Wege zur Freiheit

Spi­no­za und Lacan im Gespräch – zwei Ant­wor­ten auf eine 2500 Jah­re alte Frage


Eine Inschrift, zwei Welten

„Erken­ne dich selbst“ – gno­thi seau­ton – stand am Ein­gang des Apol­lon-Tem­pels in Del­phi. Ein Weg zur Frei­heit? Sokra­tes hat dar­aus ein gan­zes Lebens­mo­dell gemacht: Erken­ne dei­ne Gren­zen. Wis­se, dass du nichts weißt. In die­sem Nicht­wis­sen liegt, para­do­xer­wei­se, eine Form der Weisheit.

Baruch de Spi­no­za und Jac­ques Lacan haben die­se Maxi­me bei­de ernst genom­men – und sind zu so ver­schie­de­nen Ant­wor­ten gekom­men, dass man mei­nen könn­te, sie rede­ten über ver­schie­de­ne Menschen.

Für Spi­no­za ist Selbst­er­kennt­nis der Weg zur Frei­heit. Wer ver­steht, was ihn bewegt, kann frei­er wer­den. Für Lacan ist Selbst­er­kennt­nis der Weg zur Erkennt­nis der eige­nen Spal­tung. Wer sich wirk­lich erkennt, erkennt, dass er sich selbst nie voll­stän­dig erken­nen kann.

Das ist kein aka­de­mi­scher Streit. Es ist eine Fra­ge, die jeden betrifft, der je ver­sucht hat, sich zu verändern.


Spinoza: Freiheit durch Erkenntnis

Spi­no­zas Aus­gangs­punkt ist klar: Der Mensch ist nicht frei im Sin­ne eines ursa­chen­lo­sen Wil­lens. Er wird bewegt – von Affek­ten, von Gewohn­hei­ten, von Ver­knüp­fun­gen, die sich ohne sein Wis­sen gebil­det haben. Wer glaubt, aus frei­em Wil­len zu han­deln, täuscht sich meis­tens. Er han­delt aus Ursa­chen, die er nicht sieht.

Aber – und das ist Spi­no­zas ent­schei­den­de Wen­de – die­ser Zustand ist nicht unver­än­der­bar. Denn es gibt einen Unter­schied zwi­schen dem pas­si­ven und dem akti­ven Affekt. Der pas­si­ve Affekt ist einer, dem man aus­ge­lie­fert ist, weil man sei­ne Ursa­chen nicht kennt. Der akti­ve Affekt ist einer, den man ver­steht – und den man des­halb anders tra­gen kann.

Spi­no­za schreibt im drit­ten Lehr­satz des fünf­ten Teils:

Ein Affekt, der ein Lei­den ist, hört auf, eines zu sein, sobald wir eine kla­re und deut­li­che Idee von ihm bil­den.

Das bedeu­tet nicht, dass der Affekt ver­schwin­det. Es bedeu­tet, dass sich sei­ne Qua­li­tät ver­än­dert. Wer ver­steht, war­um er wütend ist – nicht nur dass er wütend ist, son­dern wel­che Ursa­chen­ket­te dahin­ter­steckt –, ist die­ser Wut nicht mehr blind aus­ge­lie­fert. Er kann sie anders halten.

Erkennt­nis, für Spi­no­za, ist also tat­säch­lich befrei­end. Nicht voll­stän­dig, nicht sofort, nicht ohne Anstren­gung. Aber real. Es gibt einen Weg vom Lei­den zum Ver­ste­hen zum Frei­er­wer­den – und die­ser Weg ist beschreitbar.


Lacan: Erkenntnis führt zur Spaltung

Lacan beginnt an einem ande­ren Ort. Für ihn ist das Sub­jekt struk­tu­rell geteilt – nicht zufäl­lig, nicht heil­bar, son­dern als Grund­be­din­gung des Mensch­seins. Es gibt das bewuss­te Ich, das denkt, es weiß, wer es ist und was es will. Und es gibt das Unbe­wuss­te, das nach ande­ren Geset­zen funk­tio­niert, ande­re Zie­le ver­folgt und sich dem Bewusst­sein grund­sätz­lich entzieht.

Das Unbe­wuss­te spricht – aber nicht direkt. Es zeigt sich in Ver­spre­chern, in Sym­pto­men, in Wie­der­ho­lun­gen, in dem, was man gera­de nicht sagen woll­te und trotz­dem gesagt hat. Es hat eine Logik. Aber es ist nicht zugäng­lich wie ein Schub­fach, das man auf­zieht und anschaut.

