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Persönlichkeitsentwicklung · Experiment 1
Inhaltsverzeichnis
Achtsamkeit – Spüren, was jetzt ist
Warum wir selten wirklich im Moment leben – und wie du das heute noch ändern kannst
Du sitzt irgendwo. Dein Körper ist hier – aber bist du es auch?
Vielleicht kreisen deine Gedanken um gestern. Vielleicht planst du schon übermorgen. Das ist kein Versagen. Das ist das Standardprogramm der meisten Menschen. Wir haben gelernt, in der Vergangenheit nach Erklärungen zu suchen oder in der Zukunft nach Sicherheit – und verpassen dabei das Einzige, das wirklich existiert: diesen Moment.
Dieser Beitrag zeigt dir, warum das so ist, was die Psychologie dazu sagt, und wie du in fünf Minuten spürst, wie nah – oder wie weit weg – du gerade von dir selbst bist.
TEIL I
Theorie: Warum wir das Jetzt meiden
Die Gegenwart klingt simpel. Sie ist es nicht. Psychologen, Therapeuten und Philosophen streiten seit Jahrhunderten darüber, warum Menschen so konsequent an ihr vorbei leben.
Freud: Die Flucht in die Vergangenheit
Sigmund Freud hat die Psychoanalyse als archäologische Arbeit verstanden: Grabe tief genug in der Vergangenheit, und du findest die Ursache für alles, was heute schiefläuft. Das hat seinen Wert.
Aber es hat auch einen Haken. Wer immer zurückschaut, macht die Vergangenheit zur Ausrede. Ich bin so, weil damals… Der Moment wird zur Bühne für alte Geschichten. Statt zu handeln, erklärt man. Statt zu leben, analysiert man.
Adler: Die Flucht in die Zukunft
Alfred Adler drehte das Ganze um. Nicht Vergangenheit, sondern Ziele treiben den Menschen an. Wir kompensieren, was wir nicht haben – und planen, was wir sein wollen.
Auch das hat Logik. Und auch das hat einen Preis: Wer immer plant, schiebt das Jetzt auf morgen. Die Gegenwart wird zum Wartezimmer. Erst wenn ich X erreicht habe, dann lebe ich richtig. Das Morgen kommt nie – weil das Heute nie stattgefunden hat.
Gestaltpsychologie: Der dritte Weg
Die Gestalttherapie – entwickelt von Fritz Perls – schlug etwas Radikales vor: Nicht zurück, nicht voraus. Sondern hier. Jetzt. In Kontakt mit dem, was gerade wirklich ist.
Das klingt einfach. Es ist es nicht. Denn der Moment ist oft unspektakulär. Er macht keine Versprechen. Er ist nicht aufregend. Er ist einfach – das.
Die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu leben, ist keine Technik. Es ist eine Haltung – die sich trainieren lässt.
Was uns aus dem Moment herauszieht
Wenn du versuchst, wirklich im Moment zu bleiben, wirst du etwas bemerken: Es zieht dich weg. Konkret und schnell.
Ärger taucht auf. Langeweile. Ein Kribbeln. Der Reflex, das Handy zu nehmen. Das ist kein Zufall. Was dich aus dem Moment herausreißt, ist genau das, wovor du gerade – unbewusst – ausweichst.
Diese Ausweichbewegungen nennt die Gestalttherapie Widerstände. Sie tarnen sich gern. Ärger sieht aus wie Energie. Langeweile sieht aus wie Gleichgültigkeit. Unruhe sieht aus wie Beschäftigung. Dahinter steckt fast immer dasselbe: Angst davor, wirklich da zu sein.
TEIL II
Praktische Übung: Spüren, was gegenwärtig ist
Diese Übung braucht keine App, kein Kissen, keine Vorbereitung. Nur dich. Und fünf ruhige Minuten.
1
Ankommen
Setz dich hin. Lass den Rücken gerade sein, ohne Anspannung. Schließ kurz die Augen. Drei tiefe Atemzüge – nicht als Technik, sondern um zu merken, dass du hier bist.
2
Sätze bilden
Öffne die Augen. Bilde jetzt Sätze – laut oder leise – die beschreiben, was du in diesem Moment wahrnimmst. Fang jeden Satz an mit:
»Jetzt…« oder »Hier und jetzt…« oder »In diesem Moment…«
3
Konkret bleiben
Nicht: »Ich fühle mich entspannt.« Sondern: »Jetzt spüre ich, wie meine Schultern schwer sind.«
Nicht: »Ich denke an morgen.« Sondern: »Gerade zieht mich ein Gedanke weg – ich merke das.«
Bleib nah an dem, was deine Sinne dir gerade sagen.
4
Den Widerstand beobachten
Wann hörst du auf? Was passiert kurz bevor du abbrichst?
Ärger? Langeweile? Unruhe? Das Gefühl, dass die Übung »nichts bringt«?
Schreib dir auf, was genau auftauchte – und wann.
5
Reflektieren
Nach der Übung: Was hast du bemerkt? Was war leicht, was schwer?
Gab es Momente, in denen du wirklich da warst – oder hast du die ganze Zeit über die Übung nachgedacht, statt sie zu machen?
FRAGEN ZUM NACHDENKEN
- Möchtest du der Gegenwart vielleicht gar nicht nahekommen – weil das Vertraute sicherer wirkt?
- Ist der Moment gerade unspektakulär und fühlt sich das wie Versagen an?
- Bist du begeistert von der Idee dieser Übung – machst sie aber gar nicht wirklich?
- Gibt es Bereiche in dir, die du lieber nicht wahrnimmst – und genau deshalb meidest?
Und jetzt?
Der häufigste Fehler bei dieser Übung: Man denkt über sie nach, statt sie zu tun.
Mach sie. Fünf Minuten. Heute. Nicht als Ritual – sondern als Experiment. Was du dabei über dich lernst, ist mehr wert als alles, was du in diesem Text gerade gelesen hast.
Denn der Moment, in dem du wirklich hier bist, beginnt genau jetzt. Nicht morgen. Nicht nach dem nächsten Beitrag.
Persönlichkeitsentwicklung Blog · Experiment 1: Spüren, was gegenwärtig ist
Die Übungen beruhen auf dem 2. Teil von „Gestalt-Therapie“ (Titel: „Wiederbelebung des Selbst“) von Perls, Hefferline, Goodman, Konzepte der Humanwissenschaften, Klett-Cotta, 3. Auflage 1985 (Original erschienen 1951, The Julian Press, N.Y.)