Das Spiel der Geschlechter wird oft erzählt wie ein Krieg: Einer gewinnt, einer verliert, und dazwischen liegt das Feld. Es gibt aber ein älteres, freundlicheres Bild dafür, und es führt zueinander statt auseinander. Der Tango. Zwei Menschen, klare Rollen – und trotzdem wandert die Führung von einem zum anderen. Wer das begriffen hat, sieht Macht in der Beziehung vielleicht mit anderen Augen.
In einem früheren Beitrag wurde die dunkelste Form dieses Spiels beschrieben – die meist vom Mann ausgehende Gewalt, die sich in die Beziehung einschleicht und dann explodiert. Hier geht es um die andere Seite: darum, wie dasselbe Spiel aussieht, wenn es gelingt.
Inhaltsverzeichnis
Die Führung wandert
Im Tango gibt es einen, der führt, und einen, der folgt. Aber die Rollen sind nicht in Stein gemeißelt, und vor allem repräsentieren sie keinen Besitzanspruch. Der eine gibt Halt, der andere setzt den Akzent; einen Takt später ist es umgekehrt. Die Führung leiht man sich und gibt sie wieder zurück. Wer folgt, ist nicht unterlegen – ohne ihn gäbe es keinen Tanz. Dominanz, die wandert, ist keine Herrschaft. Sie ist ein Angebot, das immer wieder neu gemacht wird.
Warum das Spiel nicht in Kontrolle kippen muss
Hier lässt sich der Faden aus dem ersten Teil aufnehmen. Dort ging es um zwei Quellen von Wertzumessung: Der eine tritt auf, als besäße er das, was begehrt wird; die andere, als wäre sie es. Das muss nicht in Kontrolle umschlagen. Es kann ein Spiel auf Augenhöhe sein – vorausgesetzt, beide wissen, dass niemand wirklich besitzt, was da begehrt wird, dass beide nur eine Rolle spielen.
Die Kränkung beginnt an einer anderen Stelle. Sie beginnt dort, wo einer die Rolle für die Wahrheit hält und seinen Wert davon abhängig macht, dass der andere sie ihm bestätigt. Dann wird aus dem Spiel Ernst, aus dem Tanz ein Klammern. Wer dagegen durchschaut, dass alles nur gespielt ist, kann leicht sein: Er führt, ohne zu drücken, und folgt, ohne sich verloren zu geben.
Und die Frau ist in diesem Spiel alles andere als machtlos. Sie hält, was der andere zu brauchen glaubt, und kann es geben oder vorenthalten. Das ist eine reale Macht, und das Spiel lebt davon, dass beide sie haben. Verführen, sich zuwenden, sich zurückziehen – das sind Züge, die beide beherrschen. Nur eines sollte man dabei nicht durcheinanderbringen: Diese Macht bewegt sich auf einer ganz anderen Ebene als die körperliche Gewalt, um die es im ersten Teil ging. Wer den anderen kränkt oder zurückweist, macht einen Zug im Spiel. Die tödliche Gewalt bricht es ab.
Spinoza: warum Selbstbewusstsein alles ändert
Warum gelingt der Machtwechsel dem einen Paar und dem anderen nicht? Hier hat der Philosoph Baruch de Spinoza die genaueste Antwort, und sein Wort dafür ist das richtige: Selbstbewusstsein – im wörtlichen Sinn, sich seiner selbst bewusst und sicher zu sein.
Für Spinoza gelingt das Spiel, wenn beide aus eigener Kraft handeln und nicht aus Mangel. Wer seinen Wert in sich trägt, kann die Führung abgeben, ohne sich dabei zu verlieren, und er kann sie übernehmen, ohne den anderen kleinzumachen. Die Freude, die er dabei spürt, kommt aus seiner eigenen Kraft, nicht aus dem Beifall und nicht daraus, dass der andere sich unterwirft. Das ist der Unterschied zwischen einem, der spielt, und einem, der klammert: Der eine ruht in sich, der andere braucht den anderen als Beweis.
Damit kippt das ganze Bild vom Nullsummenspiel. Solange ich denke, deine Macht sei mein Verlust, muss ich festhalten. Sobald beide aus eigener Sicherheit heraus geben und nehmen, wird aus dem Spiel etwas, an dem beide wachsen. Der Machtwechsel im Tango ist nur zwischen zweien möglich, die das Folgen nicht fürchten.
Wo das Spiel abbricht
Damit lässt sich auch die Frage beantworten, die den ersten Teil mit diesem verbindet. Warum kippt dasselbe Spiel beim einen in den Tango, beim anderen in die Gewalt? Weil die Gewalt dort beginnt, wo einer das Folgen nicht aushält – wo ihm die Sicherheit fehlt, um auch einmal nicht zu führen. Der Tango zeigt, was möglich ist, solange die Angst nicht regiert.
Das entschuldigt die Gewalt nicht, im Gegenteil. Es benennt genau das, was ihr fehlt. Wer klammert und schließlich zuschlägt, hat nie gelernt, dem Moment zu trauen, in dem er nicht die Oberhand hat. Der Tango ist das Bild dessen, was an die Stelle der Gewalt treten könnte.
Damit das Bild nicht missverstanden wird: Der Tango meint das einvernehmliche Spiel zweier Erwachsener, die einander auf Augenhöhe begegnen. Er ist kein Modell für eine Beziehung, in der einer den anderen beherrscht. Dort wird nicht getanzt.
Was bleibt
Der Tango hebt den Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht auf. Er lebt von ihm. Dass es ein Führen und ein Folgen gibt, macht den Tanz erst möglich – aber wer führt und wer folgt, steht nicht ein für alle Mal fest. Zwei, die sich ihrer selbst sicher sind, können die Führung hin und her gehen lassen, ohne dass einer dabei verliert. Die Kunst ist nicht, den anderen zu halten. Sie ist, dem Moment zu trauen, in dem man selbst folgt.
Dieser Beitrag liest das Spiel der Geschlechter mit Jacques Lacan (die Rollen von Haben und Sein als Spiel, nicht als Herrschaft) und Baruch de Spinoza (handeln aus eigener Kraft statt aus Mangel). Er ist der zweite Teil zu einem Text über die tödliche Form desselben Spiels.