Kollektive Angst und ihre Auswirkungen

Kollektive Angst


Was in Krisenzeiten wirklich passiert

Es gibt Momen­te, in denen eine gan­ze Gesell­schaft in Bewe­gung gerät. Nicht durch Ent­schei­dun­gen, nicht durch Ver­nunft — son­dern durch Gefüh­le. Durch Angst, Hilf­lo­sig­keit, den Wunsch nach Sicher­heit. Was dann abläuft, folgt einer inne­ren Logik, die sich immer wie­der­holt — unab­hän­gig davon, wel­che äuße­re Kri­se den Anstoß gibt.

Baruch de Spi­no­za hat die­se Logik vor über 350 Jah­ren beschrie­ben. Nicht als poli­ti­scher Kom­men­ta­tor, son­dern als Ana­ly­ti­ker mensch­li­cher Natur. Was er im Theo­lo­gisch-poli­ti­schen Trak­tat und in der Ethi­ca for­mu­liert hat, liest sich wie eine Blau­pau­se für das, was wir immer wie­der beob­ach­ten kön­nen — wenn Gesell­schaf­ten unter Druck geraten.


Schritt 1: Kollektive Angst — real und irrational zugleich

Am Anfang steht immer die Angst des Ein­zel­nen. Und hier ist zunächst eine wich­ti­ge Unter­schei­dung nötig.

Es gibt eine rea­le Angst — die Reak­ti­on auf eine ech­te Bedro­hung. Sie mobi­li­siert, schützt, treibt zu Hand­lun­gen an, die das Leben erhal­ten. Die­se Angst ist sinn­voll. Sie ist, was Spi­no­za einen akti­ven Affekt nen­nen wür­de: Sie ent­steht aus dem eige­nen Ver­ste­hen der Situation.

Dane­ben gibt es eine ande­re Angst — dif­fu­ser, tie­fer ver­wur­zelt. Sie speist sich nicht aus der aktu­el­len Bedro­hung allein, son­dern aus älte­ren Quel­len: dem Gefühl inne­rer Halt­lo­sig­keit, Scham, Hilf­lo­sig­keit, unter­drück­ter Wut. Die­se Angst sucht einen Anlass — und fin­det ihn in der Kri­se. Sie ver­bin­det sich mit der rea­len Bedro­hung und ver­stärkt sie ins Uner­mess­li­che. Sie wird zur kol­lek­ti­ven Angst.

Spi­no­za nennt sol­che Affek­te „pas­siv“: Sie pas­sie­ren dem Men­schen, ohne dass er ver­steht, woher sie kom­men. Und was man nicht ver­steht, kann man nicht len­ken. Es lenkt einen.


Schritt 2: Der Wunsch, die Angst loszuwerden

Wer Angst hat, will sie los­wer­den. Das ist mensch­lich und ver­ständ­lich. Was folgt, ist eine Bewe­gung, die Spi­no­za im poli­ti­schen Kon­text genau beschreibt: Der Ein­zel­ne über­trägt sei­ne Erwar­tung auf Auto­ri­tä­ten — auf den Staat, auf Insti­tu­tio­nen, auf Experten.

Das ist nicht Schwä­che. Das ist Mecha­nik. Der Mensch ist ein sozia­les Wesen, und in Bedro­hungs­si­tua­tio­nen ori­en­tiert er sich an denen, die schein­bar Über­blick haben. Spi­no­za beschreibt im Theo­lo­gisch-poli­ti­schen Trak­tat, wie genau die­se Dyna­mik die Grund­la­ge poli­ti­scher Macht bil­det: Wer die Angst ver­wal­tet, regiert.

Wenn die­se Über­tra­gung gut funk­tio­niert, beru­hi­gen Auto­ri­tä­ten — sie klä­ren auf, sie spre­chen alle an, auch die Zweif­ler, auch die Kri­ti­ker. Denn alle befin­den sich in der­sel­ben Lage.


Schritt 3: Die Überforderung der Autoritäten

Doch genau das pas­siert sel­ten. Denn Auto­ri­tä­ten — Poli­ti­ker, Insti­tu­tio­nen, Exper­ten — sind eben­falls Men­schen. Sie tra­gen die­sel­ben Affek­te. Sie sind eben­falls ängst­lich, eben­falls über­for­dert. Nur glau­ben sie, das nicht zei­gen zu dürfen.

Wer Macht hat, glaubt, Stär­ke zei­gen zu müs­sen. Unsi­cher­heit ein­zu­ge­ste­hen gilt als Schwä­che. Also wird sie ver­deckt — durch Ent­schlos­sen­heit, durch kla­re Bot­schaf­ten, durch das Benen­nen von Schuldigen.

Spi­no­za ist in sei­ner Ana­ly­se hier scho­nungs­los: Wer aus Angst und nicht aus Ein­sicht regiert, wird immer zur Unter­drü­ckung nei­gen. Nicht aus Bos­heit — son­dern weil es der ein­fachs­te Weg ist, die eige­ne Hilf­lo­sig­keit zu verbergen.


Schritt 4: Das Anbieten von Projektionsflächen

Was dann folgt, ist ein Mecha­nis­mus, der so alt ist wie die Mensch­heit selbst. Es wird eine Grup­pe benannt — immer eine Min­der­heit — der die Schuld am Unglück zuge­wie­sen wird. Eine Pro­jek­ti­ons­flä­che entsteht.

Die­se Pro­jek­ti­ons­flä­che erfüllt meh­re­re Funk­tio­nen gleich­zei­tig. Sie lenkt die kol­lek­ti­ve Angst auf ein kon­kre­tes Objekt. Sie gibt dem Affekt eine Rich­tung. Und sie ent­las­tet die Auto­ri­tä­ten — denn das Pro­blem liegt jetzt nicht bei ihnen, son­dern bei den anderen.

