Begehren – oder warum unser Verlangen nie befriedigt wird

Ein zen­tra­ler Begriff Jac­ques Lacans – und was er über unser Innen­le­ben verrät


Das Rätsel der Erfüllung

Du hast es dir so sehr gewünscht. Die Stel­le. Die Bezie­hung. Das Haus. Den Urlaub. Die Aner­ken­nung. Und dann war es da – und nach kur­zer Zeit war die­ses Gefühl wie­der weg. Nicht weil die Sache schlecht wäre. Son­dern weil schon das nächs­te Wol­len begon­nen hat­te. Kaum ange­kom­men, schon wie­der unterwegs.

Das ist kei­ne per­sön­li­che Schwä­che. Das ist kei­ne Fra­ge von Dank­bar­keit oder Acht­sam­keit. Es ist ein Struk­tur­merk­mal des mensch­li­chen Begeh­rens. Und Jac­ques Lacan hat es so prä­zi­se beschrie­ben wie kein ande­rer vor oder nach ihm. In der All­tags­spra­che benut­zen wir eher den Begriff „Ver­lan­gen“.


Begehren ist nicht Bedürfnis – und nicht Wunsch

Lacan unter­schei­det drei Din­ge, die wir im All­tag oft durch­ein­an­der­brin­gen: Bedürf­nis, Wunsch und Begehren.

Ein Bedürf­nis lässt sich stil­len. Hun­ger ver­schwin­det, wenn man isst. Durst ver­schwin­det, wenn man trinkt. Das Bedürf­nis hat ein Ende – es ist auf Erfül­lung ange­legt und fin­det sie.

Ein Wunsch rich­tet sich auf etwas Kon­kre­tes – die­ses Auto, die­se Per­son, die­se Kar­rie­re. Er kann erfüllt wer­den. Aber sei­ne Erfül­lung ist nie voll­stän­dig. Denn hin­ter dem Wunsch steckt etwas, das grö­ßer ist als das kon­kre­te Objekt.

Das Begeh­ren ist das, was hin­ter dem Wunsch liegt – und was kein Objekt je voll­stän­dig befrie­di­gen kann. Es ist nicht auf ein bestimm­tes Ding gerich­tet. Es ist eine Bewe­gung, ein Antrieb, ein stän­di­ges Unter­wegs-Sein. Es will nicht ankom­men. Es will wei­ter wollen. 

Das klingt para­dox. Aber es beschreibt etwas, das jeder kennt.


Das Objekt klein a – was wir wirklich suchen

Lacan hat für das, was das Begeh­ren antreibt, einen eige­nen Begriff erfun­den: objet petit a – das Objekt klein a. Es ist kein kon­kre­tes Ding. Es ist das, was hin­ter jedem kon­kre­ten Objekt zu ste­cken scheint – der Rest, den wir in jedem Wunsch­ob­jekt zu fin­den hof­fen, und den wir nie finden.

Stell dir vor, du sehnst dich nach einer Per­son. Du glaubst, die­se Per­son hat etwas, das dir fehlt – eine Qua­li­tät, eine Wär­me, eine Fül­le, die dein eige­nes Gefühl der Unvoll­stän­dig­keit auf­he­ben wür­de. Du näherst dich ihr. Und irgend­wann merkst du: Das, was du gesucht hast, ist nicht da. Nicht weil die Per­son ent­täu­schend wäre – son­dern weil das, was du gesucht hast, nie dort war. Es war eine Projektion.

Das Objekt klein a ist immer eine Pro­jek­ti­on. Wir legen es in Din­ge und Men­schen hin­ein – und suchen es dann dort. Das Begeh­ren bewegt sich von Objekt zu Objekt, weil kei­nes davon das Gesuch­te ent­hält. Und genau des­halb hört es nie auf.


Begehren entsteht in der Sprache

Das Begeh­ren ent­steht nicht in der Bio­lo­gie. Es ent­steht in der Spra­che. Wenn ein Kind in die Welt der Spra­che ein­tritt – wenn es lernt, mit Wor­ten zu spre­chen, zu bit­ten, zu for­dern –, ver­liert es den direk­ten Zugang zu dem, was es will. Denn Spra­che funk­tio­niert durch Unter­schei­dun­gen und Umwe­ge. Man kann nicht direkt sagen, was man wirk­lich meint – weil das, was man wirk­lich meint, sich der Spra­che entzieht.

