Internetsucht und was wirklich dahintersteckt – Warum du nicht einfach aufhören kannst

Über Kon­troll­ver­lust, Hirn­che­mie – und was die­se Erklä­rung der Inter­net­sucht weglässt


Du wolltest nur kurz schauen

Du nimmst das Han­dy in die Hand, weil du kurz etwas nach­schau­en woll­test. Zwan­zig Minu­ten spä­ter scrollst du noch immer. Du weißt, dass du auf­hö­ren soll­test. Du willst auf­hö­ren. Und trotz­dem scrollst du weiter.

Das ist kein Cha­rak­ter­feh­ler. Das ist auch kei­ne Faul­heit. Es ist ein Mus­ter, das Mil­lio­nen Men­schen ken­nen – und das inzwi­schen so ernst genom­men wird, dass die Ame­ri­can Psy­cho­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on die exzes­si­ve Nut­zung sozia­ler Medi­en – kurz Inter­net­sucht – als eige­nes Stö­rungs­bild dis­ku­tiert, ver­gleich­bar mit ande­ren Ver­hal­tens­süch­ten im ICD-Katalog.

In der Süd­deut­schen Zei­tung war dazu neu­lich ein Satz zu lesen, der mich nicht los­ge­las­sen hat. Im Zusam­men­hang mit Skin­ners ope­ran­tem Kon­di­tio­nie­ren hieß es: Die­ser Mecha­nis­mus wer­de „vor allem von der Hirn­che­mie, in Tei­len von Genen und nur einem gerin­gen Teil des Bewusst­seins gesteu­ert.“ Das kann man so sehen – und es erklärt trotz­dem viel zu wenig.


Was Skinner erklärt – und was er nicht erklärt

Bur­r­hus Fre­de­ric Skin­ner hat in den 1930er Jah­ren gezeigt, wie Ver­hal­ten durch sei­ne Kon­se­quen­zen geformt wird. Kommt auf eine Hand­lung eine Beloh­nung, wird sie wie­der­holt. Kommt nichts oder etwas Unan­ge­neh­mes, wird sie sel­te­ner. Das ist das ope­ran­te Kon­di­tio­nie­ren – prä­zi­se, gut belegt, und für die Erklä­rung von Sucht­ver­hal­ten tat­säch­lich nützlich.

Sozia­le Medi­en sind in die­sem Sin­ne Meis­ter der inter­mit­tie­ren­den Ver­stär­kung. Nicht jedes Scrol­len bringt etwas Inter­es­san­tes. Nicht jeder Post bekommt Likes. Aber manch­mal – unvor­her­seh­bar, zufäl­lig – kommt der Tref­fer: eine Nach­richt, die auf­wühlt; ein Bild, das berührt; die Benach­rich­ti­gung, dass jemand auf den eige­nen Bei­trag reagiert hat. Genau die­se Unvor­her­seh­bar­keit macht das Ver­hal­ten beson­ders resis­tent gegen Löschung. Skin­ner hat das am Bei­spiel des Glücks­spiel­au­to­ma­ten beschrie­ben – und der Algo­rith­mus von Insta­gram oder Tik­Tok funk­tio­niert nach dem­sel­ben Prinzip.

Dazu kommt die Neu­ro­bio­lo­gie: Erwar­tung von Beloh­nung setzt Dopa­min frei – nicht die Beloh­nung selbst, son­dern das War­ten dar­auf. Das Scrol­len ist der Mecha­nis­mus, der die­sen Zustand der Erwar­tung am Lau­fen hält. Die Hirn­che­mie ist real. Sie spielt eine Rolle.

Aber der Satz aus der SZ gibt dabei etwas preis, das man genau­er anschau­en soll­te: Das Bewusst­sein steu­ert „nur einen gerin­gen Teil“. Was steu­ert den Rest? „Hirn­che­mie“ und „Gene“. Das klingt prä­zi­se. Es ist es aber nur halb.


