Über die Flucht vor der eigenen Angst, die beim anderen landet
Die Person, vor der alle leiser werden
Du kennst vielleicht so jemanden. Sehr oft ist es ein Mann. Es kann aber auch eine Frau sein. Er kommt in den Raum, und die Gespräche werden vorsichtiger. Alle rechnen damit, dass er gleich jemanden vorführt, und richten sich danach aus. Er wirkt dabei vollkommen sicher, als kenne er keinen Zweifel. Die anderen behandeln ihn wie etwas, das jederzeit losgehen kann.
Und doch beschleicht dich manchmal der Verdacht, dass unter dieser Härte etwas anderes sitzt. Dass der, vor dem alle Angst haben, selbst voll von Angst ist, und dass er genau deshalb anderen Angst macht. Als ließe sich die eigene Unruhe loswerden, indem man sie im Gegenüber erzeugt.
Dahinter steckt ein Mechanismus, der sich genau beschreiben lässt: Wer anderen Angst macht, kann sich dadurch kurz selbst stabilisieren und die eigene Angst abwehren. Hier und heute zeigt sich dieselbe Bewegung nicht nur am Einzelnen, sondern auch dort, wo ganze Bewegungen und Staaten handeln, im Terror und im Krieg.
Furcht ist nicht dasselbe wie Angst
Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan trennt in seinem Seminar über die Angst (1962/63) zwei Dinge, die wir im Alltag vermengen. Die „Furcht“ hat einen Gegenstand. Du fürchtest den knurrenden Hund, den Chef, den Mann im Raum. Die „Angst“ dagegen hat keinen greifbaren Gegenstand. Sie hängt an einem Rest, den Lacan „objet petit a“ nennt, an etwas, das sich nicht fassen und nicht zeigen lässt.
Mit dieser Unterscheidung wird der Vorgang schärfer. Was der Täter bei den anderen erzeugt, ist Furcht, denn er ist ihr Gegenstand. Was er bei sich selbst loswerden will, ist Angst. Er versucht, seine Angst in Furcht zu übersetzen und sie dem Gegenüber in die Hand zu drücken. Genau diese Übersetzung misslingt, und das Misslingen treibt das Ganze an.
Die eigene Angst beim anderen abladen
Wie dieses Abladen funktioniert, hat Lacan am Sadismus gezeigt (in „Kant mit Sade“). Der Täter nimmt die Angst und die eigene Brüchigkeit aus sich heraus und legt sie in den anderen. Er macht das Gegenüber zum Träger des Mangels und stellt sich selbst als den dar, dem nichts fehlt, als bloßes Werkzeug eines Willens, der ihn nichts kostet. Das Zittern des anderen ist der Beweis, den er braucht: Dort sitzt die Angst, nicht bei mir.
Dazu kommt eine ältere Schicht, die Lacan schon 1948 beschrieben hat: die „Aggressivität“. Unser Ich entsteht als Bild, und dieses Bild ist wacklig. Was uns an die eigene Haltlosigkeit erinnert, schieben wir auf den Rivalen ab. Neid, Häme und die Lust, den anderen klein zu sehen, gehören dazu. Der andere wird zum Ort dessen, was man an sich selbst nicht erträgt.
Kontrolle: Angst machen, ohne zu drohen
Oft ist Kontrolle das wirksamere Mittel als die offene Drohung, und zwar aus demselben Grund. Wer droht, erzeugt Furcht, und Furcht hat einen Gegenstand, an dem du dich festhalten kannst. Du weißt, was kommt, wenn du die Regel verletzt. Kontrolle arbeitet feiner. Sie hält dich unter einem Blick, bei dem du nie genau weißt, was er von dir will und wann er zuschlägt. Lacan nennt diese Instanz den „großen Anderen“, und den Blick selbst zählt er zum „objet a“, zu dem, was sich nicht fassen lässt. Unter dauernder, unberechenbarer Kontrolle rutschst du von der Furcht in die gegenstandslose Angst. Die Frage „Was will der eigentlich von mir?“, bei Lacan das „Che vuoi?“, bleibt offen, und gerade das zermürbt. Die Willkür ist dabei kein Zufall, sie ist das Mittel. Klare Regeln würden dem anderen einen Halt geben, den der Kontrollierende ihm gerade nicht lassen will.
