Warum Frauen mehr teilen und ihr Abendessen ins Netz stellen

Ein Foto von Erb­sen und Fer­ti­gu­deln. Dar­un­ter der Satz: „26 Jah­re Alters­un­ter­schied und ich bin mit sei­nem Kind schwan­ger.“ 4,4 Mil­lio­nen Nut­ze­rin­nen. Das männ­li­che Pen­dant: 42.000. Was erklärt die­sen Unterschied?


Essen und das Unsagbare

Auf Red­dit gibt es ein Forum namens Girl­din­ner­dia­ries. Das Prin­zip ist ein­fach: Frau­en foto­gra­fie­ren ihr Abend­essen — oft karg, schnell zusam­men­ge­stellt, manch­mal absurd — und schrei­ben dar­un­ter, was sie gera­de bewegt. Nicht das Essen. Das Essen ist nur der Rah­men. Was dar­un­ter steht, ist oft das, wofür es kei­nen ande­ren Ort zu geben scheint: die Schwie­ger­mut­ter, die wie­der zuge­schla­gen hat. Die Bezie­hung, die sich lang­sam auf­löst. Das Kind, das krank ist. Die Erschöp­fung, die kei­nen Namen hat.

Das männ­li­che Pen­dant exis­tiert. Es hat 42.000 Mitglieder.

Die nahe­lie­gen­de Erklä­rung — Frau­en reden eben offe­ner über Gefüh­le — stimmt so weit, greift aber zu kurz. Sie erklärt nicht, war­um es gera­de das Essen ist. War­um die­ser selt­sa­me Rah­men, die­se fast sur­rea­le Kom­bi­na­ti­on aus All­tag und Kri­se. Dafür braucht man etwas mehr.


Das Essen ist nicht das Thema

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan unter­schei­det drei Din­ge, die wir im All­tag oft durch­ein­an­der­brin­gen: Bedürf­nis, For­de­rung und Begeh­ren.

Das Bedürf­nis lässt sich stil­len — Hun­ger ver­schwin­det, wenn man isst. Die For­de­rung kann erfüllt wer­den — man bit­tet um etwas und bekommt es. Aber das Begeh­ren ist das, was hin­ter der For­de­rung wirkt und was kei­ne For­de­rung je voll­stän­dig befrie­di­gen kann. Es ist nicht auf ein bestimm­tes Ding gerich­tet. Es ist eine Bewe­gung, ein Antrieb, ein stän­di­ges Unterwegs-Sein.

Die Frau­en auf Girl­din­ner­dia­ries for­dern nicht wirk­lich Kom­men­ta­re zu ihren Erb­sen. Was sie arti­ku­lie­ren, ist etwas, das sich auf direk­tem Weg nicht sagen lässt: das Ver­lan­gen nach Aner­ken­nung, nach jeman­dem, der sagt — ja, ich sehe, was dir fehlt. Das Essen ist die For­de­rung. Das Begeh­ren dahin­ter ist etwas anderes.

Das Forum löst die­ses Begeh­ren nicht. Es hält es in Bewe­gung. Und das ist — para­do­xer­wei­se — genau das, was gesucht wird.


Bild und Text: Die Schere, die kein Zufall ist

Was das For­mat der Girl­din­ner­dia­ries so tref­fend macht, ist die Struk­tur selbst. Das Bild zeigt, was man hat — einen Moment des All­tags, etwas Greif­ba­res, Nor­ma­les. Der Text zeigt, was fehlt — die Bezie­hung, die nicht funk­tio­niert, das Leben, das gera­de aus den Fugen gerät.

Die­se Sche­re ist nicht zufäl­lig. Sie ist eine sehr prä­zi­se Insze­nie­rung des­sen, was Lacan den Man­gel nennt. Nicht Man­gel als vor­über­ge­hen­de Lücke, die man fül­len kann — son­dern Man­gel als Grund­struk­tur. Weil wir in die Spra­che ein­ge­tre­ten sind, ist etwas unwie­der­bring­lich ver­lo­ren gegan­gen. Die Spra­che gibt uns Wör­ter — aber sie kann nie voll­stän­dig sagen, was wir eigent­lich meinen.

Das Bild und der Text auf die­sen Posts lau­fen neben­ein­an­der, ohne sich ganz zu tref­fen. Genau das macht ihren eigen­tüm­li­chen Charme aus — und ihre Wir­kung. Sie zei­gen nicht die gan­ze Geschich­te. Sie zei­gen, dass die gan­ze Geschich­te sich nicht zei­gen lässt.


Was Spinoza dazu sagt

Der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za denkt in Kräf­ten. Jeder Mensch strebt danach, in sei­nem Sein zu behar­ren — zu han­deln, sich aus­zu­drü­cken, zu wach­sen. Was die­se Fähig­keit stei­gert, fühlt sich gut an. Was sie hemmt, fühlt sich schlecht an.

Affek­te suchen Aus­druck — nicht um sich zu ent­la­den, son­dern weil der Aus­druck selbst die Hand­lungs­fä­hig­keit stei­gert. Das Zei­gen ist kei­ne Schwä­che. Es ist eine Hand­lung. Wer dem, was ihn bewegt, eine Form gibt — auch wenn die­se Form nur ein Foto von Erb­sen neben einem halb­voll­ende­ten Satz ist —, han­delt. Er ist nicht mehr nur pas­siv dem Affekt ausgeliefert.

