Warum ältere Frauen abgewertet werden – und Männer nicht

Ein Mann von sech­zig gilt als distin­gu­iert, eine Frau von sech­zig als alt. Glei­ches Alter, gegen­sätz­li­ches Urteil. Sus­an Son­tag hat sich schon 1972 damit beschäf­tigt, war­um älte­re Frau­en abge­wer­tet wer­den und das den dop­pel­ten Maß­stab des Alterns genannt. Aber war­um hat er aus­ge­rech­net die­se Form? Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan erklärt den Mecha­nis­mus dahin­ter. Und Spi­no­za zeigt: Das Urteil sagt mehr über den Blick, der es fällt, als über die Frau.

Zwei Quellen des Wertes

In der herr­schen­den Ord­nung und ihren Nar­ra­ti­ven wird der Wert einer Frau anders ver­bucht als der eines Man­nes. Bei ihr läuft er über das Bild – übers Gese­hen­wer­den, übers Begehrt­wer­den. Bei ihm läuft er über Posi­ti­on und Sta­tus, über das, was er hat und dar­stellt. Lacan fasst das in eine zuge­spitz­te For­mel: Der Mann tritt auf, als besä­ße er das, was begehrt wird und Wert ver­leiht; die Frau, als wäre sie es selbst – das begehr­te Bild. Gemeint ist dabei kein Organ und kein wirk­li­cher Besitz, son­dern die Stel­le, an der Begeh­ren und Anse­hen sich festmachen.

Das Altern trifft bei­de Sei­ten des­halb ungleich. Es greift das Bild an, an dem der weib­li­che Wert hängt, und lässt den Sta­tus, an dem der männ­li­che hängt, unbe­rührt – manch­mal hebt es ihn sogar. Der grau­haa­ri­ge Mann gilt als erfah­ren, als „sil­ver fox“. Für die altern­de Frau hält die Spra­che sol­che Auf­wer­tun­gen kaum bereit. Aus­nah­me ist viel­leicht die „Gran­de Dame“. Wo er an Anse­hen gewinnt, fehlt ihr ein ver­gleich­bar ehren­vol­les Bild.

Warum Abscheu, nicht nur ein kühles Urteil

Die Abwer­tung bleibt sel­ten beim küh­len Urteil. Oft kippt sie in etwas Här­te­res, sogar in Abscheu. Auch das lässt sich mit Lacan ver­ste­hen. Das jun­ge, schö­ne Bild ver­deckt etwas, das nie­mand gern ansieht: dass alles ver­geht und der Tod näher rückt. Die Schön­heit legt sich davor wie ein Vor­hang. Der altern­de weib­li­che Kör­per wird im kul­tu­rel­len Blick zu der Stel­le, an der die­ser Vor­hang ver­rutscht und das Dahin­ter kurz sicht­bar wird. Was dann erschreckt, ist nicht die Frau, son­dern das, wor­an sie erin­nert. Die Hexe im Mär­chen, die lächer­lich gemach­te Alte – sol­che Bil­der beschrei­ben nichts, sie weh­ren ab.

Eine weitere Perspektive

Hier muss man die Per­spek­ti­ve erwei­tern. Lacan erklärt die Form der Abwer­tung: dass sie am Bild hängt und des­halb so leicht in Abscheu kippt, und dass der Frau das acht­ba­re Alters­bild fehlt, das dem Mann zuwächst. Über die Ursa­che sagt das noch nichts. Hier bie­tet sich eine ganz ande­re Erklä­rung an: Die Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie führt den Unter­schied auf Frucht­bar­keit zurück – Jugend zäh­le als Signal bei Frau­en, Sta­tus und Besitz bei Män­nern. Die bei­den Erklä­run­gen schlie­ßen sich nicht aus. Die eine fragt, woher die Vor­lie­be für die Jugend kommt; die ande­re, wel­che Form und wel­chen Sinn sie in unse­rer Kul­tur annimmt. Unbe­weis­bar wird Lacan erst dort, wo er mehr behaup­tet: dass auch der schein­bar natür­li­che Vor­zug der Jugend schon durch die sym­bo­li­sche Ord­nung ent­steht und nicht umge­kehrt. Das ist eine offe­ne Streit­fra­ge, nicht das letz­te Wort.

Spinoza entzieht dem Maßstab den Boden

Und hier kommt der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za ins Spiel. Im Anhang zum ers­ten Teil der Ethik schreibt er, dass schön und häss­lich kei­ne Eigen­schaf­ten der Din­ge sind. Es sind Art und Wei­sen, wie wir die Din­ge anse­hen, geprägt davon, was uns gefällt und was uns abstößt. Das­sel­be kann dem einen schön und dem ande­ren häss­lich erschei­nen. Über­tra­gen auf unser The­ma heißt das: Die „Häss­lich­keit“ der alten Frau steckt nicht in ihr. Sie steckt im Blick, und die­ser Blick ist von herr­schen­den Gefüh­len geformt – von der Angst vor dem Ver­ge­hen und von einer Ord­nung, die den weib­li­chen Wert an das Bild gebun­den hat.

Für Spi­no­za ist ein sol­cher Blick eine inad­äqua­te Idee: ein Urteil, das sich für rei­nes Sehen hält und doch nur eine Pro­jek­ti­on ist. Er nennt auch den Weg her­aus. Ein Affekt ver­liert sei­ne Macht, sobald wir ihn klar durch­schau­en. Wer begreift, dass die „Häss­lich­keit“ sein eige­nes Erschre­cken ist und kei­ne Eigen­schaft der Frau, sieht anders – nicht durch guten Wil­len, son­dern durch Verstehen.

Was bleibt

Der dop­pel­te Maß­stab liegt also nicht bei den Frau­en. Er liegt im Blick – in einem Blick, der den eige­nen Schre­cken vor der Zeit auf den Kör­per der Frau pro­ji­ziert und dort „Ver­fall“ nennt, was in Wahr­heit die Angst vor dem eige­nen Nie­der­gang ist. Das ist die schlech­te Nach­richt und zugleich die gute. Ein Maß­stab, der im Blick sitzt und nicht in den Din­gen, ist nichts Unum­stöß­li­ches. Ein Blick, der gelernt wur­de, kann sich auch wie­der ver­schie­ben. Bei Spi­no­za beginnt das mit einem Satz, der unschein­bar klingt, aber viel abver­langt: zu ver­ste­hen, wo man selbst in die­ser Dyna­mik steht und nach wel­chen Geset­mä­ßig­kei­ten sie abläuft. Das gilt natür­lich in ers­ter Linie für den Mann. Aber auch für die Frau, die ves­te­hen muß, an wel­che Posi­ti­on sie hier gesetzt wird und die­se Posi­ti­on mög­li­cher­wei­se selbst mit aufrechterhält.

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