„Erken­ne dich selbst“ bedeu­tet bei Lacan des­halb etwas ande­res als bei Sokra­tes oder Spi­no­za. Es bedeu­tet: Erken­ne, dass du dir selbst nicht trans­pa­rent bist. Erken­ne, dass das, was du für dei­ne Wün­sche hältst, nicht unbe­dingt wirk­lich deins ist – es ist geformt durch Spra­che, durch frü­he Bezie­hun­gen, durch eine sym­bo­li­sche Ord­nung, die schon vor dir da war. Erken­ne, dass du immer auch anders bist, als du denkst zu sein. Das ist sei­ne Weg zur Frei­heit – oder bes­ser: der Weg, um sich selbst treu zu bleiben.

Das Ziel der psy­cho­ana­ly­ti­schen Arbeit bei Lacan ist nicht voll­stän­di­ge Selbst­er­kennt­nis. Es ist eine neue Bezie­hung zum eige­nen Nicht-Wis­sen. Nicht: Ich ver­ste­he mich jetzt. Son­dern: Ich habe auf­ge­hört zu glau­ben, dass ich mich voll­stän­dig ver­ste­hen muss.


Der entscheidende Unterschied: Was das Subjekt tun kann

Hier liegt der eigent­li­che Kern des Unter­schieds – und er ist prak­tisch, nicht nur theoretisch.

Spi­no­za glaubt, dass das Sub­jekt sich durch Erkennt­nis tat­säch­lich ver­än­dern kann. Nicht durch Wil­lens­kraft – das ist aus­drück­lich nicht gemeint. Son­dern durch das wirk­li­che Ver­ste­hen der Ursa­chen: Wenn ich begrei­fe, war­um ich so reagie­re, wie ich reagie­re – wenn ich das Netz der Ursa­chen sehe, das zu die­sem Ver­hal­ten geführt hat –, ver­liert der Affekt sei­ne blin­de Macht. Ich wer­de sehend bewegt statt blind bewegt. Und das ist Frei­heit, soweit Frei­heit für Spi­no­za mög­lich ist.

Lacan ist skep­ti­scher – und prä­zi­ser in einem ande­ren Sin­ne. Er wür­de sagen: Das Sub­jekt kann sich ver­än­dern. Aber nicht durch Ein­sicht allein. Nicht durch das Ver­ste­hen des Unbe­wuss­ten, weil das Unbe­wuss­te sich im Moment des Ver­ste­hens schon wie­der ver­scho­ben hat. Die Ver­än­de­rung pas­siert anders – durch die Arbeit des Spre­chens selbst, durch das Durch­ar­bei­ten von Sym­pto­men, durch eine Ver­schie­bung in der Bezie­hung zum eige­nen Begeh­ren.

Das Sub­jekt bei Lacan kann frei­er wer­den. Aber es wird nie mit sich iden­tisch. Es bleibt gespal­ten. Und das Ziel ist nicht, die­se Spal­tung zu hei­len – son­dern sie anzu­er­ken­nen und anders damit zu leben.


Spinoza: Der Weg ist beschreitbar

Was Spi­no­zas Modell so attrak­tiv macht, ist sei­ne rela­ti­ve Zugäng­lich­keit. Man muss kei­ne Psy­cho­ana­ly­se machen, um zu begin­nen. Man muss nur anfan­gen, ehr­lich hin­zu­schau­en – auf die eige­nen Affek­te, auf die Ket­ten der Ursa­chen, auf das, was einen wirk­lich bewegt und warum.

Spi­no­za beschreibt im zehn­ten Lehr­satz des fünf­ten Teils eine Pra­xis: Man prägt sich Lebens­grund­sät­ze ein und ver­knüpft sie mit kon­kre­ten Situa­tio­nen. Man übt, in bestimm­ten Momen­ten anders zu den­ken. Nicht als Wil­lens­akt – son­dern als Kul­ti­vie­rung neu­er Ver­knüp­fun­gen. Das Gehirn, wür­de man heu­te sagen, ist form­bar. Neue Erfah­run­gen kön­nen alte Mus­ter lockern.

Der Weg ist lang. Er ist nicht line­ar. Aber er geht irgend­wo­hin. Spi­no­za glaubt an einen Fort­schritt – an die Mög­lich­keit, mit der Zeit weni­ger von Affek­ten beherrscht zu wer­den und mehr aus dem eige­nen Ver­ste­hen her­aus zu handeln.


