Kollektiver Wahn – Wenn Überzeugungen sich der Realität verweigern

Kol­lek­ti­ver Wahn und die damit ver­bun­de­ne Fak­ten­re­sis­tenz, Feind­bil­der und die Fra­ge, war­um das immer wie­der passiert


Das Rätsel der unerschütterlichen Gewissheit

Du kennst das Mus­ter. Jemand ist abso­lut über­zeugt – und kein Argu­ment dringt durch. Nicht weil die Per­son dumm wäre. Nicht weil sie bös­wil­lig ist. Son­dern weil die Über­zeu­gung eine ande­re Funk­ti­on hat als das Abbil­den von Rea­li­tät. Sie grenzt sich gegen das, was real ist, ab.

Im klei­nen, im per­sön­li­chen Bereich ist das ein psy­cho­lo­gi­sches Phä­no­men. Im gro­ßen, im poli­ti­schen Bereich ist es ein his­to­ri­sches – und es kehrt wie­der: kol­lek­ti­ver Wahn. Mit unter­schied­li­chen Inhal­ten, aber der­sel­ben Struk­tur: einem Feind­bild, das alles erklärt. Einem ver­bor­ge­nen Strip­pen­zie­her, der ins­ge­heim alles steu­ert. Einer Gemein­schaft der Ein­ge­weih­ten, die als Ein­zi­ge die Wahr­heit ken­nen. Und der Gewiss­heit, dass jeder Zwei­fel schon einen Ver­rat darstellt.

Das ist kei­ne Fra­ge, die nur die Geschich­te stellt. Sie stellt sich gera­de hier und heute.


Wahn – klinisch und kollektiv

Im kli­ni­schen Sin­ne hat der Wahn drei Merk­ma­le: abso­lu­te Gewiss­heit, Unkor­ri­gier­bar­keit, Bedeu­tungs­schlie­ßung. Der Wahn kennt kei­nen ech­ten Zwei­fel. Gegen­ar­gu­men­te wer­den nicht wider­legt, son­dern ins Sys­tem ein­ge­baut. Nichts bleibt zufäl­lig – alles ver­weist auf den­sel­ben ver­bor­ge­nen Grund.

Wenn man das auf poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen über­trägt, muss man sorg­fäl­tig sein. Die Mas­se ist kein „Pati­ent“. Gesell­schaf­ten haben kei­ne Psy­che. Aber es gibt etwas, das der kol­lek­ti­ve Wahn tut, das ver­stan­den wer­den will: Er bie­tet dem Ein­zel­nen ein Wahn­sys­tem an, das er allein nicht auf­recht­erhal­ten könn­te. Der indi­vi­du­el­le Wahn iso­liert. Der kol­lek­ti­ve inte­griert – er ver­leiht pri­va­tem para­no­iden Mate­ri­al eine gesell­schaft­li­che Sank­ti­on, die es teil­bar und hand­lungs­wirk­sam macht. Was beim Ein­zel­nen als Patho­lo­gie gel­ten wür­de, erscheint im Kol­lek­tiv als gesun­de Erkennt­nis. Als Wahr­heit. Als Mut, die Din­ge beim Namen zu nennen.


Warum das Feindbild ein „qualvolles Vergnügen“ bereitet

Hier liegt das Ent­schei­den­de – und was vie­le Erklä­run­gen des Phä­no­mens ver­feh­len. Der Wahn ist kein Irr­tum, den man mit bes­se­ren Infor­ma­tio­nen kor­ri­gie­ren könn­te. Denn an ihm fest­zu­hal­ten wird auch genossen.

Lacan nennt das „Jouis­sance“ – ein Genie­ßen, das nicht ange­nehm ist im Sin­ne von Lust, son­dern das ins Qual­vol­le hin­über­reicht und sich trotz­dem immer wie­der durch­setzt. Der Hass auf den selbst aus­er­ko­re­nen Feind, die Empö­rung, aber auch Gefüh­le von Neid, Häme, Rach­sucht und Scha­den­freu­de – sie ver­hin­den nicht etwa die­sen Lust­schmerz, sie machen ihn gera­de aus. Unbe­wusst, struk­tu­rell, und genau des­halb so schwer zu unter­bre­chen oder abzu­stel­len. Das Feind­bild funk­tio­niert nicht trotz sei­ner Irra­tio­na­li­tät, son­dern gera­de wegen ihr.

