern ein Gedanke. Und Gedanken sind schwächer als Affekte.
Lacan geht noch weiter: „Jouissance“ lässt sich nicht durch Vernunft auflösen, weil sie nicht im Denken sitzt, sondern tiefer – im Körper, in der Geschichte, in den frühesten Erfahrungen davon, wie sich Intensität anfühlt. Das Muster ist dem Bewusstsein nicht zugänglich. Nicht weil man nicht aufmerksam genug wäre. Sondern weil das so strukturiert ist.
Was hinter der Selbstsabotage wirklich steckt
Was wir Selbstsabotage nennen, ist oft kein Sabotieren. Es ist ein Folgen – einem Zug, der stärker ist als der bewusste Plan, und dessen Herkunft man nicht kennt.
Lacan beschreibt das Symptom – also das Wiederholungsmuster – als etwas, das das Subjekt verteidigt. Nicht bewusst. Aber das Symptom gibt etwas, das man verlieren würde, wenn es verschwände. Es macht das Leben in gewisser Weise reicher – oder zumindest vertrauter. Das ist der Grund, warum Symptome so hartnäckig sind: Sie erfüllen eine Funktion, die man nicht sieht.
Das ist kein Urteil. Es ist eine Erklärung. Und sie ist unbequemer als die Vorstellung, man müsse nur genauer hinschauen und könnte dann aufhören.
Was sich verändern lässt – und wie
Lacan ist kein Optimist. Er bietet keine Technik der Selbstbeobachtung, keine Methode der Mustererkennung. Das einzige Mittel, das er kennt, ist das Sprechen – die freie Assoziation in der Analyse. Nicht um das Muster zu erkennen und zu unterbrechen. Sondern um durch langes Sprechen eine veränderte Beziehung zur eigenen Jouissance zu entwickeln.
Viele mögen an dieser die Frage stellen: „Brauchen dann nicht alle Menschen eine Analyse?“ Die Antwort ist verblüffend einfach: Jeder Mensch hat „Jouissance“ und auch Symptome — das ist die menschliche Grundbedingung. Aber Analyse braucht nur, wer an seinen Symptomen so leidet, dass er nicht mehr leben kann wie bisher. Wer seine Jouissance anderswo unterbringt — in Kunst, Arbeit, Beziehungen, Religion — braucht keine Analyse.
Lacan nennt das Ziel traversée du fantasme – das Durchqueren des Phantasmas. Nicht Heilung im Sinne des Verschwindens. Sondern eine andere Haltung zu dem, was einen antreibt. Man wiederholt vielleicht noch – aber anders. Weniger zwanghaft. Mit etwas mehr Abstand zu dem, was einen früher vollständig mitgerissen hat.
Das ist ein langer Prozess. Er gelingt nicht durch Einsicht allein. Er braucht jemanden, der zuhört – und der den Redenden sprechen lässt, ohne sofort zu erklären.
Selbstsabotage ist also kein Versagen. Sie ist ein Zeichen, dass da etwas operiert, das älter ist als der aktuelle Plan, das tiefer sitzt als der gute Vorsatz, und das man – beim besten Willen – nicht einfach abstellen kann. Das anzuerkennen ist nicht Resignation. Es ist der erste Schritt dahin, nicht länger allein damit zu kämpfen.
Dieser Artikel verbindet Lacans Begriff der Jouissance und des Wiederholungszwangs – entwickelt besonders in Seminar VII (Die Ethik der Psychoanalyse, 1959/60) und Seminar XX (Encore, 1972/73) – mit Spinozas Theorie der Affekte. Zum Konzept des Begehrens bei Lacan: Was ist Begehren? Ein zentraler Begriff bei Lacan.