Der Haken ist derselbe wie beim Täter, der offen Angst macht: Die Kontrolle ist zugleich seine eigene Abwehr. Lacan verortet den Kontrollzwang in der „Zwangsstruktur“. Der Zwanghafte will jede Überraschung ausschalten, denn jede Überraschung ist ein Einbruch dessen, was er nicht beherrscht, und damit ein Einbruch von Angst. Den anderen zu kontrollieren, ist also in erster Linie der Versuch, die eigene Angst stillzulegen. Dass der andere dabei Angst bekommt, ist Nebenwirkung und Beweis in einem.
Warum das nicht hält
Für Lacan ist dieser Griff eine Abwehr, und Abwehrmaßnahmen lösen nichts. Drei Gründe, warum die Beruhigung nicht hält.
Sie beruht auf Verkennung. Die eigene Spaltung verschwindet nicht, sie wird zugedeckt. Deshalb muss die Tat wiederholt werden, meist in der Intensität gesteigert. Ein einziges Mal reicht nie, und so entsteht ein Zwang, der sich selbst nährt.
Sie macht abhängig. Der Täter braucht den Blick der anderen, ihre Furcht ist sein Spiegel. Seine Festigkeit ist geliehen und hängt an genau den Menschen, die er einschüchtert. Er wird zum Gefangenen seines eigenen Publikums.
Und die Angst täuscht nicht. Das ist Lacans eigener Satz. Die Angst ist für ihn der eine Affekt, der nicht lügt. Deshalb lässt sie sich nicht durch ein Manöver am anderen abschaffen. Sie kehrt zurück, weil ihre Quelle, die Frage nach dem, was der andere von mir will, nicht beantwortet, sondern nur verschoben wurde.
Wenn ein Kollektiv es tut: der Terror
Lässt sich das auf Gruppen übertragen? Nicht einfach so. Ein Volk ist kein großes Einzel-Ich. Den Schritt dorthin hat Freud in seiner Schrift über die Massenpsychologie (1921) vorbereitet: In der Masse geben die Einzelnen ein Stück ihres Ich an einen Führer oder eine Idee ab und sind bereit, gemeinsam zu tun, was sie allein nicht täten.
Auf diesem Boden wird der Terror lesbar. Wer Terror ausübt, jagt einer ganzen Öffentlichkeit Furcht ein und besetzt damit die Stelle dessen, der keinen Zweifel kennt. Er verankert sich in einer absoluten Sache, einem Wort, das für ihn keine Frage offenlässt. Diese Sache deckt seine eigene Spaltung zu. Die Furcht der vielen bestätigt ihm, dass er auf der Seite der Gewissheit steht und die anderen auf der Seite des Schreckens.
Der Feind, der uns den Genuss gestohlen hat
Beim Krieg kommt eine zweite Figur dazu, und hier ist Slavoj Žižek genauer als Lacan. Žižek spricht vom „gestohlenen Genuss“. Gemeint ist eine Phantasie: Der andere, der Fremde, der Feind habe uns unsere Lebensweise, unseren Genuss gestohlen. In dieser Phantasie, dem „Phantasma“, steckt ein tiefes Neidgefühl. Der Feind lebt angeblich auf unsere Kosten, genießt, was uns genommen wurde.
Wichtig bleibt die Unterscheidung: Dieser gestohlene Genuss liegt auf der Ebene des gemeinsamen Vorstellungserlebens, der Bilder und Feindbilder. Er ist nicht das strukturelle „Genießen“ (die „Jouissance“), das Lacan auf der Ebene des einzelnen Symptoms beschreibt. Beides zu vermengen führt in die Irre.
Mit dieser Phantasie stabilisiert sich ein wackliges „Wir“. Der Feind wird zum Träger des gemeinsamen Mangels. Alles, was die eigene Gemeinschaft nicht zusammenhält, wird nach außen verlegt, auf den, der uns bedroht. Das gibt Zusammenhalt, und dieser Zusammenhalt ist geliehen, denn er braucht den Feind, um zu bestehen. Fällt der eine Feind weg, muss ein neuer her. Das ist dieselbe Figur wie beim Einzelnen, nur auf der Ebene des „Wahnsystems“, das eine ganze Gruppe teilt.
Wo der Vergleich aufhört
Hier ist Vorsicht nötig. Kriege haben Ursachen, die mit Angst wenig zu tun haben: Land, Rohstoffe, Macht, Geschichte, die Interessen weniger, die über viele entscheiden. Wer den Krieg allein als Abwehr kollektiver Angst deutet, macht ihn kleiner, als er ist, und nimmt den Handelnden die Verantwortung.
