Nimm ihm die Rolex und den Porsche — und alles wird gut?

Kling­beils Kampf­an­sa­ge gegen den Steu­er­be­trug ver­spricht Gerech­tig­keit. Sie bedient den Neid. Eine Ana­ly­se mit dem Phi­lo­so­phen Baruch de Spi­no­za und dem Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan.

Ein Finanz­mi­nis­ter sitzt vor einer schlaff hän­gen­den Deutschland­fah­ne, dahin­ter ein Green­screen. Dazu dra­ma­ti­sche Musik. Die Arme vor der Brust ver­schränkt, der Blick fest. Dann der Satz, der durch die Netz­wer­ke jagt: „Gemein­sam sind wir stark und sagen denen, die den Staat betrü­gen, den Kampf an. Und dann sind die Rolex und der Por­sche erst mal weg.“ Mil­lio­nen sehen zu, und bei vie­len macht es klick. Kein Argu­ment hat sie erreicht, son­dern ein Gefühl. Um die­ses Gefühl geht es.

Das Bild vor dem Nichts

Kling­beil regiert in die­sem Video nicht, er spielt das Regie­ren. Er zeigt sich als der Ent­schlos­se­ne, der die Sache jetzt in die Hand nimmt, und wird genau durch die­ses Zei­gen zu die­ser Figur. Lacan nennt die Ebe­ne, auf der das geschieht, das Ima­gi­nä­re: das Reich der Bil­der, in dem wir uns ein Ide­al­bild von uns zurecht­le­gen und uns dar­an fest­hal­ten. Der Witz steckt im Green­screen. Hin­ter dem Minis­ter ist buch­stäb­lich nichts, die Kulis­se ist rei­ne Pro­jek­ti­on. Das star­ke Bild legt sich über eine Lee­re, über einen Staat, der die gro­ßen Geld­strö­me längst nicht so im Griff hat, wie das die ver­schränk­ten Arme behaupten.

Rolex und Porsche: der Neid auf ein Leben, das dir gestohlen wurde

War­um aus­ge­rech­net Rolex und Por­sche? Weil die­se Din­ge nicht bloß „teu­er“ bedeu­ten. Sie ste­hen für einen Genuss, der uns vor­ent­hal­ten bleibt. Lacan spricht vom Genie­ßen und meint damit mehr als Ver­gnü­gen: ein rausch­haf­tes Zuviel, das über die nor­ma­le Lust hin­aus­schießt. Die Fan­ta­sie dahin­ter ist uralt. Der ande­re genießt auf eine Wei­se, die mir ver­sperrt ist, und er hat es mir gestoh­len. „Dann ist die Rolex erst mal weg“ ver­spricht, die­sen Raub rück­gän­gig zu machen: Nehmt es ihm ab, und die Rech­nung geht wie­der auf. Ver­rä­te­risch ist nur, wie sehr das­sel­be Ding zugleich lockt. Wer es dem ande­ren weg­neh­men will, hat es selbst längst begehrt. Der Zugriff ist Neid, nach außen gewendet.

Der Betrü­ger ist nicht der Grund. Er ist die Leinwand.

Spinoza kannte diesen Neid schon

Drei­hun­dert­fünf­zig Jah­re frü­her hat Baruch de Spi­no­za die­se Bewe­gung seziert. In der Ethik beschreibt er einen Men­schen, der unun­ter­bro­chen über den Reich­tum der ande­ren schimpft und damit nichts erreicht, außer dass er sich selbst quält und aller Welt zeigt, dass er weder die eige­ne Lage noch das Glück der ande­ren erträgt. Das ist der Neid, bei Spi­no­za eine Form der Trau­er: ein Affekt, der uns klei­ner macht und die Kraft zu han­deln senkt. So ein Affekt tarnt sich gern als Gerech­tig­keit. Er ruft „Fair­ness“ und meint: Mir soll es nicht schlech­ter gehen als dem da.

Spi­no­za geht noch tie­fer. Ein lei­den­der Affekt, sagt er, ist eine „ver­wor­re­ne Idee“: eine trü­be, hal­be Vor­stel­lung, die ihre eige­ne Ursa­che nicht kennt. Wir hän­gen unse­ren Unmut an ein äuße­res Ding, den Betrü­ger mit der Uhr, und hal­ten die­ses Ding für den Grund unse­res Man­gels. Doch der Betrü­ger ist nicht der Grund. Er ist die Leinwand.

