Wie Gefühle anstecken können

Erle­ben ver­ste­hen · Zwischenmenschliches


Wie Gefühle zwischen Menschen hin- und herwandern – und was das für uns bedeutet


Du gehst gut gelaunt rein. Und kommst schwer raus.

Du gehst gut gelaunt in ein Gespräch. Zehn Minu­ten spä­ter bist du gedrückt, ange­spannt, irgend­wie schwer – ohne dass irgend­et­was Kon­kre­tes pas­siert wäre. Nie­mand hat dich ange­grif­fen. Nie­mand hat etwas Schlim­mes gesagt. Trotz­dem hast du etwas mit­ge­nom­men, das vor­her nicht da war.

Oder umge­kehrt: Du bist müde und leer, triffst jeman­den – und plötz­lich bist du wie­der da. Leich­ter. Offe­ner. Auf­ge­weck­ter. Als hät­te die ande­re Per­son dir etwas gege­ben, ohne es zu wissen.

Bei­des ist das­sel­be Phä­no­men. Und es hat einen Namen, eine Erklä­rung – und Kon­se­quen­zen, die weit über das ein­zel­ne Gespräch hinausgehen.


Imitatio affecti – Spinozas Name für etwas, das jeder kennt

Baruch de Spi­no­za hat in der Ethi­ca einen Mecha­nis­mus beschrie­ben, den er imi­ta­tio affec­ti nennt – die Über­tra­gung von Affek­ten. Wenn wir jeman­den wahr­neh­men, der einen Affekt hat, nei­gen wir dazu, den­sel­ben Affekt zu übernehmen.

Nicht weil wir es wol­len. Nicht weil wir beson­ders emp­fäng­lich oder schwach wären. Son­dern weil das die Art ist, wie der mensch­li­che Geist grund­sätz­lich funk­tio­niert. Die Wahr­neh­mung eines ande­ren Men­schen löst im eige­nen Kör­per und Geist eine Reak­ti­on aus – bevor wir auch nur einen Gedan­ken gefasst haben.

Was die Neu­ro­wis­sen­schaft heu­te Spie­gel­neu­ro­nen nennt, hat Spi­no­za mit ande­ren Wor­ten beschrie­ben. Wir neh­men nicht nur das Ver­hal­ten ande­rer wahr. Wir neh­men ihre inne­ren Zustän­de wahr – und unser Sys­tem ant­wor­tet dar­auf. Nicht als Ent­schei­dung. Als auto­ma­ti­scher Vor­gang, schnel­ler als Spra­che, schnel­ler als Bewusstsein.

Spi­no­za beschreibt die­sen Mecha­nis­mus im drit­ten Teil der Ethi­ca prä­zi­se: Wenn ich mir vor­stel­le, dass jemand, dem ich ähn­le, einen Affekt hat, wer­de ich von einem ähn­li­chen Affekt bewegt. Ähn­lich­keit ist dabei weit gefasst – es genügt, den ande­ren als Mensch wahr­zu­neh­men, als jeman­den, der fühlt wie ich. Das reicht, damit der Über­tra­gungs­me­cha­nis­mus greift.


Warum wir es nicht merken

Das Tücki­sche an der Affekt­über­tra­gung ist, dass das über­nom­me­ne Gefühl sich sofort wie ein eige­nes anfühlt. Es gibt kei­nen Moment, in dem man denkt: „Ah, das gehört dem ande­ren.“ Das Gefühl ist ein­fach da. Es hat sich häus­lich ein­ge­rich­tet, ohne zu klopfen.

Du sitzt einem Men­schen gegen­über, der Angst hat – aber sie nicht zeigt. Viel­leicht weiß er selbst nicht genau, wie ange­spannt er ist. Sein Kör­per zeigt es trotz­dem: in der Anspan­nung der Schul­tern, im fla­che­ren Atem, in der Art, wie er Pau­sen füllt, in den Wor­ten, die er wählt. Du nimmst das auf. Und plötz­lich bist du selbst ange­spannt, ohne zu wis­sen warum.