Das erklärt etwas, das der Lacan-Ansatz allein nicht voll­stän­dig erfasst: War­um das Tei­len gut tut, auch wenn es das Begeh­ren nicht auf­löst. Weil der Akt des Aus­drü­ckens selbst etwas ver­än­dert — nicht die Situa­ti­on, aber die Bezie­hung zur Situation.


Warum Frauen mehr — und warum das keine Frage des Charakters ist

Lacan hat eine The­se zur Asym­me­trie zwi­schen den Geschlech­tern, die zunächst befremd­lich klingt, aber sehr prä­zi­se trifft: Frau­en haben struk­tu­rell weni­ger Platz in der sym­bo­li­schen Ord­nung — in dem Sys­tem aus Spra­che, Bedeu­tun­gen und Reprä­sen­ta­tio­nen, das die Gesell­schaft trägt.

Das bedeu­tet nicht, dass Frau­en schlech­ter spre­chen kön­nen. Es bedeu­tet, dass die Spra­che, so wie sie his­to­risch gewach­sen ist, weni­ger Signi­fi­kan­ten bereit­hält für die spe­zi­fi­sche weib­li­che Erfah­rung. Vie­les von dem, was Frau­en erle­ben, hat kei­nen voll­stän­di­gen Aus­druck. Es sucht For­men — und fin­det sie manch­mal in sol­chen For­ma­ten wie Girldinnerdiaries.

Vir­gi­nia Woolf hat das anders for­mu­liert: Eine Frau ent­deckt beim Schrei­ben, dass ihre Erfah­rung nicht die­sel­be ist. Das Forum ist ein Ort, wo die­se ande­re Erfah­rung Form annimmt — gera­de weil sie sich nicht anders sagen lässt.

Män­ner haben nicht weni­ger Affek­te und nicht weni­ger Kri­sen. Aber die sym­bo­li­sche Ord­nung hat für ihre Erfah­run­gen his­to­risch mehr Platz bereit­ge­stellt — mehr For­men, mehr Kanä­le, mehr Reprä­sen­ta­ti­on. Dort, wo die­ser Kanal fehlt, ent­ste­hen kei­ne Foren vol­ler Offen­heit. Dort ent­ste­hen Iso­la­ti­on und Verschluss.


Die Wiederholung — warum es nie aufhört

4,4 Mil­lio­nen Mit­glie­der. Täg­lich neue Posts. Immer ähn­li­che Struk­tur. Das ist kein Zufall — das ist Wie­der­ho­lung im laca­nia­ni­schen Sinne.

Das Begeh­ren sucht sei­nen Platz. Es fin­det ihn nicht voll­stän­dig. Also sucht es wei­ter. Das Forum bie­tet nicht Auf­lö­sung, son­dern Wie­der­ho­lung — und die Wie­der­ho­lung ist selbst das, was gesucht wird. Nicht weil die Nut­ze­rin­nen süch­tig wären oder nicht auf­hö­ren könn­ten. Son­dern weil das Begeh­ren struk­tu­rell auf Wei­ter­be­we­gung ange­legt ist.

Spi­no­za wür­de sagen: Was die Hand­lungs­fä­hig­keit stei­gert, wird wie­der­holt. Das Tei­len stei­gert sie — jedes Mal ein biss­chen. Nicht genug um zu sät­ti­gen. Aber genug um wiederzukommen.


Was das im Alltag bedeutet

Das alles hat eine prak­ti­sche Poin­te, die weit über Red­dit-Foren hinausgeht.

Wenn jemand — Frau oder Mann — schein­bar Unwich­ti­ges mit Wich­ti­gem ver­mischt, wenn das Gespräch über das Mit­tag­essen plötz­lich woan­ders hin­führt, wenn jemand bei­läu­fig etwas sagt, das eigent­lich alles ande­re als bei­läu­fig ist: dann ist das nicht Unord­nung des Den­kens. Das ist die Struk­tur des Begeh­rens. Das Begeh­ren spricht sel­ten direkt. Es braucht einen Rah­men — einen schein­bar harm­lo­sen Anlass, unter dem das eigent­lich Gemein­te Platz findet.

Zu ver­ste­hen, dass das Essen nicht das The­ma ist — und gleich­zei­tig zu wis­sen, dass ohne das Essen das eigent­li­che The­ma viel­leicht gar nicht gesagt wer­den könn­te — das ist eine Form von Auf­merk­sam­keit, die in Bezie­hun­gen, in The­ra­pien, und im Umgang mit sich selbst einen Unter­schied macht.


Die 4,4 Mil­lio­nen Nut­ze­rin­nen spre­chen nicht über ihr Essen. Sie spre­chen über das, wofür es in der nor­ma­len Spra­che kei­nen Platz gibt. Und das Essen ist das, was ihnen erlaubt anzufangen.


Die­ser Arti­kel ver­bin­det Lacans Begrif­fe des Begeh­rens, des Man­gels und der sym­bo­li­schen Ord­nung mit Spi­no­zas Theo­rie der Affek­te. Er bezieht sich auf das Red­dit-Forum r/girldinnerdiaries als kul­tu­rel­les Phä­no­men — ohne ein­zel­ne Nut­ze­rin­nen oder Posts zu identifizieren.

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