Das Kategorienproblem: Was fehlt zwischen Neuron und Erleben

Die Erklä­rung über Dopa­min und Kon­di­tio­nie­rung beschreibt einen Mecha­nis­mus. Sie beschreibt nicht, war­um die­ser Mecha­nis­mus bei bestimm­ten Men­schen so viel stär­ker anspringt als bei ande­ren. Und sie beschreibt nicht, was das Scrol­len eigent­lich sucht.

Wer stun­den­lang durch Insta­gram scrollt, sucht nicht nach Dopa­min. Er sucht nach etwas – nach Zuge­hö­rig­keit, nach Bestä­ti­gung, nach dem Gefühl, dass man gese­hen wird, dass man nicht allein ist, dass das eige­ne Leben mit dem der ande­ren mit­hal­ten kann. Oder er sucht nach Ablen­kung von etwas, das er gera­de nicht aus­hal­ten kann: Ein­sam­keit, Lee­re, Angst, Langeweile.

Das sind kei­ne Hirn­pro­zes­se. Das sind psy­chi­sche Zustän­de, die eine Geschich­te haben, die mit der eige­nen Lebens­ge­schich­te zusam­men­hän­gen, die aus Bezie­hun­gen ent­stan­den sind. Der Dopa­min­me­cha­nis­mus ist real – aber er ist der Kanal, nicht die Ursa­che. Er trans­por­tiert etwas. Was genau er trans­por­tiert, sagt er nicht.


Lacan: Was das Scrollen wirklich sucht

Jac­ques Lacan hat das Begeh­ren als grund­le­gend uner­füll­bar beschrie­ben. Das Sub­jekt begehrt nicht ein bestimm­tes Objekt – es begehrt das Begeh­ren selbst, das Gefühl, dass es etwas gibt, das die inne­re Lee­re fül­len könn­te. Die­ses Objekt nennt Lacan das „Objekt klein a“ – ein phan­ta­sier­tes Objekt, das die Lücke zu schlie­ßen ver­spricht, ohne es je zu können.

Sozia­le Medi­en sind dafür wie gemacht. Der nächs­te Post könn­te der­je­ni­ge sein, der das Gefühl gibt, ange­kom­men zu sein. Das nächs­te Like könn­te bestä­ti­gen, dass man gese­hen wird. Das nächs­te Bild könn­te zei­gen, wie das Leben eigent­lich sein soll­te. Das Ver­spre­chen ist immer da – und die Ein­lö­sung nie. Des­halb hört man nicht auf. Nicht wegen Dopa­min. Son­dern weil das Begeh­ren, das da ange­spro­chen wird, struk­tu­rell uner­füll­bar ist.

Dazu kommt, was Lacan „Jouis­sance“ nennt – ein qual­vol­les Ver­gnü­gen, das nicht ein­fach Lust ist, son­dern ein Genie­ßen, das ins Schmerz­haf­te hin­über­reicht und sich trotz­dem immer wie­der durch­setzt. Scham über das eige­ne Aus­se­hen beim Anblick per­fek­ter Kör­per, Neid auf das Leben ande­rer, das Unbe­ha­gen beim Ver­gleich – und trotz­dem wei­ter­scrol­len. Nicht trotz des Schmer­zes, son­dern mit ihm. Das ist Jouis­sance. Und kein Algo­rith­mus pro­du­ziert sie – er akti­viert etwas, das schon da ist.


Spinoza: passive Affekte und der Kontrollverlust

Baruch de Spi­no­za hat im 17. Jahr­hun­dert einen Begriff geprägt, der hier erstaun­lich prä­zi­se trifft: der pas­si­ve Affekt. Ein pas­si­ver Affekt ist ein Zustand, der nicht aus dem eige­nen Ver­mö­gen her­aus ent­steht, son­dern durch äuße­re Ursa­chen aus­ge­löst wird – und der das Sub­jekt bewegt, ohne dass es die Ursa­chen wirk­lich versteht.

