Kollektiver Wahn und die damit verbundene Faktenresistenz, Feindbilder und die Frage, warum das immer wieder passiert
Inhaltsverzeichnis
- 1 Das Rätsel der unerschütterlichen Gewissheit
- 2 Wahn – klinisch und kollektiv
- 3 Warum das Feindbild ein „qualvolles Vergnügen“ bereitet
- 4 Der Sündenbockmechanismus – anthropologisch
- 5 Spinoza: Was den Boden bereitet
- 6 Wann die Disposition zur Bewegung wird
- 7 Was das für das einzelne Subjekt bedeutet
- 8 Häufige Fragen
Das Rätsel der unerschütterlichen Gewissheit
Du kennst das Muster. Jemand ist absolut überzeugt – und kein Argument dringt durch. Nicht weil die Person dumm wäre. Nicht weil sie böswillig ist. Sondern weil die Überzeugung eine andere Funktion hat als das Abbilden von Realität. Sie grenzt sich gegen das, was real ist, ab.
Im kleinen, im persönlichen Bereich ist das ein psychologisches Phänomen. Im großen, im politischen Bereich ist es ein historisches – und es kehrt wieder: kollektiver Wahn. Mit unterschiedlichen Inhalten, aber derselben Struktur: einem Feindbild, das alles erklärt. Einem verborgenen Strippenzieher, der insgeheim alles steuert. Einer Gemeinschaft der Eingeweihten, die als Einzige die Wahrheit kennen. Und der Gewissheit, dass jeder Zweifel schon einen Verrat darstellt.
Das ist keine Frage, die nur die Geschichte stellt. Sie stellt sich gerade hier und heute.
Wahn – klinisch und kollektiv
Im klinischen Sinne hat der Wahn drei Merkmale: absolute Gewissheit, Unkorrigierbarkeit, Bedeutungsschließung. Der Wahn kennt keinen echten Zweifel. Gegenargumente werden nicht widerlegt, sondern ins System eingebaut. Nichts bleibt zufällig – alles verweist auf denselben verborgenen Grund.
Wenn man das auf politische Überzeugungen überträgt, muss man sorgfältig sein. Die Masse ist kein „Patient“. Gesellschaften haben keine Psyche. Aber es gibt etwas, das der kollektive Wahn tut, das verstanden werden will: Er bietet dem Einzelnen ein Wahnsystem an, das er allein nicht aufrechterhalten könnte. Der individuelle Wahn isoliert. Der kollektive integriert – er verleiht privatem paranoiden Material eine gesellschaftliche Sanktion, die es teilbar und handlungswirksam macht. Was beim Einzelnen als Pathologie gelten würde, erscheint im Kollektiv als gesunde Erkenntnis. Als Wahrheit. Als Mut, die Dinge beim Namen zu nennen.
Warum das Feindbild ein „qualvolles Vergnügen“ bereitet
Hier liegt das Entscheidende – und was viele Erklärungen des Phänomens verfehlen. Der Wahn ist kein Irrtum, den man mit besseren Informationen korrigieren könnte. Denn an ihm festzuhalten wird auch genossen.
Lacan nennt das „Jouissance“ – ein Genießen, das nicht angenehm ist im Sinne von Lust, sondern das ins Qualvolle hinüberreicht und sich trotzdem immer wieder durchsetzt. Der Hass auf den selbst auserkorenen Feind, die Empörung, aber auch Gefühle von Neid, Häme, Rachsucht und Schadenfreude – sie verhinden nicht etwa diesen Lustschmerz, sie machen ihn gerade aus. Unbewusst, strukturell, und genau deshalb so schwer zu unterbrechen oder abzustellen. Das Feindbild funktioniert nicht trotz seiner Irrationalität, sondern gerade wegen ihr.