Oder du sitzt jeman­dem gegen­über, der eine tie­fe, ruhi­ge Sicher­heit aus­strahlt. Die­sel­be Über­tra­gung, in die ande­re Rich­tung. Du wirst ruhi­ger. Nicht weil du dich beru­higt hast. Son­dern weil die Ruhe des ande­ren in dein Sys­tem ein­ge­si­ckert ist.

Das Feh­len von Bewusst­heit macht die­sen Mecha­nis­mus so wirk­sam – und gleich­zei­tig so schwer zu hand­ha­ben. Man kann sich nicht ent­schei­den, kei­ne Gefüh­le zu über­neh­men. Man kann sich nicht dage­gen wapp­nen wie gegen einen Angriff. Es pas­siert einfach.


Der Körper als Resonanzkörper

Was Spi­no­za beschreibt, ist kein psy­cho­lo­gi­sches Phä­no­men im enge­ren Sin­ne – es ist ein kör­per­li­ches. Der Kör­per ist das Organ, das ande­re Men­schen wahr­nimmt. Nicht der Ver­stand. Nicht das Bewusst­sein. Der Körper.

Lan­ge bevor man weiß, wie man jeman­den ein­schät­zen soll, hat der Kör­per bereits reagiert. Die Mus­keln haben sich leicht ange­spannt oder gelo­ckert. Der Atem hat sich ver­än­dert. Die Herz­fre­quenz hat sich mini­mal ver­scho­ben. Die­se kör­per­li­chen Reak­tio­nen lau­fen unter der Bewusst­seins­schwel­le – und sie sind die Grund­la­ge dafür, was danach als Gefühl ins Bewusst­sein aufsteigt.

Spi­no­za hat das in der Par­al­le­li­tät von Geist und Kör­per beschrie­ben: Die Ord­nung der Ideen ent­spricht der Ord­nung der kör­per­li­chen Zustän­de. Was im Kör­per pas­siert, pas­siert auch im Geist. Was im Kör­per eines ande­ren pas­siert und von mei­nem Kör­per regis­triert wird, pas­siert damit auch in mei­nem Geist. Die Gren­ze zwi­schen mir und dem ande­ren ist, in die­sem Sin­ne, durch­läs­si­ger als wir denken.


Das gilt in beide Richtungen

Was wir auf­neh­men, geben wir auch ab. Unse­re eige­nen Zustän­de strah­len aus – in Gesprä­che, in Räu­me, in Bezie­hun­gen – ob wir das wol­len oder nicht.

Wer chro­nisch ange­spannt ist, erzeugt Anspan­nung um sich her­um. Nicht absicht­lich. Nicht durch das, was er sagt. Son­dern durch das, was sein Kör­per aus­strahlt. Wer dage­gen in sich selbst ruhig und geer­det ist, hat eine beru­hi­gen­de Wir­kung auf ande­re – ganz unab­hän­gig davon, was er tut oder sagt.

Das ist kei­ne eso­te­ri­sche Behaup­tung. Es ist der kon­se­quen­te Schluss aus Spi­no­zas Mecha­nis­mus: Wenn Affek­te sich über­tra­gen, dann über­trägt sich auch mein Zustand auf ande­re. Ich bin nicht nur Emp­fän­ger. Ich bin auch Sender.

Spi­no­za zieht dar­aus eine poli­ti­sche Kon­se­quenz, die heu­te aktu­el­ler klingt denn je: Die­sel­be Dyna­mik, die in einer Freund­schaft oder Fami­lie funk­tio­niert, funk­tio­niert in Grup­pen, Orga­ni­sa­tio­nen und Gesell­schaf­ten. Begeis­te­rung brei­tet sich aus. Panik brei­tet sich aus. Miss­trau­en brei­tet sich aus. Nach den­sel­ben Geset­zen – nur in grö­ße­rem Maß­stab. Was wir als kol­lek­ti­ve Stim­mung erle­ben – die Angst in Kri­sen­zei­ten, die Begeis­te­rung in Auf­bruchs­mo­men­ten –, ist nichts ande­res als die imi­ta­tio affec­ti, massenhaft.