Wer scrollt, befin­det sich in einem pas­si­ven Affekt­zu­stand. Äuße­re Rei­ze – Bil­der, Nach­rich­ten, Zah­len unter einem Bei­trag – bestim­men, was gefühlt wird. Neid, Scham, Empö­rung, kur­ze Freu­de, wie­der Neid. Das Sub­jekt ist nicht Urhe­ber die­ser Zustän­de. Es wird durch sie bewegt.

Das ist für Spi­no­za nicht mora­lisch ver­werf­lich. Es ist eine Beschrei­bung eines Zustands – und sei­ner Kon­se­quenz: Wer von pas­si­ven Affek­ten bewegt wird, han­delt nicht wirk­lich aus sich her­aus. Er reagiert. Die Hand­lungs­macht, die Spi­no­za „Potenz“ nennt, ist ver­rin­gert. Und genau das ist das Kern­merk­mal der Sucht: nicht das Ver­hal­ten selbst, son­dern der Ver­lust der Fähig­keit, es zu steuern.

Die Fra­ge, die Spi­no­za stellt, lau­tet nicht: Wie viel Hirn­che­mie steckt dahin­ter? Son­dern: Ver­steht das Sub­jekt, was es bewegt? Kennt es die Ursa­chen, die es antrei­ben? Wer nicht ver­steht, war­um er scrollt – was er sucht, was er nicht aus­hal­ten kann –, bleibt im pas­si­ven Affekt gefan­gen. Die feh­len­de Erkennt­nis ist das Pro­blem – nicht die Gene.


Was die Suchtdiagnose leistet – und was nicht

Die Auf­nah­me von Inter­net­sucht und Social-Media-Abhän­gig­keit in Dia­gno­se­ka­ta­lo­ge ist sinn­voll. Sie macht Behand­lung mög­lich, legi­ti­miert Hilfs­an­ge­bo­te, nimmt den Betrof­fe­nen das Stig­ma des blo­ßen Cha­rak­ter­ver­sa­gens. Das ist wichtig.

Aber eine Dia­gno­se ist kei­ne Erklä­rung. Und die Erklä­rung über Hirn­che­mie und Kon­di­tio­nie­rung ist zwar nicht falsch – sie ist nur unvoll­stän­dig. Sie sagt, wie der Mecha­nis­mus funk­tio­niert. Sie sagt nicht, war­um er bei die­sem Mensch in die­ser Situa­ti­on so viel stär­ker anspringt. Sie sagt nicht, was er sucht. Sie sagt nicht, was er nicht aus­hal­ten kann.

Wer jeman­den bei Inter­net­sucht wirk­lich hel­fen will, muss bei­des ver­ste­hen: den neu­ro­bio­lo­gi­schen Mecha­nis­mus – und die Geschich­te dahin­ter. Die Fra­ge, was das Scrol­len betäubt. Wel­che Lee­re es fül­len soll. Wel­che Affek­te es regu­liert, die sonst uner­träg­lich wären. Das ist nicht weni­ger wis­sen­schaft­lich als Dopa­min­mes­sun­gen. Es ist nur eine ande­re Ebene.


Was hilft – und warum Selbstdisziplin allein nicht reicht

Der sieb­te Lehr­satz aus dem vier­ten Teil von Spi­no­zas Ethi­ca sagt: Ein Affekt kann nur durch einen ande­ren, stär­ke­ren Affekt gehemmt wer­den. Nicht durch Ein­sicht allein. Wer sich vor­nimmt, weni­ger zu scrol­len, und dabei nichts ande­res an die Stel­le setzt – kein Erle­ben, das stär­ker ist als die Lee­re, die das Scrol­len füllt –, wird schei­tern. Wer schei­tert, ist nicht zu schwach – der Mecha­nis­mus wird auf der fal­schen Ebe­ne bekämpft.