Lacan: Der Rest bleibt

Was Lacans Modell so unbe­quem und gleich­zei­tig so ehr­lich macht, ist das Bestehen auf dem, was bleibt. Es gibt immer einen Rest, der sich nicht auf­löst. Das Rea­le – das, was sich weder abbil­den noch benen­nen lässt – ist kein Pro­blem, das mit genug Ana­ly­se ver­schwin­det. Es bleibt.

Das Begeh­ren lässt sich nicht voll­stän­dig klä­ren. Man kann eine bes­se­re Bezie­hung zu ihm ent­wi­ckeln – weni­ger von ihm getrie­ben, bewuss­ter in dem, was man will und war­um. Aber es wird nicht durch­sich­tig. Es bleibt ein Antrieb, der mehr ist als der Ver­stand erfas­sen kann.

Das Sym­ptom – die Wie­der­ho­lung, der Kon­flikt, das Mus­ter – lässt sich durch­ar­bei­ten. Aber es lässt sich nicht ein­fach abschal­ten. Es zeigt auf etwas, das im Sub­jekt liegt und das kei­ne noch so kla­re Ein­sicht voll­stän­dig beseitigt.

Lacan wür­de sagen: Das ist kein Ver­sa­gen. Das ist die Wahr­heit über das Mensch­sein. Und die ehr­li­che­re Ant­wort auf die del­phi­sche Maxi­me ist nicht „Erken­ne dich selbst“ – son­dern „Erken­ne dich selbst als das, was sich dir entzieht.“


Was beide zusammen zeigen

Gele­sen als Gespräch – nicht als Kon­kur­renz – ergän­zen sich Spi­no­za und Lacan auf eine Wei­se, die kei­ner von bei­den allein erreicht.

Spi­no­za gibt dem Sub­jekt einen Weg. Er zeigt, dass Erkennt­nis etwas bewirkt, dass das Ver­ste­hen von Ursa­chen die Qua­li­tät von Affek­ten ver­än­dert, dass es einen Unter­schied macht, ob man sehend oder blind bewegt wird. Das ist nicht naiv – es ist prä­zi­se beob­ach­tet und im All­tag erfahrbar.

Lacan kor­ri­giert die Illu­si­on, dass die­ser Weg voll­stän­dig zum Ziel führt. Er zeigt, dass immer ein Rest bleibt, dass das Unbe­wuss­te kei­ne Schub­la­de ist, die man auf­räu­men kann, dass das Begeh­ren sei­nen eige­nen Geset­zen folgt und sich kei­ner voll­stän­di­gen Kon­trol­le fügt. Das ist nicht hoff­nungs­los – es ist realistisch.

Zusam­men ergibt sich ein Bild, das weder naiv opti­mis­tisch noch hoff­nungs­los ist: Das Sub­jekt kann sich ver­än­dern. Es kann frei­er wer­den. Es kann bewuss­ter han­deln, weni­ger auto­ma­tisch, weni­ger blind. Aber es wird nie voll­stän­dig mit sich iden­tisch sein. Es bleibt ein Wesen, das sich selbst teil­wei­se ent­zieht – und das ist kein Pro­blem, das gelöst wer­den muss. Es ist die Bedin­gung, unter der mensch­li­che Frei­heit über­haupt mög­lich ist.


Erken­ne dich selbst – und erken­ne dabei, dass die­ses Selbst kein abge­schlos­se­nes Ding ist, das man ein für alle Mal ken­nen kann. Es ist ein Pro­zess. Und der Pro­zess selbst ist das, was zählt.

„Erken­ne dich selbst – als das, was sich dir ent­zieht.“ – Eine Laca­nia­ni­sche Refor­mu­lie­rung der del­phi­schen Maxime


Die­ser Bei­trag ver­bin­det zwei Den­ker, die sel­ten zusam­men gele­sen wer­den: Baruch de Spi­no­za (1632–1677), Ethi­ca ordi­ne geo­me­tri­co demons­tra­ta, Teil V, und Jac­ques Lacan (1901–1981), Écrits (1966) sowie die Semi­na­re. Der hoch­ge­la­de­ne Text, der die­sem Bei­trag zugrun­de liegt, stammt aus einer laca­nia­ni­schen Lek­tü­re der del­phi­schen Maxime.

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