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Ein Exkurs zum Thema „Surrealismus“
„Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt würden, würde alles dem Menschen erscheinen, wie es ist: unendlich.“ Wer so schreibt, hat die Welt nicht nur betrachtet. Er hat sie erlebt – mit einer Intensität, die seine Zeitgenossen für Wahnsinn hielten. Und die uns heute wie Hellsichtigkeit erscheint.
Ein Kind, das Engel sah
William Blake wird 1757 in London geboren, als drittes von sieben Kindern eines Strumpfwarenhändlers. Schon mit vier Jahren berichtet er von Visionen. Mit acht sieht er Engel in den Bäumen von Peckham Rye. Sein Vater, ein praktischer Mann, erkennt früh: Dieser Junge passt nicht in eine normale Laufbahn. Er schickt ihn mit zehn auf eine Zeichenschule.
Mit vierzehn beginnt Blake eine Ausbildung als Kupferstecher. Es ist kein glamouröser Beruf – aber er wird ihm alles geben, was er braucht: die Technik, um Bild und Wort zu einem einzigen Werk zu verschmelzen. Und die Unabhängigkeit, um es ohne Verleger, ohne Akademie, ohne die Gunst des Marktes zu tun.
Denn darum geht es Blake von Anfang an: um Freiheit. Nicht als Idee, sondern als Praxis des Lebens.
Die Akademie – und der Bruch
Mit zweiundzwanzig wird Blake in die Royal Academy of Arts aufgenommen. Eine glänzende Laufbahn scheint möglich. Aber er überwirft sich mit dem Akademiepräsidenten Sir Joshua Reynolds – einem Mann, der Ordnung, Klassizismus und gesellschaftliche Brauchbarkeit der Kunst verlangt. Blake verlangt das Gegenteil.
Er wird Kupferstecher. Ein Brotberuf, damals schon etwas altmodisch. Arm, weitgehend unbeachtet. Aber frei.
1782 heiratet er Catherine Boucher, eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die sich durch eigene Studien weiterbildet und zum technischen Rückgrat seines Werks wird. Sie drucken zusammen, färben zusammen, arbeiten zusammen. Fünfundvierzig Jahre lang. Blake schreibt Hymnen auf die freie Liebe – und bleibt ihr treu bis zu seinem Tod.
„Die Ausschweifung führt zum Palast der Weisheit.“
William Blake, Sprichwörter der Hölle
Das illuminierte Buch – eine eigene Welt
Blake erfindet eine neue Technik: das illuminated printing. Er ätzt Text und Bild gemeinsam auf Kupferplatten, druckt sie, koloriert sie von Hand. Jedes Exemplar ist ein Unikat. Jedes Buch eine Welt für sich.
So entstehen die Songs of Innocence and of Experience – Gedichte, die in Kontrastpaaren die Unschuld des Kindes gegen die Erfahrung des Erwachsenen stellen. Das Lamm gegen den Tiger. Das Licht gegen die Dunkelheit. Nicht als Gegensätze, die sich ausschließen, sondern als Pole, die sich brauchen.

Und dann die prophetischen Bücher. The Marriage of Heaven and Hell. America: A Prophecy. Jerusalem. Blake entwirft eine eigene Mythologie – mit eigenen Göttern, eigenen Kosmologien, eigener Symbolsprache. Urizen, der Gott der Vernunft und des Gesetzes, der den Menschen einengt. Los, der Schmiedegott der Vorstellungskraft, der ihn befreit.
Blake war Zeitgenosse der Aufklärung – und ihr schärfster Kritiker. In einer Epoche, die Vernunft und Wissenschaft zum Maß aller Dinge machte, bestand er auf der Überlegenheit der Vorstellungskraft. Nicht als Irrationalismus. Sondern als Erweiterung des Verstehens über das Messbare hinaus. Sein berühmtes Bild Newton zeigt den Wissenschaftler nackt und gekrümmt, der mit dem Zirkel eine Fläche ausmisst – und dabei die lebendige Welt um sich herum nicht sieht.
Der Visionär unter Verdacht
Zu Lebzeiten gilt Blake vielen als verrückt. Wordsworth sagt über ihn: „Es bestand kein Zweifel, dass dieser arme Mann wahnsinnig war, aber es ist etwas in seinem Wahnsinn, das mich mehr interessiert als die Vernunft von Lord Byron oder Walter Scott.“
Ein Skandalprozess wegen angeblichen Hochverrats – durch einen Soldaten provoziert – erschüttert ihn Mitte seines Lebens. Er zieht aufs Land, kehrt zurück. Bleibt arm. Bleibt produktiv. Bleibt sich selbst.
Erst ab 1818, also kurz vor seinem Tod, beginnt eine neue Generation von Künstlern, sein Werk wahrzunehmen. Zu spät für den Ruhm. Nicht zu spät für die Wirkung.
Das Erbe – und warum es uns noch betrifft
Blake stirbt am 12. August 1827. Noch auf dem Sterbebett arbeitet er. Catherine hält seine Hand. Er singt ihr Lieder, die er gerade empfängt – von woher, weiß er nicht. Oder er weiß es sehr genau.
Sein Erbe ist schwer einzuordnen. Er inspiriert die Präraffaeliten. Den Symbolismus. Aldous Huxley, der seine Pforten der Wahrnehmung nach Blake benennt. Jim Morrison und die Doors. Patti Smith. Eine direkte Linie von einem Londoner Kupferstecher aus dem 18. Jahrhundert zu den Gegenkulturen des 20.
Was Blake über die Zeit hinweg verbindet, ist ein Gedanke: dass die Wirklichkeit größer ist als das, was wir von ihr sehen. Dass Vernunft allein nicht ausreicht, um das Leben zu verstehen. Dass Vorstellungskraft nicht Flucht aus der Wirklichkeit ist – sondern Zugang zu ihr.
„Ich muss ein eigenes System erschaffen oder versklavt sein von einem anderen Mannes. Ich will nicht schlussfolgern und vergleichen: Meine Aufgabe ist es, zu erschaffen.“
William Blake, Jerusalem
Blake und Spinoza – eine stille Verwandtschaft
Blake kannte Spinoza. Nicht als Bewunderer, eher als jemanden, mit dem er stritt. Spinoza war für ihn zu sehr auf der Seite der Vernunft. Zu systematisch. Zu kalt.
Und doch: Was Blake über die Pforten der Wahrnehmung sagt – dass die Wirklichkeit grenzenlos ist, wenn wir aufhören, sie durch den Filter unserer Gewohnheiten zu sehen –, das ist dem Spinozanischen Gedanken der aktiven Erkenntnis näher als es scheint. Spinoza sagt: Was du nicht verstehst, treibt dich. Blake sagt: Was du nicht siehst, begrenzt dich. Beide meinen, dass Freiheit beginnt, wo die Wahrnehmung aufhört, von Angst und Gewohnheit gefiltert zu werden.
Vielleicht deshalb passt Blake in den Surrealismus – jene Kategorie, die wir hier als Bonmot führen. Als Erinnerung daran, dass die Wirklichkeit mehr Schichten hat, als wir täglich sehen. Und dass manche Menschen diese Schichten sehen – und dafür bezahlen. Mit Armut, mit Missverstehen, mit dem Ruf der Verrücktheit. Und manchmal, viel später, mit Unsterblichkeit.
William Blake, 1757–1827. Dichter, Maler, Kupferstecher, Visionär. Und: der Mann, der nie aufgehört hat zu sehen.