Wir-Gefühl – warum eine Mannschaft erst durch den Gegner entsteht

Wir-Gefühl – kaum etwas erzeugt es so zuver­läs­sig wie eine Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft. Aber woher kommt es eigent­lich? Und war­um braucht es dafür immer einen Gegner?


Alle vier Jahre dasselbe Wunder

Men­schen, die sich sonst kaum ken­nen, tra­gen plötz­lich die­sel­ben Far­ben. Frem­de umar­men sich nach einem Tor. Wer sonst nicht mal weiß, wer gera­de Bun­des­li­ga­meis­ter ist, schaut jedes Spiel mit ange­hal­te­nem Atem. Das Natio­nal­team wird zu „unse­rer Mann­schaft“ — obwohl nie­mand von uns dort mitspielt.

Die­ses Gefühl ist echt. Es sitzt im Kör­per, nicht im Kopf. Und es löst sich nach dem Tur­nier genau­so schnell wie­der auf, wie es ent­stan­den ist.

Was pas­siert da eigentlich?


Sartres Satz, der kein Witz ist

Jean-Paul Sart­re hat über Fuß­ball einen Satz gesagt, der auf den ers­ten Blick wie eine Poin­te klingt: „Bei einem Fuß­ball­spiel ver­kom­pli­ziert sich aller­dings alles durch die Anwe­sen­heit der geg­ne­ri­schen Mannschaft.“

Aber Sart­re mein­te es ernst — und er mein­te damit weit mehr als Tak­tik. In sei­ner „Kri­tik der dia­lek­ti­schen Ver­nunft“ nutzt er das Fuß­ball­spiel als Modell für eine Fra­ge, die ihn wirk­lich beschäf­tigt: Wie wird aus einer losen Ansamm­lung von Indi­vi­du­en ein han­deln­des Kollektiv?

Sei­ne Ant­wort ist unbe­quem ein­fach: durch den Geg­ner. Durch den Drit­ten von außen. Durch das, woge­gen sich die Grup­pe rich­tet. Nicht durch gemein­sa­me Wer­te, nicht durch Tra­di­ti­on, nicht durch gegen­sei­ti­ge Sym­pa­thie — son­dern durch den, der auf der ande­ren Sei­te steht.

Sart­re nennt das die fusio­nier­te Grup­pe. Sie ent­steht im Moment der Bedro­hung oder des gemein­sa­men Kamp­fes — und sie fällt aus­ein­an­der, wenn die­ser Moment vor­bei ist. Das Eins­sein kommt von außen. Es wird nicht erzeugt, es wird ausgelöst.


Das Wir entsteht durch das Ihr

Denk an den Moment im Fan­block, wenn das geg­ne­ri­sche Team ein­läuft. Aus zwan­zig­tau­send ver­schie­de­nen Men­schen mit zwan­zig­tau­send ver­schie­de­nen Leben wird für die­se neun­zig Minu­ten eine ein­zi­ge Bewe­gung. Schul­ter an Schul­ter. Die­sel­ben Far­ben. Die­sel­be Anspannung.

Ohne Bra­si­li­en kein deut­sches Wir. Ohne Frank­reich kein argen­ti­ni­sches Wir. Der Geg­ner ist nicht nur Hin­der­nis — er ist Voraussetzung.

Der fran­zö­si­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques Lacan hät­te das so for­mu­liert: Der Ande­re kon­sti­tu­iert das Sub­jekt. Was ich bin, zeigt sich immer im Ver­hält­nis zu dem, was ich nicht bin. Was wir sind, ent­steht an unse­rer Gren­ze — nicht in unse­rer Mit­te. Die Iden­ti­tät des Kol­lek­tivs ist nicht in ihm selbst ver­an­kert. Sie braucht das Gegenüber.

Das erklärt, war­um Fuß­ball­be­geis­te­rung und Natio­na­lis­mus die­sel­be psy­cho­lo­gi­sche Struk­tur tei­len — nicht die­sel­be Qua­li­tät, aber die­sel­be Mecha­nik: Iden­ti­tät durch Abgren­zung. Wir, weil ihr.


Was Spinoza im Stadion beobachten würde

Der Phi­lo­soph Baruch de Spi­no­za inter­es­siert sich nicht für Mann­schaf­ten — aber er inter­es­siert sich sehr für das, was Men­schen in einem Moment zusam­men­bringt: gemein­sa­me Affekte.

