Psychische Erkrankung – nur eine Diagnose?

Hat mein Lei­den viel­leicht eine Bedeu­tung, wenn eine psy­chi­sche Erkran­kung auf­tritt? Was ver­lo­ren geht, wenn see­li­sches Lei­den nur noch als Fehl­funk­ti­on behan­delt wird


Der Moment im Sprechzimmer

Du sitzt beim Arzt. Du beschreibst, was dich quält – eine uner­träg­li­che inne­re Lee­re, eine Schwe­re, die sich nicht benen­nen lässt, eine Angst, die kei­nen kla­ren Aus­lö­ser hat. Der Arzt hört zu. Und dann kommt eine Dia­gno­se, viel­leicht ein Rezept, viel­leicht eine Überweisung.

Das kann hilf­reich sein. Oft ist es das.

Aber manch­mal geht man aus die­sem Gespräch mit dem Gefühl, dass etwas nicht gehört wur­de. Dass das, was man ver­sucht hat zu beschrei­ben, irgend­wo auf dem Weg ver­lo­ren gegan­gen ist. Nicht aus Gleich­gül­tig­keit. Son­dern weil das Sys­tem, in dem die­ser Arzt arbei­tet, eine bestimm­te Spra­che spricht – und in die­ser Spra­che kom­men vie­le Din­ge nicht vor, die mich betreffen.


Die Sprache, die das Erleben übersetzt

Die moder­ne Psych­ia­trie und Psy­cho­lo­gie hat in den letz­ten Jahr­zehn­ten in Bezug auf psy­chi­sche Erkran­kun­gen eine star­ke Wen­dung voll­zo­gen. Bild­ge­ben­de Ver­fah­ren zei­gen, was im Gehirn pas­siert. Gene­ti­sche For­schung sucht nach Risi­ko­fak­to­ren. Neu­ro­che­mi­sche Model­le erklä­ren, war­um Anti­de­pres­si­va wirken.

Das ist kei­ne schlech­te Ent­wick­lung. Vie­le Men­schen wur­den damit bes­ser ver­stan­den und bes­ser behan­delt als vorher.

Aber dabei geschieht etwas, das weni­ger offen­sicht­lich ist: Das Erle­ben wird über­setzt. Aus

„Ich lei­de an einer uner­träg­li­chen inne­ren Leere“

wird

„Dys­funk­ti­on im Belohnungssystem“

Bei­de Sät­ze beschrei­ben das­sel­be Phä­no­men. Aber sie beschrei­ben es aus völ­lig ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven. Der ers­te Satz hat eine Geschich­te, eine Bedeu­tung, einen Spre­cher. Der zwei­te Satz hat ein Gehirn.


Was in der Übersetzung verloren geht

Das Pro­blem ist nicht die Neu­ro­wis­sen­schaft selbst. Das Pro­blem ent­steht, wenn die Über­set­zung so voll­stän­dig wird, dass die Ori­gi­nal­spra­che nicht mehr gehört wird.

Wenn jemand sagt: „Ich füh­le mich leer“ – dann ist das kei­ne Zustands­be­schrei­bung eines Beloh­nungs­sys­tems. Es ist eine Bot­schaft. Sie hat eine Geschich­te. Sie kommt aus einer Bezie­hungs­ge­schich­te, aus Erfah­run­gen, aus dem, was jemand erlebt hat und wie er gelernt hat, damit umzugehen.

Der fran­zö­si­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan hat das so for­mu­liert: Lei­den ist kei­ne Fehl­funk­ti­on, die repa­riert wer­den muss. Es ist ein Aus­druck – oft der ein­zi­ge Aus­druck, der einem Men­schen in einem bestimm­ten Moment zur Ver­fü­gung steht. Wenn man die­sen Aus­druck als Defekt behan­delt, hört man auf, zu fra­gen, was er bedeutet.

Und genau das ist das Pro­blem. Nicht dass man hilft. Son­dern dass man auf­hört zu fragen.


Warum das System auch bei psychischen Erkrankungen messbare Sprache bevorzugt

Das ist kein Ver­sa­gen ein­zel­ner Ärz­te oder The­ra­peu­ten. Es ist eine struk­tu­rel­le Logik.