Der Feind, den wir brauchen

„Gemein­sam sind wir stark.“ Die­ses Wir ent­steht über­haupt erst dadurch, dass es einen aus­stößt: den, der den Staat betrügt. Die Gemein­schaft schließt sich, indem sie einen her­aus­trennt. Der Betrü­ger trägt von nun an den Riss, der mit­ten durch die Gesell­schaft läuft, die Spal­tung zwi­schen oben und unten, zwi­schen denen, die zah­len, und denen, die ent­kom­men. Spi­no­za wür­de sagen: Hier ord­net die Ein­bil­dungs­kraft die Welt falsch, sie ver­wech­selt einen sicht­ba­ren Schul­di­gen mit den unsicht­ba­ren Ursa­chen. Kling­beil lie­fert die­sen Schul­di­gen, weil er die eigent­li­chen Kräf­te, die gesichts­lo­sen Bewe­gun­gen des Kapi­tals, nicht zu fas­sen bekommt. Also gibt er dem Geld ein Gesicht, das man bestra­fen kann: den Mann mit dem Por­sche. Das Gesichts­lo­se bekommt ein Gesicht, und dann darf man draufhauen.

Wer spricht da eigentlich?

Jetzt wird es unan­ge­nehm. Ein gut ver­die­nen­der Minis­ter, Teil eines Appa­rats, der mit der eige­nen Berei­che­rung durch­aus ver­traut ist, spricht vom Ort des gro­ßen Sit­ten­wäch­ters aus. Lacan trennt an die­ser Stel­le scharf zwi­schen dem Gesag­ten und dem Spre­chen. Der Inhalt lau­tet: Wir bekämp­fen den Betrug. Die ande­re Fra­ge ist, wer da redet, aus wel­cher Posi­ti­on und mit wel­chem eige­nen Genuss an der Pose. In die­ser Lücke sitzt der Kern. Die ver­schränk­ten Arme, die Marsch­mu­sik, das ist eine Macht­ges­te, die eine ech­te Ohn­macht über­spielt. Und der Staat, der da „betro­gen“ wird, ist selbst eine Erzäh­lung. Es gibt kei­ne gro­ße Instanz, der wir Treue schul­den und die man hin­ter­ge­hen könn­te, nur eine Ord­nung vol­ler Löcher, die sich ein fes­tes Zen­trum bloß herbeiwünscht.

Was Freiheit wäre

Spi­no­zas Aus­weg ist über­ra­schend nüch­tern. Im fünf­ten Teil der Ethik schreibt er, dass ein Affekt auf­hört, uns zu beherr­schen, sobald wir uns von ihm eine kla­re und deut­li­che Vor­stel­lung bil­den. Je bes­ser wir einen Affekt durch­schau­en, des­to weni­ger lei­den wir an ihm. Frei­heit heißt dann nicht, dem ande­ren die Uhr abzu­neh­men. Sie heißt, die wah­ren Grün­de der eige­nen Unzu­frie­den­heit zu ver­ste­hen und die klei­ne, fie­se Freu­de am Absturz des ande­ren durch jene Freu­de zu erset­zen, die aus ech­ter Erkennt­nis kommt.

Lacan sagt es anders und meint das­sel­be: Hör auf, den Dieb zu jagen, der dir dein Glück gestoh­len haben soll. Es gibt ihn nicht. Der Man­gel gehört zum Leben, er ist nicht die Beu­te eines Betrü­gers. Eine Poli­tik, die den Neid schürt, hält uns in dem, was Spi­no­za Knecht­schaft nennt: getrie­ben von Affek­ten, die wir nicht durch­schau­en. Eine Poli­tik der Erkennt­nis wäre der müh­sa­me­re, aber der freie­re Weg. Das Video ver­spricht Ganz­heit durch den Ent­zug eines Objekts. Spi­no­za wie Lacan ant­wor­ten dar­auf das­sel­be: Mit der Rolex ver­schwin­det der Man­gel nicht.

Text­grund­la­ge zu Spi­no­za: Ethik, Fünf­ter Teil („Von der Macht der Erkennt­nis oder von der mensch­li­chen Frei­heit“), Über­set­zung Bert­hold Auer­bach, Pro­jekt Gutenberg.

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