Wenn ein Tor fällt, ver­än­dert sich bei Mil­lio­nen Men­schen in der­sel­ben Sekun­de der Herz­schlag, die Atem­fre­quenz, die Mus­kel­span­nung. Das ist nicht Über­trei­bung. Das ist Phy­sio­lo­gie. Spi­no­za nennt das die Über­tra­gungs­kraft der Affek­te — was einen bewegt, bewegt die ande­ren, wenn die Bedin­gun­gen stimmen.

Und die WM schafft genau die­se Bedin­gun­gen: das­sel­be Sym­bol, das­sel­be Ziel, den­sel­ben Geg­ner. Die Affek­te lau­fen syn­chron. In die­ser Syn­chro­ni­sa­ti­on ent­steht das Erle­ben von Zuge­hö­rig­keit — inten­si­ver als fast alles, was der All­tag bietet.

Des­halb ist das WM-Wir stär­ker als das Liga-Wir. Die Natio­nal­mann­schaft trägt mehr Geschich­te, mehr kol­lek­ti­ve Bedeu­tung. Der Geg­ner ist frem­der, wei­ter weg, mehr Kon­trast. Bei­des treibt den Affekt nach oben.


Wo das Ganze kippen kann

Die­sel­be Struk­tur, die das schö­ne Wir-Gefühl erzeugt, trägt eine Kehr­sei­te in sich. Wenn der Geg­ner nicht mehr nur sport­li­cher Riva­le ist — wenn er zum Sym­bol für das Frem­de, das Bedroh­li­che, das Feind­li­che wird —, dann ver­wan­delt sich das kol­lek­ti­ve Hoch­ge­fühl in etwas anderes.

Lacan war in die­ser Fra­ge prä­zi­se: Die Aggres­si­vi­tät ist in der Struk­tur des Ima­gi­nä­ren ein­ge­baut. Ein Kol­lek­tiv, das sich durch Abgren­zung kon­sti­tu­iert, trägt immer eine poten­zi­el­le Feind­se­lig­keit gegen das, wovon es sich abgrenzt. Ob die­se Feind­se­lig­keit sport­lich bleibt oder dar­über hin­aus­geht, hängt von vie­lem ab. Aber die Grund­struk­tur ist dieselbe.

Das ist kein Argu­ment gegen Fuß­ball. Es ist eine Ein­la­dung zur Auf­merk­sam­keit — zu wis­sen, wor­auf das Wir-Gefühl beruht, und zu bemer­ken, wenn es in eine Rich­tung zieht, die es nicht sollte.


Was nach dem Finale bleibt

Sart­re hat­te recht: Die fusio­nier­te Grup­pe hält nur, solan­ge der äuße­re Aus­lö­ser aktiv ist. Nach dem Fina­le ver­schwin­den die Fah­nen aus den Fens­tern. Die Frem­den, mit denen man sich umarmt hat, wer­den wie­der zu Fremden.

Das ist kei­ne Ent­täu­schung — es ist die inne­re Logik die­ser Art von Gemein­schaft. Flüch­tig, inten­siv, echt. Aber nicht trag­fä­hig als Fun­da­ment für etwas Dauerhaftes.

Dau­er­haf­te Ver­bun­den­heit, sagt Spi­no­za, ent­steht anders: nicht durch den gemein­sa­men Geg­ner, son­dern durch das, was Men­schen mit­ein­an­der auf­bau­en. Durch gemein­sa­me Hand­lungs­fä­hig­keit, nicht durch gemein­sa­men Triumph.

Viel­leicht ist das die inter­es­san­tes­te Fra­ge rund um jede WM — nicht wer gewinnt, son­dern was vom Wir übrig bleibt, wenn der Geg­ner vom Platz gegan­gen ist.


Jean-Paul Sart­re ent­wi­ckel­te sei­nen Gedan­ken zur fusio­nier­ten Grup­pe in der „Kri­tik der dia­lek­ti­schen Ver­nunft“ (1960). Die­ser Arti­kel ver­bin­det ihn mit Lacans Begriff der ima­gi­nä­ren Aggres­si­vi­tät und Spi­no­zas Theo­rie der Affekte.

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