Davon zu unter­schei­den ist, was Sla­voj Žižek ins Spiel bringt: die Figur des „„gestoh­le­nen Genus­ses“. Das Sub­jekt trägt bei Lacan einen struk­tu­rel­len Man­gel in sich – eine Unvoll­stän­dig­keit, die sich nicht schlie­ßen lässt. Im Phan­tas­ma wird dem Ande­ren unter­stellt, er besit­ze genau das, was einem selbst fehlt: eine Fül­le, ein Ganz­sein, eine Leben­dig­keit, die man selbst nicht hat. Der Ande­re – die frem­de Grup­pe, die ver­fein­de­te Klas­se, die böse Eli­te – genießt auf eine Wei­se, die dem eige­nen Sub­jekt ver­wehrt ist. Und des­halb muss er ver­nich­tet wer­den. Dahin­ter steckt also ein tief­sit­zen­des Neid­ge­fühl. Nicht wegen dem, was er wirk­lich tut. Son­dern wegen dem, was er im Phan­tas­ma verkörpert.

Bei­de Bewe­gun­gen zusam­men erklä­ren, war­um Auf­klä­rung nicht hilft: Die Jouis­sance im Feind­bild zieht das Sub­jekt struk­tu­rell dort­hin zurück. Und der phan­ta­sier­te Raub gibt dem Feind eine Schuld, die sich durch kei­ne Evi­denz wider­le­gen lässt – weil sie nie auf Evi­denz beruh­te. Des­halb wech­selt der Feind, ohne dass sich die Gram­ma­tik ändert: vom Juden zum Migran­ten, von der Eli­te zum „tie­fen Staat“. Die Stel­le bleibt. Der Inhalt ist austauschbar.


Der Sündenbockmechanismus – anthropologisch

René Girard lie­fert dazu den kol­lek­ti­ven Mecha­nis­mus. Nicht als mul­ti­pli­zier­tes Ein­zel­sub­jekt, son­dern anthro­po­lo­gisch: Wenn in einer Gesell­schaft Span­nun­gen wach­sen, Unter­schie­de kol­la­bie­ren, die Riva­len ein­an­der immer ähn­li­cher wer­den, bün­delt sich die Gewalt irgend­wann gegen eine bestimm­te Grup­pe. Ein Opfer, das nach Zei­chen der Dif­fe­renz aus­ge­wählt wird – der Frem­de, der Mar­kier­te, der Abwei­chen­de. Die Ent­la­dung aller gegen einen stellt vor­über­ge­hend Ein­heit und Ent­las­tung her.

Das Ent­schei­den­de dabei: Der Mecha­nis­mus funk­tio­niert nur, solan­ge die Ver­fol­ger nicht wis­sen, dass ihr Opfer im Grun­de belie­big aus­tausch­bar ist. Sie glau­ben auf­rich­tig an sei­ne Schuld. Das ist nicht Heu­che­lei. Das ist Ver­ken­nung – und sie erklärt, war­um der kol­lek­ti­ve Wahn so schwer von innen durch­schau­bar ist. Wer im Mecha­nis­mus steckt, erlebt sich als aufgeklärt.


Spinoza: Was den Boden bereitet

Alle die­se Mecha­nis­men brau­chen einen Boden – und Spi­no­za beschreibt ihn am prä­zi­ses­ten. Men­schen, die von pas­si­ven Affek­ten bewegt wer­den – Furcht, Scham, Neid, Hass –, han­deln, ohne die Ursa­chen ihres Han­delns zu ken­nen. Sie wer­den bewegt, ohne zu wis­sen, woher die Bewe­gung kommt.

Der pas­si­ve Affekt ist das psy­chi­sche Sub­strat, auf dem kol­lek­ti­ver Wahn gedeiht. Nicht weil die Betrof­fe­nen zu schwach wären, son­dern weil der Wahn genau das anbie­tet, was der pas­si­ve Affekt braucht: Klar­heit, Rich­tung, einen Schul­di­gen, eine Gemein­schaft. Er gibt der dif­fu­sen Angst eine Adresse.

Spi­no­za beschreibt in der Ethi­ca die pas­si­ve Mas­se prä­zi­se: Men­schen, die durch Hoff­nung und Furcht gesteu­ert wer­den, die sich wider­spre­chen und schwan­ken – und die des­halb leicht zu füh­ren sind. Leicht zu füh­ren, weil sie von Kräf­ten bewegt wer­den, die sie nicht durchschauen.


Wann die Disposition zur Bewegung wird

Die psy­chi­sche Dis­po­si­ti­on zum kol­lek­ti­ven Wahn ist kei­ne Aus­nah­me. Sie ist eine Grenz­mög­lich­keit jeder Sub­jek­ti­vi­tät – immer latent vor­han­den, nicht immer akti­viert. Was sie akti­viert, ist eine poli­ti­sche Kon­stel­la­ti­on: der Ver­lust sym­bo­li­scher Ord­nung, mate­ri­el­le Unsi­cher­heit, und das Ange­bot einer tota­len, ein­fa­chen Erklärung.

Wenn ein poli­ti­scher Akteur lie­fert, was dif­fu­se Angst braucht – einen benenn­ba­ren Feind, eine ein­mü­ti­ge Gemein­schaft, die Gewiss­heit, dass man end­lich die Wahr­heit kennt –, dann wird aus der Dis­po­si­ti­on eine Bewe­gung. Das ist kein neu­es Phä­no­men. Es kehrt wie­der, sooft die Kon­stel­la­ti­on stimmt. Mit ande­rem Inhalt, in ande­rem insti­tu­tio­nel­lem Rah­men. Aber in der­sel­ben Form.