Was den pas­si­ven Affekt des Scrol­lens ablö­sen kann, ist kein blo­ßer Vor­satz. Es ist ein ande­rer, stär­ke­rer Zustand: ech­te Ver­bin­dung zu Men­schen, Tätig­kei­ten, die wirk­lich fes­seln, kör­per­li­che Erfah­run­gen, die das Ner­ven­sys­tem anders bewe­gen. Das ist kein Rat­schlag. Das ist auch ein Mecha­nis­mus – der­sel­be Mecha­nis­mus, den Skin­ner beschrie­ben hat, nur auf der rich­ti­gen Ebe­ne angewendet.

Und Spi­no­zas ande­re Ant­wort ist die Erkennt­nis: Wer ver­steht, war­um er scrollt – wirk­lich ver­steht, nicht nur weiß –, hat eine Distanz zu die­sem Impuls. Kei­ne Immu­ni­tät. Aber eine Distanz, die etwas mög­lich macht.


Die Hirn­che­mie ist real. Der Algo­rith­mus ist real. Aber bei­des sind Kanä­le – sie trans­por­tie­ren etwas. Was genau, das lässt sich nur ver­ste­hen, wenn man fragt, was das Sub­jekt sucht. Und was es nicht aus­hal­ten kann.


Häufige Fragen

Ist Internetsucht eine echte Sucht?

Der Begriff ist umstrit­ten, weil kei­ne psy­cho­ak­ti­ve Sub­stanz im Spiel ist. Aber die neu­ro­bio­lo­gi­schen und ver­hal­tens­be­zo­ge­nen Mus­ter ähneln denen klas­si­scher Sucht: Kon­troll­ver­lust, Tole­ranz­ent­wick­lung, Ent­zugs­er­schei­nun­gen beim Weg­las­sen, Wei­ter­ma­chen trotz nega­ti­ver Fol­gen. Die WHO hat Gam­ing Dis­or­der bereits als Dia­gno­se­ka­te­go­rie auf­ge­nom­men. Dass ande­re For­men exzes­si­ver Inter­net­nut­zung fol­gen könn­ten, wird inten­siv diskutiert.

Warum hilft Willenskraft allein bei Internetsucht nicht?

Weil der Vor­satz, weni­ger zu scrol­len, auf der fal­schen Ebe­ne ansetzt. Ein pas­si­ver Affekt – also ein Zustand, der durch äuße­re Rei­ze aus­ge­löst wird und das Sub­jekt bewegt, ohne dass es die Ursa­chen ver­steht – lässt sich nicht durch Ent­schlos­sen­heit hem­men. Er lässt sich nur durch einen stär­ke­ren Affekt erset­zen. Das heißt: Es braucht nicht weni­ger Erle­ben, son­dern ande­res, inten­si­ve­res Erle­ben an sei­ner Stelle.

Was hat Psychotherapie bei Internetsucht zu bieten?

Ver­hal­tens­the­ra­peu­ti­sche Ansät­ze arbei­ten am Kon­di­tio­nie­rungs­me­cha­nis­mus selbst: Reiz­ex­po­si­ti­on, Ver­hal­tens­al­ter­na­ti­ven, Trig­ger-Ana­ly­se. Das ist wirk­sam. Tie­fer­ge­hen­de Ansät­ze fra­gen zusätz­lich, was die exzes­si­ve Nut­zung regu­liert – wel­che Affek­te, wel­che Unver­träg­lich­kei­ten, wel­che Bezie­hungs­mus­ter. Erst wenn bei­des zusam­men­kommt, ver­än­dert sich etwas nachhaltig.


Die­ser Bei­trag bezieht sich auf das Kon­zept des ope­ran­ten Kon­di­tio­nie­rens bei B.F. Skin­ner, die neu­ro­bio­lo­gi­sche Sucht­for­schung (Dopa­min-Beloh­nungs­sys­tem), Baruch de Spi­no­zas Theo­rie der pas­si­ven Affek­te (Ethi­ca, 1677), Jac­ques Lacans Begriff des Begeh­rens und der Jouis­sance sowie den aktu­el­len Dis­kurs um die Klas­si­fi­ka­ti­on von Ver­hal­tens­süch­ten im ICD-11 der WHO.

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