Was beim Spre­chen immer übrig bleibt und nicht aus­ge­drückt wer­den kann, nennt Lacan den Man­gel. Der Man­gel ist kei­ne Pan­ne. Er ist struk­tu­rell. Er gehört zum Mensch­sein dazu, weil Men­schen Sprach­we­sen sind. Und das Begeh­ren ist die Ant­wort des Sub­jekts auf die­sen Man­gel – der nie auf­hö­ren­de Ver­such, ihn zu füllen.


Warum wir begehren, was andere begehren

Lacan fügt noch eine Wen­dung hin­zu, die zunächst über­rascht: Das Begeh­ren ist immer das Begeh­ren des Ande­ren. Was wir begeh­ren, nimmt sei­ne Form durch den Blick ande­rer an. Wir wol­len, was wir für begeh­rens­wert hal­ten – und was wir für begeh­rens­wert hal­ten, ler­nen wir von anderen.

Das erklärt, war­um so vie­le Men­schen jah­re­lang etwas anstre­ben und es schließ­lich bekom­men – und dann mer­ken, dass es gar nicht ihres war. Sie haben das Begeh­ren des Ande­ren gelebt, nicht ihr eigenes.


Was das für den Alltag bedeutet

Lacan gibt kei­ne Anlei­tung, das Begeh­ren zu über­win­den oder zu erfül­len. Er beschreibt es als das, was es ist – eine Grund­struk­tur des mensch­li­chen Innen­le­bens. Wer das ver­steht, kann anders damit umgehen.

Wenn das nächs­te Wol­len kommt – das Gefühl, dass etwas fehlt, dass dort drau­ßen etwas ist, das die Lücke fül­len wür­de –, dann ist das kei­ne Auf­for­de­rung, sofort los­zu­lau­fen. Es ist ein Signal inne­zu­hal­ten und zu fra­gen: Ist das wirk­lich meins? Was genau suche ich dahin­ter? Was glau­be ich, dort zu fin­den, das ich hier nicht habe?

Das ist kei­ne Tech­nik der Selbst­op­ti­mie­rung. Es ist das, was Lacan Ana­ly­se nennt – die lang­sa­me, oft unbe­que­me Arbeit, das eige­ne Begeh­ren von dem des Ande­ren zu unter­schei­den. Nicht um es zu been­den. Son­dern um es zu kennen.


Spinoza und Lacan – derselbe Antrieb, zwei Antworten

Spi­no­za kennt die­ses Phä­no­men unter ande­rem Namen: den Cona­tus – das Stre­ben jedes Wesens, in sei­nem Sein zu ver­har­ren und sich zu ent­fal­ten. Auch bei Spi­no­za ist der Mensch ein Wesen, das immer schon auf etwas gerich­tet ist, das ihn antreibt.

Aber Spi­no­za glaubt, dass die­ser Antrieb durch Erkennt­nis befrie­digt wer­den kann – dass das Ver­ste­hen der Ursa­chen die Affek­te mil­dert und den Geist frei­er macht. Lacan wider­spricht: Das Begeh­ren lässt sich nicht stil­len. Nicht durch Erkennt­nis, nicht durch Erfül­lung. Man kann es ken­nen. Man kann es nicht auflösen.

Das ist der pro­duk­ti­ve Wider­spruch zwi­schen bei­den. Spi­no­za zeigt, was mög­lich ist. Lacan zeigt, was bleibt. Zusam­men ent­steht ein ehr­li­che­res Bild des Men­schen – weder naiv noch hoffnungslos.


Das nächs­te Mal, wenn du merkst, dass du etwas sehr stark willst: Frag nicht sofort, wie du es bekommst. Frag zuerst, was du wirk­lich dahin­ter suchst. Die Ant­wort ist fast nie das, was du erwartest.

„Das Begeh­ren des Men­schen ist das Begeh­ren des Ande­ren.“ – Jac­ques Lacan


Jac­ques Lacan (1901–1981), Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Der Begriff des Begeh­rens (désir) und das Kon­zept des objet petit a durch­zie­hen sein gesam­tes Werk, beson­ders die Semi­na­re VI (Le désir et son inter­pré­ta­ti­on, 1958/59) und XI (Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se, 1964).

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