Die Sehnsucht nach Heimkehr – Odysseus und das Begehren

Die Odys­see trägt ihren Namen nach der Rei­se, nicht nach dem Ziel – und sie endet fast im Augen­blick, in dem Odys­seus ankommt. Das ist kein Zufall, son­dern der Schlüs­sel zum gan­zen Epos. Der Umweg trägt die Geschich­te, nicht das Erreich­te. Es ist die Sehn­sucht nach der Heim­kehr, was im Zen­trum steht. Mit dem Pscho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan gele­sen, ist die Heim­kehr das Begeh­ren selbst – und mit dem Phi­lo­so­phen Baruch de Spi­no­za zeigt sich, war­um genau uns das rast­los macht und wie man trotz­dem ankommt.

Ithaka, das verlorene Objekt

Itha­ka treibt alles an – und zwar gera­de, weil es ent­zo­gen ist und in der Fer­ne uner­reich­bar erscheint. Solan­ge die Insel nur in der Vor­stel­lung exis­tiert, hält sie das Begeh­ren in Gang. Lacan hät­te dar­in sein „objet a“ erkannt: jenes ver­lo­re­ne Objekt, das das Begeh­ren in Bewe­gung hält, ohne je ein­ge­holt zu wer­den. Der Heim­weg glei­tet von Etap­pe zu Etap­pe – Loto­ses­ser, Kir­ke, Sire­nen, die Phaiaken – und hält nir­gends an. Genau das ist die Bewe­gung des Begeh­rens: Es zielt nicht auf ein Ding, es ver­schiebt sich von einem zum nächs­ten. Der Auf­schub ist nicht das Hin­der­nis der Rei­se. Er macht sie erst mög­lich. Hät­te Odys­seus ohne Umweg heim­ge­fun­den, gäbe es kei­ne Odyssee.

Kalypso, oder die abgelehnte ewige Jugend

Im Her­zen des Epos steht eine Wahl, die alles ver­rät. Die Göt­tin Kalyp­so bie­tet Odys­seus an, für immer bei ihr zu blei­ben – unsterb­lich, alters­los, dem Tod ent­zo­gen. Er lehnt ab. Er wählt das sterb­li­che Itha­ka und eine altern­de Pene­lo­pe gegen die ewi­ge Jugend an der Sei­te einer Göt­tin. Laca­nisch gele­sen: Er wählt den Man­gel über das tote Genie­ßen, das Begeh­ren über die erstarr­te Fül­le. Ein Leben ohne Ver­lust, ohne Altern, ohne Ende wäre ein Leben ohne Begeh­ren – und Odys­seus spürt, dass es kein Leben mehr wäre. Wer ewig bei der Göt­tin bleibt, hört auf, jemand zu sein. Genau hier berührt die Odys­see, was hier an ande­rer Stel­le über den Wunsch nach ewi­ger Jugend geschrie­ben wur­de: Kalyp­so ist die­se ewi­ge Jugend, und der klügs­te Held der Anti­ke weist sie zurück.

Auch das Ankommen schließt nichts ab

Man könn­te mei­nen, mit der Heim­kehr sei das Begeh­ren gestillt. Doch das Epos lässt kei­nen sol­chen Schluss­punkt zu. In der Unter­welt pro­phe­zeit der Seher Tei­re­si­as eine wei­te­re Rei­se: Noch von Itha­ka aus muss Odys­seus erneut auf­bre­chen, ein Ruder auf der Schul­ter, bis er zu Men­schen kommt, die das Meer nicht ken­nen und das Ruder für eine Wurf­schau­fel hal­ten. Erst dort, fern vom Was­ser, fin­det er Frie­den. Das heißt: Kaum ange­kom­men, muss er wie­der fort. Das erreich­te Objekt trägt die Geschich­te nicht. Sobald Itha­ka erreicht ist, öff­net sich ein neu­es Soll. So arbei­tet das Begeh­ren – es fin­det kein letz­tes Ziel, an dem es zur Ruhe käme.