Spi­no­za nennt die­sen Mecha­nis­mus im Kern eine Form der ima­gi­na­tioder ers­ten Erkennt­nis­art: Man sieht das Ergeb­nis, aber nicht die Ursa­chen. Und wo Ursa­chen feh­len, wächst die Wut auf das Sichtbare.


Schritt 5: Die Übernahme durch den Einzelnen

Jetzt geschieht etwas Merk­wür­di­ges — und psy­cho­lo­gisch Fol­gen­rei­ches. Der Ein­zel­ne, der ängst­lich und inner­lich belas­tet ist, ent­deckt in der ange­bo­te­nen Pro­jek­ti­ons­flä­che eine Erleichterung.

Es geht nicht mehr um blo­ße Pro­jek­ti­on — also das Über­tra­gen eige­ner Gefüh­le auf ande­re. Es geht um etwas Tie­fe­res: die voll­stän­di­ge Hin­ein­ga­be des eige­nen destruk­ti­ven Anteils in die­se Grup­pe. Die gan­ze auf­ge­stau­te Wut, die Hilf­lo­sig­keit, die Scham — sie fin­den plötz­lich ein Objekt. Und die­ses Objekt darf bekämpft wer­den. Ohne Schuld­ge­füh­le. Im Gegen­teil: mit dem Gefühl, das Rich­ti­ge zu tun.

Das ist das Gefähr­lichs­te an die­sem Mecha­nis­mus. Der Mensch befreit sich tat­säch­lich von einem inne­ren Druck — aber er tut es auf Kos­ten ande­rer. Und er erlebt die­se Befrei­ung als Gerechtigkeit.


Schritt 6: Das Bündnis zwischen Macht und Masse

Auto­ri­tä­ten und Bevöl­ke­rung schlie­ßen in die­sem Moment ein stil­les Bünd­nis. Die Macht zeigt auf die Min­der­heit. Die Mas­se folgt dem Fin­ger. Bei­de sind damit ent­las­tet — und bei­de stär­ken sich gegenseitig.

Spi­no­za hat die­ses Bünd­nis als eine der sta­bils­ten — und gefähr­lichs­ten — poli­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen beschrie­ben. Solan­ge gemein­sa­me Fein­de exis­tie­ren, hält der Zusam­men­halt. Was dabei ver­lo­ren geht, ist das, was er für die Grund­la­ge eines frei­en Staa­tes hält: die Fähig­keit zur ver­nünf­ti­gen Auseinandersetzung.


Schritt 7: Wohin das führen kann

Im Extrem­fall mün­det die­ser Mecha­nis­mus in offe­ne Gewalt gegen die Min­der­heit — wie die Geschich­te viel­fach gezeigt hat. Das ist kei­ne Hys­te­rie und kein Alar­mis­mus. Es ist die nüch­ter­ne Beob­ach­tung, dass Mecha­nis­men, die ein­mal in Gang gesetzt sind, eine eige­ne Dyna­mik entwickeln.

Spi­no­za war kein Pes­si­mist. Er glaub­te an die Mög­lich­keit der Ver­nunft. Aber er war rea­lis­tisch genug zu wis­sen, dass Ver­nunft in kol­lek­ti­ven Affek­ten kei­nen leich­ten Stand hat — und dass sie aktiv kul­ti­viert wer­den muss, wenn sie wirk­sam sein soll.


Was hilft — und warum Spinoza recht behält

Die ein­zi­ge Gegen­kraft zu die­sem Mecha­nis­mus ist das, was Spi­no­za die zwei­te und drit­te Erkennt­nis­art nennt: das Ver­ste­hen von Ursa­chen. Nicht das Betrach­ten des Ergeb­nis­ses, son­dern das Nach­voll­zie­hen der Ket­te, die dahin geführt hat.

Das bedeu­tet kon­kret: Gesell­schaf­ten brau­chen Räu­me, in denen ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven wirk­lich gehört wer­den. In denen Angst benannt wer­den darf, ohne sofort in Aggres­si­on umge­lei­tet zu wer­den. In denen Auto­ri­tä­ten Unsi­cher­heit ein­ge­ste­hen kön­nen, ohne ihre Legi­ti­mi­tät zu verlieren.

Das klingt uto­pisch. Ist es nicht. Es erfor­dert nur das, was Spi­no­za für die Grund­la­ge jeder Frei­heit hält: die Bereit­schaft zu ver­ste­hen, bevor man urteilt.

„Der freie Mensch, der unter unwis­sen­den Men­schen lebt, ver­sucht, so gut es geht, ihre Wohl­ta­ten zurückzuweisen.“

— Baruch de Spi­no­za, Ethi­ca, Teil IV

Frei ist nicht, wer kei­ne Affek­te hat. Frei ist, wer sie ver­steht — und damit auf­hört, blind von ihnen regiert zu wer­den. Das gilt für den Ein­zel­nen. Und es gilt, viel­leicht noch dring­li­cher, für Gesell­schaf­ten als Ganzes.


Die­ser Bei­trag ist Teil der Serie „Erle­ben ver­ste­hen“ — wie psy­cho­lo­gi­sche Mecha­nis­men auf gesell­schaft­li­cher Ebe­ne wir­ken und was Phi­lo­so­phie dazu zu sagen hat. Grund­la­ge: Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Theo­lo­gisch-poli­ti­scher Trak­tat sowie Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta. Blog: blog.beratung-therapie.de

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