Davon zu unterscheiden ist, was Slavoj Žižek ins Spiel bringt: die Figur des „„gestohlenen Genusses“. Das Subjekt trägt bei Lacan einen strukturellen Mangel in sich – eine Unvollständigkeit, die sich nicht schließen lässt. Im Phantasma wird dem Anderen unterstellt, er besitze genau das, was einem selbst fehlt: eine Fülle, ein Ganzsein, eine Lebendigkeit, die man selbst nicht hat. Der Andere – die fremde Gruppe, die verfeindete Klasse, die böse Elite – genießt auf eine Weise, die dem eigenen Subjekt verwehrt ist. Und deshalb muss er vernichtet werden. Dahinter steckt also ein tiefsitzendes Neidgefühl. Nicht wegen dem, was er wirklich tut. Sondern wegen dem, was er im Phantasma verkörpert.
Beide Bewegungen zusammen erklären, warum Aufklärung nicht hilft: Die Jouissance im Feindbild zieht das Subjekt strukturell dorthin zurück. Und der phantasierte Raub gibt dem Feind eine Schuld, die sich durch keine Evidenz widerlegen lässt – weil sie nie auf Evidenz beruhte. Deshalb wechselt der Feind, ohne dass sich die Grammatik ändert: vom Juden zum Migranten, von der Elite zum „tiefen Staat“. Die Stelle bleibt. Der Inhalt ist austauschbar.
Der Sündenbockmechanismus – anthropologisch
René Girard liefert dazu den kollektiven Mechanismus. Nicht als multipliziertes Einzelsubjekt, sondern anthropologisch: Wenn in einer Gesellschaft Spannungen wachsen, Unterschiede kollabieren, die Rivalen einander immer ähnlicher werden, bündelt sich die Gewalt irgendwann gegen eine bestimmte Gruppe. Ein Opfer, das nach Zeichen der Differenz ausgewählt wird – der Fremde, der Markierte, der Abweichende. Die Entladung aller gegen einen stellt vorübergehend Einheit und Entlastung her.
Das Entscheidende dabei: Der Mechanismus funktioniert nur, solange die Verfolger nicht wissen, dass ihr Opfer im Grunde beliebig austauschbar ist. Sie glauben aufrichtig an seine Schuld. Das ist nicht Heuchelei. Das ist Verkennung – und sie erklärt, warum der kollektive Wahn so schwer von innen durchschaubar ist. Wer im Mechanismus steckt, erlebt sich als aufgeklärt.
Spinoza: Was den Boden bereitet
Alle diese Mechanismen brauchen einen Boden – und Spinoza beschreibt ihn am präzisesten. Menschen, die von passiven Affekten bewegt werden – Furcht, Scham, Neid, Hass –, handeln, ohne die Ursachen ihres Handelns zu kennen. Sie werden bewegt, ohne zu wissen, woher die Bewegung kommt.
Der passive Affekt ist das psychische Substrat, auf dem kollektiver Wahn gedeiht. Nicht weil die Betroffenen zu schwach wären, sondern weil der Wahn genau das anbietet, was der passive Affekt braucht: Klarheit, Richtung, einen Schuldigen, eine Gemeinschaft. Er gibt der diffusen Angst eine Adresse.
Spinoza beschreibt in der Ethica die passive Masse präzise: Menschen, die durch Hoffnung und Furcht gesteuert werden, die sich widersprechen und schwanken – und die deshalb leicht zu führen sind. Leicht zu führen, weil sie von Kräften bewegt werden, die sie nicht durchschauen.
Wann die Disposition zur Bewegung wird
Die psychische Disposition zum kollektiven Wahn ist keine Ausnahme. Sie ist eine Grenzmöglichkeit jeder Subjektivität – immer latent vorhanden, nicht immer aktiviert. Was sie aktiviert, ist eine politische Konstellation: der Verlust symbolischer Ordnung, materielle Unsicherheit, und das Angebot einer totalen, einfachen Erklärung.