Hochsensibilität – eine Frage der Schwelle

Man­che Men­schen neh­men Affek­te ande­rer beson­ders stark auf. Sie kom­men aus Gesprä­chen oder Grup­pen erschöpft her­aus, brau­chen viel Zeit für sich, füh­len sich in bestimm­ten sozia­len Situa­tio­nen schnell über­wäl­tigt. Das wird oft als Per­sön­lich­keits­merk­mal beschrie­ben – als Hoch­sen­si­bi­li­tät oder Introversion.

Spi­no­zas Rah­men bie­tet eine ande­re Per­spek­ti­ve: Es ist kein Defekt und kei­ne Schwä­che. Es ist eine erhöh­te Emp­find­lich­keit des Über­tra­gungs­me­cha­nis­mus. Der Mecha­nis­mus selbst ist bei allen Men­schen der­sel­be. Was vari­iert, ist die Schwel­le – wie viel Reiz nötig ist, um ihn aus­zu­lö­sen, wie stark die Reak­ti­on aus­fällt, wie lan­ge sie anhält.

Wer das ver­steht, kann anders damit umge­hen. Nicht indem er die Emp­find­lich­keit weg­macht – das ist nicht mög­lich. Son­dern indem er weiß, was pas­siert, und ent­spre­chend wählt: wel­che Situa­tio­nen, wel­che Men­schen, wie viel Abstand, wann Erholung.


Was du damit anfangen kannst

Der ers­te Schritt ist das Bemer­ken. Wenn du aus einem Gespräch gehst und dich anders fühlst als vor­her – frag dich: Ist das meins? Hat sich in mir etwas ver­än­dert, oder habe ich etwas mitgenommen?

Das klingt ein­fach. Es ist es nicht, weil das über­nom­me­ne Gefühl sich echt anfühlt. Es ist ja auch echt – es ist nur nicht deins. Es ist eine Reak­ti­on auf jemand ande­ren, die jetzt in dir sitzt und so tut, als wäre sie immer da gewesen.

Mit der Zeit ent­wi­ckelt man ein Gespür dafür – eine Art inne­re Sen­so­rik, die bemerkt: Die­ses Gewicht war vor­hin noch nicht da. Die­se Enge ist neu. Die­se Leich­tig­keit ist kei­ne, die ich mir erar­bei­tet habe – die kam von drau­ßen. Ein erkann­tes Gefühl hat weni­ger blin­de Macht als eines, das sich dei­ner unbe­merkt bemächtigt.

Der zwei­te Schritt ist die Fra­ge nach der eige­nen Aus­strah­lung. Was neh­men ande­re gera­de von mir mit? Was über­trägt mein Kör­per, mein Zustand, mei­ne Anspan­nung oder Ruhe? Das ist kei­ne Fra­ge der Selbst­kon­trol­le – man kann sei­nen Kör­per­zu­stand nicht belie­big steu­ern. Aber man kann ihn wahr­neh­men. Und wer ihn wahr­nimmt, kann zumin­dest wäh­len, wann er in wel­chen Kon­takt geht.

Spi­no­za wür­de sagen: Das ist der Unter­schied zwi­schen dem pas­si­ven und dem akti­ven Affekt. Der pas­si­ve Affekt geschieht mit dir. Der akti­ve ent­steht aus dei­nem Ver­ste­hen her­aus. Du wirst immer noch von ande­ren bewegt wer­den – das ist mensch­lich und unver­meid­lich. Aber du kannst den Unter­schied ler­nen zwi­schen dem, was von außen kommt, und dem, was wirk­lich deins ist.


Das nächs­te Mal, wenn du aus einem Gespräch gehst und dich selt­sam fühlst: Frag nicht sofort, was du falsch gemacht hast. Frag zuerst: Was habe ich mit­ge­nom­men – und gehört das wirk­lich mir?


Die­ser Bei­trag ist Teil der Serie „Erle­ben ver­ste­hen“ – was im Kon­takt mit ande­ren in uns ent­steht und war­um. Die phi­lo­so­phi­schen Bezü­ge stüt­zen sich auf Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta, Teil III (imi­ta­tio affec­ti, Lehr­satz 27) und Teil V (akti­ve und pas­si­ve Affek­te)

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