Die Psychoanalyse erklärt etwas anderes, und das ist schon viel: warum Feindbilder so verführerisch sind, warum sich Furcht so leicht in Angriffslust verwandelt, warum ganze Bevölkerungen mitgehen, obwohl sie zu verlieren haben. Sie beschreibt den seelischen Sog, nicht die ganze Rechnung.
Spinoza: Herrschaft durch Furcht ist schwach
Der Philosoph Baruch de Spinoza schaut von der anderen Seite auf dieselbe Sache. Furcht und Hoffnung sind für ihn passive Affekte, Zeichen dafür, dass wir die Ursachen nicht durchschauen. Wer in Furcht gehalten wird, ist in Traurigkeit gehalten, und Traurigkeit senkt das, was Spinoza das Tätigkeitsvermögen nennt, die Kraft, aus sich heraus zu wirken.
Daraus zieht er einen politischen Schluss, vor allem im Theologisch-politischen Traktat: Eine Herrschaft, die auf Furcht baut, ist schwach. Sie macht die Beherrschten klein und abhängig, und ein Gemeinwesen aus kleinen, ängstlichen Menschen trägt nicht. Der Täter, der durch Furcht regiert, im Kleinen wie im Großen, verwechselt Gewalt mit Stärke. Für Spinoza ist wahre Stärke etwas anderes: die Kraft, die aus Einsicht kommt und mit den anderen wächst, statt sie kleinzumachen. Denn dem Menschen ist nichts nützlicher als der Mensch.
Damit trifft Spinoza den empfindlichsten Punkt. Angst durch Angst zu bekämpfen, schwächt beide Seiten. Es sieht aus wie Stabilität und ist das Gegenteil davon.
Was bleibt
Der Mensch, vor dem alle leiser werden, leiht sich seine Ruhe von der Furcht der anderen. Nimmt man ihm das Publikum, bleibt die Angst, vor der er geflohen ist. Beim Terror und beim Krieg ist es dieselbe Leihgabe, nur dass sie viele das Leben kostet.
Wenn du das nächste Mal jemanden siehst, der anderen Angst macht und dabei unerschütterlich wirkt: Wovor hat dieser Mensch eigentlich selbst so große Angst, dass er sie bei allen anderen abladen muss?
Häufige Fragen
Warum machen manche Menschen anderen Angst?
Ein Grund kann sein, dass sie die eigene Angst nicht aushalten und sie beim Gegenüber abladen. In der Lesart Lacans erzeugt der Täter beim anderen Furcht, die einen Gegenstand hat, und versucht so, seine eigene gegenstandslose Angst loszuwerden. Er stellt sich als der dar, dem nichts fehlt, und macht den anderen zum Träger des Mangels. Das beruhigt kurz, löst aber nichts.
Kann man die eigene Angst wirklich abwehren, indem man Macht über andere ausübt?
Nur scheinbar und nur für den Moment. Die Beruhigung hängt am Blick der Eingeschüchterten, muss ständig wiederholt werden und steigert sich oft. Die Angst selbst kehrt zurück, weil ihre Quelle nicht verstanden, sondern nur verschoben wurde. Spinoza ergänzt: Wer durch Furcht herrscht, schwächt sich und die anderen, statt stärker zu werden.
Was haben Terror und Krieg mit individueller Angst zu tun?
Dieselbe Bewegung lässt sich auf Gruppen übertragen, allerdings nur mit Freuds Massenpsychologie und Žižeks Begriff des gestohlenen Genusses als Brücke. Terror jagt einer Öffentlichkeit Furcht ein, um eine Position der Gewissheit zu besetzen. Im Krieg wird der Feind zum Träger des gemeinsamen Mangels. Das erklärt den seelischen Sog solcher Bewegungen, nicht aber die materiellen Ursachen von Kriegen.
Bezug: Jacques Lacan, Seminar X „Die Angst“ (1962/63), „Kant mit Sade“ und „Die Aggressivität in der Psychoanalyse“ (1948), beide in den Écrits. Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921). Slavoj Žižek zum „gestohlenen Genuss“ als Phantasma der Gemeinschaft. Baruch de Spinoza, Ethica (1677), Teil III (Definitionen der Affekte, Furcht und Hoffnung) und Teil IV, sowie der Theologisch-politische Traktat (1670) zur Schwäche der auf Furcht gegründeten Herrschaft.