Spinozas Einwand: Wer rastlos ist, ist nicht frei

Hier ändert sich die Per­spek­ti­ve. Lacan beschreibt ein Begeh­ren, das vom Auf­schub lebt und nie ruht. Aber ist das ein gutes Leben – oder bloß Getrie­ben­sein? Alfred Lord Ten­ny­son hat aus Odys­seus den Hel­den des ewi­gen „Wei­ter“ gemacht: stre­ben, suchen, fin­den und nie­mals wei­chen. Das klingt hero­isch. Spi­no­za setzt dage­gen einen nüch­ter­nen Ein­wand. Eine Begier­de, die an einem äuße­ren, sich ent­zie­hen­den Objekt hängt, ist kein Zei­chen von Stär­ke. Sie hält uns in Bewe­gung, aber sie macht uns abhän­gig – ein trau­ri­ger Affekt, der das Sein an etwas bin­det, das man nie ganz hat. Wer immer nur unter­wegs ist, ruht nir­gends. Der ewi­ge Rei­sen­de ist nicht frei. Er ist Gefan­ge­ner sei­ner Sehnsucht.

Zwei Heimaten

Und hier geht es über Lacan hin­aus. Es gibt zwei ganz ver­schie­de­ne Hei­ma­ten, und das Epos ver­wech­selt sie bei­na­he. Die eine ist ein Ort, den man berei­sen muss und der sich immer ein Stück ent­zieht – das ist das laca­nia­ni­sche Begeh­ren, die Insel am Hori­zont. Die ande­re ist gar kein Ort. Sie ist das Ver­ste­hen. Spi­no­za nennt es die Erkennt­nis unter dem Gesichts­punkt der Ewig­keit: eine Hei­mat, die man nicht berei­sen muss, weil man sie im Begrei­fen schon bewohnt. Der freie Mensch ruht nicht im Ankom­men an einem äuße­ren Ziel. Er ruht in einem Ver­hält­nis zu sich, das ihn nicht mehr von der nächs­ten Insel abhän­gig macht. Die ers­te Hei­mat fin­det man nie ganz. Die zwei­te kann man jeder­zeit betreten.

Die Reife des Odysseus

Am Ende ver­söhnt das Epos bei­des, und dar­in liegt sei­ne Tie­fe. Odys­seus kehrt nicht bloß an einen Ort zurück. Er kommt zu sich. Das Epos zeigt ihn am Schluss als den klü­ge­ren, demü­ti­ge­ren Mann – nicht mehr den prah­len­den Krie­ger von Tro­ja, son­dern einen, der durch jeden Ver­lust hin­durch­ge­gan­gen ist und etwas begrif­fen hat. Viel­leicht ist das die wah­re Heim­kehr: der Über­gang vom rast­lo­sen Begeh­ren nach einem Ort zum Ver­ste­hen, das kei­nen Ort mehr braucht. Geo­gra­fisch kommt Odys­seus in Itha­ka an. Eigent­lich kommt er bei sich an. Das eine ist die Kar­te, das ande­re die Reife.

Wir, ohne Ithaka

Bleibt die Fra­ge, was das mit uns zu tun hat. Wir sind oft Odys­seus ohne Itha­ka: getrie­ben von einer Sehn­sucht nach Ankom­men, die kein Ziel je ein­löst. Der nächs­te Kauf, die nächs­te Rei­se, der nächs­te Erfolg sol­len end­lich der Ort sein, an dem man zur Ruhe kommt – und sind es aber nie, weil wir ver­geb­lich an einem Ort suchen, wohin­ge­gen uns nur ein wirk­li­ches Ver­ste­hen wei­ter­brin­gen wür­de. Das ist die lei­se Bot­schaft hin­ter dem alten Stoff: Die Heim­kehr, die wirk­lich trägt, ist kein Hafen. Sie ist eine ande­re Art, zu sich selbst zu ste­hen – und die kann begin­nen, ohne dass man irgend­wo­hin reist.

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