Wenn ein politischer Akteur liefert, was diffuse Angst braucht – einen benennbaren Feind, eine einmütige Gemeinschaft, die Gewissheit, dass man endlich die Wahrheit kennt –, dann wird aus der Disposition eine Bewegung. Das ist kein neues Phänomen. Es kehrt wieder, sooft die Konstellation stimmt. Mit anderem Inhalt, in anderem institutionellem Rahmen. Aber in derselben Form.
Was das für das einzelne Subjekt bedeutet
Die Gegenbewegung, die Spinoza beschreibt, ist nicht Willenskraft. Es ist Verstehen – das Erkennen der Ursachen, die einen bewegen. Wer versteht, warum er Angst hat, warum er Feindbilder braucht, warum bestimmte Gewissheiten so beruhigend wirken, hat eine Distanz zu diesen Impulsen. Keine Immunität. Aber eine Distanz, die etwas ermöglicht.
Dabei gibt es fünf Erkennungszeichen, die inhaltsunabhängig prüfbar sind: Faktenresistenz, austauschbarer Feind, verborgener Strippenzieher, Zweifel als Verrat, Bedeutungsschließung. Diese Kriterien zeigen nicht, welche Seite recht hat. Sie zeigen, ob eine Überzeugung die Form des Wahns trägt. Wer sicher ist, als Einziger den Massenwahn zu durchschauen, sollte das Skalpell zuerst an die eigene Gewissheit legen.
Kollektiver Wahn lässt sich nicht durch moralische Empörung aufhalten. Und auch nicht durch bessere Argumente allein. Was ihm etwas entgegensetzt, ist das Verhältnis zu den eigenen Affekten – die Bereitschaft zu fragen, was eine Überzeugung trägt. Und was sie von einem will.
Häufige Fragen
Was unterscheidet einen kollektiven Wahn von einer bloßen Fehlinformation?
Fehlinformationen lassen sich korrigieren – durch Belege, Quellen, bessere Argumente. Der kollektive Wahn ist gegen Korrektur strukturell abgedichtet: Gegenevidenz wird nicht widerlegt, sondern ins System eingebaut. Wer zweifelt, gilt bereits als Komplize. Das ist kein Wissensproblem, sondern ein psychisches – der Wahn erfüllt eine Funktion, die mit dem Inhalt nur indirekt zu tun hat.
Warum kehren kollektive Wahnstrukturen historisch immer wieder?
Weil die psychische Disposition dazu dauerhaft vorhanden ist – nicht als Ausnahme, sondern als Grenzmöglichkeit jeder Subjektivität. Was variiert, ist die politische Konstellation: Verlust symbolischer Ordnung, materielle Unsicherheit und das Angebot einer totalen Erklärung. Wenn diese drei Bedingungen zusammenfallen, wird aus der latenten Disposition eine Bewegung. Der Inhalt wechselt, die Form bleibt.
Kann man sich gegen kollektiven Wahn schützen?
Immunität gibt es nicht. Was möglich ist: eine Distanz zu den eigenen passiven Affekten – Furcht, Neid, Scham –, die Spinoza als Voraussetzung jeder echten Erkenntnis beschreibt. Wer versteht, warum ihn bestimmte Feindbilder beruhigen oder bestimmte Gewissheiten so unerschütterlich wirken, ist schwerer zu mobilisieren. Das ist kein Schutzschild. Aber es ist der einzige realistische Ansatzpunkt.
Dieser Beitrag verbindet Sigmund Freuds Projektionsbegriff (Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921), Lacans Konzept der Jouissance und des strukturellen Mangels, René Girards Sündenbockmechanismus (Der Sündenbock, 1982), Horkheimer/Adornos Begriff der pathischen Projektion (Dialektik der Aufklärung, 1947), Rolf Pohls Analyse des antisemitischen Wahns (2010) und Baruch de Spinozas Theorie der passiven Affekte (Ethica, 1677).