Was das für das einzelne Subjekt bedeutet

Die Gegen­be­we­gung, die Spi­no­za beschreibt, ist nicht Wil­lens­kraft. Es ist Ver­ste­hen – das Erken­nen der Ursa­chen, die einen bewe­gen. Wer ver­steht, war­um er Angst hat, war­um er Feind­bil­der braucht, war­um bestimm­te Gewiss­hei­ten so beru­hi­gend wir­ken, hat eine Distanz zu die­sen Impul­sen. Kei­ne Immu­ni­tät. Aber eine Distanz, die etwas ermöglicht.

Dabei gibt es fünf Erken­nungs­zei­chen, die inhalts­un­ab­hän­gig prüf­bar sind: Fak­ten­re­sis­tenz, aus­tausch­ba­rer Feind, ver­bor­ge­ner Strip­pen­zie­her, Zwei­fel als Ver­rat, Bedeu­tungs­schlie­ßung. Die­se Kri­te­ri­en zei­gen nicht, wel­che Sei­te recht hat. Sie zei­gen, ob eine Über­zeu­gung die Form des Wahns trägt. Wer sicher ist, als Ein­zi­ger den Mas­sen­wahn zu durch­schau­en, soll­te das Skal­pell zuerst an die eige­ne Gewiss­heit legen.


Kol­lek­ti­ver Wahn lässt sich nicht durch mora­li­sche Empö­rung auf­hal­ten. Und auch nicht durch bes­se­re Argu­men­te allein. Was ihm etwas ent­ge­gen­setzt, ist das Ver­hält­nis zu den eige­nen Affek­ten – die Bereit­schaft zu fra­gen, was eine Über­zeu­gung trägt. Und was sie von einem will.



Häufige Fragen

Was unterscheidet einen kollektiven Wahn von einer bloßen Fehlinformation?

Fehl­in­for­ma­tio­nen las­sen sich kor­ri­gie­ren – durch Bele­ge, Quel­len, bes­se­re Argu­men­te. Der kol­lek­ti­ve Wahn ist gegen Kor­rek­tur struk­tu­rell abge­dich­tet: Gegen­evi­denz wird nicht wider­legt, son­dern ins Sys­tem ein­ge­baut. Wer zwei­felt, gilt bereits als Kom­pli­ze. Das ist kein Wis­sens­pro­blem, son­dern ein psy­chi­sches – der Wahn erfüllt eine Funk­ti­on, die mit dem Inhalt nur indi­rekt zu tun hat.

Warum kehren kollektive Wahnstrukturen historisch immer wieder?

Weil die psy­chi­sche Dis­po­si­ti­on dazu dau­er­haft vor­han­den ist – nicht als Aus­nah­me, son­dern als Grenz­mög­lich­keit jeder Sub­jek­ti­vi­tät. Was vari­iert, ist die poli­ti­sche Kon­stel­la­ti­on: Ver­lust sym­bo­li­scher Ord­nung, mate­ri­el­le Unsi­cher­heit und das Ange­bot einer tota­len Erklä­rung. Wenn die­se drei Bedin­gun­gen zusam­men­fal­len, wird aus der laten­ten Dis­po­si­ti­on eine Bewe­gung. Der Inhalt wech­selt, die Form bleibt.

Kann man sich gegen kollektiven Wahn schützen?

Immu­ni­tät gibt es nicht. Was mög­lich ist: eine Distanz zu den eige­nen pas­si­ven Affek­ten – Furcht, Neid, Scham –, die Spi­no­za als Vor­aus­set­zung jeder ech­ten Erkennt­nis beschreibt. Wer ver­steht, war­um ihn bestimm­te Feind­bil­der beru­hi­gen oder bestimm­te Gewiss­hei­ten so uner­schüt­ter­lich wir­ken, ist schwe­rer zu mobi­li­sie­ren. Das ist kein Schutz­schild. Aber es ist der ein­zi­ge rea­lis­ti­sche Ansatzpunkt.

Die­ser Bei­trag ver­bin­det Sig­mund Freuds Pro­jek­ti­ons­be­griff (Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se, 1921), Lacans Kon­zept der Jouis­sance und des struk­tu­rel­len Man­gels, René Girards Sün­den­bock­me­cha­nis­mus (Der Sün­den­bock, 1982), Horkheimer/Adornos Begriff der pathi­schen Pro­jek­ti­on (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 1947), Rolf Pohls Ana­ly­se des anti­se­mi­ti­schen Wahns (2010) und Baruch de Spi­no­zas Theo­rie der pas­si­ven Affek­te (Ethi­ca, 1677).

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