Kran­ken­kas­sen brau­chen Dia­gno­sen. Leit­li­ni­en brau­chen Evi­denz. Poli­tik braucht ver­gleich­ba­re Daten. All das funk­tio­niert nur mit Din­gen, die sich mes­sen las­sen. Eine Dia­gno­se wie „F32 – depres­si­ve Epi­so­de“ lässt sich abrech­nen. „Die­se Per­son trägt eine Bezie­hungs­ge­schich­te, in der sie gelernt hat, ihre eige­nen Bedürf­nis­se als gefähr­lich zu erle­ben“ – lässt sich nicht abrechnen.

Also ver­schwin­det das Zwei­te nicht, weil es falsch wäre. Es ver­schwin­det, weil das Sys­tem kei­ne Spra­che dafür zur Ver­fü­gung stellt.


Beziehung als Kern des Leidens

Bin­dungs­for­schung, Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie und Trau­ma­for­schung zei­gen seit Jahr­zehn­ten das­sel­be: Die meis­ten psy­chi­schen Erkran­kun­gen las­sen sich ohne Bezie­hungs­ge­schich­te nicht ver­ste­hen. Nicht vollständig.

Das bedeu­tet nicht, dass Neu­ro­bio­lo­gie kei­ne Rol­le spielt. Bei schwe­ren bipo­la­ren Stö­run­gen, bei bestimm­ten For­men der Schi­zo­phre­nie, bei neu­ro­ent­wick­lungs­be­ding­ten Stö­run­gen – da grei­fen bio­lo­gi­sche Fak­to­ren tief in die Ent­wick­lung und Sym­pto­bil­dung ein, und das wäre falsch zu leugnen.

Aber selbst dort: Bezie­hung bleibt wirk­sam. Die Fra­ge ist nicht ent­we­der Gehirn oder Bezie­hung. Die Fra­ge ist, wel­ches Erklä­rungs­mo­dell den Men­schen im Blick behält – und wel­ches ihn zum Objekt macht.


Spinozas Frage

Der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za fragt nicht: Was stimmt mit die­sem Men­schen nicht? Er fragt: Was hat die­sen Men­schen in einen Zustand gebracht, in dem sei­ne Hand­lungs­fä­hig­keit so ein­ge­schränkt ist – und was wür­de sie wie­der steigern?

Das ist ein ande­rer Aus­gangs­punkt. Er setzt nicht bei einem Defekt an, son­dern bei einer Geschich­te. Er fragt nach Ursa­chen, nicht nach Dia­gno­sen. Und er setzt vor­aus, dass das Lei­den eines Men­schen etwas bedeu­tet – dass es nicht zufäl­lig ist, son­dern aus etwas folgt.

Das klingt selbst­ver­ständ­lich. Ist es aber nicht mehr – zumin­dest nicht in allen Kon­tex­ten, in denen Men­schen heu­te Hil­fe suchen.


Was das für dich bedeutet

Wenn du selbst betrof­fen bist – oder jeman­den kennst, der Hil­fe sucht –, dann ist das Wich­tigs­te viel­leicht die­ses: Du musst die Spra­che des Sys­tems nicht voll­stän­dig über­neh­men, um Hil­fe zu bekommen.

Eine Dia­gno­se kann ein Werk­zeug sein. Ein Medi­ka­ment kann hel­fen, einen Zustand erträg­li­cher zu machen, in dem dann etwas ande­res mög­lich wird. Aber das Lei­den hat eine Geschich­te. Es hat eine Bedeu­tung. Und die­se Bedeu­tung zu erkun­den – das ist nicht weni­ger wich­tig als die rich­ti­ge Diagnose.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist nicht: Was fehlt mir im Gehirn?

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Was hat mich hier­her gebracht – und was wür­de mir hel­fen, wie­der hand­lungs­fä­hi­ger zu wer­den? Mög­li­cher­wei­se kann eine Psy­cho­the­ra­pie dabei hel­fen, Ant­wor­ten zu finden.


Das Psy­chi­sche ver­schwin­det nicht. Aber es wird manch­mal so über­setzt, dass der Mensch dahin­ter kaum noch sicht­bar ist. Das zu benen­nen ist kei­ne Kri­tik an der Medi­zin. Es ist eine Erin­ne­rung dar­an, was auf dem Spiel steht, wenn Lei­den nur noch als Fehl­funk­ti­on gilt.


Die­ser Arti­kel bewegt sich an der Gren­ze zwi­schen Psy­cho­lo­gie, Psych­ia­trie und Phi­lo­so­phie. Er gibt kei­ne medi­zi­ni­schen Emp­feh­lun­gen, son­dern lädt dazu ein, genau­er hin­zu­schau­en – auf das eige­ne Erle­ben und auf die Spra­che, in der es beschrie­ben wird.

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